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  • Interviews
Gespräch mit dem Schriftsteller, Musiker und Aufklärer Sebastian Caspar

Nicht noch mehr Schubladen und gegenseitige Zuschreibungen, sondern echte Gespräche

Sebastian vor mickrigem Baum © Marcus Franke

Sebastian Caspar war Rockstar, ist Schriftsteller und Aufklärer und tritt mit seiner Gitarre mittlerweile auch alleine auf. Sein neues Buch „UMWEGE – Mein Leben zwischen Rausch und Liebe“ kratzt gerade an der Aufmerksamkeit der Literaturbegeisterten, wird am 25. Oktober 2026 im Berliner Trabanten Verlatg das Licht der Welt erblicken. Schließlich berichtet Caspar hier vom ganz realen Leben, auch für die, die sich davon längst abgekoppelt haben. Absolute Vor-Weihnachts-Kauf-Empfehlung. Und Ahoi-Redakteur Volly Tanner traf ihn beim Einkaufen, einfach mal so zwischendurch.

Ahoi: Guten Tag Sebastian Caspar. Dein neues Buch „UMWEGE – Mein Leben zwischen Rausch und Liebe“ ist gerade auf dem Weg zu den Leserinnen und Lesern. Mit dem Buch bist Du im explizit progressiven Trabanten Verlag gelandet. Wie kam es denn dazu?

Sebastian Caspar: Über die Verlagssuche könnte ich wahrscheinlich ein eigenes Buch schreiben. Ich glaube, viele Autorinnen und Autoren können das bestätigen. Ich habe in der Vergangenheit so ziemlich jeden relevanten Verlag angeschrieben und sehr viele Absagen bekommen oder oftmals gar keine Rückmeldung. Irgendwann war ich an dem Punkt, an dem ich gesagt habe: Dann mache ich es eben selbst. Ich hatte bereits ein eigenes Imprint gegründet, um „UMWEGE“ unabhängig zu veröffentlichen. Dann kam plötzlich doch noch die Wendung. Mehr als ein Jahr nach meiner Bewerbung meldete sich der Berliner Trabanten Verlag mit einer Zusage. Damit hatte ich zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht mehr gerechnet. Umso schöner war es, dass das Buch am Ende bei einem Verlag gelandet ist, der wirklich zu diesem Projekt passt.

Ahoi: Viele kennen noch Deinen Erstling „Zone C“. Dann kamen weitere Bücher. Jetzt Deine „UMWEGE“. Was ist anders in den „UMWEGEN“ als in der „Zone C“, die ja auch autobiografische Sequenzen zuhauf beinhaltet?

Sebastian Caspar: „UMWEGE“ ist eine echte Autobiografie. „Zone C“ war dagegen eher die belletristische Betrachtung eines bestimmten Abschnitts meines Lebens. „UMWEGE“ hat mir alles abverlangt. Ich habe sechs Jahre an diesem Buch geschrieben. Es war eine Reise zurück in die Vergangenheit, zurück zu dem Sebastian, der ich vor mehr als zwanzig Jahren war. Ich musste mich noch einmal sehr intensiv mit Entscheidungen, Beziehungen, Verlusten und auch mit meinen eigenen Abgründen beschäftigen. Vieles davon hatte ich längst weit weggeschoben. Deshalb ist „UMWEGE“ für mich deutlich persönlicher und unmittelbarer als alles, was ich vorher geschrieben habe.

Ahoi: Du lebst in Leipzig und in Sachsen-Anhalt, hast also in beiden Lebenswelten Anker geworfen. Was unterscheidet die Menschen beider Welten und was ist ihnen gemeinsam? Und wie können die Menschen wieder zueinander finden?

