Die Band Tocotronic hat ein neues Album veröffentlicht. Es trägt den Titel „Golden Years“ und soll einen kleinen Hoffnungsschimmer in diesen schwierigen Zeiten vermitteln. Kürzlich gab die Band auf Instagram bekannt, dass sich Gitarrist Rick McPhail für unbestimmte Zeit eine Auszeit genommen hat. Am 19. März starten Tocotronic ihre Tour in Leipzig (Felsenkeller). Im Interview mit uns spricht Sänger Dirk von Lowtzow über die neue Platte, das veränderte Bandleben und die AfD.
Ahoi: Herr von Lowtzow, warum heißt das neue Album „Golden Years“? Der Titel überrascht, denn golden waren die vergangenen Jahre nun wirklich nicht – zumindest, wenn man auf die Welt blickt. Nicht einmal Bronze.
Dirk von Lowtzow: Zehnkarätiges Gießkannenblech, so würde ich es nennen. (lacht) Wir wollten einen Titel, der größtmögliche Offenheit und Ambiguität (Doppeldeutigkeit, d. Red.) ausstrahlt. Ambiguität ist für uns ein wichtiges Wort. Viele unserer Lieder – und auch das Cover des neuen Albums – haben diesen Doppelbild-Charakter. Natürlich kann man „Golden Years“ als Hoffnungsschimmer deuten, aber angesichts der Gegenwart auch als sarkastisch verstehen. Der Titel hat zudem etwas Heiteres, wenn man bedenkt, dass er in England eine Umschreibung für das Rentenalter ist. Und da ein Rock-Jahr sieben Menschenjahren entspricht, sind wir schon sehr lange dabei. Wir mögen diese offenen Systeme wahnsinnig gern, wenn sich in einen Albumtitel so vieles hineinpacken lässt.
Ahoi: Wenn Tocotronic eine neue Platte veröffentlichen, sorgt das stets für großes Echo. Wie nehmen Sie das wahr?
Dirk von Lowtzow: Für mich ist das immer ein ambivalenter Moment. Ich liebe den Augenblick, wenn ein Album fertig abgemischt und gemastert ist. Dann genieße ich es wahnsinnig, weil die Platte in diesem Moment nur mir und den mir nahestehenden Menschen gehört – natürlich Arne (Schlagzeuger Arne Zank, d. Red.), Jan (Bassist Jan Müller, d. Red.) und den Leuten aus unserer Toco-Familie. Das ist ein beglückendes Gefühl, denn dann kann ich zum ersten Mal mit klarem Bewusstsein hören, wie großartig alle auf dem Album gespielt haben.
Ahoi: Und vorher?
Dirk von Lowtzow: Vorher bin ich in einer Art kreativer Manie gefangen, in der ich ständig an den Stücken arbeite. Diese Phase ist bei mir oft von Zweifeln geprägt. Natürlich habe ich auch Angst, wie das Album bei den Leuten ankommt. Aber gleichzeitig empfinde ich große Freude und Euphorie, dass die Platte endlich das Licht der Welt erblickt. Gedanklich bin ich dann jedoch schon wieder bei neuen Liedern.
Ahoi: Man sagt, Sie hätten ein berühmtes Bauchgefühl dafür, ob ein Song gut ist. Was sagt Ihnen Ihr Bauchgefühl über das neue Album?
Dirk von Lowtzow: Ich kenne zu viele „Zaubertricks“ auf der neuen Platte, um meinem Bauchgefühl ganz vertrauen zu können. Den Song „Golden Years“ habe ich morgens schnell runter geschrieben, nachdem ich schlecht geschlafen hatte – deshalb mag ich ihn sehr. Bei einem Großteil der Stücke kann ich aber sagen: „Mein Bauchgefühl ist gut.“ Das Album wirkt auf mich sehr stimmig, und die Songs scheinen miteinander zu kommunizieren. Wir haben wirklich gute Arbeit geleistet.
Ahoi: „Denn sie wissen, was sie tun“ lautet die erste Single. Laut dem Musikexpress haben Sie den Song 2023 geschrieben, als sich abzeichnete, dass die AfD bei der kommenden Bundestagswahl 20 Prozent der Stimmen erhalten könnte. Ein klassischer Protestsong ist es aber nicht, oder?
Dirk von Lowtzow: Man kann den Song politisch deuten, muss es aber nicht. Wenn man ihn isoliert als Single betrachtet, bekommt er diesen Charakter. Das war uns bewusst und auch wichtig. Als wir ihn in den sozialen Medien veröffentlicht haben, haben wir ihn mit dem Hashtag „No AfD“ versehen. Im Kontext des Albums muss man ihn jedoch nicht zwangsläufig politisch interpretieren. Es kann auch um ein Gegenüber gehen, unter dessen Niedertracht man leidet, das einen bedrängt und ausnutzt.
