Gerade in der Bildung neue, sinnvolle Wege zu gehen, braucht immens viel Engagement. Ein Glücksfall, wenn sich auch die Schulleitung hier einbringt. An der Oberschule Markranstädt werden diese neuen, sinnvollen Pfade beschritten. Ahoi-Redakteur Volly Tanner sprach mit der Schulleiterin frau Nestler über gesunde Ernährung, Schülerfirmengründung, Kochstars in der Schule und das Senken der Schulabbrecherquote auf 0 Prozent:
Ahoi: Guten Tag, Frau Nestler. Sie sind die Schulleiterin der Oberschule in Markranstädt. Am Donnerstag, dem 5. Juni 2025, haben Sie den Sternekoch Stefan Marquard zu Gast bei sich in der Aula. Den kennt ja jeder, der sich in irgendeiner Weise mit Lebensmitteln, Kulinarik oder gesundem Essverhalten auseinandersetzt. Was macht der Meister denn bei Ihnen in Markranstädt?
Christiane Nestler: Herr Marquard wird in unserer Schule (Mensa im KUK) unser Team der neu gegründeten Schülerfirma schulen, wie gesunde, leckere und nachhaltige Pausensnacks zubereitet werden können. Nachdem wir zu Beginn des Schuljahres das Qualitätssiegel für exzellente Berufsorientierung erhalten haben, möchten wir echten Unternehmergeist nicht nur über kooperierende Unternehmen kennenlernen, sondern diesen in der Oberschule Markranstädt auch selbst leben. Unser „KreativKollektiv@OSM“ wird zukünftig schulische und perspektivisch auch nicht schulische Veranstaltungen mit kleinen kulinarischen Köstlichkeiten bereichern. Weitere Angebote rund um die Durchführung schöner Veranstaltungen (Gastgeschenke wie Seifen, Kerzen, Schlüsselanhänger, Salze oder individuelle Wünsche aus dem 3D Drucker) kommen hinzu.
Motivation pur ist es dann, wenn man vom „Meister“ wie Sie so schön sagen lernen kann.
Ahoi: Das klingt ja interessant – was ist denn dieses Projekt „Sterneküche macht Schule“ ganz konkret?
Christiane Nestler: 25 Schulen werden jährlich aus unzähligen Bewerbungen ausgewählt, in denen Herr Marquard und sein Team kocht und mit den Schülerinnen und Schülern und Lehrern vor Ort in den Räumlichkeiten der Schule gesunde Speisen zubereiten und dann von der Schülerschaft verkostet werden können und hoffentlich zu dem Schluss führen, dass gesund auch lecker sein kann. Eine großartige Sache, wie ich finde. Unsere Schülerinnen und Schüler sind schon ganz aufgeregt und freuen sich auf den Workshop am Mittwoch und auf ihren Einsatz am Donnerstag. Frau E. Böttger leitet schon seit vielen Jahren einen sehr beliebten Kochkurs für die Klassenstufen 5 bis 8 und seit diesem Jahr gibt es einen Kurs für die Klassenstufe 9, der den Schwerpunkt noch mehr auf die Berufsorientierung legt. Das große Interesse an den Angeboten zeigt uns, dass wir den richtigen Weg einschlagen und der Ausbau fächerverbindender Angebote rund um die Kulinarik auch im Sinne des Bildungslandes 2030 das Schulleben und die Motivation der Schüler und Schülerinnen verbessern kann.
Ahoi: Ich hörte, dass schon am 4. Juni 2025 der Herr Marquard in Ihrer Schule aktiv sei. Was macht er denn da?
Christiane Nestler: Am 4.5. findet von 14 bis 16 Uhr das Schaukochen statt und die Schülerinnen und Schüler werden sozusagen vorbereitet für ihren großen Einsatz in der Küche. Gäste sind herzlich willkommen, die mit uns ins Gespräch kommen möchten, wie gesund an der Schule gesnackt werden kann.
Ahoi: Können Sie uns mehr zu der Schülerfirma „KreativKollektiv OSM“ erzählen, Frau Nestler?
Christiane Nestler: Die Idee für die Gründung der Schülerfirma hat sich aus den Aktivitäten unserer Schülerinnen und Schülern in den letzten vier Jahren ergeben. Regionalität und Kooperationen mit Vereinen, Bildungseinrichtungen (Kitas, Grundschulen, Altenheime …), Firmen und Unternehmen und dem Schulträger werden an unserer Schule auch als Elemente der Berufsorientierung gelebt. Unterstützung beim Seniorenkaffee in der Adventszeit, Kinderschminken und Basteln beim Gruselfest der Grundschule oder beim Mühlenfest in Frankenheim, Kaffee und Kuchen zum Kinderfest haben unsere Schülerinnen und Schüler genutzt, um auf Spendenbasis auch ihre Abschlusskasse oder Klassenkasse aufzubessern. Spaß und eigentlich auch die Reinform vom Projektlernen haben die Idee der Schülerfirma reifen lassen. Und nun wollen wir starten.
