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  • Interviews
Gespräch mit der Fotografin Isabel Kittler

Vergiss mein nicht! Die letzten Ostfrauen

Isa Kittler © Frieda Kittler

Der öffentliche Diskurs über die neuere gesamtdeutsche Geschichte hinkt etwas. Der Überhang an westdeutsch geprägten, in der Regel auch akademisierten Worthülsenmeldungen – und dies 36 Jahre nach der Wende – lässt ein Leerfeld entstehen, in dem Menschen sich ungesehen und ungehört fühlen. Isabel Kittler hat, auch um Gesicht und Geschichte zu erzählen, eine Portraitreihe der „letzten Ostfrauen“ erstellt und diese mit dem MMKoehn Verlag zu einem Buch gemacht.

Darüber musste natürlich gesprochen werden. Ahoi-Redakteur Volly Tanner machte sich auf die Strümpfe: 

Ahoi: Guten Tag Isa Kittler. Am 16. Oktober 2026 kommen Sie mit Ihrem Buch „Vergiss mein nicht! Die letzten Ostfrauen“, erschienen im MMKoehn Verlag, zur Buchpräsentation in die Connewitzer Verlagsbuchhandlung – wenn ich richtig informiert bin. Was genau sind denn eigentlich diese „letzten Ostfrauen“, woran machen Sie diese Einordnung konkret fest?

Isa Kittler: Die Einordnung ist rein formal: alles Frauen, die in der DDR geboren und aufgewachsen sind, also sozialisiert, und die schon eine Ausbildung angefangen oder abgeschlossen haben, gearbeitet haben, also eigene Entscheidungen getroffen haben. Das sind für mich Ostfrauen. Ob sie sich so fühlen ist eine völlig andere Sache. Auf jeden Fall war mir wichtig, dass sie nicht vor der Wende noch Kinder waren. Diese neue Power der jüngeren Ostgeneration befremdet mich zwar, ich kann sie aber nachvollziehen.

Ahoi: Und welche Erkenntnisse haben Sie selbst, liebe Isa Kittler, während der Arbeit an diesem Fotoprojekt gewonnen?

Isa Kittler: Ostfrauen sind verschieden, divers, niemals alle gleich. Es gibt die Fraktion der stolzen Ostfrauen, die es betonen, Ostfrauen zu sein und ihre Herkunft immer wieder herauskehren, fast schon DDR-verklärend. Es gibt vor allem aber auch jene, die sagen, sie wären keine Ostfrau, der Begriff träfe nicht auf sie zu. Es stört sie das Trennende, sie möchten nicht darauf festgelegt werden. Zusammenfassend kann ich sagen: Alle haben viel zu erzählen, haben auch das Bedürfnis zu erzählen und diese Geschichten sollten gehört werden.

Ahoi: Namedropping ist ja eine recht beliebte Strategie. Können Sie uns bitte einige Namen nennen, welche letzten Ostfrauen wurden denn von Ihnen portraitiert?

Isa Kittler: Es sind Frauen aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis, meist keine Prominenten. Die bekannteren unter ihnen sind Jule Böwe, Schauspielerin, Anja Maier, Journalistin, Antje Riis, Born-in-the-GDR-Podcasterin, Christiane Hebold, Sängerin der Band „Bobo in white wooden houses“ oder Patricia Holland-Moritz, Schriftstellerin. Ich habe nicht selektiert, ich habe einfach porträtiert, bis ich 36 Porträts zusammenhatte, pünktlich zu 36 Jahren Wiedervereinigung.

Ahoi: Sie haben das Buch ja nicht allein erstellt. Texte flossen beispielweise auch von Autorinnen und Autoren ein. Wie kam es zur Zusammenarbeit?

Isa Kittler: Ich schätze Steffen Mau sehr, kenne seine Bücher und wollte eine soziologische Einordnung des Themas, was er geliefert hat, auch mit einem angenehmen Augenzwinkern. Sabine Rennefanz hatte ich als Ostautorin angefragt, in der Hoffnung, dass sie auch kritisch schreibt, was sie getan hat. Judka Strittmatter hat bereits zu meinem Fotoband „Uckermark“ das Vorwort geschrieben, ich schätze ihren sprachlich schönen Schreibstil sehr und freue mich über ihren tollen Artikel in der Berliner Zeitung über die Porträts. Steffen und Judka stammen, wie ich, aus Rostock und sind auch im Neubau groß geworden. Das verbindet uns drei natürlich.

Ahoi: Welche Sichtweisen sind es, die von den letzten Ostfrauen in den gesamtdeutschen, gar europäischen Diskurs eingebracht gehören? Was geht verloren, wenn diese Frauen ungehört bleiben?

