Um Menschen in ihrem Handeln verstehen zu können, braucht es auch Interesse an den Geschichten hinter den Menschen und Orten, die sie beleben. Wer wirklich Interesse aufbringt und den Menschen zugewandt nachfragt, kommt auch nicht so leicht in die Versuchung, ganze Menschengruppen abzuwerten oder ihre Lebenserfahrungen zu ignorieren. René Matthes hat mit seinen Geschichtscomics hier eine Bresche geschlagen. Wohltuend, sanft und konsequent. Dafür gebührt ihm Ehre. Und Aufmerksamkeit. Deshalb sprach Ahoi-Redakteur Volly Tanner mit René Matthes auf dem Markt in Naumburg und hakte nach Verbindungen ins schöne Leipzig hinein.
Ahoi: Guten Tag René Matthes. Du bist der Mastermind hinter dem Projekt „Geschichtscomics – Sagen & Geschichten“ und hast in Deinem Portfolio auch eine Produktion mit Geschichten aus Leipzig. Wie kam es denn zu diesem Geschichtscomic? Und wer hat es angeschoben?
René Matthes: Angefangen hat das Ganze 2012 auf Schloss Neuenburg in Freyburg. Ich habe damals nebenberuflich für den Verein zur Rettung und Erhaltung der Neuenburg gearbeitet und war für den Museumsshop zuständig. Eines Tages rief Johannes Saurer an. Er hatte gerade einen Comic über die Wartburg gemacht und fragte, ob wir uns so etwas auch für die Neuenburg vorstellen könnten. Wir waren erst einmal skeptisch – solche Angebote bekommt man ja öfter. Johannes bot an, uns ein Exemplar zu schicken.
Als das Heft ein paar Tage später ankam, haben wir es gemeinsam aufgemacht. Und nach ungefähr zwei Sekunden war klar: So etwas wollen wir auch! Über den Preis hatten wir da noch gar nicht nachgedacht.
Der Verein konnte sich das finanziell allerdings nicht leisten. Also habe ich das Heft damals privat in Auftrag gegeben. Daraus sind dann weitere Projekte entstanden: zwei Hefte über die Neuenburg, eines über Naumburg und später auch eines über Leipzig. Dazu kamen Ausmalbücher und weitere Publikationen über die Region.
Ich habe die Hefte im Museumsshop und auf Veranstaltungen verkauft. Das Interesse war da, und es entwickelte sich nach und nach eine Sammlerschaft. Irgendwann kam dann der Onlineshop dazu, den ich gemeinsam mit den Künstlern aufgebaut habe. So entstand schließlich das Label „Sagen & Geschichten“.
Leipzig war für mich persönlich naheliegend. Ich war während meines Studiums praktisch täglich dort und bin der Stadt bis heute verbunden. Nachdem das Naumburger Heft gut angekommen war, dachte ich, dass das auch mit Leipzig funktionieren könnte. Ich habe Geschichten ausgesucht, die ich gern in einem Comic sehen wollte – etwa zur Geschichte des Zoos, zu Goethe und zu Bach. Johannes war sofort begeistert, auch weil er selbst in Leipzig studiert hatte.
Ahoi: Ich bin begeistert von der Vielfalt Deiner Geschichtscomics. Es geht hier auch nach Zell an der Mosel oder Andernach (wo ja bekanntlich Charles Bukowski das Licht seiner Welt erblickte), aber auch nach Naumburg und mehrfach in den Burgenlandkreis. Wie suchst Du die Orte aus? Oder kommen Menschen mit Ideen zu Dir?
René Matthes: Bei Orten, zu denen ich einen persönlichen Bezug habe, würde ich die Hefte am liebsten selbst herausgeben. Das klappt aber nicht immer, weil es eben ein Nischenprodukt ist und die Finanzierung stimmen muss. Deshalb freue ich mich genauso, wenn eine Institution vor Ort ein Heft umsetzt – wie beispielsweise die Stiftung Schulpforta mit dem Heft über die Landesschule Pforta.
