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  • Interviews
Gespräch mit der Weltbürgerin und Hebamme Isabel

Teil 1: Ich durfte so viel verlernen in den letzten 20 Jahren.

Isabel in Freiheit und Glück © Isabel privat

Als Leipzig nach der großen Depression der Nachwendezeit endlich wieder die Ärmel hochkrempelte und auf einmal alles möglich war, stießen junge Kulturinteressierte in die freigewordenen Räume und gestalteten Zukunft, ihre und die Zukunft anderer Menschen. Damals lebte Isabel in Leipzig und war auch Teil der Szene in der Villa, die beispielsweise Neulicht-Konzerte ausrichtete.

Irgendwann zerrte die Neugier und die Lebenslust sie in die Welt. Glücklicherweise riss der Kontakt zu Ahoi-Redakteur Volly Tanner, der damals zum Orga-Team gehörte, nie wirklich ab. Und da Isabels Leben ein faszinierend ungleichförmiges, dafür aber selbstbestimmtes und mündiges Leben wurde, fragte Volly Tanner nach. Isabel erzählte aus vollem Herzen – in zwei Teilen für unsere Ahoi-Interviewserie:

Ahoi: Guten Tag, liebe Isabel. Schön, dass wir mal wieder miteinander schnattern können. Du lebst jetzt in Mexiko und arbeitest dort, wenn ich richtig informiert bin, als Hebamme. Wie muss ich mir Deine Lebensumstände dort vorstellen? Mexiko ist ja äußerst vielfältig …

Isabel: Buenos dias! Schön, dass ich hier etwas über mich erzählen darf. Ja, seit vier Jahren bin ich nun schon in Mexiko. Und wie Du schon meintest, es ist sehr vielseitig. Man stellt sich Mexiko ja eher mit Palmen, Strand und Tequila vor. Doch ich lebe hoch oben in den Bergen von Chiapas, dem ursprünglichsten und daher ärmsten Teil dieses riesigen Landes. Wir wohnen auf 2.300 Meter Höhe in San Cristobal de las Casas und das Wetter ist durchwachsen. Wenn die Sonne scheint, dann brennt es und wenn sie weg ist, muss man sich die Wolljacke anziehen (was ich ja liebe, ich liebe Wolljacken). Unsere Stadt mit mehr als 220.000 Einwohnern (so genau weiß man das nicht) liegt am Fuße eines erloschenen Vulkans und ist kolonialistisch geprägt mit seinen bunten Häusern, Kirchen und mit Blumen geschmückten Plätzen.

Hier in Sancris, wie wir es nennen, leben indigene Völker mit ihren eigenen Sprachen Tsotsil und Tzeltal, zugezogene Mexikaner und Menschen von hier und recht viele eingewanderte Leute aus der ganzen Welt in einem bunten Mix friedlich zusammen. Ich liebe die Buntheit der Kulturen, ich liebe die Farben, die mexikanische Musik und das Essen, die indigenen Bräuche wie Temazcal (traditionelle Schwitzhütten, was ich jede Woche mindestens einmal mache und teilweise auch anleite), die Natur und Parks, die frische Bergluft und den wunderschön blauen Himmel. Was mich am meisten begeistert, ist die Gemeinschaft, in der wir hier leben. Wir helfen uns wirklich gegenseitig und unterstützen uns. Nur ein fiktives Beispiel: Mein Kind ist gestürzt und ich weiß nicht recht, wie ich die Wunde versorgen soll. Dann schreibe ich das in einer der lokalen Gruppen und bekomme sofort Rat und Hilfe von Leuten. Dies sage ich, um zu verdeutlichen, wie hier Gemeinschaft wirklich gelebt wird. Ich wohne mit meinem 7jährigen Sohn Laya (sein Name bedeutet „frei“ auf philippinisch) und meinem Partner in einem schönen Haus mit Garten am Stadtrand, gleich neben einem Fluss und einem Naturpark. Mein Sohn kann frei draußen spielen und hat indigene wie auch multikulturelle Freunde. Er geht hier seit drei Jahren in eine kleine alternative Schule, die auch auf Gemeinschaft und soziale Werte setzt.

Ahoi: Und wie arbeitest Du?

