In Leipzig und den aus der Stadt heraus sich schlängelnden Kultur-Mäandern entsteht weiterhin großartige Musik. Grund genug, immer wieder nachzuschauen und nachzuhören, was da so pulsiert und tönt. Ahoi-Redakteur Volly Tanner traf so in den unendlichen Weiten der Kultur auf ENNI und stellte ihr einige Fragen, weil er ihre Musik besonders fand, spannend und funkelnd:
Ahoi: Guten Tag, Enni. Du bist derzeit fleißig am „die Bubble aufreißen“. Deine Musik erreicht immer mehr Menschen. Nun las ich im Diffus-Magazin, dass Du Deine Kunst Glitzerpop nennen würdest. Was soll das denn sein?
ENNI: Ich weiß selbst noch nicht richtig, wohin es mit meinem Sound gehen soll, und experimentiere aktuell viel herum. Die Frage danach, welches Genre ich eigentlich bediene, wird mir aber so häufig gestellt, dass ich mir einfach selbst eines ausgedacht hab.
Glitzerpop einerseits, weil das, was ich da tue, auf jeden Fall irgendwo hauptsächlich Popmusik ist, in die sich ein paar Trap- oder Indie-Einflüsse eingeschlichen haben. Andererseits ist es mir besonders wichtig, dass man in meinen Songs immer wieder neue kleine musikalische Details, sogenannte „Earcandys“, entdecken kann, wenn man sie sich ein zweites oder drittes Mal anhört. Sie sollen spannend, funkelnd und besonders klingen, mit anderen Worten: nach Glitzer.
Ahoi: Mit wem arbeitest Du denn zusammen an Deinen Stücken? Oder ist alles – Text, Musik und Produktion – ganz und gar Enni?
ENNI: Ich durfte im letzten Jahr mit vielen verschiedenen Leuten zusammenarbeiten. Meist sitzt man zu zweit stundenlang in irgendeinem dunklen Keller und versucht das, was einen gerade so umtreibt, in ein Stück Musik zu verwandeln. Da merkt man recht schnell, ob man auf der musikalischen Ebene gut matched oder eben nicht.
Einen Großteil der Songs, die ich im Jahr 2025 veröffentlicht habe oder in absehbarer Zukunft rausbringen werde, habe ich mit Hobbes gemacht. Es ist total erfrischend, immer wieder neue Produzentinnen oder Produzenten und ihre Herangehensweisen und Stile kennenzulernen. Ich mische mich allerdings schon recht intensiv in die Produktionen ein, daher ist es mir bis jetzt immer ganz gut gelungen, dass die Songs nach ENNI klingen, auch wenn nicht nur ENNI drin ist.
Den Strich ziehe ich aber, wenn es um Lyrics geht. Meine Texte sind mir auf meine ganz eigene Weise „heilig“, daher schreibe ich sie selbst. Ich kann überhaupt nicht gut schwindeln, daher würde man es mir auf der Bühne auch nicht abkaufen, wenn ich die Geschichten einer anderen Person erzählen würde.
Ahoi: Mittlerweile bist Du auch bei Festivals zugange. Wie lief denn dieses Jahr für Dich in puncto „Große Bühnen“?
ENNI: Dieses Jahr habe ich mich besonders über den Auftritt beim Yourstage Festival in Hof gefreut. Das war eine der wenigen Gelegenheiten im Jahr 2025 das Projekt gemeinsam mit meiner Liveband auf die Bühne zu bringen und ich liebe es einfach, meiner Musik, die ja überwiegend elektronisch ist, live diesen rockigen Schliff zu verleihen.
Wir durften das erste Mal beim Feel Festival auftreten und haben einige kleinere Gigs unter anderem auch hier in Leipzig mitnehmen können. Die richtig großen, großen Bühnen nehme ich mir noch vor und bei Gigs ist es oft so, dass man nicht weiß, was einem am nächsten Tag ins Booking hineinflattern könnte. Ich bin auf jeden Fall dankbar für jede Gelegenheit auf der Bühne und bin gespannt auf das, was kommt.