Diese Niedertracht hat in der Gesellschaft eine gefährliche Hegemonie (Vormachtstellung, d. Red.) erlangt – das fällt mir immer wieder auf. Viele Menschen greifen auf Niedertracht zurück, um ihre persönlichen oder politischen Ziele durchzusetzen. Trump, die AfD, Elon Musk oder der Österreicher Kickl nutzen diese Strategie gezielt, um Teile der Bevölkerung von der restlichen Gesellschaft abzuspalten und eine gewaltbereite Gefolgschaft heranzuzüchten. Genau um diese Leute geht es in dem Song.
Deshalb würde ich widersprechen und sagen: Ja, es ist ein klassischer Protestsong. Es hat diese hymnische Qualität, die viele andere Protestsongs auch auszeichnet.
Ahoi: Ihr Bassist Jan Müller hat in seiner Podcast-Reihe die 20 besten Lieder über Angst vorgestellt. Auch bei Tocotronic spielt das Thema Angst eine Rolle. Wie viel Angst macht Ihnen die AfD?
Dirk von Lowtzow: Mir macht das große Angst. Allerdings denke ich, dass Angst ein schlechter Ratgeber ist. Im Umgang mit der AfD braucht es politische Entschlossenheit, und diese vermisse ich manchmal. In der politischen Klasse herrscht oft ein gewisser Defätismus – nach dem Motto: „Was sollen wir eigentlich machen?“ Die rechtlichen Möglichkeiten sind bislang nicht vollständig ausgeschöpft. Ich denke dabei an ein AfD-Verbot oder zumindest an die Einleitung eines Verbotsverfahrens. Leider wird in dieser Hinsicht viel zu zögerlich agiert. Das Grundgesetz bietet die Möglichkeit eines Parteiverbots – warum sollte man diese nicht nutzen?
Zudem finde ich, dass die EU-Ebene viel stärker in die Algorithmen der sozialen Medien eingreifen könnte. Ich spreche dabei nicht von Zensur, denn das ist ein schwieriges Terrain. Aber ich meine Algorithmen, die dazu führen, dass man etwa von einem Yoga-Kurs direkt bei einem rechten Influencer landet, zum Beispiel auf YouTube. Wenn man Hass und Hetze etwas entgegensetzen will, gäbe es hier Handlungsspielraum. Leider befürchte ich, dass wirtschaftliche Interessen dem oft im Weg stehen.
Ahoi: Der zweite Song, „Bleib am Leben“, ist ein sehr trauriges Stück. Es scheint, als würden auf der neuen Platte viele Emotionen und Erlebnisse verarbeitet. Sie schreiben Texte, die einen stundenlang zum Nachdenken bringen, und Melodien, die selbst Jahre später noch als Ohrwurm im Kopf bleiben. Wie schaffen Sie das?
Dirk von Lowtzow: Damit ist mein Tag gerettet – genau das ist der Zweck der Übung. Man will natürlich Songs schreiben, die sich langfristig ins Gedächtnis einprägen. So wie Musik früher wichtig war, etwa von The Cure oder anderen Bands. Bei all der Doppeldeutigkeit, die uns seit Jahren als Strategie wichtig ist, versuchen wir, gleichzeitig ehrlich den Status unseres Lebens zu beschreiben – so wie bei jedem Album, das wir gemacht haben. Wir sind da sehr mitteilungsbedürftig. Und wir befinden uns in einem Alter, in dem man zunehmend mit Verlusten von geliebten Menschen konfrontiert wird. Es gibt plötzliche Todesfälle. Wenn man aufrichtig über sich selbst sprechen möchte – auch mit einer gewissen Großzügigkeit –, dann muss man über solche Dinge singen.
Ahoi: „Weine nicht, ich bitte dich … kein Abschied ist für immer. Oder doch?“ singen Sie im Eröffnungssong des Albums. Wen sprechen Sie damit an?
Dirk von Lowtzow: Das ist ein Lied, das Halt und Trost spenden soll – für jemanden, der einen geliebten Menschen verloren hat. Echter Trost ist jedoch nur dann authentisch und keine bloße Floskel, wenn ein solches Lied auch die Zerrissenheit der inneren Existenz widerspiegelt. Genau das geschieht, wenn ein Wort wie fast an die Stelle von fest tritt. In der Zeile heißt es: „Du kannst mir fast vertrauen.“ Diese kleine, subtile Verschiebung macht einen Song für uns spannend. Denn am Ende kann man sich eben doch nie ganz sicher sein.