Isabel: Als Hebamme habe ich meine kleine Praxis. Ich teile mir einen schönen Raum in einem Gesundheitszentrum zusammen mit meinem Freund, der Thai-Massagen anbietet. Hier biete ich alles rund um die Begleitung von werdenden Eltern an, mache Vorsorgen, Geburtsvorbereitungskurse, Mama- und Babygruppen, Meditationen und wir halten auch wöchentliche Kakao-Zeremonien ab. Ich teile auch gerne mein Wissen mit angehenden oder jungen Hebammen oder Doulas. Das macht mir sehr viel Spaß und da viele Reisende in unseren Ort kommen, ist auch immer mal wieder die ein oder andere Geburtshelferin dabei, die mich dann „irgendwie“ findet. Hausgeburten begleite ich auch und ich habe in den letzten Monaten auch vier freie Geburten unterstützt, bei denen die Frauen entschieden haben, nur mit ihrem Partner zu gebären. Ich war sozusagen der Plan B, der in einem Fall nur für die Plazentageburt gebraucht wurde. Gerade veröffentliche ich auch mein Buch, erst mal nur auf englisch, aber die deutsche Version kommt bald. In dem Buch, das „Fetched from the Stars“ heißt, geht es um inspirierende Geschichten und „Guidance“ rund um die intuitiven und spirituellen Aspekte von Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Ich erzähle viel aus meiner eigenen Erfahrung als Hebamme und Mutter und lasse natürlich auch wissenschaftlich fundiertes Wissen einfließen. Ich fühle, es ist sehr schön geworden und ich bin schon sehr gespannt, wie es den Leuten da draußen gefallen wird.

Ahoi: In den 90ern des letzten Jahrhunderts warst Du Teil des Orga Teams der „Neulicht“-Konzerte, die wir damals gemeinsam in der Villa Leipzig ausrichteten. Wie viel Musik hast Du jetzt in Mexico? Gibt es noch Verbindungen zur hiesigen Musikwelt?

Isabel: Musik ist echt so wichtig geworden. Mein Vater ist ja ausgebildeter Musiker und ich wuchs mit Livemusik auf. Das hat mich sehr geprägt und wahrscheinlich auch etwas eingeschüchtert, denn Papa war ja der „Supersänger“! Dazu kam dann noch, dass vielen Kindern, inklusive mir, in der Schule die Lust am Singen genommen wurde. Zumindest war es zu meiner Schulzeit noch so, dass man sich vor die Klasse stellen musste und ein Lied vorsang und dann eine Note bekam. Das war echt immer ziemlich schrecklich und hatte nichts mit freier Expression zu tun. Mit ungefähr zwölf Jahren habe ich mir selbst Gitarre spielen beigebracht und es reichte, um ein paar Lieder zu begleiten und auch ein paar Lieder zu schreiben. Mein Bruder und ich spielten oft Musiker wie Cat Stevens, Dire Straits, Eric Clapton, Beatles, Van Morrison und andere tolle Künstler und auch wenn ich da noch kein Englisch sprach, trällerte ich einfach mit. Ich kann mich noch daran erinnern, als die englische Sprache langsam in mein Leben kam und ich die Texte endlich verstand. Das war teilweise lustig.

Mein Bruder starb leider, als ich 14 und er 23 Jahre alt war und es riss ein tiefes Loch in mein Leben. Alles war anders. Vieles erinnere ich gar nicht mehr so richtig. Man nennt das wohl auch Trauer-Amnesie. Als ich dann Deutschland verließ, mit Anfang 30, fing ich wieder an, Gitarre zu spielen und zu singen. Die paar Griffe konnte ich noch und es reichte für Lagerfeuersongs und ich bekam auch eine Ukulele geschenkt und schrieb wieder ein paar Songs.

Als ich schwanger und Laya dann geboren war, schrieb ich auch sehr viele Lieder für ihn. Das war eine wunderschöne und sehr kreative Zeit. Fast jeden Tag kam ein neues Lied zu mir und ich liebe es noch heute, für und mit Laya zu singen. Er singt eh den ganzen Tag, trällert die ganze Zeit irgendein Lied. Wirklich süß.

