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  • Interviews
Gespräch mit dem Ausnahmekünstler Sven Helbig

Und eine Welt ohne Krieg, ja, ich möchte nicht aufhören, daran zu glauben.

Sven Helbig kurz vor der Uraufführung von REQIUEM A © Claudia Weingart

Kunst kann weit mehr als nur industriell marktüberflutend dem Massengeschmack hinterher zu hecheln. Deshalb ist Ahoi-Redakteur Shevek Walden auch immer auf der Suche nach Künstlerinnen und Künstlern, die eine eigene Klangfarbe, eigene Ideen, eigenes Denken und eigene Erkenntnisse im Sinne Kants Mündigkeit in den Diskurs einspeisen. Sven Helbig ist solch ein Künstler. Und er plant Großes! 

Ahoi: Guten Tag Sven Helbig. Anlässlich des 80. Jahrestages der Zerstörung Dresdens und des Endes des Zweiten Weltkriegs wirst Du Dein neuestes Werk, REQUIEM A, am 9. Februar 2025 uraufführen. REQUIEM A erscheint zudem am 8. Mai als Album bei Deutsche Grammophon. Ein Requiem ist, so wissen wir das spätestens seit Mozart, die liturgische Form einer Totenmesse. Auf Deiner Homepage führt Deine 14jährige Tochter ein interessantes Interview mit Dir, aus dem wir erfahren, wo der Titel REQUIEM A herkommt. Kannst Du das unseren Leserschaften bitte auch erzählen?

Sven Helbig: Meine Tochter kommt oft in mein Zimmer, wenn ich arbeite und möchte wissen, was ich gerade mache. Ich finde das schön und erzähle gern von den neuen Ideen. Ich hatte gerade nach einem Titel für das Requiem gesucht und ihr erzählt, dass ich mit der Musik nicht nur trauern möchte. Es sollte nach etwas klingen, was den Weg aus der Trauer ins Leben sucht. Und da hat sie spontan gesagt: „Nenn' es doch Requiem A, für Anfang.” Das gefiel mir und wir haben dann einen sehr schönen Eintrag in Grimms Wörterbuch zum Buchstaben ‘A’ gefunden: A, der edelste, ursprünglichste aller Laute, aus Brust und Kehle voll erschallend, den das Kind zuerst und am leichtesten hervorbringen lernt, den mit Recht die Alphabete der meisten Sprachen an ihre Spitze stellen.

Ahoi: Die Zerstörung der Stadt Dresden ist Teil einer bis heute aufeinanderfolgenden Reihe von Zivilisationsbrüchen. Die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Grauen, das Spürbarmachen der humanitären Tiefpunkte wiederum ist eine der wichtigsten Aufgaben Kunstschaffender. Was kann Kunst ausrichten? Ist eine friedliche Welt überhaupt möglich, eine Welt ohne Kriegsgeschrei und Blutvergießen?

Sven Helbig: Man könnte seine Zweifel an der Kraft der Kunst haben. Aber hier gibt es zum Glück auch nichts zu entscheiden. Das Bedürfnis, sich künstlerisch zu vermitteln gehört zur menschlichen Existenz. Wir werden immer wieder den Akt der Reflexion unserer Welt sehen. Menschen tun das, komponieren, malen Bilder, schreiben Bücher. Es ist keine Frage des Willens sondern tief in der Natur des Menschen verankert. Das gilt auch für den Drang, die Welt in Heiliges und Profanes zu teilen. Menschen werden immer an religiösem Glauben hängen, auch wenn das in Anbetracht des Wahnsinns um uns herum vergeblich scheint. 

Und eine Welt ohne Krieg, ja, ich möchte nicht aufhören, daran zu glauben. Auch wenn man in Anbetracht der vielen neuen, näher kommenden Kriege Zweifel an der Vernunft der Menschen haben könnte.

Ahoi: Das Album erscheint bei Deutsche Grammophon. Ist es im Studio entstanden oder wird es eine Aufnahme der Uraufführung? Mit wem hast Du für das Album zusammengearbeitet? Du wirst ja nicht alle Instrumente selbst eingespielt haben …

Sven Helbig: Wir nehmen die Uraufführung auf. Es stehen über 150 MusikerInnen auf der Bühne, die bekomme ich leider nicht ins Studio. Das wäre heute unbezahlbar. Dabei sind der großartige Dresdner Kreuzchor, die Staatskapelle Dresden und der Opernsänger René Pape, auf den ich mich ganz besonders freue.