Ahoi: Rick McPhail hat sich eine Auszeit genommen. Wie sehr fehlen er und sein Gitarrenspiel?
Dirk von Lowtzow: Er fehlt uns natürlich sehr. Sein Spiel auf dem Album war wunderbar und unverwechselbar. Wir wünschen ihm von Herzen alles Gute. Mehr möchte und kann ich dazu nicht sagen, auch aus Rücksicht auf seine Privatsphäre. Was die Zukunft betrifft, sehen wir es als einen Prozess. Wir arbeiten daran, beobachten, was passiert, und sind sehr zuversichtlich.
Ahoi: Wie steht es um die neue, alte Bandkultur?
Dirk von Lowtzow: Es wird noch nicht verraten, aber es gibt Veränderungen. Momentan ist ein unglaublich spannender Prozess im Gange. Ich finde es sehr interessant und bin darüber wirklich glücklich. Trotz der beschissenen Dinge, die um einen herum passieren, und trotz des Verlusts von Rick geschehen gerade auch aufregende Dinge.
Ahoi: Aber Sie, Jan und Arne bleiben schon zusammen, oder?
Dirk von Lowtzow: Für die Ewigkeit würde ich mich jetzt nicht trauen zu sagen, aber für eine halbe Ewigkeit schon. (lacht)
Ahoi: „Man muss dankbar sein, wenn man Menschen noch persönlich begegnet – nicht nur als Klick auf Spotify“, singen Sie im Song „Golden Years“. Wie schlimm ist es für Sie, dass es im Leben kaum noch echte Begegnungen gibt und vieles nur noch über soziale Medien läuft?
Dirk von Lowtzow: Ich habe mich nie an Social Media beteiligt. Ich erlebe noch leibhaftig-physische Begegnungen mit Menschen. Das Lied blickt ein wenig wehmütig auf die heutige Musikkultur und nostalgisch auf die Musikkultur der Mitte der 80er- und 90er-Jahre. Obwohl ich kein nostalgischer Mensch bin, muss ich zugeben, dass in dieser Zeit sehr viel verloren gegangen ist. Andererseits hat sich auch einiges verbessert: Rock- und Popmusik ist heute deutlich weiblicher als vor 30 Jahren. Das ist eine erfreuliche Entwicklung.“
Ahoi: Ende 2021 waren Sie zu Gast im wohl bekanntesten deutschen Erzähl-Podcast, ‚Hotel Matze‘. Dort sprachen Sie über Ihre veränderte künstlerische Perspektive. ‚Man wird anspruchsvoller‘, beschrieben Sie damals den kreativen Schaffensprozess im Vergleich zu früher. Wie anspruchsvoll ist Tocotronic heute?
Dirk von Lowtzow: Das neue Album ist unglaublich akribisch entstanden. Wir haben es nacheinander aufgenommen und hatten zwischen den einzelnen Sessions sehr viel Zeit. Ich bin sehr glücklich damit – es ist das Ende eines zweijährigen Prozesses. Es war eine äußerst anspruchsvolle Arbeit. Je länger man Musik macht, desto mehr Musik gibt es schon. Manchmal sagt Jan, wenn ich ihm einen neuen Song schicke: ‚Das hatten wir schon.‘ Es wird immer schwieriger, neue Themen und Worte zu finden, die nicht schon zum bestehenden Repertoire gehören.
Ahoi: Man nannte Tocotronic oft die wichtigste deutsche Band. Hat es sie gestört oder mit Stolz erfüllt?
Dirk von Lowtzow: Gestört hat es mich eigentlich nicht. Aber Stolz ist ein Gefühl, das ich nicht kenne. Ich mag keine Rankings. Unsere Arbeit ist jedoch sehr anspruchsvoll und oft schmerzhaft. Unser kommerzieller Erfolg hält sich in Grenzen. Es gibt Bands, die in den vergangenen 30 Jahren viel erfolgreicher waren – das ist aber okay. Ich finde es schön, wenn die geleistete Arbeit anerkannt wird.
Ahoi: Letzte Frage: Sind Sie immer noch ein Stofftier-Fan? Werden Sie nervös, wenn Sie an diesen Greifarm-Automaten vorbeigehen?
Dirk von Lowtzow:(lacht laut) So süchtig bin ich dann doch nicht. Da entsteht kein Druck, dass ich unbedingt Geld reinwerfen muss. Aber ich finde Stofftiere wunderschön, und ich denke, jeder Mensch sollte eines haben.


