Die Beatsteaks gibt es seit fast drei Jahrzehnten. Sie gehören zu den erfolgreichsten Punkrockbands in Deutschland. Jetzt hat die Band eine neue Platte mit dem Titel „Please" am Start. Doch nach der Tour zu „Yours", dem Album von 2017, ruckelte es etwas im Bandgefüge. Wie die fünf Freunde es da wieder herausgeschafft haben, erzählt Bassist Torsten Scholz im Interview mit unserer Redaktion. Außerdem spricht der 51-Jährige über Die Ärzte und Die Toten Hosen, die einen entscheidenden Anteil an der Karriere der Beatsteaks haben. Am 1. Oktober spielt die Band in Leipzig (Haus Auensee).
Herr Scholz, warum heißt das neue Album „Please"?
Torsten Scholz: "Wir saßen zusammen und haben überlegt, wie die neue Platte heißen könnte. Wir waren uns schnell einig, dass wir nur ein Wort nehmen wollten. Es sollte ganz einfach sein. Plötzlich kam Thomas auf die Idee mit „Please". Das klingt so, als ob man eine Forderung stellt, bleibt aber freundlich. Und Freundlichkeit ist in der heutigen Zeit eher selten geworden. Wir haben dann gegoogelt und gesehen, dass die erste Platte der Pet Shop Boys 1986 „Please" heißt. Nettigkeit ist gerade spärlich gesät."
Die neue Scheibe klingt so vertraut und positiv und doch so anders. Könnt Ihr das erklären?
Scholz: "Ich weiß, dass „Yours" mit seinen 24 Songs nicht so freundlich war – anders als die neue Platte. Bei unserer Tour nach der Pandemie 2022 haben wir versucht ganz viele Konzerte zu spielen. Wir haben wirklich viele Konzerte gespielt, und das hat wahnsinnig viel Spaß gemacht. Dabei haben wir uns gedacht: „Es ist doch irgendwie geil, in dieser Band zu spielen." Dann haben wir gemerkt, dass wir immer ein Best-Of-Programm gespielt haben. Irgendwie haben wir neue Songs gebraucht. Es war schnell klar: „Eine neue Platte muss her." Außerdem war die Laune einfach zu positiv."
Nach der „Yours"-Tour stimmte irgendetwas nicht mehr im Bandgefüge. Plötzlich lautete der Status der Beatsteaks aus Berlin: ungewiss. Waren die Aufnahmen am neuen Album daher umso schwieriger?
Scholz: "Nein, überhaupt nicht. Die Aufnahmen für das neue Album waren im Gegensatz zu „Yours" total entspannt. Wir hatten das große Glück oder Pech - je nachdem, wie man es sieht - dass wir ein Jahr vor der Pandemie eine Pause gemacht haben. Keine Konzerte, nichts. Dann wollten wir eigentlich wieder loslegen, aber wegen Corona ging es nicht. Also hatten wir insgesamt drei Jahre Pause, die wir genutzt haben, um uns gemeinsam in eine Mediation zu begeben. Wir haben uns um unsere Beziehung innerhalb der Band gekümmert und uns in professionelle Hände begeben, um herauszufinden, wo die Band steht."
Wie lief das denn bei dieser Meditation?
Scholz: "Da haben wir wirklich etwa zehn, zwölf Sitzungen gehabt. Wir saßen zusammen, und das hat uns gerettet. Die Band wäre fast auseinander gebrochen. Wir haben auch noch ein paar Dinge in unserem Umfeld geändert, wie einen neuen Produzenten und ein neues Management. Das war irgendwie ein Neuanfang, und das hört man der neuen Platte auch an. Klar, es gibt immer Rangeleien und Reibereien in einer Band, aber die Energie war deutlich positiver und weniger anstrengend als bei „Yours"."
Stand die Band wirklich vor dem Aus?
Scholz: "Ja. In Hamburg saßen wir am Ende der 2018er-Tour einmal backstage zusammen, und es herrschte die einhellige Meinung: „Ich weiß echt nicht, ob wir jetzt noch so weitermachen können." Daraufhin haben wir beschlossen, ein Jahr lang nichts zu machen. Jeder hat sich dann nur um sich selbst gekümmert. Wir sind alle Männer im mittleren Alter, haben Familien gegründet, Kinder kamen auf die Welt. Es ist viel passiert bei uns. Nach dieser Auszeit hat es viel besser geklappt. Sonst wären wir kaputt gegangen."