Aber so richtig fühlte ich mich noch nicht frei zu singen. Der große „Durchbruch“ sozusagen kam hier in Mexiko. Seit über drei Jahren bin ich in einem Frauenchor, der so viel mehr ist, als gemeinsam Lieder zu singen. Die Leiterin und Sängerin Lucy Sessions (sie heißt wirklich so) weiß um die Kraft der Musik und des Singens als Medizin. Wie viele Tränen in ihren Klassen kullern, weil sich was Altes lösen durfte. Anfangs konnte ich kaum singen, weil ich so viel weinen musste. Ich spürte, wie blockiert ich war, wie sich mein 5. Chakra durch lebenslange Glaubenssätze nicht ausdrücken konnte. Und dann wurde echt was befreit. Und nicht nur, dass ich einfach „nur“ singe, es ist viel mehr. Es wirkt sich auf mein ganzes Leben aus. Sich ausdrücken zu können und sich nicht zu schämen oder sich blockiert zu fühlen, ist ein riesiges Geschenk. In der Schwitzhütte, wo es die meiste Zeit dunkel ist und wir mit den Elementen in der Hitze sitzen, singen wir auch. Es ist Teil des Gebets. Singen wurde für mich zu der schönsten Art zu beten. Jeder versteht „Beten“ unterschiedlich, für mich ist es eine Verbindung zu etwas Größerem. Beten wird zu einer umfassenden körperlichen Erfahrung im Temazcal. Die Hitze, die Dunkelheit, die stickige Luft und die dadurch entstehende Konzentration auf den eigenen Atem, die persönliche Intention, mit der man hineingeht und vor allem das gemeinsame Sein in Community und Familie machen das Besondere im Temazcal aus. Ach, ich liebe es so und kann es nur empfehlen. Soweit ich weiß, gibt es in Deutschland auch Schwitzhütten. Wer weiß, vielleicht wird ja in einigen Deiner Leser das Interesse geweckt.

Auch in unseren wöchentlichen Kakao-Zeremonien singen wir sogenannte Medicine-Songs auf spanisch, englisch und in nativen Sprachen der nordamerikanischen Urvölker.

Ahoi: Und die Musik hier aus Deutschland? Gibt es da noch was?

Isabel: Zu deutscher Musik habe ich tatsächlich keinen großen Kontakt mehr. Ab und zu höre ich noch Niels Frevert, Wolfgang Müller und dergleichen. Schöne Erinnerungen an meine Zeit in Hamburg, wo ich etwa vier Jahre gelebt habe, kommen da immer hoch. Aber ich fände es toll, wenn Laya mehr deutsche Lieder singen würde! Also nehme ich diese Frage als Anregung und danke Dir!
 

Ahoi: In Deutschland ist der Beruf der Hebamme mittlerweile akademisiert. Seit 2020 muss man diese Berufung sogar studieren, ansonsten darf man hier nicht tätig sein. Wie ist das bei Dir? Wie bist Du Hebamme geworden? Und was für Voraussetzungen brauchst Du dafür in Mexico?

Isabel: Ich habe damals noch in Freiburg an der Uniklinik mein internationales Hebammen-Diplom gemacht. Das war eine Ausbildung mit Schulblocks und Einsätzen in verschiedenen Bereichen der Frauenklinik (Kreißsaal, Wochenbettstation, Station für Risikoschwangerschaften, Kinderintensivstation, Gynäkologie, Kinderwunschzentrum etc.) und auch bei Hausgeburtshebammen oder Geburtshäusern.

Es war hart, echt nicht einfach. Die meisten meiner Mitschülerinnen und ich eingeschlossen, haben uns regelrecht durch die Ausbildung gekämpft. Wir erlebten viele Erniedrigungen, Beleidigungen, Respektlosigkeit nicht nur uns, sondern auch den werdenden Eltern gegenüber. Irgendwie habe ich es da durch geschafft, war auch zwischendurch bei einer 83jährigen Hebamme in Guatemala und kam zum ersten Mal mit der Maya-Kultur in Berührung. Das half mir sehr und gab mir die Richtung, wo ich hin wollte.