Wenn ich selbst eine Idee habe, muss ich natürlich vorher überlegen, ob sich eine Erstauflage in einem überschaubaren Zeitraum verkaufen lässt. Und wenn ein Heft ausverkauft ist, stellt sich beim Nachdruck die Frage, wie viele Exemplare sinnvoll sind. Bei mir zu Hause lagern inzwischen über 10.000 Comics. Das ist nicht nur gebundenes Kapital, sondern auch ein ziemliches Platzproblem.
Die Zeichner, Johannes Saurer und Ulrike Albers, bringen sich bei der Entwicklung ebenfalls sehr aktiv ein. Sie überlegen, welche Geschichten sich tatsächlich für ein Heft eignen und ob sie sich im Stil der Reihe erzählen lassen. Da gab es auch schon inhaltliche Anpassungen. Anfragen von außen kommen ebenfalls immer wieder. Wer eine Idee für ein Heft hat, kann sich einfach über info@sagen-und-geschichten.de bei mir melden. Ich leite die Anfrage dann an die Zeichner weiter; die weitere Abstimmung findet direkt zwischen ihnen und den Interessenten statt.
Manchmal klappt es besonders gut, wenn sich mehrere Einrichtungen zusammentun. Beim Heft über die Heilige Elisabeth haben sich beispielsweise mehrere Institutionen die Umsetzung geteilt. Dadurch wurde das Projekt für alle Beteiligten leichter finanzierbar
Ahoi: Und wie finanziert sich Dein Verlag? Die Produkte sind ja eher Nischenstücke, auf Zahlen wie bei „Shades of Grey“ kommst Du ja bestimmt nicht.
René Matthes: Ich würde mich nicht unbedingt als klassischen Verlag bezeichnen. Ich betreibe vor allem den Onlineshop und entwickle eigene Ideen für neue Hefte. Die einzelnen Reihen werden aber nicht alle von mir herausgegeben. Bei manchen Titeln sind beispielsweise die Wartburg oder die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten die Herausgeber.
Bei meinen eigenen Projekten muss ich schauen, dass die Rechnung aufgeht. Ich kann ein neues Heft nur dann in Auftrag geben, wenn die Finanzierung dafür vorhanden ist und ich realistisch einschätzen kann, dass sich die Auflage verkaufen lässt. Manchmal muss ich auch erst einen Nachdruck eines bestehenden Heftes finanzieren, bevor ich etwas Neues anfangen kann. Es ist eben ein Nischenprodukt. Ich würde gern viel mehr machen, aber ich muss dabei auch wirtschaftlich denken. Denn wenn zu viele Hefte im Lager liegen, ist das Geld gebunden – und der Platz ist irgendwann ebenfalls ausgeschöpft.
Ahoi: Wer zeichnet denn und wer schreibt die Texte?
René Matthes: Die künstlerische Arbeit liegt bei Johannes Saurer und Ulrike Albers. Johannes zeichnet, Ulrike übernimmt Text und Kolorierung. Die beiden haben schon vor den Neuenburg-Comics zusammengearbeitet und bringen viel Erfahrung mit. Sie kennen sich mit dem Format aus und entwickeln die Geschichten gemeinsam so, dass sie als Comic funktionieren.
Ich bringe Ideen ein, suche Themen aus und kümmere mich um die organisatorischen und wirtschaftlichen Fragen rund um meine Projekte. Die konkrete künstlerische Umsetzung liegt dann bei den beiden.
Ahoi: Du hast auch Geschichtencomics über Persönlichkeiten verlegt, von Udo Lindenberg über Nietzsche, Goethe oder Martin Luther King bis zu Luise von Preussen und der Heilige(n) Elisabeth. Auch hier braucht es ja Ideengeberinnen und Ideengeber. Wie läuft das konkret bei den Persönlichkeiten ab bei Dir?
