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Stoppok über Freiheit, Scheitern und das neue Album

„Kein fucking Euro konnte mich von meinem Weg abbringen“

Redakteur Reinhard Franke hat Stoppok getroffen © Reinhard Franke

Eine Bananenschale auf pinkfarbenem Grund – viel mehr braucht Stoppok nicht, um die Welt zu erklären. „Hoppla, hoppla“ heißt sein neues Album, und wer mit dem Musiker über 70 Lebensjahre, Freiheit, Scheitern und Erfolg spricht, merkt schnell: Glattgebügelt war bei Stefan Stoppok noch nie viel. Er erzählt von einer Kindheit mit wenig Geld, seiner Unsicherheit als junger Musiker und Angeboten, bei denen er hätte schwach werden können – es aber nicht wurde. Am 14. November kommt er mit Band in den Anker.

„Hoppla, hoppla“ – was für ein witziger Titel. Wirklich toll. Und dann diese leere Bananenschale auf dem pinkfarbenen Cover. Ist die Bananenschale auch Ihr Blick auf die vergangenen 70 Jahre? Man kann jederzeit ausrutschen, also lieber drüber lachen. Ist das typisch Stoppok?

Stoppok: Mir kommen solche Sachen wirklich immer spontan. Für die letzten Arbeiten am Album hatte ich mich Ende Mai, Anfang Juni für zwei Wochen in meine alte Hood am Ammersee zurückgezogen, um meinen Songs den Feinschliff zu geben.

Und dann saß ich nachts im angetüdelten Zustand da, habe ein bisschen am Cover rumprobiert und irgendwie kam diese Bananenschale auf den Schirm. Das fand ich sofort sehr passend zu meinem Song „Hoppla Hoppla“ und schnell war klar, dass das ganze Album so heißen muss. Die Idee dahinter hat weniger mit meinem eigenen Leben zu tun als mit der aktuellen Situation. Bei Banane denken ältere Herrschaften wie ich auch an den Osten. Heute hat man das Gefühl, viele Menschen schmeißen die Bananenschale weg, rutschen selber darüber aus und regen sich dann tierisch auf: Welcher Penner hat denn die Banane hier hingeschmissen? Dabei warst du es selber.

Und natürlich hat das Ganze noch einen zweiten netten Aspekt: Ich glaube, nach Velvet Underground gab es keine Banane mehr auf einem Cover. (lacht)

Sie sind 70. Was ist überraschend gut in dem Alter – und was ist einfach ziemlich ungut oder sogar schlimm?

Stoppok: Es ist eigentlich nix ungut oder schlimm. Es ist alles überraschend gut. Mir geht es gesundheitlich bestens, und das empfinde ich jeden Tag als großes Glück. Erst einmal, dass ich überhaupt noch lebe und diese Lebenszeit schon hatte. Besser geht es nicht.

Und vor allem habe ich, gesellschaftlich und historisch betrachtet, in einer unglaublich guten Zeit gelebt: 70 Jahre ohne Krieg, in einer Demokratie, in der ich – und dafür brenne ich – unabhängige Kunst machen kann. Ich muss mich nicht an irgendwelche Companies kleben und mir sagen lassen: Mach das, dann erreichst du viele Leute. Auch das empfinde ich jeden Tag als Glück.

Und ich bin froh, dass ich durch die Art, wie ich aufgewachsen bin, bei Geld nie schwach geworden bin. Niemals. Kein fucking Euro konnte mich von meinem Weg abbringen. Und da gab es viele Angebote.

Was war das beste Angebot?

Stoppok: Das Beste kann ich gar nicht mehr sagen, aber immer wieder hatten Plattenfirmen versucht, mich mit hohen Vorschüssen zu locken, unter der Bedingung, dann das zu machen, was sie sich für mich ausgedacht hatten. Man sieht ja auch, was aktuell abläuft. Die Kultur, die großen Festivals – das ist mittlerweile alles von Großkonzernen und üblen Investmentgesellschaften wie KKR aufgekauft, die versuchen, hier systematisch die Kultur kaputtzumachen und die Preise immer weiter nach oben zu treiben. Ich kämpfe nach wie vor für freie Kultur, für Soziokultur und die kleinen Clubs. Dafür brenne ich.

