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  • Interviews
Gespräch mit der Autistin Mialyn

Vielleicht waren wir früher die, die mit dem Wind sprachen

Mialyn © Mialyn privat

Menschen sind unterschiedlich und wenn wir darüber nachdenken, was dieses ominöse „normal“ sein soll, werden wir feststellen, dass wir alle ein bisschen neben der Hauptspur fahren. Und sein wir doch einmal ehrlich: Was ist denn eigentlich so beeindruckend an dieser Hauptspur, die sich durch massenhaften Belauf in diesen Planeten eingegraben hat? Ahoi-Redakteur Volly Tanner ist weiterhin neugierig und auf der Suche nach Menschen, die etwas zu erzählen haben. Also: auf der Suche nach Dir und Dir und Dir da gerade an Deinem Computer auch.

Bei dieser Suche nahm er Kontakt zu Mialyn auf, einer Autistin, die im Internet von sich und dem Spektrum berichtet und damit aufklärt. Natürlich fragte er nach:

Ahoi: Guten Tag, Mialyn. Du betreibst auf Instagram einen Kanal, auf dem Du über Autismus aufklärst. Nun folge ich Dir schon eine Weile und weiß deshalb, dass Du selbst Autistin bist. Kannst Du unseren Leserinnen und Lesern ein bisschen erzählen wie es sich anfühlt, Autistin zu sein?

Mialyn: Stell dir vor, Du wachst auf einem anderen Planeten auf. Alles ist laut, die Luft anders, die Gesten fremd. Du verstehst die Sprache, aber irgendwie doch nicht. Du musst Dich richtig konzentrieren und anstrengen, um Gesprächen folgen zu können. Du musst Dein Gegenüber genau beobachten, versuchen, die Gesten richtig zu deuten und im gleichen Atemzug schnell überlegen, welche Reaktion dazu passt. Spoiler: Das gelingt Dir selten und deshalb nennen Dich alle „verpeilt“.

So fühlt es sich für mich an, autistisch zu sein: wie ein Alien in einer Welt, die nicht für mich gebaut wurde. Ich nehme Reize intensiver wahr. Geräusche, Lichter, Stimmungen und spüre oft Dinge, die anderen entgehen. Gleichzeitig ist es anstrengend, ständig zu entschlüsseln, was erwartet wird, wie man wirkt, was „richtig“ wäre. Für viele ist Smalltalk Entspannung aber für mich ist er Hochleistungssport.

Trotzdem bedeutet Autismus für mich nicht nur Überforderung. Es bedeutet auch: Tiefe, Echtheit und eine Verbindung auf eine ganz besondere Weise. Ich bin nicht falsch, dieses System ist nur nicht für mich gemacht.

Ahoi: Autismus ist ein riesiges Spektrum. In anderen Ländern wird der Begriff Spektrum auch eher herangezogen. Es gibt sogar TV-Shows wie „Liebe im Spektrum“. In Deutschland sind wir noch ganz am Anfang der Aufklärung und Sensibilisierung. Kannst Du uns sagen, was Autismus aus Deiner Sicht ist?

Mialyn: Für mich ist Autismus kein Störungsbild, sondern eine andere Art, die Welt zu verarbeiten. Mit offenen Antennen, tiefen Schleifen und einem Nervensystem, das oft mehr sieht, hört und fühlt als die meisten anderen. Es geht nicht darum, weniger zu können, sondern darum, anders zu sein. Ich vernetze Informationen auf eigene Weise, spüre schneller, was unausgesprochen ist, und brauche klare Strukturen, um mich sicher zu fühlen.

Autismus ist ein Spektrum. Und das bedeutet nicht „von leicht bis schwer“, sondern „von sichtbar bis unsichtbar“. Viele von uns maskieren jahrzehntelang, weil wir gelernt haben, dass unser natürliches Sein nicht erwünscht ist. Dabei wurden Menschen wie wir in alten Kulturen oft als Seherinnen, Wissende oder sogar göttlich Andersartige verehrt. Vielleicht waren wir früher die, die mit dem Wind sprachen. Heute versuchen wir, durch Lärm zu kommunizieren, der uns selbst erschöpft. Für mich ist Autismus auch die Entscheidung, endlich ich selbst zu sein. Ohne Erklärungen, aber mit Haltung. Und vielleicht mit ein bisschen Feenstaub.

Ahoi: Letztens sprach ich mit einem älteren Liedermacher und er meinte, dass es immer mehr „Neurodivergente“ gebe. Ich meinte dann, dass ich glaube, dass einfach der Zustand der Städte mit Lautstärke, Enge, Gewalt, Rücksichtslosigkeit, Schnelligkeit, Reizüberflutung und so weiter mehr Auslöser liefert. Was denkst Du? War zuerst das Ei da oder das Huhn?

Mialyn: Ich glaube, neurodivergente Menschen gab es schon immer, seit es Menschen gibt. Was sich verändert hat, ist das Wissen darüber. Durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse, bessere Diagnostik und den Mut vieler, öffentlich über ihr Erleben zu sprechen, erkennen heute mehr Menschen rückblickend: Das war nie Faulheit. Das war nie zu sensibel. Das war Autismus.

Es ist ein bisschen wie bei ADHS, Hochsensibilität oder auch queeren Identitäten. Sobald ein Begriff sichtbar wird, glauben viele, dass das plötzlich alle haben und ein „Trend“ ist. Dabei war es nie plötzlich, es war nur vorher unsichtbar gemacht. Ich denke, die Welt verändert sich. Sie wird lauter, schneller, enger. Und gleichzeitig bekommen die, die leise gelitten haben, endlich Sprache. Vielleicht ist es nicht das Huhn oder das Ei. Vielleicht ist es einfach Zeit, hinzusehen.

