//
//
  • Interviews
Gespräch mit der Taubenschützerin Sonja vom Projekt AG Pro Stadttaube

Stadttauben können nichts für ihre Situation und versuchen nur, irgendwie zu überleben

Sonja und Taube © Pro Stadttaube

In vielen Gesprächen, egal zu welchem Thema, scharren Diskutanten gerade so an der Oberfläche. Das hat etwas mit Bezahlsystemen bei Medien zu tun, welche dann in der Überschrift möglichst emotional versuchen, zum Kauf anzuregen und Menschen, die ihre Meinung in der Regel nur aus dem Lesen der Überschriften schöpfen. Es hat aber auch etwas mit dem Drang zur Vereinfachung zu tun. Ahoi-Redakteur Volly Tanner führt Interviews im kostenfreien Raum, damit trotzdem noch Inhalte in Gesprächen angeboten werden. Gerade das Thema Stadttauben ist in einigen Ecken Leipzigs ein flatterndes. Volly Tanner fragte deshalb bei Sonja vom Projekt AG Pro Stadttaube nach:

Ahoi: Guten Tag, Sonja. Wir trafen uns beim veganen Erntedankfest der Philippuskirche in Plagwitz. Hier hattest Du mit Freundinnen und Freunden einen Stand und das Projekt AG Pro Stadttaube vorgestellt. Welches Ziel hat die AG Pro Stadttaube des Pro Lebensglück e.V. und wie ist die Initiative organisiert?

Sonja: Die AG Pro Stadttaube gehört zum Verein Pro Lebensglück e.V. und unser Ziel ist es, die Situation der Leipziger Stadttauben zu verbessern. Stadttauben leben unter extremen Bedingungen (etwa fehlendes artgerechtes Futter, fehlende sichere Rückzugs- und Brutplätze, fehlender Zugang zu sauberem Wasser). Um ihnen zu helfen, pflegen wir verletzte und kranke Tauben, betreiben einen Taubenschlag und tauschen Eier an wilden Brutplätzen, wodurch wir weiteres Tierleid verhindern können. Wir gehen zudem regelmäßig Taubenfüße entschnüren, da sich Tauben häufig an Haaren oder Fäden verheddern und ihnen dadurch Zehen absterben können.

Langfristig wünschen wir uns für die Stadt Leipzig betreute Taubenschläge nach dem Augsburger Modell. Dafür gehen wir mit politischen Gremien beratend in den Austausch.

Ahoi: Und was ist der Pro Lebensglück e. V.?

Sonja: Der Pro Lebensglück e.V. ist ein Tierrechtsverein, der ein friedliches Zusammenleben von Mensch und Tier anstrebt. Der Verein wurde 2017 gegründet und hat mittlerweile über 60 Mitglieder. Wir unterstützen Lebenshöfe mit Geldspenden und Arbeitseinsätzen und betreiben Aufklärungsarbeit in Schulen, lokalen Veranstaltungen und Social Media.

Schaut gerne auf unserem Instagram-Account @pro_lebensglueck vorbei. Dort finden sich unter anderem Posts zu unserer generellen Vereinsarbeit und einigen bisherigen und aktuellen Taubenpfleglingen.

Ahoi: In Eurem Flyer steht etwas vom Betrieb eines Taubenschlags nach dem „Augsburger Modell“. Was ist denn dieses „Augsburger Modell“ eigentlich?

Sonja: Das Augsburger Modell ist eine nachhaltige und tierschutzgerechte Lösung für Stadttaubenpopulationen in unseren Innenstädten. Es wurde in der Stadt Augsburg eingeführt und beschreibt ein Konzept, bei dem Tauben in speziell eingerichteten Taubenschlägen leben können, die auf ihre Bedürfnisse und das Wohlbefinden der Tiere abgestimmt sind.

In solchen Taubenschlägen gibt es Nistmöglichkeiten, artgerechtes Futter und Wasser. Zudem bieten sie Schutz vor Witterungseinflüssen und Raubtieren. Der Fokus liegt also zum einen auf der Bereitstellung eines natürlichen Lebensraums, in dem die Tauben artgerecht leben können, ohne den Menschen zu stören oder Schäden zu verursachen. Zum anderen erlaubt dieses Modell den Eiertausch in einem signifikanten Umfang, da die Tiere in dem Schlag statt an wilden, unbekannten und/oder schwer zugänglichen Brutplätzen ihre Eier legen.