70 Jahre bedeuten ja auch: Es waren nicht nur gute Zeiten dabei.

Stoppok: Natürlich hatte ich nicht durchgängig super Zeiten. Die Achtziger waren für mich eine sehr komische Zeit. Damals habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass es nicht mehr so easy ist, als unbekannter Künstler mit einer Band zu spielen. In den Siebzigern und noch bis Mitte der Achtziger hattest du gerade in Bayern gefühlt in jedem zweiten Dorf einen Club, in dem du spielen konntest. Die Leute kamen auch, wenn du noch keinen Namen hattest.

Mitte der Achtziger merkte ich dann: Das wird schwierig, ich muss mich wohl doch ein bisschen mit dem Business beschäftigen. Und darin war ich so was von unsouverän. Ich konnte mich in dieser Welt überhaupt nicht bewegen. Meine Eltern waren Flüchtlinge, und ich hatte einfach nicht gelernt, wie man sich gesellschaftlich verhält oder mit Geschäftsleuten redet. Da bin ich immer wieder aufgelaufen.

Sie singen auf dem neuen Album: „Ich sehe die Highlights, weniger die Nieten.“ Ist das eine Haltung oder auch eine ziemlich clevere Methode, sich die eigene Biografie schönzureden?

Stoppok: Nein, das bezieht sich ganz klar auf unsere heutige Situation im Land und darauf, wie einige Leute reagieren. Das sehen wir ja auch an den Wahlen. Wir leben in so einem reichen, tollen Land. Und trotzdem schaffen es die, ich nenn sie mal, „antidemokratischen Kräfte“, den Leuten einzureden, dass alles ganz schlimm ist. Die fahren zweimal im Jahr in Urlaub und jammern trotzdem, dass es ihnen schlecht geht. Völlig beknackt. Die Sachen, die wirklich bei uns, ausgelöst durch zu viel Lobbyismus, schief laufen, sehen die gar nicht und vor allem haben sie keine Power, dafür zu kämpfen. Und die, die die Missstände sehen, sind oft zu frustriert, um noch dagegen zu powern.

Wenn du bei Social Media jeder schlechten Nachricht nachgehst und nicht richtig filterst, kriegst du irgendwann einen Hals und bist nur noch lost.

Such dir die richtigen Leute. Es gibt so viele tolle Menschen und so viele tolle Sachen. Die Menschheit ist eigentlich so weit, dass wir unsere Umweltprobleme lösen könnten. Es gibt so clevere Köpfe, die Lösungen dafür haben. Aber dann kommen die Idioten an den Plan und hetzen die Leute gegeneinander auf. Darum geht es: Ich sehe die Highlights, weniger die Nieten.
 

Welche Ihrer größten Nieten würden Sie heute nicht mehr missen wollen?

Stoppok: Spontan würde ich sagen: meine ganze Kindheit. Im Nachhinein betrachtet war die schon eine Niete. Ich bin in Hamburg geboren, da hatten wir als Flüchtlingsfamilie im Keller einer Zahnarztfamilie gewohnt, dann sind wir wegen des Jobs meines Vaters ins Ruhrgebiet gezogen und haben alle zusammen auch nur in einem Zimmer gewohnt. Wirklich Low Budget. Und dann starb mein Vater, als ich zwölf war, gerade als es ein bisschen bergauf ging.

Aber genau deshalb kann ich mich heute über so viele Dinge freuen. Ein ganz einfaches Beispiel: wenn ich ein Auto starte und es anspringt. Ich war jahrzehntelang mit alten Autos unterwegs und musste jedes Mal bibbern, ob die überhaupt anspringen. Wegen dieser Nieten-Erfahrung freue ich mich heute noch wie ein kleines Kind, wenn der Wagen anspringt. Jemand, der gewohnt ist, dass Autos immer funktionieren, kann das wahrscheinlich gar nicht nachvollziehen.

Ich freue mich auch jedes Mal darüber, essen gehen zu können. Ich glaube, mit 15 oder 16 war ich zum ersten Mal in einer Pizzeria. Das kannte ich vorher alles gar nicht. Genauso freue ich mich jeden Tag, mehr als nur 1 Zimmer zu haben und vor allem in Ruhe Musik machen zu können. Liegt natürlich auch daran, dass meine Mutter, trotz der gezogenen Nieten, nie aufgegeben hatte und ihre Söhne mit viel Liebe und Power da durchgebracht hatte.

Wenn Sie Ihrem 30-jährigen Ich heute begegnen würden: Was würde Sie an ihm sofort nerven?

