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Gespräch mit dem Schriftsteller Benjamin Schmidt

Ursprung allen Übels ist eine defekte Behindertentoilette

Benjamin Schmidt in seinem Ökosystem © Frank Kurcyk

Die Edition Outbird feiert während der Buchmesse ihr zehnjähriges Jubelfest und Benjamin Schmidt ist mittendrin. Deshalb weiß er viel darüber zu erzählen und natürlich auch über die Edition Outbird selbst und ganz viel Musik. Ahoi-Redakteur Volly Tanner fragte nach:

Ahoi: Guten Tag, lieber Benjamin Schmidt. Am 21. März, während der Leipziger Buchmesse, feiert Ihr, Deine Freundinnen, Freunde und Du, das große Fest zum zehnjährigen Bestehen der Edition Outbird. Darüber muss gesprochen werden. Wo feiert Ihr denn und wer tritt alles auf?

Benjamin Schmidt: Lieber Volly, wie immer ein Vergnügen. Wir feiern in der Heilandskirche in Leipzig-Plagwitz. Das Line Up kann sich sehen lassen: Dirk Bernemann, Florentine Joop, Christian von Aster, Pia Lüddecke, Ulrike Serowy, Sanjina Kashikar und diese coolen Menschen werden dann durch mich komplettiert und später zu verschiedenen alkoholischen Getränken verführt.

Ahoi: Welche Positionen hast Du denn im Verlag inne?

Benjamin Schmidt: Ich bin hauptsächlich Autor in der Edition Outbird und seit etlichen Jahren auch als Grafiker involviert, kümmere mich hie und da um den Buchsatz oder das ein oder andere Cover. Das ist mit den Jahren so zusammengewachsen und ich denke, so einen Verlag gestaltet man gemeinsam, jeder hat eine Stimme, wird gehört und bringt sich ein. Meine Position ist also recht beweglich.

Ahoi: Kannst Du uns bitte etwas zur Historie des Verlages erzählen? Ich hörte, dass da im Vorfeld ein Leipziger Verlag aus der Dunkelszene involviert war …

Benjamin Schmidt: Haha, ja. Ich denke, der Edition PaperONE ist es zu verdanken, dass sich für Outbird viele Kontakte knüpfen ließen, auf denen man aufbauen konnte. Eine nähere Erläuterung ist an dieser Stelle obsolet. Wer die Edition PaperONE verpasst hat, hat etwas verpasst, und wer heutzutage auf der Suche nach Literatur ist, die im Gothic und Punk wurzelt, wird auf jeden Fall bei Outbird fündig werden. Auch wenn ich der Meinung bin, dass Szenezugehörigkeiten immer irrelevanter werden und „wir“ auch über diesen Horizont hinaus veröffentlichen.

Ahoi: Mittlerweile habt Ihr die echten Undergroundhelden Sir Jan Off, Alexander Pfeiffer, Dirk Bernemann, Feline Lang, aber beispielsweise auch Luci van Org und Klaus Märkert in Eurem Portfolio. Wie kommt Ihr an diese literarischen Allstars heran? Oder kommen diese an Euch heran? Wie läuft der Kontakt?

Benjamin Schmidt: Wie genau, kann ich im Detail jetzt nicht beantworten, es ist eben zum einen die Verbindung zur früheren Edition PaperONE (R.I.P.) und zum anderen kennt man sich eben. Ich selbst war nie Teil von PaperONE, aber ich bin schon sehr lange mit Michael Schweßinger und M.Kruppe befreundet, mit Klaus Märkert, Luci Van Org, Feline Lang. Auch mit Dirk Bernemann, den ich vermisse, wenn ich ihn mal drei Wochen nicht sehe, haha... naja und das kommt eben alles durch die Arbeit als Künstler, irgendwann kreuzen sich die Wege, man teilt sich eine Bühne, kommt ins Gespräch, ist sich sympathisch, sitzt im selben sinkenden Schiff und plötzlich sind wir alle hier gestrandet. Es hätte alles viel schlimmer kommen können.

