Die regierende Koalition aus SPD und CDU zerrt und streicht derzeit an den Grundfesten des Gesundheitssystems. In all der Empörung darüber verlieren wir leider viel zu oft die in diesem System Tätigen aus den Augen. Da das Hospiz Advena im nächsten Jahr sein 30jähriges Jubiläum feiert, ist uns dies Anlass, eine der dort ihre wichtige Arbeit leistenden Pflegefachkräfte zu interviewen. Gut, dass Ahoi-Redakteur Volly Tanner Claudia Chilcott traf. Hier ist das Interview mit ihr nachzulesen:
Ahoi: Guten Tag Claudia Chilcott. Du arbeitest seit vielen Jahren im Hospiz Advena Leipzig. Dieses feiert am 1. Juli 2027 sein 30jähriges Jubiläum. Was machst Du denn ganz konkret in Deiner Arbeit?
Claudia Chilcott: Hallo Volly. Schön, dass wir mal wieder mit einander plaudern. Ich bin Pflegefachkraft im Hospiz Advena und pflege und begleite schwerkranke Menschen in ihrer letzten Lebensphase. Zu meiner Arbeit gehören ganz praktische Dinge: Ich unterstütze bei der Körperpflege, beim Essen und Trinken, beim Aufstehen oder bei allem, was den Alltag leichter und angenehmer macht. Ich mache Krankenbeobachtung, das heißt beispielsweise, ob jemand Schmerzen oder Übelkeit hat. Ich achte darauf, ob jemand schlecht schläft, unruhig ist oder sich etwas verändert hat, und stimme mich dazu eng mit meinen Kollegin:nen und unserem ärztlichen Team ab.
Aber Pflege ist für mich mehr als das, was man mit den Händen tut. Es bedeutet auch, genau hinzuschauen und zuzuhören: Was braucht dieser Mensch heute? Was tut ihm gut? Möchte er reden, Musik hören, Besuch empfangen – oder einfach seine Ruhe haben? Manchmal ist ein Gespräch wichtig, manchmal eine helfende Hand, und manchmal reicht es, still am Bett zu sitzen. Auch die An- und Zugehörigen haben Gesprächsbedarf und gehören für mich dazu. Sie erleben oft eine sehr schwere und unsichere Zeit. Ich versuche, ihnen zuzuhören, Fragen zu beantworten und ihnen kleine Momente der Entlastung zu ermöglichen.
Die Menschen bringen ihre ganz eigenen Geschichten,eigenen Wünsche und ihren eigenen Rhythmus mit. Mir ist wichtig, diese Person nicht nur als schwerkrank zu sehen, sondern als Mensch, der er ist.
Ahoi: Und wie ist es dazu gekommen? Als was hast Du Dich denn einst ausbilden lassen und seit wann bist Du im Advena-Boot mit dabei? Und gab es Weiterbildungen?
Claudia Chilcott: Ich habe einige Pflege-Praktika gemacht und mich dann für den Beruf der Altenpflegerin entschieden. So hieß das damals noch. Und während der Ausbildung habe ich dann ins Hospiz Advena gewechselt und dort die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen. Dann habe ich mich einige Zeit in der Intensivpflege und Kinderintensivpflege probiert und nebenbei noch ehrenamtlich im Hospiz gearbeitet. 2013 habe ich meine Weiterbildung für Palliativcare gemacht. Seit Oktober 2018 arbeite ich nun fest im Hospiz Advena mit und bin damit nach wie vor sehr glücklich.
Ahoi: Advena war das allererste Hospiz, welches sich in Leipzig nach der Wende gründete. Wo begann denn alles?
Claudia Chilcott: Also begonnen hat alles 1997 in der Birkenstraße 11 im Leipziger Westen, am Felsenkeller. Damals mit 16 Plätzen. Wolfgang Groh kam damals aus Wiesbaden nach Leipzig und hat das Hospiz hier gegründet. Ein Jahr zuvor hatte er in Wiesbaden das Hospiz ADVENA gegründet.
Ahoi: Und dann ging es in die Kuchengartenstraße. Weshalb denn das und was sind die jetzigen Vorteile gegenüber dem Zustand davor?
