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Marie Rathscheck im Interview

„Ich persönlich gehe
neue Wege“

Marie Rathscheck ist in Leipzig eine Schauspielinstanz. Dabei bespielt die in Stuttgart geborene Actrice nicht nur die hiesigen Bretter, die die Welt bedeuten, sondern auch die Kinoleinwände. Ahoi-Redakteur Volly Tanner hakte ein und fragte nach.

Schauspielerin Marie Rathscheck
Die in Stuttgart geborene Schauspielerin Marie Rathscheck spielt auf Theaterbühnen und vor der Filmkamera © Ilario Raschèr

Ahoi: Guten Tag, Frau Rathscheck. Seit 2017 gehören Sie zum Ensemble des Schauspiel Leipzig unter dem Intendanten Enrico Lübbe. Hat man als Schauspielerin eigentlich viel mit dem Intendanten zu tun? Wie ist die Arbeit beim Schauspiel Leipzig? Wird da viel diskutiert über die Rollen? Es gibt ja auch diktatorisch arbeitende Regiekräfte … wie ist das am Leipziger Haus?

Hi. Wow, das sind jetzt erst mal viele Frage auf einmal. Also mit dem Intendanten hat man mal mehr, mal weniger zu tun. Enrico Lübbe ist ja auch Regisseur und wenn man in einer seiner Inszenierungen mitspielt, dann sieht man ihn fast täglich. Ansonsten trifft man sich in der Kantine oder im Gang und natürlich auf den Premierenfeiern. Ich habe sehr gute Erfahrungen am Schauspiel Leipzig gemacht. Gerade in der Diskothek, das ist die kleine Spielstätte des Schauspiel Leipzigs, hatte ich tolle Produktionen. Mit Gordon Kämmerer beispielsweise hatte ich diese Spielzeit schon meine dritte Zusammenarbeit. Seine Inszenierungen gefallen mir sehr gut und er schafft ein super Arbeitsklima, was mir sehr wichtig ist. Ich kann gut mit Druck umgehen, aber ich möchte keine Angst haben müssen, wenn ich auf die Probe komme. Wo und wie man besetzt wird, ist so eine Sache, da hat man als Schauspielerin oder Schauspieler leider wenig Mitspracherecht. Man kann natürlich Wünsche äußern, aber ob es dann wirklich so kommt, ist oft Glückssache.

Ahoi: Auf der Homepage des Schauspiel Leipzig stehen bei Ihnen „aktuell“ drei Inszenierungen. Nun ist ja coronabedingt im Theaterwesen Schmalhans Küchenmeister. Was haben Sie während der Herunterfahrt gemacht? Schauspielen ist ja mehr als ein Beruf, da muss es Sie doch andauernd gejuckt haben, etwas zu tun …

Ich hätte eigentlich eine Produktion gehabt, auf die ich mich sehr gefreut habe, und zwar „Das Schloss“ von Franz Kafka in der Regie von Philipp Preuss. Wir haben uns drei Mal getroffen, zusammen die Textfassung gelesen und dann kam die Entscheidung, es wird jetzt erstmal nicht weiterprobiert. Das war natürlich für alle frustrierend. Man steht in den Startlöchern und möchte zusammenarbeiten und dann so was. Philipp Preuss und sein Team haben aber schnell einen kreativen Weg gefunden, damit umzugehen. Wir haben eine vierteilige Serie à 40 Minuten auf Zoom realisiert. Die Proben, das will ich nicht beschönigen, waren sehr anstrengend. Das Medium Zoom war uns noch nicht vertraut, es ging viel Zeit für technische Probleme drauf und durch die Zeitverzögerungen waren Diskussionen nervenraubend. Auch war es für uns Schauspielerinnen und Schauspieler völlig neu so viel Zeit vor dem Computer zu verbringen. Wir haben uns mit der Zeit aber immer mehr eingegroovt und dann hat es auch sehr viel Spaß gemacht. Wir haben auch nur Livevorstellungen gespielt. Insgesamt glaube ich so um die 25. Die Zuschauerinnen und Zuschauer haben es sehr gut angenommen. Eine kafkaeske Seite hat das Internet ja definitiv, von daher hat es inhaltlich auch gut gepasst. Ich war also auch während des Lockdowns gut beschäftigt

Ahoi: Sie spielten die Ellie in „Der gelbe Nebel“, nach Alexander Wolkow, einer Vorlage, die ja hauptsächlich in den östlichen Bundesländern bekannt ist. Nun sind Sie 1990 in Stuttgart geboren, heißt: nach der Wende. Haben Sie etwas von den Befindlichkeiten und Verbindungen zu Wolkows Schaffen hier in den östlichen Breiten gewusst? Wurde das thematisiert? Gibt es überhaupt noch Ost- und Westthemen im Theater?

 Ja, das ist interessant. Also ehrlich gesagt, kannte ich Alexander Wolkow und die Zauberland-Reihe gar nicht. Die Entstehungsgeschichte dieser Bücher ist sehr spannend. Da ist jemand, der Englisch lernen möchte und deshalb ein Buch übersetzt und dann treibt ihn die Geschichte aber in eine ganz andere Richtung und es entsteht etwas Neues. Ich mochte die Figur Elli sehr gerne. Sie ist meiner Meinung nach wilder und tougher als Baums Dorothy. Ich bin mit 18 gleich nach Berlin gezogen und nach dem Studium in Leipzig gelandet. Ich merke den Unterschied deutlich. In Stuttgart war die ost- und westdeutsche Geschichte wirklich selten Thema. Hier treibt das Sujet die Menschen ganz anders um, was natürlich auch sehr verständlich ist. Ich empfinde diesen Perspektivwechsel als extrem bereichernd und wichtig. Im Theater mag ich die Möglichkeit ortsspezifische Themen zu behandeln. Ich habe mich hier in Produktionen öfter mit der DDR beschäftigt, ob das an einem westdeutschen Theater auch so gewesen wäre, ich denke eher nicht.