Ahoi: Neben Deinem literarischen Tun – wir sind früher oft und gern miteinander aufgetreten – bist Du auch musikalisch aktiv. Es gibt ja auch einen Verlagssampler. Kannst Du uns bitte etwas zu dieser Compilation erzählen?

Benjamin Schmidt: Oh ja, meine zweite Lesung war mit Dir. Das weiß ich noch. Ich war nervös und habe viel zu viel Kaffee getrunken - zudem eine tödliche Dosierung auf dem Hause Kruppe. Anyway. Die Compilations, es sind mittlerweile zwei, sind Benefiz-Produkte, die Spenden für die Deutschen Krebshilfe generieren. Im Verlag haben wir einige Musiker, mit Luci van Org und Feline Lang hast Du selbst ja schon zwei wirklich herausragende genannt, deren künstlerisches Engagement neben der Literatur hier für einen guten Zweck seinen Platz findet. Es gibt da echt weniger Überschneidungen als man denkt. Wenn ich als Musiker unterwegs bin, kennen mich die Leute als Musiker, den wenigsten ist bekannt, dass ich auch schreibe. Genauso ist es umgekehrt. Vielleicht ist so eine Compilation deshalb ja auch so interessant. Als Jugendlicher habe ich mir mal eine CD mit den Klavierkompositionen von Nietzsche gekauft. Ich habe damals so viel Nietzsche gelesen (Was haben wir früher Nietzsche gelesen), dass ich mein Glück nicht fassen konnte, als ich auch Musik von ihm hören konnte.

Ahoi: Und zu Deiner Band bitte auch ein paar Worte. Ich spiele Euch ja gern in meiner Radioshow, aber noch wissen nicht alle von Euch. Wer seid Ihr, was macht Ihr? Und warum so dunkel?

Benjamin Schmidt: Aktuell bin ich hauptsächlich Gitarrist bei den GRUFTSCHLAMPEN (Darkpunk/Deathrock/Darkwave), Begleitsänger bei UMBRA ET IMAGO (Gothic/Rock/Metal) und zu viel bei SPINNE AM ABEND (ach, du Scheiße... Punk/Electronica/Experiment/Darkwave/Zeug). Mit den GRUFTSCHLAMPEN haben Brita und ich eben unser erstes Live-Album veröffentlicht, wir lieben es unsere schaurig-schrägen Songs live zu zelebrieren. Mit UMBRA war ich kürzlich im Studio, wir haben unter anderem ein paar schöne Coverversionen sehr spezieller Songs aus den 80ern aufgenommen. Mit SPINNE AM ABEND wird es eine letzte große Veröffentlichung geben... ach und dann gibt es ja auch noch die Dokumentation und das letzte Album von TYP TYP, einem Spoken Word Experiment mit Dirk Bernemann. Wenn ich all das, was ich musikalisch mache, mal so nebeneinanderstelle, empfinde ich es als ganz und gar nicht dunkel. Was mich betrifft, ist es farbenfroh und wunderschön. Ich hoffe, auch bei den Hörern kommt mehr an als nur Dunkelheit.

Ahoi: Als Verlag engagiert Ihr euch auch für Themen wie Krebsvorsorge und Suizid-Aufklärung. Wie aber konkret?