Durch den Tausch von Eiern mit Gipsattrappen können wir den Bestand regulieren und weiteres Tierleid verhindern. Zahlen aus anderen Städten zeigen, dass das zum Teil mehrere Tausend Eier sind, die jährlich getauscht werden können. Es ist somit ein Win-Win für alle Parteien.

Ahoi: Ich wohnte längere Zeit direkt am Lindenauer Markt, bin auch immer wieder dort und erlebe den dortigen Populationsdruck ganz direkt. Nun kann ja vergiften auf gar keinen Fall der richtige Weg sein, auch in der Nähe des Goerdelerrings nicht. Was habt Ihr für Lösungen? Was kann getan werden und von wem?

Sonja: Das sehen wir auch so. Die Stadttauben können nichts für ihre Situation und versuchen nur, irgendwie zu überleben. Der Lindenauer Markt würde sich aufgrund der hohen Stadttaubenpopulation sehr gut für einen oder zwei betreute Taubenschläge eignen. Dafür bräuchte es „nur“ einen geeigneten Ort.

Andere Städte machen es vor: Taubenschläge können bereits in klassischen Baucontainern eingerichtet werden, die auf Flachdächern, Parkhäusern oder Grundstücken mit etwas freier Fläche abgestellt werden. Wenn jemand jemanden kennt, dann gerne bei uns melden *lach*. Erst kürzlich lag eine Unterschriftenliste in einer anliegenden Buchhandlung aus, mit der bei der Stadt Leipzig auf das Problem aufmerksam gemacht werden sollte.

Je häufiger das Thema von Bürgerinnen und Bürgern platziert wird, desto eher wandert es auf die politische Agenda.

Ahoi: Können Stadttauben auch domestiziert werden? Wo kommen sie überhaupt alle her?

Sonja: Die heutigen Stadttauben stammen von der Felsentaube ab und wurden bereits vor tausenden Jahren vom Menschen domestiziert. Nachdem sie als Fleischlieferanten und Boten ausgedient hatten, wurden sie ausgesetzt. Das ist besonders dramatisch, da sie als domestizierte Tiere auf die Hilfe der Menschen angewiesen sind. Sie siedelten sich dort an, wo das Futterangebot vorhanden war – in unseren Innenstädten. Gleichzeitig wurde ihnen ein Fortpflanzungsdruck angezüchtet, wodurch sich die Population stetig vergrößert.

Des Weiteren werden Tauben leider immer noch für Wettkämpfe gezüchtet (Brieftaubensport zählt sogar zum Weltkulturerbe). Viele Tiere schaffen den Weg zurück nach Hause nicht. Wenn sie Glück haben und nicht vorher entkräftet sterben, können sie sich zumindest den Stadttaubenschwärmen anschließen. Das gleiche gilt auch für Hochzeitstauben. Diese haben leider aufgrund ihrer Zuchtmerkmale in freier Wildbahn deutlich geringere Überlebenschancen.

Ahoi: Und wir als ganz normale Mitmenschen? Was können wir tun?

Sonja: Stadttauben zu respektieren, ihnen das Leben nicht noch schwerer zu machen und Verständnis für ihre Situation zeigen, kann jeder einzelne Mensch tun.

Man muss sie nicht mögen, aber das Leben, das sie aktuell führen, haben sie nicht verdient. Bis es soweit ist, dass die Leipziger Stadttauben in betreute Taubenschläge umgesiedelt werden, hilft es uns, wenn wilde Brutplätze gemeldet werden. Solche erkennt man zum Beispiel an Tauben, die in Gebäuden ein- und ausfliegen. Je mehr Nester wir kennen, desto mehr Eier können wir tauschen.

Darüber hinaus gibt es viele kleine Dinge, die Menschen tun können. Zum Beispiel können wir Kinder darauf hinweisen, dass sie Tauben nicht erschrecken oder scheuchen sollen. Was für die Kinder wie ein Spiel aussieht, ist für die Tiere purer Stress und verbraucht wertvolle Kalorien. Auch das richtige Entsorgen von langen Haaren und Fäden verhindert, dass sich Taubenfüße verschnüren. Für den Fall, dass Tauben von privaten Balkonen oder Gebäuden vergrämt werden sollen, sollte zumindest auf artgerechte Methoden gesetzt werden. Tauben verfangen sich oft in unzureichend angebrachten Netzen oder verletzen sich an Metallspikes, was zu schweren Verletzungen oder sogar zum Tod führen kann.