Was die Akademisierung angeht, weiß ich nicht recht, was ich davon halten soll. Auf der einen Seite finde ich es sehr gut, dass das Hebammenwesen als wissenschaftlich fundiertes Wissen anerkannt wird und nun von Hebammenbüchern anstatt von Ärztebüchern gelernt wird. Auf der anderen Seite finde ich ein Abitur als Voraussetzung nicht wirklich sinnvoll, da es so viele junge Mädchen ohne Abitur da draußen gibt und gab, die einfach super Hebammen sein könnten und sind, da sie ein Gespür für diese Berufung haben. In der Maya Kultur, wie auch auf den Philippinen wird man sozusagen „auserkoren“ und lernt von der Dorfältesten, seiner Mutter oder Großmutter. Es geht um den „Don“, das Geschenk, das gottgegebene Talent, für Frauen in Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett da zu sein. Ich finde, dass es bei einer Berufung wie Hebamme darum geht, einen bestimmten Instinkt und sehr viel Intuition zu haben oder zu entwickeln. Und das kommt mit Erfahrung und nicht mit Theorie. Ich fühle Hebammenarbeit eher als ein Handwerk als ein Studium. Und wenn man tiefer oder einen akademisierten Weg einschlagen möchte, kann man das mit einem anschließenden Studium tun. Ich hätte mir gewünscht, wenn die Hebammenausbildung im Allgemeinen verbessert worden wäre. Durch bessere Atmosphäre in den Kliniken, weniger Powergames und mehr Wertschätzung. Ich habe persönlich manchmal einfach nicht lernen können, weil mein Nervensystem so auf Anschlag war. Und es ist allgemein bekannt, dass die Hebammenausbildung an sehr vielen Schulen in Deutschland als äußerst belastend empfunden wurde. Wie es jetzt ist, weiß ich nicht. Vielleicht ist mehr Respekt da. Ich hoffe es wirklich sehr.

Am 5. Mai, zum internationalen Hebammentag, war ich auf einer Demonstration von indigenen Hebammen (Parteras indigenas). Sie demonstrierten sogar für die Nicht-Lizenzierung von traditionellen Hebammen, da dadurch sehr viele Einschränkungen mit sich kommen. Das ist ein sehr großes Thema an sich und darauf möchte ich jetzt gar nicht eingehen. Doch wie überall, vertreibt der medizinische Standard, der sicherlich auch Leben rettet, die traditionellen und kulturellen Weisheiten der Einheimischen, die es zum Beispiel gewohnt sind, zu Hause in der Hocke oder im Stehen zu gebären.

Ahoi: Und wie ist es für Dich persönlich, Isabel?

Isabel: Tatsächlich bin ich in Mexiko unter keinem Radar und ich genieße die Freiheit, Hausgeburtsbetreuung anzubieten, ohne eine Lizenz zu gefährden. So kann die Frau nach geplatzter Fruchtblase zu Hause gebären und ich werde nicht durch irgendwelche Richtlinien dazu gezwungen, sie nach 24 Stunden in die Klinik zu bringen.

Wer mehr darüber wissen möchte, sollte mein Buch lesen. Dort habe ich viele Dinge erläutert, die ich „verlernen“ durfte in den letzten 20 Jahren.

Ahoi: Vor Mexiko warst Du sieben Jahre lang am Strand der Philippinen. Auch als Hebamme? Was hast Du denn dort gemacht?

Isabel: Asien und die Philippinen. Ja, insgesamt zehn Jahre war ich dort. Ich war viel tauchen und habe eine wahre Leidenschaft entdeckt. Ich bin in Malaysia, Indonesien, Thailand, Australien gewesen und habe wirklich sehr einsame und ursprüngliche Inseln besucht. Dabei lernt man auch sehr spezielle Menschen kennen, denn einige Reisen waren wirklich anstrengend und bedürfen viele Stunden im Bus, auf Booten, zu Fuß etc. Auf einer kleinen Insel vor Sulawesi traf ich dann auch einen Spanier, der mir von San Cristobal erzählte und auch wenn es noch etwa acht Jahre brauchte, war da bereits ein Samen gesät worden.

