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  • Interviews
Gespräch mit dem Kalligrafen und Allround-Künstler Endrik „Enne“ Meyfahrt

Sortieren, kassieren, observieren

Endrik „Enne“ Meyfahrt, ein Kunst-Filou © Enrico Meyer

Die regionale und überregionale Kunstszene lebt von jahrelang aktiven Graswurzel-Pflanzern. Manche davon sind schon seit Jahrzehnten aktiv, in der Regel subversiv und autonom und außerhalb der industriellen Maschinerie. Endrik „Enne“ Meyfahrt hat hier einen mittlerweile recht großen Batzen mit beigetragen. Grund, ihn und sein Schaffen, vorzustellen. Ahoi-Redakteur Volly Tanner traf ihn im „Handmade-Designs“ im Petersbogen, wo er gerade faszinierende Kunst von Menschen an Menschen, die Kunst mögen, heranbrachte:

Ahoi: Guten Tag, Endrik Meyfarth. Schön, Dich hier am Verkaufstresen vom „Handmade Designs“ im Petersbogen zu treffen. Kannst du unserem Publikum bitte etwas zum Store erzählen? Wer macht mit, seit wann gibt es Euch und warum bist Du gerade hier?

Endrik „Enne“ Meyfahrt: Liebevoll handgemachte Unikate von mehr als 50 KünstlerInnen und Kreativen aus Leipzig und Umgebung bilden das Sortiment unseres Ladens, welches sich aus Papeterie, Schmuck, Keramik, Textilien und weiteren ganz individuellen Geschenkartikeln zusammensetzt, etwa Hosenträger und Fliegen aus Kork und Ohrringe, geschliffen aus den Lackschichten von Graffiti-Wänden. Mich triffst du hier montags beim sortieren, kassieren und observieren. An meinem Stand entdeckst du kalligrafische Arbeiten, gerahmt, als Grußkarte oder in Buchform und T-Shirts mit Tattoomotiven.

Ahoi: Vor einigen Wochen hattet Ihr noch ein anderes Geschäft im Petersbogen. Warum der Umzug hierher an die Treppe?

Enne: Unsere Geschäftsführerin Melanie Große brachte mit „Handmade Designs“ die beste Idee in den Wettbewerb zur Ausschreibung für den Pop Up Store ein, der dann, mit Unterstützung des Amtes für Wirtschaftsförderung, ein halbes Jahr in der Passage betrieben wurde. Dieses Objekt steht seit März einer weiteren Gründerin zur Verfügung.

Die gute Resonanz und die Nachfrage nach einem Abbild der lokalen kreativen Szene in der Produktpalette ermöglicht es nun, das Konzept im Petersbogen an dieser Stelle fortzuführen.

Ahoi: Dein eigenes Fachfeld ist die Kalligrafie. Wie bist du denn hierzu gekommen? Kalligrafie kenne ich ja eher – so rein popkulturell – aus China. Was reizt Dich selbst daran?

Enne: Mit meinem Hang zum Rhythmus begann ich 2011 intensiv, handschriftliche Fähigkeiten auszubauen. Das Vertiefen in eine Arbeit, die eine Aneinanderreihung von perfekten Momenten verlangt, um ein gelungenes Ergebnis zu erreichen, barg für mich Suchtcharakter und ich kam gut voran, so dass ich seit 2015 Kalligrafiekurse gebe, Aufträge ausführe und eigene Kreationen in Form von Plakaten oder Kalendern schaffe.

Ahoi: Du bist aber – wie die allermeisten Menschen – nicht nur ein Interessenfeld, ich kenne Dich länger auch als herausragenden Musikanten. Beispielsweise warst Du Teil des legendären Politaktivistenkollektivs S.U.F.F. Es hat immer irrsinnig viel Freude gemacht, Euch beim Revoluzzen zu erleben – und musikalisch hattet Ihr auch echt was auf dem Kasten. Wie ist denn der Stand bei S.U.F.F.? Selbst die Sex Pistols sind ja wieder auf Tour …

Enne: Zum Glück haben wir mit S.U.F.F. zumindest lokal eine treue Fangemeinde, so dass es bei diesem Projekt jährlich wenigstens eine kultvolle Veranstaltung gibt, nämlich das Frau Krause Benefizkonzert auf dem Freisitz. Dieses Jahr wird das am 02. Oktober stattfinden, da ist der Eintritt wie immer frei. Auch ich schätze das Engagement, mit dem Abo die S.U.F.F.-Fahne immer wieder hisst. Es soll wohl, aufgrund der legendären Historie mit Rekordereignissen in verschiedensten Besetzungen, ein Buch aus Alslebens Feder über diese 30 Jahre entstehen.