Benjamin Schmidt: Also, ich kann nicht wirklich für den Verlag sprechen, ich bin ja nicht der Verleger. Hier ist sicher Tristan Rosenkranz als treibende Kraft der richtige Ansprechpartner, aber natürlich ist das Engagement des Verlages vielseitig. Wie eben schon erwähnt die Compilation für die Krebshilfe, es gibt eine Anthologie mit dem Titel „Sein oder Nichtsein - Suizid in Wissenschaft und Kunst“, dazu gab es auch eine Benefizveranstaltung, vergangenes Jahr gab es die Endlichkeitsdialoge, ein Event am Totensonntag zugunsten des Leipziger Haus Leben e.V. - es wurden in der Vergangenheit auch Texte von Inhaftierten veröffentlicht. Das geschah in Zusammenarbeit mit Corina Gutmann, der leider schon verstorbenen Leiterin der Stadtbibliothek Greiz, die sich viele Jahre sozial für die JVA Hohenleuben engagiert hat. Auch ich habe dort schon gelesen, was eine spannende Erfahrung war. Das soziale Engagement der einzelnen Autoren und Autorinnen ist an dieser Stelle auch entscheidend. Luci van Org war beispielsweise jahrelang für einen Verband für verwaiste Eltern und trauernde Geschwister tätig, sie und viele andere engagieren sich regelmäßig für die Opfer von Mobbing, Gewalt und Diskriminierung. Ich selbst hatte natürlich immer mit Themen wie Inklusion, Depression oder Suizidprävention zu tun und habe in diesem Zusammenhang häufig für Vereine, auch mit der Unterstützung des Bildungsministeriums gelesen. Die Themen des Verlagsprogramms mit sozialer Relevanz sind vielfältig: Tierschutz, Suizidprävention, psychische Krankheiten, Gesundheitssystem/Pflege, häusliche Gewalt, Obdachlosigkeit, Inklusion, Strafrecht, Feminismus und vieles mehr. Man muss nicht lange suchen, um zu bemerken, dass der Verlag nicht nur pure Unterhaltungsliteratur vertreibt, was bitte nicht falsch verstanden werden soll. An Unterhaltungsliteratur gibt es nichts auszusetzen. Ich selbst schreibe sehr gerne Unterhaltungsliteratur, die trotzdem von Obdachlosigkeit, Suizid oder psychischen Erkrankungen handelt.

Ahoi: Und wann kommt nun Dein nächstes Buch, lieber Benjamin? Und worum geht es, kannst Du da schon etwas spoilern?

Benjamin Schmidt: Vor ein paar Monaten ist ja erst mein aktueller Roman „Das geht nicht gut aus“ erschienen. Den habe ich noch gar nicht mit so vielen Auftritten würdigen können, das würde ich in diesem Jahr gerne noch machen. Das nächste Buch wird dann erst 2027 erscheinen. Auch hierfür werde ich mich wieder auf das problematische Terrain der Unterhaltungsliteratur begeben. Ursprung allen Übels wird eine defekte Behindertentoilette sein.

Ahoi: Der Verlag gründet, wenn mich mein Gefühl nicht trügt, auf jahrelangen Freundschaften. Das ist im „Literaturgeschäft“ eher selten, weit öfter wird gehauen und gestochen. Wie umgeht Ihr die Ego-Bombardements, die doch so oft verbrannte Erde hinterlassen?

Benjamin Schmidt: Wieder eine Frage für Tristan. Wenn ich für mich selbst spreche, arbeite ich nur mit Menschen, die mir sympathisch sind. Ich kann es mir aussuchen. Wenn ich im Rahmen meiner künstlerischen Tätigkeit auf aufgeblasene Egos treffe, entwickelt sich einfach kein engerer Kontakt. Übergroßes Egos interessieren mich nicht besonders, noch weniger übergroße Egos, die sich hinter gespielter Bescheidenheit und Gönnerhaftigkeit verbergen. Aber innerhalb der Edition Outbird gibt es in der Tat viele Freundschaften, die auf gegenseitigem Interesse, Anerkennung und Gefühlen der Zuneigung beruhen. Ein großes Glück und schön zu erleben. Ich bin sehr dankbar für alle, die ich in diesem Rahmen, unter diesem Dach kennenlernen oder wieder antreffen durfte.

Ahoi: Danke, lieber Benjamin – und Euch allen weitere mindestens zehn Jahre Erfolg und Freude am Literatur einspeisen in den öffentlichen Diskurs. Ihr macht das gut!

Benjamin Schmidt: Ich danke vielmals im Namen der Edition Outbird, Tristan Rosenkranz, aller Beteiligten, helfenden Augen, Ohren und Händen und natürlich auch im Namen meiner wundervollen Kolleginnen und Kollegen.

Zehn Jahre Edition Outbird. Der literarische Buchmessesalon:

10 Jahre Edition Outbird – Literarischer Buchmessesalon 

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