„Hauptsache die Band grinst - und dann ist alles gut." Das sagte Arnim zuletzt. Wie breit ist das Grinsen gerade?
Scholz: "Das Grinsen ist jetzt auf jeden Fall breiter und wirklich ernst gemeint. In den vergangenen Jahren wurde oft davon gesprochen, dass die Beatsteaks dicke Kumpels sind. Aber wir mussten an unserer Freundschaft arbeiten. Von außen wurden oft irgendwelche Probleme in die Band hineingetragen, und leider war das Grinsen teilweise verlogen. Aber das Gefühl miteinander ist jetzt wieder anders. Wir konzentrieren uns jetzt wieder auf Konzerte, und ich sehe Arnim (Beatsteaks-Sänger Arnim Teutoburg-Weiß, d. Red.) auch wieder privat. Wir haben uns wieder lieb."
Woher kommt das denn, dass in vielen Bands irgendwann der Wunsch nach einer Pause da ist, bevor eine Trennung droht?
Scholz: "Das ist eine ganz einfache mathematische Rechnung. Wenn du eine Beziehung hast, dann ist das immer Arbeit. Ich habe in den vergangenen 25 Jahren eine Beziehung mit vier verschiedenen Personen geführt. Wenn man da nicht ein bisschen Arbeit reinsteckt und aufeinander achtet, wird es schwierig. Beziehungen gehen halt manchmal kaputt. In einer Band ist es am Ende wie in einer ernsthaften Beziehung. Wenn man nicht aufpasst, ist man dem nicht gewachsen."
Die neuen Songs „Katharina" und „Traumschiff" fallen natürlich durch den deutschen Titel auf. Wie kam es dazu?
Scholz: "Traumschiff" war tatsächlich das allererste Demo, das wir uns vor zwei Jahren angehört haben. Bernd (Gitarrist Bernd Kurtzke, Anm. d. Red.) war damals gerade krank, und wir haben uns das Demo angehört und versucht, es im Proberaum zu spielen, damit wir ein bisschen reinkommen. Dabei mussten wir an die Serie „Traumschiff" denken, denn es klang ein bisschen so. Und dann haben wir alle gesagt: 'Der Song ist voll geil.' „Katharina" war eigentlich ein anderes Thema. Wir fanden den Namen Katharina so schön für einen Song. Er hieß früher 'Splicer', weil Arnim so einen Effekt benutzt hat, der diesen Namen trug. Dann fanden wir aber den Namen „Splicwe" doof und haben gesagt: 'Lass uns Katharina nehmen."
Die Beatsteaks gehören neben den Ärzten und den Toten Hosen zu den kommerziell erfolgreichsten deutschen Punkrockbands. Was macht das mit Ihnen?
Scholz: "Wenn ich das höre, bin ich erst einmal kurz damit beschäftigt zu erklären, dass ich das anders sehe. (lacht) Es gibt sie immer noch, die typischen Punkbands, aber mal ganz ehrlich: Die Hosen jetzt als Punkband zu bezeichnen, ist schwierig. Uns als Punkband zu bezeichnen, ist auch schwierig. Es gibt da immer noch die „Broilers", „Rammstein" und so weiter. Wir spielen natürlich ab und zu große Konzerte in Berlin, aber es ist nicht so, dass wir überall die Stadien füllen. Ich relativiere das gerne immer ein bisschen. Wir haben das große Glück, dass wir 2025 seit 30 Jahren zusammen Musik machen können und den größten Teil davon auch so, dass wir davon leben können. Das ist purer Luxus. Aber wir sind natürlich weit davon entfernt, in irgendeiner Art und Weise in die Sphären zu kommen, in denen sich Die Ärzte oder Die Hosen bewegen."
Sie haben 2023 diese beiden Bands einige Male supporten dürfen.