Mir ist es zusätzlich jedes Mal eine ausgemachte Freude, für die Band kreative Umsetzungen bei der Gestaltung von Videoclips, Plattencovern, T-Shirt- und Patchmotiven zu finden und zu verwirklichen.

Ahoi: Zurück zur Handmade-Szene in Leipzig. Eine kreative Stadt braucht ja händeringend kreative Menschen, die von Ihrer Arbeit leben können, … ist es eng oder funzt es in Leipzig? Wie ist die Lage in Leipzig für Künstler wie Dich?

Enne: Mit dem Beginn meiner Tätigkeit als Mitarbeiter im Einzelhandel habe ich eine rege Szene von Anbietern kunsthandwerklicher Produkte kennengelernt, welche parallel verschiedene Angebote nutzen, ihre Waren zu veräußern. Kreativmärkte, Einrichtungen wie das Vielfach in der Südvorstadt oder auch das Feingemacht in Halle sind einige Anlaufstellen, bei denen sich die einzelnen Produzenten wie beispielsweise„Superfreunde“, „lagqaffe“, „Holzmops“, „Wolkentau“, „liebsein“, „Ostkarte“, „etcetera“ usw. wiederbegegnen.

Die Organisationsstruktur eines Ladens wie „Handmade Designs“ schafft die Möglichkeit, erschwingliche Spots direkt in der Innenstadt anzubieten. Ein O-Ton in gebrochenem Deutsch der vor Ort am Verkaufstresen an uns gerichtet wurde: „So einen Laden muss es in jeder Innenstadt geben!“

Ahoi: Ich fand auch faszinierende Fotostrecken von Dir im Netz. Was ist hier in Sachen Fotografie Dein Ansatz?

Enne: Mit Fotografie habe ich kaum noch etwas zu tun. Auch wenn ich zur „La Tour Eifel“, dem Guinness-Buch-Rekord von S.U.F.F. als größte Band der Welt, eine Fotoausstellung gemacht hatte oder während meiner Studienzeit gerne KommilitonInnen porträtierte, ist diese Ausdrucksform schon lange kein großes Thema mehr.

Mein jüngstes „Hobby“ geht unter die Haut. Ich habe mir 2020 Tätowierequipment zugelegt und daheim eine Studioecke eingerichtet. Dort steche ich mich und über die Zeit auch Klienten aus dem Freundeskreis und der Familie, die mir das Vertrauen entgegenbringen, diese Kunstform auszuüben.

Ahoi: Und was ist der Wohn- und Ton e.V.?

Enne: Mit dem Verein wurde 2009 eine Institution geschaffen, die es uns ermöglicht hat, das Reihenhaus in der Bornaischen Straße zu pachten und laut Statut zu Wohn- und Kulturzwecken zu nutzen. Seitdem steht das Bonanza im EG als Bühne, Galerie und Atelier zur Verfügung. Wir veranstalten Konzerte und Lesungen, es finden Sprachkurse statt sowie Angebote von Reiki und Klangschalentherapie. Unsere Hausgemeinschaft setzt sich zusammen aus neun Mitgliedern mit unterschiedlichen Talenten, sodass auch bauliche Maßnahmen oder Gartengestaltung erfolgen können.

Ich selbst gebe dort die ganze Woche über Unterricht für Schlagzeug, Gitarre und Piano.

Ahoi: Zurück zur Kalligrafie: Was sind denn eigentlich Minuskeln und Majuskeln? Du bist doch da ein Experte.

Enne: Ganz leicht zu merken: Minuskeln - Minor sind die Kleinbuchstaben die im 8. Jahrhundert eingeführt wurden. Davor wurde nur mit Majuskeln - Major Großbuchstaben geschrieben. Zum Beispiel auch eine Parallele zur Musik, die Tonarten: Moll, in Englisch minor (unwesentlich) und Dur, Major (wesentlich).

Ahoi: Danke, lieber Endrik, dass Du Dir die Zeit genommen hast, unsere Fragen zu beantworten. Und weiter viel Erfolg mit „Handmade Designs“.

Handmade Designs im Petersbogen Leipzig

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Endrik „Enne“ Meyfahrt

im Web

Bonanza in der Bornaischen Straße

 

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