2014 änderte sich mein Leben, als ich auf die Philippinen kam. Dort beschloss ich, keinen Alkohol mehr zu trinken, aufzuhören, zu rauchen, Kaffee zu trinken und meine Ernährung für die nächsten Jahre auf Rohkost umzustellen. Statt Party am Strand gab es dann Yoga, Meditation und Innerdance (eine trance-induzierte Heilart, die ich dort lernen durfte). Statt Herumreisen wurde ich sesshaft in einer Community, baute mir meine simple Bambushütte zwischen Mangobäumen und Kokospalmen und wurde, was ich eigentlich wirklich bin: Ein introvertiertes Wesen. Für etwa zwei Jahre lebte ich sehr zurückgezogen, arbeitete aber auch weiter als Hebamme und betreute Hausgeburten auf verschiedenen Inseln der Philippinen. Ich erlebte Wunderschönes und war wirklich beseelt vom Leben in und mit der Natur. Ich lernte von den traditionellen Hebammen, verliebte mich in die Freundlichkeit der Philippiner, schwamm fast jeden Tag im Meer und arbeitete in meinem Garten. Ich orientierte mich komplett am Tag- und Nachtrhythmus der Sonne und des Mondes und hatte das Gefühl, dass ich durch tiefe (Entgiftungs-)Prozesse gehen durfte. Die Philippinen haben mein Leben komplett verändert und als dann 2019 mein Sohn in einem kleinen Haus am Strand geboren wurde, begann eine komplett neue Ära meines Lebens und auch meines Berufs. Nun wusste ich, was „Sache ist“. Ich sage das mit einem Schmunzeln, denn auch vorher war ich eine gute Hebamme. Doch mit der Geburt Deines eigenen Kindes aus eigener Kraft verändert sich natürlich sehr Vieles im Leben einer Frau und eben auch einer Hebamme.

Ahoi: Wie war es auf den Philippinen für Laya und Dich?

Isabel: Mama auf den Philippinen zu werden, war wirklich ein Segen für mich und Laya. Philippiner lieben Kinder, stillen Kinder für sehr lange, tragen ihre Kinder, schlafen mit ihren Kindern jahrelang im gleichen Bett, kümmern sich alle gemeinsam um die Kleinsten in der Familie oder im Dorf. Ich konnte ganz meinem Gefühl trauen, wie ich mit Laya leben wollen würde und mein Umfeld spiegelte mir keine Vorurteile oder unnötige Kommentare.

Auch als Covid kam und unsere Insel, eigentlich das ganze Land, für zweieinhalb Jahre praktisch „geschlossen“ wurde, lebten wir ein zufriedenes freies Leben und Laya konnte unbeschwert mit seinen Freunden spielen und musste niemals eine Maske tragen und auch nur wenige sehen. Er wuchs mit lachenden Gesichtern und in Freiheit auf!

Doch nach sieben Jahren fühlte ich, eine Veränderung musste wieder her und somit erinnerte ich mich an die Worte meines Kumpels, der mir auf Sulawesi von San Cristobal erzählte. San Cristobal ist auch der Beschützer der Reisenden und irgendwie fand ich das passend. Laya’s Vater Evan, der Amerikaner ist, fand die Idee prima und so ging’s 2022 gemeinsam als Co-Parenting Eltern los gen Nordamerika, unsere philippinische Katze Muna kam auch mit.

Ahoi: Und welche Unterschiede gibt es zwischen dem Leben in Mexiko und den Philippinen?

Isabel: Wie gesagt, ich bin ja nicht am Strand hier, sondern in den Bergen mit Kiefern-und Eichenbäumen und kann somit landschaftlich nicht so viel vergleichen. Das habe ich auch bewusst so gewollt. Südostasiatische Strände sind wirklich traumhaft und kein Strand in Mexiko kann da mithalten. Und außerdem hatte ich Lust auf Wolljacken, Kaminfeuer, rote Beete, heißen Kakao und deftige Suppen und „geerdete“ Menschen. Irgendwas zog mich in diese Bergstadt, wahrscheinlich weil ich aus dem Thüringer Schiefergebirge komme. Wer weiß? Es war eine Herzensentscheidung und wohl auch viel Intuition. Vielleicht ist das eh das Selbe.