Ahoi: Wie ist denn der Stand in Leipzig bei Taubenschlägen? Wie steht die Stadtverwaltung dazu? Und wer tauscht schlussendlich die Eier gegen Attrappen aus und macht die Taubenschläge sauber?

Sonja: In Leipzig gibt es zwei Stadttaubenvereine: Der Stadttaubenhilfe e.V. und uns, die AG Pro Stadttaube des Pro Lebensglück e.V.. Der Stadttaubenhilfe e.V. betreut einen Taubenschlag am Bayerischen Bahnhof, der offiziell der Deutschen Bahn gehört. Zudem haben wir jeweils einen Taubenschlag auf privaten Grundstücken. Die Taubenschläge werden von uns Ehrenamtlichen gereinigt, wir tauschen die Eier und versorgen die Tiere mit Futter und sauberem Wasser.

Diese Taubenschläge sind ein Anfang, aber bei weitem nicht genug. Wir haben einige Plätze in unserer Stadt, an denen sich sehr viele Tauben angesiedelt haben (beispielsweise am Lindenauer Markt und am Augustusplatz) und wo Taubenschläge zu einer Verbesserung der Situation für Mensch und Tier helfen würden. Dafür engagieren wir uns in der AG Tierschutz, über die zuletzt bei der Stadt Leipzig ein Antrag zur Errichtung von betreuten Taubenschlägen eingereicht wurden, und stehen generell beratend als Ansprechpartnerinnen und -partner für politische Institutionen zur Verfügung.

Ahoi: Und Du selbst, liebe Sonja? Du bist ja ehrenamtlich bei der AG Pro Stadttaube, was machst Du sonst so? Irgendwoher muss ja auch der Inhalt Deines Kühlschranks kommen …

Sonja: Da hast du vollkommen Recht. Vom Ehrenamt alleine kann ich leider nicht leben. Hauptberuflich arbeite ich als Cloud Data Engineer bei einer IT-Beratung. Ich arbeite viel im Homeoffice, was in Bezug auf die Pflegestellenarbeit etwas Flexibilität mitbringt. Zudem helfe ich bei unserem Taubenschlag mit und übernehme einen Teil der organisatorischen Arbeit der AG.

Ahoi: Und wie kann man ganz konkret Eure Arbeit unterstützen? Ich hörte von einem Supporter-Shop …

Sonja: Ja, wir haben einen tollen Online-Shop, mit dem man uns mit Kauf von Merch unterstützen kann. Wir arbeiten stetig daran, weitere Artikel anzubieten. Man findet uns auch regelmäßig auf Leipziger Veranstaltungen, wie zuletzt dem Connewitzer Straßenfest und dem veganen Erntedankfest, wo unser Taubenmerch vor Ort gekauft werden kann. Wir haben zudem einen Betterplace-Link, über den wir Spenden sammeln, um damit Tierarztrechnungen oder Futter für unseren Taubenschlag bezahlen zu können.

Wir freuen uns außerdem immer über neue ehrenamtliche Helferinnen und Helfer. Es gibt viele verschiedene Aufgaben, die bei uns anfallen und wer Lust hat, mitzuhelfen, findet sicher etwas Passendes.

Ahoi: Jetzt kommt ja auch der Winter mit großen Schritten in die Stadt. Gibt es jetzt Besonderes im Umgang mit den Stadttauben zu beachten?

Sonja: Im Winter verbringen die Menschen mehr Zeit in Innenräumen, wodurch weniger Essensmüll auf den Straßen landet. Dieser Müll stellt eine wichtige Nahrungsquelle der Stadttauben dar. Das reduzierte Nahrungsangebot sorgt für erschwerte Bedingungen, noch mehr Hunger und dadurch mehr „Notfederchen“ in den kalten Monaten. Schön wäre es, wenn die Menschen die Augen für bedürftige Tauben offen halten würden. Eine Taube, die bei Annäherung nicht wegfliegt oder plusternd am Wegrand sitzt, braucht Hilfe. Ein Tier in Not sollte direkt gesichert und uns anschließend gemeldet werden. Sie kann bis zu einer Übergabe in einem Karton mit Luftlöchern und einem Handtuch untergebracht werden.

Ahoi: Danke, liebe Sonja, für Dein Engagement und Deine Aufklärungsarbeit.

Sonja: Vielen Dank, dass Du dem Thema Aufmerksamkeit schenkst.

« zurück
zur aktuellen Ausgabe