Claudia Chilcott: Im Laufe der Jahre haben sich Gesetze wie die Heimmindestbauverordnung usw. geändert. Und es gab den Zufall, dass in der Kuchengartenstraße 6 ein neues Wohngebäude entstehen sollte.
Der Bauherr hatte von der Stadt Leipzig die Auflage, einen Kindergarten zu planen. Dieser hat sich dann an Kita-Träger gewandt. Als er bei dem Träger Känguru gelandet war, hat die dortige Geschäftsführerin Bianca Berttschneider zugesagt und aber die Bedingung gestellt, dass zusätzlich ein Hospiz geplant wird. Dadurch kam es im Mai 2023 zu diesem Standortwechsel. Wir durften da ganz viel mitgestalten: Lampen, Fußboden, Armaturen usw. Alle Zimmer sind sehr modern und haben einen eigenen Zugang zur der Terrasse. Wir sind jetzt quasi ein Mehrgenerationenhaus.
Ahoi: Wie viele Menschen leben denn bei Euch und wer kümmert sich alles um die Hospiz-Bewohnenden?
Claudia Chilcott: Wir haben jetzt zwölf Plätze, also zwölf Bewohnende verbringen ihre letzte Lebensphase bei uns. Wir sind ein Multidisziplinäres Team bestehend aus Ärztinnen und Ärzten, Pflegekräften, Sozialdienst, Küchenpersonal sowie Hauswirtschaft und Trauerbegleitung.
Ahoi: Wird Eure Arbeit eigentlich von der Stadtgesellschaft gewürdigt? Welche Reaktionen erfahrt Ihr so?
Claudia Chilcott: Die Bevölkerung nimmt uns gut an. Wir sind für unsere tolle Terrasse, die durch eine Gartentherapeutin betreut wird, bekannt. Unsere Bewohnenden können, je nach Möglichkeit, aktiv an der Gartengestaltung mitwirken oder auch mit dem Bett auf der Terrasse verweilen. Weiterhin sind wir auch für unsere gute Küche bekannt, da wir jeden Tag frisch und individuell kochen.
Früher waren wir das Hospiz in der Birkenstraße und heute sind wir das in der Kuchengartenstraße.
Ahoi: Wie kann Eure Arbeit, die ja auch emotional aufrührend und körperlich anstrengend ist, unterstützt werden? Und wie schaffst Du Abstand zu den Schicksalen der Menschen im Hospiz? Schaffst Du das überhaupt?
Claudia Chilcott: Wir sind stets auf Spenden angewiesen. Wir haben jedes Jahr die Aufgabe, die 5-Prozent-Lücke zu füllen. Das sind als reine Zahl 150.000 Euro. Die anderen 95 Prozent für einen Hospizplatz werden von der Krankenkasse übernommen .
Und natürlich kann ich mich von den Schicksalen gut abgrenzen. Ich denke, da hat jeder und jede meiner Kolleginnen und Kollegen seine eigenen Herangehensweisen und ich habe die auch. Mein soziales Umfeld hat sich die letzten Jahre zwar sehr gewandelt, aber nichts desto trotz fängt es mich immer wieder auf. Und auch der neue Arbeitsweg hilft mir jetzt, besser runter zu kommen und abzuschalten. Wir haben auch immer noch die Möglichkeit der Supervision und das ist auch ein gutes Tool, was sich sehr gern nutze, um herausfordernde Situationen gut aufzuarbeiten und auch zu verarbeiten.
Ahoi: Gibt es schon Planungen für das 30jährige Jubiläum im Juli 2027? Wenn ja, welche?
Claudia Chilcott: Wir feiern im Herrenhaus Möckern mit geladenen Gästen. Des Weiteren wird es am Welthospiztag eine Vernissage mit Stohhutpicture und einem Tag der offenen Tür geben. Ansonsten wird es noch viele kleine Aktionen über das Jahr verteilt geben.
Man darf gespannt sein, wir haben eine Arbeitsgruppe, die auf Hochtouren arbeitet, um das Jubiläum gebührend zu zelebrieren.
Ahoi: Danke, liebe Claudia, dass Du Dir Zeit für uns genommen hast.
Claudia Chilcott: Ich danke Dir, lieber Volly, für diese Möglichkeit.