Ahoi: Wenn ich richtig informiert bin, lebst Du in Leipzig; nun wird man aber nicht unbedingt über Nacht Popstar – was hast Du davor gemacht? Gab es Schulbands, Musikprojekte, irgendwas vor Enni? Und wenn ja, wo warst Du dabei?
ENNI: Ich war als kleine Maus riesiger TokioHotel- und Avril Lavigne-Fan, daher war es für mich recht früh klar, dass ich unbedingt eine coole Band brauche. In meinen Teenagerjahren habe ich mich auch wirklich bemüht, meinen Plan in die Tat umzusetzen, was leider nicht so gut funktioniert hat. Es gab zwar zwei oder drei kleine Gruppierungen, aber so richtig Lust auf eine ernsthafte Karriere hatte niemand. Corona hat dem Ganzen dann den Rest gegeben, umso glücklicher war ich dann, als ich über drei Ecken meinen ersten richtigen Produzenten Parvus kennengelernt habe, ohne den es mein Soloprojekt wahrscheinlich nicht geben würde.
Die richtigen Menschen machen viel aus. Sandro, unser Gitarrist hat uns relativ zeitnah entdeckt, unter seine Fittiche genommen und mit uns an einer Liveumsetzung der Songs gearbeitet. Das alles hat mich dann recht schnell an den Punkt befördert, an dem ich heute bin.
Ahoi: Der GenZ wird ein ganz besonderes Gefühls-Chaos unterstellt. Nun war ich ja auch mal jung und durcheinander, es hat nur niemanden interessiert … Wie schaust Du auf Deine Generation? Was macht sie aus? Was macht sie anders?
ENNI: GenZ – wir sind die Faulen, die Weichen, die Wählerischen - zumindest wird uns das immer zugeschrieben. Ich sehe das ein bisschen anders. Gefühlschaos gab es schon immer, aber ich habe das Gefühl, dass in unserer Generation grundsätzlich anders damit umgegangen wird. Wir sind die ersten, die mit Themen wie Mental Health auf die Barrikaden gehen und haben begriffen, dass Verletzlichkeit, Offenheit und die Kommunikation unserer Bedürfnisse keine Schwächen sind.
Wir drücken das nicht weg, sondern rücken es in den Fokus und ich finde es unheimlich wichtig. Wir wachsen mit Social Media auf und das bedeutet eben auch, mit Perfektion aufzuwachsen. Ein Klick und wir sehen wunderschöne Menschen, die Disney-Leben führen und sich um nichts sorgen. Umso relevanter ist es, die Realität aufzuzeigen und das machen wir sehr laut. Wir probieren viel aus und versuchen herauszufinden, was wir wirklich wollen. Nur fair in einer Zeit, in der es so viele Möglichkeiten, vorgelebte Lifestyles und berufliche Perspektiven gibt, die man ergreifen kann, dass es einen wie eine riesige Flutwelten erschlägt, sobald man einen Fuß aus der Schultür setzt.
Ich finde, wir sind eine sehr mutige Träumer-Generation, die in schwierigen Zeiten entscheidet, ihre Stimme zu nutzen und darauf kann man stolz sein.
Ahoi: Bist Du mittlerweile hauptberuflich Musikerin oder ist da nebenbei noch Studium oder Brotjob? Kannst Du uns bitte ein bisschen etwas über Dich erzählen?
ENNI: Hauptberuflich Musik zu machen ist natürlich der ultimative Traum, aber in Zeiten von Streaming liegt da noch ein gutes Stück Weg vor mir. Wenn ich gerade nicht an neuen Songs tüftle, stecke ich meine Nase in antike Schriften. Ich studiere Latein und Biologie auf Lehramt, was nicht nur bei vielen meinen Coolnessfaktor sinken lässt, sondern tatsächlich auch eine ziemlich gute Möglichkeit ist, um nach langen Nächten im Studio in Berlin auf andere Gedanken zu kommen.