Stoppok: Diese Unbeholfenheit und die fehlende Souveränität. Ich war total unsicher. Superunsicher. Ich hatte keine Anleitung fürs Leben und wusste nicht, wie ich mich in der Gesellschaft bewegen sollte.

Deshalb ist es eigentlich ein großes Glück, dass ich überhaupt auf die Bühne gekommen bin. Die Musik hatte so viel Kraft, dass ich mich trotz dieser Unsicherheit da hinstellen konnte.

Ich bin nie auf die Bühne gegangen mit dem Gedanken: Ihr müsst mich alle geil finden. Ganz im Gegenteil. Da konnten 1000 Leute stehen und mir zujubeln – wenn einer mies geguckt hat, hatte mich das schon irritiert.

Was wissen Sie heute über sich, das der junge Stoppok auf keinen Fall hätte hören wollen?

Stoppok: Zum Beispiel, dass es keine gute Idee ist, wenn man sich unsicher fühlt, sich mit Alkohol oder anderen Drogen der Situation zu entziehen und sich dadurch vermeintlich sicher zu fühlen.

Sie haben sich Ihre Freiheit bewahrt. Aber Freiheit wird gerne romantisiert – sie hat ja auch ihren Preis.

Stoppok: Klar, der Preis für die maximale Freiheit, bzw. Selbstbestimmung, ist in meinem Fall Selbstausbeutung. Wenn du nicht willst, dass andere die Richtung bestimmen, musst du dich eben um sehr viele Sachen selber kümmern und das ist schon sehr energieraubend.

Wann haben Sie diese Freiheit in Ihrem Leben am stärksten gespürt?

Stoppok: In meiner Zeit als Straßenmusiker, vor sage und schreibe 50 Jahren. Da war das Verhältnis optimal und ich musste wenig Energie aufwenden, hatte keinen Stress mit Orga und Bürokratie. Ich musste mich nur, wenn ich Geld brauchte, irgendwo hinstellen, spielen, bis genug Geld im Hut war, und dann konnte ich wieder tagelang abhängen, wo ich wollte. Die meiste Zeit hatte ich das in Südfrankreich in dem Ort Collioure gemacht. Das waren für mich paradiesische Verhältnisse. Diese Zeit hat mir unheimlich viel Sicherheit gegeben. Ich habe dort viele besondere Leute kennengelernt und hatte vor allem kein zeitliches Limit. Dieses Gefühl war für mich prägend: Ich kann jetzt ein halbes Jahr hier sitzen oder ein Jahr. Keiner kann mich bremsen.

Das geht natürlich nur, solange man keine feste Bindung eingeht. Da bekanntlich die eigene Freiheit bei der Freiheit der anderen aufhört. In dem Moment habe ich natürlich gemerkt, dass man das nicht sein ganzes Leben durchziehen kann und versuchen muss, sich innerhalb der Gesellschaft zwar Freiheiten zu schaffen, aber gleichzeitig gucken muss, wie man sich sozial verhält und in die Gemeinschaft einbringt.

Was ist eine Eigenschaft an Ihnen, die Sie mit 70 immer noch nicht besonders gut leiden können?

Stoppok: Da gibt es eine ganz klare: Ich bin so was von unordentlich und unstrukturiert und kann obendrein nix wegschmeißen. Das ist gruselig. Ob es mein Schreibtisch ist, mein Studio oder mein Auto. Eigentlich ist immer alles zugemüllt mit irgendeinem Zeug, was andere schon lange entsorgt hätten. Aber erstaunlich, wie ich in dem Chaos am Ende immer wieder klarkomme und kreativ bin.

Gibt es etwas, worin Sie heute schlechter sind als mit 30 – und etwas, worin Sie heute verdammt viel besser sind?

Stoppok: Ich bin heute viel besser darin, meine Energie richtig einzuteilen, gerade auf der Bühne, was natürlich auch zwingend ist, weil ich nicht mehr so viel Energie wie mit 30 habe. Und ich bin dort viel souveräner. Das ist ein großes Glück und gibt mir die Power, bald wieder 46 Konzerte hintereinander zu machen.

Ich habe gelernt, die Energie des Publikums aufzunehmen und so umzusetzen, dass sie wirklich fließt. Das macht einfach wahnsinnig Spaß. Ich höre von anderen Leuten, dass sie nach fünf Gigs hintereinander völlig kaputt sind und erst einmal eine Pause brauchen. Das kenne ich irgendwie gar nicht.