Ahoi: Wo sind für Dich als Autistin im Spektrum die größten Herausforderungen und wie gehst Du mit ihnen um?

Mialyn: Für mich ist soziale Interaktion eine der größten Herausforderungen. Ich muss ständig mitraten. War das gerade ironisch? Sollte ich etwas sagen? War das eine Einladung oder einfach nur ein Satz?

Nach außen wirke ich oft ruhig, aber innerlich läuft ein permanentes Scannen. Ich versuche zu entschlüsseln, was zwischen den Zeilen passiert, wie ich wirken könnte, ob ich gerade richtig reagiere. Das strengt unglaublich an. Selbst kurze Gespräche oder ein Einkauf können mich komplett erschöpfen. Was es noch schwerer macht, ist die Erwartungshaltung der Gesellschaft. Wenn ich nicht präsent, kommunikativ oder „offen“ genug wirke, gelte ich schnell als komisch oder unhöflich. Dabei bin ich einfach nur überfordert und versuche, nicht unterzugehen.

Ahoi: Wo würdest Du Dir mehr Sensibilität des Umfelds wünschen?

Mialyn: Eigentlich wünsche ich mir gar nicht viel, nur echtes Verständnis. Nicht Mitleid oder Überangepasstheit. Sondern die Akzeptanz, dass ich Dinge anders wahrnehme und anders funktioniere. Was für viele einfach wirkt, also beispielsweise ein Gespräch, ein Blick, ein Raum voller Menschen, das kann für mich extrem überfordernd sein.

Besonders verletzend sind Kommentare wie: „Das hat ja jetzt jeder.“ Oder „Sie spricht doch und guckt in die Augen das kann kein Autismus sein.“ Solche Sätze entwerten meine Realität. Sie blenden das Spektrum völlig aus. Autismus hat nicht ein Gesicht, sondern viele. Und Sichtbarkeit bedeutet nicht, dass es weniger herausfordernd ist.

Ahoi: Man spricht beim Autismus auch von Inselbegabungen, die dann später ja auch technologische, gesellschaftliche oder philosophische Weiterentwicklungen ermöglichen. Beispielsweise wird Einstein Autismus zugeschrieben, ebenso Mozart und Newton. Aus diesem Aspekt resultiert auch ein großer Gewinn für die Gesellschaft durch die Fähigkeiten von Menschen im Spektrum. Ich kenne ein Kind, welches stolz einen Button trägt, auf dem „I´m autist“ steht. Wie können die positiven Aspekte mehr in den Vordergrund gestellt werden?

Mialyn: Es ist wichtig, dass wir über die positiven Aspekte von Autismus sprechen aber nicht nur dann, wenn sie spektakulär oder nützlich sind. Viele Autistinnen oder Autisten haben keine Inselbegabung - und das macht sie nicht weniger wertvoll. Die Idee, dass Autismus nur dann akzeptabel ist, wenn er mit Hochleistung oder Genialität einhergeht, ist leider noch sehr verbreitet. Was wir brauchen, ist ein breiteres Verständnis: Dass es auch eine Stärke sein kann, Details zu bemerken, sich tief für ein Thema zu interessieren oder Muster zu erkennen, wo andere nur Chaos sehen.

Und ja – es gibt autistische Menschen, deren Fähigkeiten Großes bewegen. Aber wir sollten nicht vergessen, dass auch alltägliche Selbstfürsorge, das Überleben in einer lauten Welt oder der Mut, sich selbst zu zeigen, ebenso wertvoll sind. Der Button „I’m autist“ ist für mich ein Symbol dafür, wie wichtig Selbstakzeptanz ist. Nicht, weil Autismus ein Superkraft-Mythos sein sollte, sondern weil es Zeit ist, ihn nicht mehr zu verstecken.

Ahoi: Menschen im Spektrum fallen in der Regel durch Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion auf. Welche Symptome gibt es noch und wie können „neurotypische“ Menschen reagieren, damit es allen besser geht und weniger Krisen entstehen?

Mialyn: Ehrlich? Es würde schon helfen, wenn alle einfach mal ihre Nuggets chillen würden. Nicht sofort werten, nicht verbessern wollen, nicht pathologisieren, nur weil etwas ungewohnt ist. Akzeptanz ist kein großes Konzept, es bedeutet zuzuhören, nicht drängen, Raum geben. Und die Vielfalt neurodivergenter Ausdrucksformen nicht als Störung sehen, sondern als Teil der Realität, in der wir alle leben.

Ahoi: Wie kam es zu Deiner Instagram-Seite? Gab es einen Auslöser?

Mialyn: Diese Frage berührt mich sehr, weil sie direkt mit meinem Kind in Verbindung steht. Erst durch mein Kind habe ich wirklich verstanden, was Autismus bedeutet. Ihre Diagnose war wie ein Spiegel, der mir nach 30 Jahren gezeigt hat, wer ich bin und was ich all die Jahre nicht wusste. Es hat mich fassungslos gemacht, aber auch geheilt. Ich habe verstanden, dass ich nicht falsch bin, sondern autistisch. Und dass ich nicht allein bin. Denn wir sind viele.

Seitdem ist es meine Herzensaufgabe, über Autismus aufzuklären, Verständnis zu schaffen und uns sichtbar zu machen, besonders für all die, die jahrelang übersehen wurden und immer noch übersehen werden. Ich mache das erst seit ein, zwei Monaten aber die Resonanz zeigt mir, wie wichtig das Thema ist. Und deshalb gebe ich nicht auf und mache weiter. Wenn du mich unterstützen möchtest: Du findest mich auf Instagram & TikTok unter @mialyn.x

Ahoi: Dann wünsche ich uns allen, dass wir mehr aufeinander achten. Danke für Dein Engagement und Deine Offenheit.

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