Scholz: "Stimmt. Da haben wir im Ärzte-Vorprogramm in Bremen vor 40.000 Leuten oder im Saarland vor rund 30.000 Zuschauern gespielt. Das ist natürlich eine ganz andere Liga. Aber ich finde es immer schön, dass man uns im gleichen Atemzug nennt. Wir haben es mit unserer Musik dann doch weit gebracht."
Wie ist das Verhältnis zwischen den Ärzten, den Hosen und den Beatsteaks?
Scholz: "Nun ja, da kann ich nur freundschaftlich antworten. Wenn man sich trifft, ist es immer sehr schön. Als wir die Supports gemacht haben, kann ich mich gar nicht daran erinnern, wie oft sich Simon bei mir bedankt hat und nicht bei euch. Ich sagte einmal „Danke", und er antwortete: „Nein, danke euch!" Das zeigt den gegenseitigen Respekt, der sowieso vorhanden ist. Ich weiß nicht genau, wie alt du bist, aber ich denke, wir sind ungefähr im gleichen Alter."
Wie wichtig waren Die Ärzte und Die Toten Hosen für die Beatsteaks?
Scholz: "Die Ärzte und Die Toten Hosen waren und sind weiterhin sehr wichtige Bands für mich. Ich bin immer noch leicht befangen, wenn ich mit ihnen rumhänge. Wenn mich Andi von den Hosen anruft und sagt: „Mein Lieber, ich habe die Platte gehört, die ist toll", oder wenn die Jungs vor dem Konzert vorbeikommen, dann muss ich immer grinsen, weil ich es natürlich klasse finde, dass wir mit ihnen befreundet sind."
Welchen wichtigen Rat haben Ihnen Campino und Farin Urlaub mal gegeben?
Scholz: "Viele, ganz viele gibt es immer noch. Wir sind ja jetzt auch beim Management der Toten Hosen, da gab es viele Tipps, sowohl geschäftlicher als auch musikalischer Art. Jan (Vetter, d. Red.), also Farin, war beim letzten Album auch mit dabei und hat uns geholfen. Arnim hat irgendwann Andi und Campino die Platten oder die Demos vorgespielt. Es geht die ganze Zeit, also vor allem, was das Bandgefühl anbelangt. Man kann, wenn man sich mit Andi unterhält, von den Hosen eine Menge lernen, weil sie natürlich ganz andere Tiefen durchlebt haben, wie zum Beispiel Bandmitglieder, die ausgestiegen sind, Bandmitglieder, die gestorben sind, wie Wölli, oder den Tod ihres Managers und Vertrauten. Sie haben natürlich schon viel erlebt, weil sie einfach eine Generation vor uns sind. Man kann immer etwas von ihnen lernen. Es gibt immer wieder Tipps, die man ungefragt oder gefragt gerne annimmt."
Die Beatsteaks wurdet 2003 von den Ärzten in ihrem Lied „Unrockbar" mit den Worten „Wie kannst Du bei den Beatsteaks ruhig sitzen bleiben, wenn Dir doch Schlagersänger Tränen in die Augen treiben?" erwähnt, was Ihre Bekanntheit weiter steigerte. Die Toten Hosen coverten den Beatsteaks-Song Hand in Hand für das Album Nur zu Besuch, das im Jahr 2005 veröffentlicht wurde. Wie stolz machte Sie das?
Scholz: "Total stolz. Vor allem, das ist ja das Krasse, der eine Song ist jetzt einfach mal 21 Jahre alt, das mit 'Unrockbar'. Auch diese Unplugged-Geschichte der „Hosen" ist schon uralt, und sie spielt immer noch eine Rolle in der Wahrnehmung der Leute. Man will sich ja nicht ausmalen, wenn diese Bands nicht gekommen wären, dann würde ich wahrscheinlich immer noch bei Pro Markt als studentische Aushilfe arbeiten und Computermäuse einsortieren."
Die Toten Hosen haben Ihnen anfangs sehr geholfen, wie war das?