Wann denken Sie: Mit dem oder derjenigen könnte ich heute Nacht noch bis um vier Uhr morgens am Küchentisch sitzen?

Stoppok: Mit meiner Frau und meiner ganzen Patchworkfamily plus Anhängen. Die sind alle wunderbar und wie ich sehr diskussionsfreudig. Und es gibt natürlich einige gute Freunde, mit denen das auch nach Jahren immer noch sehr spannend und emotional ist.

Ihre Frau Birte ist Ihr Anker, „Nur geträumt“ ein Liebeslied für sie. Durch sie haben Sie offenbar auch einiges über die Liebe gelernt.

Stoppok: Auf jeden Fall. Vor allem eine gewisse Gelassenheit und Toleranz, gerade Kindern gegenüber, die ich früher nicht hatte. Ich war damals nicht der Super-Daddy mit dem totalen Verständnis. Das war für meine Kinder nicht so entspannt, wie es heute wäre.

Was ich auch von meiner Frau lernen könnte, aber noch nicht ganz geschafft hab: Birte kommt auch nach einem heftigen Streit sehr schnell wieder runter. Wenn ich einen Hals habe, kann das bei mir Tage dauern. Das muss ich auch noch schaffen.

Gibt es einen jungen Musiker oder eine junge Musikerin, bei dem oder bei der Sie denken: Verdammt, die können etwas, das ich nicht kann?

Stoppok: Da gibt es einige. Einfallen tut mir spontan Ami Warning, eine junge Sängerin aus München. Sie kann allein mit ihrer Stimme ein Gefühl vermitteln, das ich so nicht kann. Sie hat durch ihre Herkunft (Aruba) und vielleicht dadurch, dass sie mit ihrem Vater Wally Warning von klein auf Musik gemacht hat, etwas ganz Besonderes. Gibt auch viele Gitarristen, vor denen ich den Hut ziehe und die Sachen spielen, von denen ich nur träumen kann. Zum Beispiel Krissy Matthews, ein toller Gitarrist aus England.

Ich selbst habe mich nie wirklich als Sänger empfunden. Ich hatte meiner Stimme nie viel Aufmerksamkeit geschenkt. Das war ein Fehler. Weil ich so viel selbst gemacht, produziert und nichts aus der Hand gegeben habe, habe ich den eigentlichen Hauptpunkt übersehen: Am Ende ist meine Stimme für die Leute das Wesentliche.

Ich habe viel zu wenig Zeit darauf verwendet, mit meiner Stimme einen wirklichen Ausdruck zu entwickeln. Das Wesentliche habe ich lange missachtet, weil in der Produktion so viel drumherum war. Heute ist das anders.

Was machen Sie heute für Ihre Stimme?

Stoppok: Für die Stimme selbst mache ich nichts. Aber ich singe viel bewusster. Und es gibt ganz technische Dinge, über die ich mir früher überhaupt keine Gedanken gemacht habe. Zum Beispiel musst du für jeden Song die richtige Tonlage erst mal finden. Klingt simpel, hatte ich aber früher nie gemacht. Heute lote ich das wirklich aus. Dadurch hat meine Stimme eine ganz andere Kraft bekommen.

Was für ein Highlight fehlt noch? Vielleicht eine Stadion-Show oder so was?

Stoppok: Nein, gar nicht. Stadien sind nicht meine Welt. Ich mag die kleinen Clubs, wo man die einzelnen Leute sieht und spürt. Im Stadion spielst du vor eine Wand und kriegst auch nur ein Brett zurück. Eigentlich ist das nur ein einziges Gebrülle. Selbst wenn geschrien wird: Keiner will Nazis, befremdet mich das.

Woran würden Sie merken: Jetzt ist es eigentlich gut, mehr muss nicht kommen?

Stoppok: Wenn ich meine Sachen nicht mehr auf die Reihe krieg. Nicht mehr richtig singen kann oder Gitarre spielen, was ja im Alter schnell passieren kann. Aber selbst dann würde ich wahrscheinlich weiter Texte schreiben und im Studio Musik produzieren.

Am 14.11.2026 kommt Stoppok mit seiner Band auf der "RUND-Reise" in den Anker in Leipzig. Tickets sind noch erhältlich.

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