Isa Kittler: Die Erfahrung, dass weibliche Erwerbsarbeit Normalität sein kann. Dass man sich als Alleinerziehende nicht schämen muss. Siehe Zitat Ulrike S.: „Männer kommen und gehen. Verlass dich nie darauf, versorgt zu werden.“ Eine Mutter DARF arbeiten. Dass Emanzipation nichts mit Männerhass zu tun hat, wie das häufig im Westen der Fall war und heute bei jungen Mädchen wieder eine große Rolle spielt.

Die Ostfrau weiß, was Transformation bedeutet und kennt das Gefühl, wenn alle bisherigen gesellschaftlichen Koordinaten an Bedeutung verlieren. Sie hat den radikalen Systemwechsel erlebt und sich nach der Wende oft beruflich neu erfunden. Das sieht man sehr gut an den Berufsbezeichnungen im Buch, vor und nach der Wende.Im öffentlichen Streit entsteht leicht eine falsche Alternative: Entweder die DDR wird vor allem als Diktaturgeschichte erzählt – oder ostdeutsche Alltagserfahrungen werden gegen diese Geschichte ausgespielt. Die Frauen dieser Generation können zeigen, warum beides nebeneinander gedacht werden muss.

Ein Mensch kann politische Unfreiheit erlebt haben und sich an einen guten Kindergarten erinnern.

Ahoi: Die Bilder entstanden in der Klasse Mahler an der Ostrkreuzschule für Fotografie. Nun wissen nicht unbedingt alle in Leipzig lebenden Menschen, was diese renommierte Institution ist. Können Sie uns aufschlauen?

Isa Kittler: Die Ostkreuzschule für Fotografie wurde von der renommierten Agentur Ostkreuz gegründet nach der Wende, in der bekannte ostdeutsche Fotografen wie Ute und Werner Mahler, Harald Hauswald oder Sibylle Bergemann Mitglied waren. Bei Ute und Werner Mahler habe ich eine Masterclass absolviert, sie haben meine Arbeit begleitet und mich zum Buch überredet. Eigentlich sollte es nur eine Porträtserie werden, nun halte ich ein fertiges Werk in den Händen, grafisch gestaltet von meiner Tochter Frieda.

Ahoi: Die Lebensgeschichten in Ostdeutschland Geborener werden von westdeutsch geprägten oder in der Berliner Diskursblase gefangenen Aktiven oft an den Rand gedrückt, oft belächelt, sehr oft auch aus der Außenposition erklärt und „eingeordnet“. Was braucht es für ein Miteinander? Zuhören fällt ja den Aktiven oft sehr schwer, während diese versuchen, ihre eigene Haltung anderen Menschen aufzustülpen? Welche Gedanken haben Sie dazu, liebe Isa Kittler?

Isa Kittler: Ja. Das ist leider so. Die Ignoranz ist schwer auszuhalten. Ich lebe ja im Winskiez, in Prenzlauer Berg, einem Epizentrum von Versorgerehe und traditionellen Hausfrauen, die in ihren geerbten Eigentumswohnungen leben, die Kids in der Kita abladen und dann zum Yoga gehen. Sie wissen kaum, dass 80 Prozent der Ureinwohner des Kiezes durch sie rausgentrifiziert wurden. Ich erlebe das oft in Gesprächen im Stammcafé um die Ecke, wie unwissend die Zugezogenen hier den Kiez bewohnen. Es werden Clubs rausgeklagt und ab 22:00 Uhr die Polizei geholt, wenn es lauter wird. Leben wie im schwäbischen Dorf, das ist der Plan.

Die DDR wird vergessen werden wie die Bauernkriege! Zitat von Christoph Hein. Ich halte das für möglich und bin skeptisch, wie man das Interesse der Wessis wecken soll. Dazu bin ich auch zu stolz. Ich habe ein Buch gemacht und es wird tatsächlich auch im Westen gekauft. Das sehe ich an den Bestellungen. Auch mein Crowdfunding zum Buch wurde von vielen Westdeutschen unterstützt!

Ahoi: Menschenfotografie endet nie. Nach der Veröffentlichung der „Ostfrauen“ gibt es ja weiterhin Tätigkeit. Woran arbeiten Sie denn derzeit? Geht es weiter mit den Ostfrauen?

Isa Kittler: Ja, Menschenfotogfrafie reizt mich auch am Allermeisten. Was ich ich eigentlich ständig mache, sind Porträts von Schülern oder ehemaligen Schülern. Ich arbeite ja als Lehrerin. Des Weiteren arbeite ich schon am nächsten Projekt, das Thema bleibt aber geheim, es werden aber natürlich wieder Porträts sein.

Ahoi: Danke Isa Kittler. Für Ihre Zeit, für Ihre Zugewandtheit zu den „letzten Ostfrauen“ und für Ihre liebevolle Sicht auf die Menschen.

Das Buch: „Vergiss mein nicht! Die letzten Ostfrauen“

Isabel Kittler Vergiss mein nicht! Die letzten Ostfrauen - MMKoehn

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