René Matthes: Das ist ganz unterschiedlich. Zunächst muss jemand die Idee haben, über eine bestimmte Person einen Comic zu machen. Das kann ich sein, eine Institution, die sich mit der Person beschäftigt, oder auch jemand anderes, der das Projekt finanzieren möchte. Bei Luise von Preußen oder Friedrich dem Großen spielen beispielsweise die historischen Orte und die jeweiligen Einrichtungen eine Rolle. Bei Goethe oder Johannes Bugenhagen gibt es wiederum andere Anknüpfungspunkte.
Der Udo-Lindenberg-Comic war dagegen ein echtes Herzensprojekt von Johannes und Ulrike. Die beiden kennen Udo Lindenberg und haben den Comic in Abstimmung mit ihm entwickelt.
Wichtig ist letztlich, dass man eine Geschichte findet, die sich für einen Comic eignet. Es reicht nicht, einfach nur die Lebensdaten einer Person aneinanderzureihen. Man muss daraus eine Geschichte machen können, die sich in Bildern erzählen lässt.
Ahoi: Es fällt auf, dass bis dato noch nicht viele Frauen Subjekte Deiner Geschichtscomics sind. Woran liegt das denn?
René Matthes: Das stimmt zumindest, wenn man auf die Hefte schaut, die sich ausschließlich einer Frau widmen. Bei uns sind das bislang beispielsweise Luise von Preußen und die Heilige Elisabeth. Daneben kommen natürlich auch in anderen Heften Frauen und ihre Geschichten vor, selbst wenn sie nicht im Mittelpunkt stehen.
Ich würde das nicht auf einen einzigen Grund zurückführen. Es hängt auch davon ab, welche Themen jemand vorschlägt, welche Geschichten sich für das Format eignen und ob sich Menschen oder Institutionen finden, die ein solches Projekt umsetzen möchten. Es gibt sicher noch viele Frauen, deren Geschichten sich lohnen würden, als Comic erzählt zu werden.
Ahoi: Du bist auch in den Verein montalbâne e.V. involviert. Was ist das denn für ein Verein und was machst Du da?
René Matthes: montalbâne ist ein internationales Festival für mittelalterliche Musik, das in Freyburg stattfindet – auf Schloss Neuenburg und in der Stadtkirche St. Marien. Die Geschichte des Festivals reicht bis 1989 zurück. Ursprünglich wurde es von den Vereinen rund um die Neuenburg und Schloss Goseck getragen. Irgendwann wurde das Festival so groß, dass es organisatorisch und finanziell auf eigenen Füßen stehen musste. Deshalb habe ich 2010 die Gründung des montalbâne e.V. mit angestoßen. Seit 2011 organisiert der Verein das Festival.
Ich bin dort Schatzmeister und kümmere mich um die allgemeine Organisation. Das umfasst vieles, was das Publikum später gar nicht sieht: Finanzen, Anträge, Abrechnungen, organisatorische Abläufe und alles, was im Hintergrund zusammenkommen muss, damit das Festival stattfinden kann.
Das Festival selbst konzentriert sich auf die Musik des Mittelalters. Es geht also nicht einfach um ein Mittelalterfest mit Markt und Kostümen, sondern um die musikalische Auseinandersetzung mit dieser Zeit und ihren überlieferten Klängen. Das nächste Festival findet vom 18. bis 20. Juni 2027 unter dem Motto „TABU – Grenzüberschreitungen in der Musik des Mittelalters“ statt. Dabei geht es unter anderem darum, was im Mittelalter gesagt, gesungen oder gehört werden durfte – und wo gesellschaftliche oder religiöse Grenzen lagen.
Eine Verbindung zu den Comics gibt es durchaus: Beides macht Geschichte für Menschen heute zugänglich. Nur ist das eine eben Musik und das andere eine Geschichte in Bildern.