Auch wenn ich jederzeit Musik in Vollzeit vorziehen würde, liebe ich es trotzdem ein bisschen und es hält mein Hirn frisch. Mein anderer Job hat sich mit dem Newcomerinnen-Dasein quasi ergeben. Wenn man heutzutage Songs veröffentlichen möchte, gehört eine stabile Präsenz auf Instagram und TikTok einfach dazu - ob Du möchtest oder nicht. Schwups bist du Influencerin.
Ich balanciere also irgendwo zwischen Texten, Vokabeln und Short-Form-Content und versuche so, mein Projekt ganz nach vorn zu bugsieren.
Ahoi: Und haptische Musikkonglomerate zum Erstehen? Wie sieht es mit Alben aus? Eine große Enni-Tournee braucht ja bestimmt auch einen Rundling, um ihn auf den Merch-Tisch zu legen …
ENNI: Ich habe ja tatsächlich schon mal ein Album released. Damals, noch grün hinter den Ohren, haben wir einfach eine Indie-Platte rausgebracht, die total raw und aus jetziger Sichtweise nicht ganz perfekt ausproduziert war und ich habe definitiv vor, irgendwann wieder ein großes Werk zu veröffentlichen.
Aktuell schaue ich, was das angeht, noch etwas auf die Zahlen. Bei meiner Größe lohnt es sich finanziell im Moment nicht, ein Album zu machen. Im Untergrund-Bereich wird eher eine Single-Strategie gefahren. Es erscheinen viele einzelne Songs in kürzerer Taktung, um möglichst viele Menschen zu erreichen.
Ich höre auch von vielen in meinem Alter, dass sie sich kaum Alben in voller Länge anhören. Ich bin da etwas anders gepolt und arbeite einfach weiter fleißig auf die Zeit hin, in der sich viele vielleicht auf ein ENNI-Album auf dem Merch Tisch freuen. Vielleicht sogar bei einer kleinen Tour, das wäre herrlich. Realistisch ist jetzt erstmal eine EP, von der ich hoffentlich bald mehr erzählen kann - einen Namen gibt’s, genug Musik auch, aber mehr möchte ich euch jetzt noch nicht verraten.
Ahoi: Ich mag Dein Stück „11:11“ sehr – aber, einfach mal für meine Uralt-Freunde: Was ist denn ein Eleven-Eleven-Wunsch?
ENNI: Erstmal vielen Dank, das freut mich sehr. Ich bin tatsächlich auch nicht ganz so deep in der Thematik, wie man es von jemandem erwarten würde, der einen Song darüber schreibt, aber wenn man alles rund um Engelszahlen etc. ausblendet, verhält es sich so: Wenn man zufällig auf die Uhr schaut (Mikrowelle und Handys zählen natürlich auch) und die Zeiger stehen auf 11:11 darf man sich etwas wünschen - ähnlich wie bei einer Sternschnuppe.
Da ich einfach ein großer Fan von kleinen Wünschen und großen Träumen bin und dieses Bild so hübsch fand, habe ich es kurzerhand in meinen Songtext eingebettet.
Ahoi: 2025 zieht sich langsam aus der Welt heraus, was planst Du denn für 2026? Wie geht’s weiter? Welche Sterne willst Du greifen?
ENNI: Das mit 2025 ging ganz schön fix! Um es kurz und knapp zu sagen nach allem: Ich hab eine Textzeile geschrieben, die meine Pläne für nächstes Jahr gut zusammenfasst:
Und ich schmeiß die Fenster ein
Nehm mir alles raus
Der Horizont ist meins
Und das dahinter auch
Ich möchte schauen, was möglich ist, wohin ich mit meiner Musik kommen kann. Ich möchte ganz viele Songs veröffentlichen, noch mehr schreiben und hoffe sehr, dass ich viele Leute bei Liveauftritten treffen kann. 2026 wird auf jeden Fall ENNI-Season.
Ahoi: Danke, Enni, dass Du Dir Zeit für uns genommen hast. Danke für Deine Antworten.
ENNI: Vielen lieben Dank und sehr gern geschehen.