Beide Länder wurden von den Spaniern kolonialisiert, bei den Philippinen (benannt nach dem spanischen König Philipp) kamen dann noch die Amerikaner hinterher. Es gibt einige Dinge, die ähnlich sind. Viele philippinische Wörter haben spanischen Ursprung, es bestand auch reger Handel zwischen Mexiko und dem Inselstaat. Doch einer der Unterschiede ist der Erhalt der vorkolonialen Kultur und der Stolz auf diese. Hier in Mexiko ist besonders die Maya- und Aztekenkultur sehr präsent. Es gibt dutzende ursprüngliche Sprachen, die bis heute noch in weiten Teilen gesprochen werden. Die indigenen Völker, die besonders hier in Chiapas und Oaxaca leben, tragen ihre traditionellen Trachten und leben teilweise noch sehr ursprünglich mit all ihren Bräuchen, Nahrungsmitteln, Heilformen etc. Auf den Philippinen verlieren die Indigenen mehr und mehr an Bedeutung. So war zumindest mein Eindruck.

Ahoi: Und die Sprache? Wie kommst Du mit dem Spanischen zurecht? Ich selbst bin da ja extrem unterbegabt …

Isabel: Ich liebe ja Spanisch. Lernen durfte ich diese schöne Sprache bereits kurz nach meinem Abitur, als ich für ein Jahr nach Madrid ging. Und irgendwie habe ich es nicht verlernt, obwohl ich für so viele Jahre mehr englisch als sogar deutsch sprach. Ich habe sogar das Gefühl, dass Spanisch aus mir einen anderen Menschen macht. Das mag komisch klingen, doch besonders das Mexikanisch ist so poetisch, so herzerfüllt, so liebenswert. Ich liebe es wirklich sehr.

Ahoi: Was durftest Du noch kennenlernen?

Isabel: Hier in Mexiko habe ich nicht nur das Temazcal kennenlernen dürfen, sondern auch die Vision Quest und den Sonnentanz. Bei beiden Ritualen macht man für vier Tage ein Trockenfasten. Das heißt, man isst und trinkt nichts. Und zur Beruhigung: Man stirbt auch nicht. Diese Erfahrung ist ziemlich einschneidend, denn es sprengt Glaubenssätze und die eigenen Grenzen des Erlernten. Auch hier durfte ich wieder einiges verlernen. Man schafft so viel mehr, als man denkt, glaubt oder einem erzählt wird. Bei der Vision Quest sitzt man für vier Tage im Wald, einer Höhle oder auf einem Berg (kommt darauf an, wo man das macht) und geht in ein tiefes Gebet und wartet auf eine klare Vision. Ich mache es dieses Jahr zum dritten Mal und beim letzten Mal im Oktober habe ich tatsächlich am letzten Tag gefühlt, dass mich meine körperlichen Lebensgeister langsam verlassen. Doch der Geist bleibt stark und man ist von der Gemeinschaft getragen. Das „Dorf“ hält tagelang Wache am Feuer, isst und trinkt für die sogenannten Visionäre mit und betet für ihr Wohlbefinden. Ich fand diese Erfahrungen wirklich unglaublich schön. Irgendwie gut, wenn die einzige Sorge für ein paar Tage ist, dass man nicht stirbt. Das klingt vielleicht komisch, doch es war wirklich unglaublich beruhigend für mich. Der Sonnentanz hingegen ist vier Tage in Gemeinschaft sein, auch ohne Essen und Trinken, aber mit Tanz, Gesang, zweimal Temazcal am Tag und Blutopfern der Männer. Frauen können auch, doch es ist eher für die Männer gedacht, denn als Frau bluten wir jeden Monat und wir gebären und das sieht „das Dorf“ eh genug als Opfer an für Mutter Erde. Eine wirklich wundervolle Erfahrung, bei der dieses Mal sogar mein Sohn mit war. Der durfte natürlich essen!

Es ist erstaunlich, wie schnell sich der Körper nach einer Trockenfastenzeit wieder erholt. Bereits nach wenigen Stunden und Essen und vor allem Trinken ist man wieder fit. Der Körper ist einfach so stark und auf Heilung und Homöostase aus!

Teil 2 des langen Interviews mit Isabel erscheint nächste Woche Dienstag. Hier besprechen wir dann, was Doulas sind, welche Verbindungen noch nach Leipzig bestehen, was Isabel in der Ferne vermisst und was sie dorthin zog und noch einige Fragen mehr. Bleibt neugierig auf die Welt!

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