Ahoi: Ich hörte von einem neuen Projekt mit Leipzig-Bezug. Kannst Du uns da schon etwas erzählen oder ist das noch ein viel zu ungelegtes Ei?
René Matthes: Da ist es tatsächlich noch zu früh, um viel zu verraten. Das Projekt befindet sich noch in der Entscheidungsphase, und die Finanzierung ist noch nicht gesichert. Die konkrete Anfrage kam von einer Leipziger Institution. Es ging dabei auch um die Frage, welche alternative Literatur für Kinder es zu einem bestimmten Thema gibt. Ich fand die Idee interessant, war aber zunächst noch nicht ganz so weit, sie tatsächlich anzugehen.
In der vergangenen Woche war ich beruflich an einem anderen Ort, der ebenfalls mit dem Thema zu tun hat. Dort bin ich auf eine ähnliche Fragestellung und ein vergleichbares Interesse gestoßen. Das hat mich darin bestärkt, die Idee weiterzuverfolgen. Mehr kann ich im Moment noch nicht sagen. Aber wenn jemand ein solches Projekt unterstützen möchte, kann er sich gern bei mir melden.
Ahoi: Und wie kam Käpt´n Kuddel zu Dir? Durch ein DaddelDu?
René Matthes: Die Käpt’n-Kuddel-Bücher sind inhaltlich etwas anders als die historischen Comics. Auf den Veröffentlichungen stehen aber ebenfalls Johannes Saurer als Zeichner und Ulrike Albers für Text und Kolorierung. Deshalb war es naheliegend, die Bücher auch in den Onlineshop aufzunehmen. „Sagen & Geschichten“ ist ja nicht nur eine einzelne Comicreihe, sondern umfasst unterschiedliche Publikationen, die durch die beteiligten Künstler und die Aufmachung miteinander verbunden sind. Leider sind die Käpt’n-Kuddel-Bücher inzwischen nicht mehr erhältlich.
Ahoi: Wie groß ist eigentlich Dein Team?
René Matthes: Wenn man den Onlineshop und die Organisation betrachtet, bin ich im Wesentlichen allein unterwegs. Johannes Saurer und Ulrike Albers sind meine wichtigsten Partner auf der künstlerischen Seite. Wir sind also kein großer Verlag mit einer festen Belegschaft. Vieles entsteht aus der Zusammenarbeit für ein konkretes Projekt. Je nachdem, wer ein Heft herausgibt oder finanziert, kommen weitere Institutionen und Beteiligte dazu.
Das macht manches unkompliziert, bedeutet aber natürlich auch, dass nicht ständig neue Titel erscheinen können. Es muss sich jeweils ergeben – inhaltlich, organisatorisch und finanziell.
Ahoi: Zum Abschluss: Gibt es noch etwas, das Du den Leserinnen und Lesern mitgeben möchtest?
René Matthes: Ich freue mich immer, wenn Menschen unsere Hefte entdecken und sich für die Geschichten hinter den Orten interessieren. Und natürlich würde ich gern noch viele weitere Geschichten als Comics erzählen. Dafür braucht es Ideen, Menschen, die solche Projekte umsetzen möchten, und eine Finanzierung. Wer eine Geschichte im Kopf hat oder eine Institution kennt, für die ein Comic interessant sein könnte, kann sich gern bei mir melden.
Alle bisherigen Hefte und weitere Informationen findet ihr in unserem Onlineshop unter www.sagen-und-geschichten.de.
Und auch technisch gibt es etwas, bei dem ich Unterstützung gebrauchen könnte: Für den Aufbau eines neuen Shops auf Basis von PrestaShop suche ich jemanden, der sich damit auskennt und bei der Umsetzung helfen kann. Wer Interesse hat oder jemanden kennt, der dafür infrage kommt, darf sich ebenfalls gern melden – über info@sagen-und-geschichten.de.
Ahoi: Dann wünschen wir Dir natürlich weiterhin viel Kraft und weiterhin gute Ideen. Danke für Deine Zeit.