Ich selbst spiele auf der Bühne die Live electronics und die wird man auch auf dem Album hören.

Ahoi: Dein REQUIEM A ist in neun Abschnitte unterteilt. Kannst Du uns bitte etwas zu den Abläufen erzählen?

Sven Helbig: Ich wollte neun Teile schreiben, weil es in der Musik und den Texten um einen Neuanfang geht. In der Nummerologie ist die 9 die höchste Zahl, danach geht es wieder von vorn los, aber auf einer höheren ebene, mit ‘1’ und ‘0’. Solche formalen Anlagen gefallen mir und helfen, mich zu konzentrieren. Um im Hintergrund auch etwas an Dresden zu erinnern, habe ich den Bauplan des Requiems, wie eine zerstörte Stadt betrachtet. So steht an zweiter Stelle ein „Kyrie”, wie im traditionellen Requiem. „Sanctus” besteht aus alten und neuen Teilen, wie etwa die wiederaufgebaute Frauenkirche. Andere Teile sind vollkommen neu und mit Texten von mir versehen.

Ahoi: Natürlich habe ich auch in Deiner Vita herumgestöbert. Neben Zusammenarbeiten mit Rammstein hast Du auch mit den göttlichen Pet Shop Boys gemeinsame Sache gemacht, faszinierenderweise an Projekten, die dem gemeinen Radiohörer unter uns nicht wirklich so geläufig sind: die Pet Shop Boys in Ballett beispielsweise. Aber auch Battleship Potemkin. Das ist ja hochaufregend. Was waren das denn für Kooperationen?

Sven Helbig: Ich arbeite mit den Pet Shop Boys seit über 20 Jahren. In dieser Zeit habe ich für sie Orchester und Chöre arrangiert und auch ein Album („Battleship Potemkin”) produziert. Ein Ballett mit dem Titel „The Most Incredible Thing” war dabei und auch die Alan Turing Story „A Man from the Future”. Das haben wir in der Royal Albert Hall aufgeführt. In diesem Jahr wird es wieder eine Zusammenarbeit geben. Darauf freue ich mich sehr. Neil Tennant und Chris Lowe sind zwei inspirierende Künstler und für mich immer eine reiche Quelle an Inspirationen. Neil hat mir auch bei der Covergestaltung für „Requiem A” geholfen.

Ahoi: Nach der Uraufführung muss das Requiem ja auch weiter zu Gehör gebracht werden. Wird es eine Tour geben? Wenn ja wohin? Wenn nein, warum nicht?

Sven Helbig: Das Requiem A erklingt dann wieder am 8. Mai in Wien, gemeinsam mit den Wiener Symphonikern auf dem Heldenplatz und im Oktober in Coventry in der Kathedrale. Das sind geschichtsträchtige Orte. Coventry war vollkommen zerstört und in der Kathedrale wurde Benjamin Brittens „War Requiem” uraufgeführt. Diese drei Konzerte sind ein schöner Anfang. Es gibt schon einige sehr interessante Anfragen, aber dazu darf ich noch nichts sagen.

Ahoi: Wenn ich richtig informiert bin, bist Du auch einer der Mitbegründer der Dresdner Sinfoniker. Gibt es hier noch Kooperationen? Warum wurden die Dresdner Sinfoniker gegründet? Und dann gibt es ja, glaube ich, noch die Dresdner Philharmoniker. Oder sind hier Überschneidungen zu spüren? Ich frage für unsere Leipziger Leserschaften, die ja selten in Dresden sind, da sie sich doch sehr um sich selbst drehen in der Regel.

Sven Helbig: Die Dresdner Sinfoniker sind weiterhin sehr aktiv mit vielen bahnbrechenden Projekten. Ich beobachte das allerdings nur aus der Ferne, da ich bereits seit 2006 nicht mehr dabei bin. Die Arbeit an meinen Projekten nimmt einfach zu viel Zeit in Anspruch. Gegründet haben wir das Orchester 1996, weil wir viele Orchesterstücke, die uns gefielen, auf den Konzertprogrammen vermisst haben.

Ahoi: Danke, lieber Sven Helbig – und von Herzen viel Erfolg.

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