Ahoi: Bei gesundem Essverhalten geht es ja nicht nur um die Leibesfülle, sondern auch um ganz profane Angelegenheiten wie Konzentrationsfähigkeit, Durchhaltekräfte etc. Wer sich mit „leerem Essen“ den Magen füllt, ermüdet schneller als jemand, der gesunde Lebensmittel mit guten Inhaltsstoffen verputzt. Gerade industriell hergestellte und extrem verarbeitete „Lebensmittel“ sind selten wirkliche Lebensmittel, viel öfter nur Zuckerbomben mit Zusatzstoffen. Da ist regional auf den Feldern der Nachbarschaft besseres zu finden. Wie wollen Sie regional kooperieren?
Christiane Nestler: Genau darum geht es … unsere Schülerräte haben sich immer wieder für das Aufstellen eines Snackautomaten ausgesprochen. Darin finden sich gewöhnlich leider auch nicht gesündesten Inhaltsstoffe wieder. Wir möchten den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit geben, an ausgewählten Tagen an der Herstellung und am Verkauf gesunder Speisen maßgeblich mitzuwirken.
„Stadt-Land-Küche“ kann hierbei unterstützen und geeignete Kooperationspartner aus der Region vermitteln. Hier sind wir noch offen und freuen uns auf neue Kooperationen.
Ahoi: Solch eine Schülerfirma braucht ja auch einen gesetzlichen Rahmen. Welchen hat Ihre denn?
Christiane Nestler: Das LSJ Sachsen – die Servicestelle für Schülerfirmen in Sachsen - begleitet uns bei allen rechtlichen Fragen. Das Schulprojekt Schülerfirma hat viele Möglichkeiten, echtes unternehmerischen Denken zu üben und zu praktizieren, fast wie im echten Leben.
Ahoi: Das Erleben von Erfolgen und Misserfolgen, aus denen man dann lernen kann, um diese wiederum in neue Erfolge zu verwandeln, ist ja auch Teil der Schülerfirma. Damit bereiten Sie Ihre Schülerinnen und Schüler auf eine Arbeitswelt nach der Schule vor. Sie haben aber noch anderes in petto. Ich hörte von Ihren „Praxistagen“. Können Sie uns dazu bitte noch etwas erzählen?
Christiane Nestler: Wir sehen die Schülerfirma als wichtige Ergänzung unserer Praxistage HS und als Öffnung zur Schaffung von Praxistagen für die Realschüler. Mit den Praxistagen sollen Zukunftskompetenzen entwickelt werden, erste Kontakte zur Arbeitswelt sollen geknüpft werden und in verschiedene Berufsfelder soll hineingeschnuppert werden. Die Praxistage haben in den letzten vier Jahren unsere Hauptschulklassen gelebt (Klasse 7 WTH-Unterricht fächerverbindend auf der Kleinen Farm, Richtungswechsel e.V.; Klasse 8: ein Freitag im Unternehmen; Klasse 9 Planung der eigenen Abschlussfahrt bzw. Erasmus Praktikum auf Kreta). Zum Beispiel hat unsere 7. Klasse HS immer donnerstags projektorientiert gelernt wie z.B. die Planung, Erbauung und Einweihung eines neuen Hühnergeheges oder eines Beachvolleyball–Platzes in den letzten beiden Jahren oder aktuell arbeiten die Schülerinnen und Schüler an dem Bau einer Outdoorküche, die auch Kindergärten und Grundschulen zugutekommen soll, den Verein aufwerten und auch Einsatz unserer Schülerfirma bedeuten könnte.
Eine Maßnahme zur Umsetzung des Bildungslandes 2030 (Weiterentwicklung des fächerverbindenden Unterrichts) unterstützt unsere Herangehensweise, verstärkt praxisorientiertes Lernen im Schulalltag zu verankern und projektbezogene Praxistage auch unseren Realschülern möglich zu machen.
Ahoi: Und welche Ergebnisse haben Sie in den letzten Jahren damit erzielen können?
Christiane Nestler: Im letzten Schuljahr lag unsere Abschlussquote bei 100 Prozent (Realschule und Hauptschule). Unser Konzept zur Berufsorientierung brachte uns das BO-Gütesiegel für exzellente Berufsorientierung und unsere Schülerinnen und Schüler konnten im letzten Jahr alle mit Perspektive nach der Zeit an der Oberschule starten: Ausbildungsplatz oder Start am Gymnasium. Heute feiern wir die Gründung unserer Schülerfirma gemeinsam mit Kooperationspartnern und Unterstützern. Mit der kleinen Farm Richtungswechsel e.V. haben wie einen zuverlässigen und kompetenten Partner für unser individuelles Schulergänzungsprojekt gefunden und haben die Möglichkeit neue Wege des Lernens anzubieten.
Besonders wichtig und unverzichtbar sind jedoch bei den auch sehr zeitaufwändigen Bemühungen und organisatorischen Herausforderungen unsere Schulassistentin und unsere Schulverwaltungsassistenz, die bei der Umsetzung und Durchführung solcher Unterrichtsformen unterstützen und vieles erst ermöglichen.
Ahoi: Danke, Frau Nestler, dass Sie sich die Zeit für uns genommen haben. Ihre Projekte sollten dringend „Schule machen“. Danke für Ihr Engagement.