Scholz: "Das war eigentlich wirklich ganz einfach. Die haben sich, so wie jede normale Band, die sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmert, irgendwann gedacht: "Hey, diese Band ist cool, lass sie mal mit uns Konzerte spielen." So haben wir dann unsere ersten Konzerte mit den Toten Hosen in der damaligen Bremer Stadthalle gemacht, zum Beispiel mein allererstes Konzert mit den Beatsteaks vor 13.500 Leuten im Jahr 1999 oder 2000. Wir haben einfach als Support gespielt und haben uns schnell gut verstanden, weil der Humor stimmte und wir alle in unserem Alter waren und uns mit Rockmusik oder Punkrock beschäftigten. Die Hosen und die Ärzte sind für viele Leute in unserem Alter einfach einflussreich. Nach Konzerten gab es dann Gespräche beim Bier und schließlich fragten uns die Hosen, ob wir mehr Supportshows spielen wollen, und dann wieder die Ärzte, und so ging es weiter. Es war wohl ein Wettstreit um unsere Gunst, aber letztendlich hat es wunderbar funktioniert."
Wie gehen Sie damit um, dass Sie plötzlich ein Rockstar sind?
Scholz: "Ich spiele das immer gerne ein bisschen runter. Damals habe ich zusammen mit Arnim als DJ-Team aufgelegt. Für mich stand fest: Wenn ich jemals in einer Band spielen würde, dann in Berlin und nur bei den Beatsteaks. Ich dachte mir, für diese Band würde ich sogar mein Studium hinwerfen. Ich habe Facilitymanagement studiert, aber ich habe niemals damit gerechnet als Musiker mein Geld zu verdienen. Und dann wurde es allmählich immer größer, und man hat es eigentlich nicht so richtig bemerkt. Dann haben wir irgendwann gesagt: 'Du willst ja nur ein bisschen Geld', und es gab 500 Mark aufs Konto. Dann war es so: "Oh, jetzt kann ich meine Miete in der WG bezahlen, ich gehe aber noch arbeiten." Und irgendwann war es so: "Ja, keine Zeit mehr für Nebenjobs. Ja gut, jetzt zahlen wir uns halt ein Monatsgehalt aus." Und dann bist du quasi im Hamsterrad gefangen, und es wurde relativ schnell mein Hauptberuf, was überhaupt nicht abwertend gemeint ist."
Ist Punkrock eigentlich tot? Die echten Punkfans kritisieren bei den Hosen immer es sei kein Punkrock mehr. Wie sieht das bei Ihnen aus?
Scholz: "Die Hosen sind auf ihre Weise Punkrock, indem sie ihre Leute so behandeln, wie sie es tun. Die Ärzte sind Punkrock, weil sie das machen, was sie machen, und wir haben das auch noch in uns. Für mich war mein erster Kontakt mit Punk eigentlich der Film "Wild Style" von 1984, ein Hip-Hop-Film. Ich fand immer, dass Punk aus einer Situation entsteht, in der wir nichts haben, nichts können, nichts dürfen und trotzdem etwas daraus machen. Deswegen hatte ich schon immer eine sehr eigenwillige Definition von Punk. Kleinere Bands wie „Team Scheisse" sind darauf aus, ihre Konzerte zu spielen und das so angenehm wie möglich zu gestalten."
Campino ist großer Fan von Fortuna Düsseldorf, Bela B. steht auf den FC St. Pauli. Für wen schlägt Ihr Herz?
Scholz: "Ganz ehrlich? Ich habe kein Fußballerherz. Ich musste damals mit meinem Opa einige Male zu den Spielen von Lokomotive Leipzig gehen. Das würde ich jetzt nicht mehr machen, weil dieser Verein echt ein Problem mit seinen Fans hat. Chemie Leipzig ist ein toller Klub. Ich finde auch Stern Leipzig oder Babelsberg 03 total cool, weil das explizit antifaschistische Vereine sind. Bei Union Berlin finde ich auch die Philosophie des Klubs klasse. Aber so ein Hardcore-Fan wie Campino bin ich nicht. Bela denke ich auch nicht. Ich freue mich jetzt auf die EM, weil dann die Schwimmbäder oder Freibäder leer sind und ich Fahrrad fahren kann, weil die Leute alle in irgendwelchen Biergärten sitzen, um Fußball zu schauen."


