Der Zustand der Welt ist nicht in Stein gemeißelt. So hat sich in den letzten 27 Jahren (die Wende ist mittlerweile 36 Jahre her!) die Biomasse fliegender Insekten in Deutschland um 76 Prozent verringert. Ein Desaster. Die Weltbevölkerung hat sich dahingegen in den letzten 50 Jahren verdoppelt. Selbst am Nordpol finden wir Plastik und durch Weichmacher und Hormone verändert sich nach und nach die Resilienz junger Menschen.
Das muss aber nicht so sein. The Future Is Unwritten! Die Künstlerin Clara S. Rueprich behandelt mit ihren Mitteln unser Gefühl für die Welt und Ahoi-Redakteur Volly Tanner lud sie mit ihrem Herzensmann zu einem Spaziergang durch menschenarmes Gelände. So kam es zu einem Gespräch, welches hier lesbar ist:
Ahoi: Guten Tag, Clara S. Rueprich. Letztens sog mich einer meiner Social-Media-Kanäle auf die Homepage abwesen.net – und ich war begeistert. Du betreibst diese Seite gemeinsam mit Deinem Herzensmann Udo Grashoff. Wie kam es zu dieser Homepage?
Clara S. Rueprich: Wir haben ein paar Jahre in London gelebt. Dort gerieten wir Anfang 2019 in gewaltfreie Aktionen der Protestbewegung „Extinction Rebellion“. Tagelang wurden öffentliche Plätze wie die Waterloo-Bridge oder der Piccadilly Circus mit fantasievollen Aktionen bespielt. Statt den eigenen Egoismus in den Mittelpunkt zu stellen, haben Zehntausende daran erinnert, dass wir Menschen gerade das sechste Massenaussterben von Tierarten verursachen. Es gab dort keine moralischen Zeigefinger, so nach dem Motto „Schämt Euch!“
Stattdessen hieß es: „Wir sind alle Teil des gleichen toxischen Systems.“ Das fanden wir berührend und sympathisch.
Ahoi: Und das habt Ihr in Eurem Projekt aufgegriffen?
Clara S. Rueprich: Ja, wir haben recherchiert zu Tierarten, die hier bei uns vor der Haustür in Deutschland gerade dabei sind zu verschwinden. Wir haben sie „Abwesen“ genannt. Diese Arten, die in Anspielung auf die ihre Hinrichtung erwartenden Todeskandidaten auch als „Dead species walking“ bezeichnet werden, stehen im Mittelpunkt der Filme. Es geht uns darum, das stille und von vielen nicht bemerkte massenhafte Aussterben spürbar zu machen, indem wir zum einen die leeren Biotope zeigen, wo es die „Abwesen“ nicht mehr gibt, und zum anderen erzählen, was diese Tiere machen, welche Eigenarten sie haben, wie sie leben.
Ahoi: Den Link „Kontext“ zur Homepage verfasste Jessica Ullrich. Für die Menschen, die nicht sofort bei diesem Namen an die Kunstakademie Münster denken: Wer ist Jessica Ullrich und wie kam es dazu, dass sie den Kontext schrieb?
Clara S. Rueprich: Jessica Ullrich ist eine Kunsthistorikerin, die sich mit Tier-Mensch-Beziehungen in den Künsten sowie ökokritischer Kunstgeschichte beschäftigt und die interdisziplinäre Fachzeitschrift „Tierstudien“ herausgibt. Sie hat in London eine Ausstellung von mir gesehen, so kamen wir in Kontakt.
Ahoi: Die Schrumpfung der Artenvielfalt ist, gerade für Urbane, rein körperlich spürbar. Ich selbst bin 54 Jahre alt und kann mich noch an Mückenplagen in Krakow am See erinnern und an Schmetterlinge vieler Arten. Kannst Du uns hier vielleicht etwas Zahlenmaterial liefern?
Clara S. Rueprich: In Deutschland ist die Biomasse fliegender Insekten in 27 Jahren um 76 Prozent zurückgegangen. Weltweit sind je nach Studie 10 bis 30 Prozent aller Insektenarten vom Aussterben bedroht. Und etwa 60 bis 70 Prozent der Wirbeltiere sind den letzten fünf Jahrzehnten laut World Wildlife Fund (WWF) verschwunden.