Ahoi: Sie durften die Hauptfigur im faszinierenden Bewegt-Bild-Stück (ich wage den Begriff Film garnicht zu nehmen) „Das melancholische Mädchen“ spielen. Wie viel Marie Rathscheck ist in der Figur?

 Na ja, das ist selber schwer zu sagen. Natürlich gibt man jeder Figur etwas von sich mit, muss aber auch Teile der eigenen Persönlichkeit wegschließen. Ich kann mich mit einigen Problemen des melancholischen Mädchens auf jeden Fall sehr gut identifizieren. Nun ist ja auch beim melancholischen Mädchen die Spielweise keine wirklich realistische. Grundsätzlich mag ich es aber Figuren zu spielen, die weit weg sind von mir.

Ahoi: Susanne Heinrich, die hier erstmals Regie führte, kommt ja aus Oschatz und studierte hier in Leipzig Literatur. Der Text ist da wahrscheinlich 1 zu 1 Susanne Heinrich. Gab es die Möglichkeit der Improvisation? Wie erarbeiten Sie sich eigentlich solche Rollen?

 Die Arbeit an dem Film war sehr besonders. Wir haben drei Wochen geprobt und alle Szenen komplett durchchoreographiert. Das heißt der Rahmen stand fest. Während der Proben konnte ich Angebote und Vorschläge machen. Wir haben das also gemeinsam entwickelt und es gab von Susannes Seite her eine große Neugierde und Offenheit für meine Sicht. Beim Dreh gab es dann wirklich nur noch minimale Änderungen. Das stellt man sich vielleicht einengend vor, aber für mich ist das vergleichbar mit klassischer Musik. Die Noten sind vorgegeben, aber innerhalb dieser strengen Form kann ich, als Interpretin, eine ganz große Freiheit entwickeln und feinste Nuancen austarieren.

Ahoi: Ich las gerade, dass Sie „Akrobatik (gut), Bogenschießen (gut), Fechten (gut), Reiten (gut), Tischtennis (gut), Yoga (gut), Aikido (Grundkenntnisse)“ beherrschen. Das ist ja doch recht viel, daneben noch Sprachen, Gesang und Tanz. Muss man eigentlich viel trainieren als Schauspielerin? Aikido sollte doch täglich betrieben werden. Wie muss ich mir den Zeitplan einer Schauspielerin vorstellen? Straff durchgetimt?

 Ich sehe das als eine Art Angebot. Aikido haben wir an der Schauspielschule gelernt und es gibt ja auch sowas wie ein Körpergedächtnis. Es ist natürlich gut eine große Bandbreite anbieten zu können und es ist definitiv von Vorteil, wenn man gewisse Dinge schnell lernen kann. Letztes Jahr beispielsweise habe ich mit Julian Radlmaier (Filmregisseur) gearbeitet. Es gab eine Szene auf dem Golfplatz und meine Figur sollte einen guten Abschlag machen. Ich persönlich hatte davor noch nie einen Golfschläger in der Hand. Ich habe dann drei Stunden Abschlagsunterricht bei dem Motivgeber bekommen, das hat super Spaß gemacht und erstaunlicherweise auch gut geklappt. Mein Lehrer war danach der Überzeugung, dass ich doch eine Golfkarriere starten sollte. Haha. Beim Dreh hat dann niemand aus dem Team von mir einen Golfball an den Kopf bekommen, das war auf jeden Fall eine Erleichterung.

Ahoi: Letztes Jahr bekamen Sie den Max-Ophüls-Preis für Ihr Schaffen. Das ist wirklich oberste Liga. Kam schon der Anruf aus Hollywood? Oder sind die Geschichten über diese Anrufe nur urbane Legenden?

Das muss ich ja mal richtigstellen. Nicht ich habe den Max-Ophüls-Preis gewonnen, sondern der Film. Ich war nominiert als beste Nachwuchsdarstellerin. Also Hollywood hat sich bis jetzt noch nicht gemeldet, aber ich sag Bescheid, wenn sie anrufen.

Ahoi: Wie geht es denn jetzt weiter mit Ihnen? Nach Corona ist ja, so scheint es, vor dem nächsten Virus (hoffentlich nicht!). Gibt es für eine Schauspielerin wie Sie überhaupt einen Plan B?

Ich habe zwar das Glück, dass ich noch eine zweite „coronafreundlichere“ Leidenschaft habe, nämlich das Schreiben, aber ich hoffe sehr, dass wir keinen Plan B brauchen werden. Ich persönlich gehe neue Wege und werde am Schauspiel Leipzig als Gästin arbeiten und nicht mehr fest im Ensemble sein. Ich möchte mich stärker auf den Film konzentrieren. Gerade habe ich in einem Film von Gordon Kämmerer mit dem Titel „Die Waldgänger“ mitgespielt. Dieser wird dann hoffentlich nächstes Jahr auf Filmfestivals laufen. Da geht es um eine Theaterproduktion, die in dem ganzen Corona-Irrsinn versucht unter den widrigsten Umständen ein Stück über den Deutschen Wald auf die Bühne zu bringen.

Mehr über Marie Rathscheck gibt’s hier: www.schauspiel-leipzig.de

Unser Artikel aus dem Septemberheft ist HIER zu lesen.

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