Ahoi: Und wie hast Du Dich dem Thema genähert?
Clara S. Rueprich: Wir haben recherchiert zu Tieren, die vom Aussterben bedroht sind. Ich habe dann die Biotope dieser Tiere gefilmt, jeweils mit einer Festeinstellung, ohne dass man die Tiere sieht. Das mag vielleicht manchen erst einmal irritieren, aber auf diese Weise wird die Abwesenheit spürbar. Udo Grashoff hat lyrische Textcollagen dazu gemacht, die dann von der Schauspielerin Maria Brendel eingesprochen wurden.
Ahoi: Ist die Katastrophe überhaupt noch aufzuhalten, Deiner Meinung nach? Was sollten wir tun? Du kennst ja mein Zuhause, wir jedenfalls pflanzen insektenfreundlich …
Clara S. Rueprich: Wir müssen wieder ins Nachspüren kommen, nicht nur vom Verstand her, sondern fühlen, was da verloren geht.
Wir haben auf tiefster Ebene vergessen, dass wir Teil von allem sind, unendlich verwoben und abhängig von allem. Das Ergebnis ist dieser jetzige Zustand der Welt, in der wir leben, die wir mit unserem so leben und fühlen so gestaltet haben. Natur ist nicht das da irgendwo dort draußen, was wir, weil wir uns für gute Menschen halten, schützen wollen.
Ich war mal längere Zeit im Regenwald in Peru. Die indigenen Menschen dort haben in ihrer Sprache keinen Begriff/Entsprechung für „Natur“. Denn es macht aus ihrer Seinsweise heraus schlichtweg keinen Sinn. Sie sind Teil dessen, untrennbar! Da gibt es kein hier der Mensch, da die Natur.
Ich sehe solange schwarz, wie wir diesen Verlust nicht ganz unmittelbar spüren, als ein Teil von uns, der verloren geht und solange wir alles nur technokratisch zu lösen versuchen. Beim Artenschutz gibt es keine produktförmigen Lösungen, mit denen ein Konzern beauftragt wird und daran verdienen kann. Es gibt Dinge, die müssten auch endlich politisch angegangen werden, wie die Förderung der ökologischen Landwirtschaft, das Verbot von Umweltgiften, der Naturschutz. Aber auch jeder Einzelne kann etwas tun, zum Beispiel Blumenwiesen im Vorgarten statt Schotterflächen, heimische Baumarten statt Koniferen…
Ahoi: abwesen.net ist ja nicht Dein Hauptarbeitsfeld. Wo und wie können wir denn Deine Arbeiten als Künstlerin noch sehen und erleben?
Clara S. Rueprich: Ich arbeite viel mit Video-/Rauminstallationen, bin Künstlerin der Produzierendengalerie „Intershop“ auf dem Gelände der Baumwollspinnerei, wo ich u.a. regelmäßig ausstelle. Mein zweites Arbeitsfeld sind temporäre Interventionen im öffentlichen Raum.
Über all die Jahre meines Schaffens hat das, was wir Natur zu nennen versucht sind, immer eine Rolle gespielt. Ein Buchkatalog über meine Arbeiten der letzten Jahre ist gerade fertig geworden mit dem Titel „Silent Noise“ im Kerber-Verlag und kann bestellt werden.
Ahoi: Ich möchte gern noch eine Frage zu den Aufgaben Kunstschaffender stellen, gerade jetzt in einer Zeit, in der Massen von Milliarden in Waffen investiert werden, um Menschen zu töten. Welche Aufgabe hast du Dir selbst gestellt? Wie kann Deine Kunst unsere Sicht auf die Welt beeinflussen?
Clara S. Rueprich: Solange uns Tiere in Form von „Leopard“ und „Marder“ mehr begeistern, was soll ich da sagen? Im Zentrum meiner Kunst steht Schönheit, die in Gefahr ist. Ich stelle mir keine Aufgaben, die Dinge kommen zu mir.
Ahoi: Danke, liebe Clara, für Deine Zeit und Deine Kunst.