Sebastian Caspar: Ich glaube nicht an diesen grundsätzlichen Unterschied zwischen Menschen aus Sachsen-Anhalt und Sachsen. Natürlich hat jede Region ihre Eigenheiten, ihre Geschichte und auch ihre Probleme. Aber daraus werden oft Trennlinien konstruiert, die ich in meinem eigenen Leben so gar nicht erlebe. Ich lebe in Leipzig, komme aus Weißenfels, arbeite im Leipziger Land und bewege mich seit vielen Jahren zwischen diesen Welten. Meine Erfahrung ist: Es eint uns sehr viel mehr, als uns trennt. Wieder zueinander finden können wir nur, wenn wir diese installierten Trennungen irgendwann überwinden. Wenn wir aufhören, Menschen ständig nach Ost und West, Stadt und Land, Sachsen und Sachsen-Anhalt oder nach irgendwelchen gesellschaftlichen Milieus zu sortieren. Wir reden sehr viel übereinander und viel zu wenig miteinander. Deshalb war ich sehr dankbar für die Einladung des PEN Berlin zu seiner Gesprächsreihe „Ist das noch|schon mein Land? – Gespräche über Heimat“. Bei Veranstaltungen in Weißenfels und Berlin konnte ich mich einbringen und genau über solche Fragen sprechen. Ich bin Deniz Yücel und dem PEN Berlin dankbar, dass sie mit dieser Reihe bewusst solche Räume für Begegnungen geschaffen haben. Genau das brauchen wir meiner Meinung nach viel häufiger. Nicht noch mehr Schubladen und gegenseitige Zuschreibungen, sondern echte Gespräche. Denn am Ende sind die Sorgen, Hoffnungen und Sehnsüchte der Menschen oftmals erstaunlich ähnlich.

Ahoi: Deine Buchpremiere wird in Weißenfels gefeiert. Kannst Du uns bitte zu dieser Veranstaltung ein bisschen etwas erzählen?

Sebastian Caspar: Es war für mich der naheliegendste Schritt, mit dieser Autobiografie dorthin zurückzukehren, wo alles begonnen hat. Nach Weißenfels, in die Stadt, in der ich geboren und aufgewachsen bin und in der viele der prägenden Erfahrungen meines Lebens liegen. Dort gab es die erste Liebe, die ersten Verletzungen und die ersten Brüche. Den ersten Kuss, die erste Line Crystal, die ersten Verluste. Vieles von dem, was später mein Leben bestimmt hat, hat dort seinen Anfang genommen. Deshalb fühlt es sich richtig an, „UMWEGE“ genau dort zum ersten Mal öffentlich vorzustellen. Für mich ist diese Buchpremiere nicht einfach nur eine Lesung, sondern auch eine Rückkehr an den Ausgangspunkt der Geschichte. Und ich freue mich sehr, dass du, Volly, den Abend moderieren wirst. Uns verbinden auch meine literarischen Anfänge in Leipzig vor mehr als zwanzig Jahren. Umso schöner ist es für mich, dass du jetzt bei diesem neuen Kapitel wieder dabei bist.

Ahoi: Dein Leben ist wirklich berauschend vielfältig. Du warst Rockstar beispielsweise … richtig mit Vertrag und so. Was war das denn damals für eine Kapelle? Und wie war das Leben so auf der Überholspur?

Sebastian Caspar: Du redest von Boing.Agrupaulci, der Band, die auch in „UMWEGE“ eine große Rolle spielt. Wir kamen damals aus der sachsen-anhaltischen Provinz und haben zunächst nahezu jeden regionalen Bandwettbewerb gewonnen, bei dem wir angetreten sind. „Leipzig zeigt Courage“ zum Beispiel. Irgendwann führte uns dieser Weg tatsächlich bis nach Malaysia und Singapur, wo wir eine Tour gespielt haben. Für uns war die Band damals auch eine Flucht. Raus aus dem provinziellen Mief und hinein in die große Welt. Plötzlich schien alles möglich. Am Ende sind wir aber auch an den Realitäten zerbrochen. Was mich betrifft, kann ich heute sagen, dass mein damaliger überbordender Drogenkonsum sicher viele Risse im Bandgefüge verursacht und verstärkt hat. Darauf bin ich nicht stolz. Trotzdem denke ich wehmütig an diese Zeit zurück. Es war eine Phase meines Lebens, in der alles offen schien und wir wirklich glaubten, überall hinkommen zu können.

Ahoi: Nun gibt es Dich aber auch mit der Erlenholzgitarre und Liedern. Auch oft in Leipzig. Und mit Album. Wie haben denn die Menschen auf Deine Lieder reagiert?

Sebastian Caspar: Trotz Hardcore und Grunge war ich über all die Jahre immer auch ein Freund der leiseren Töne. Ich bin zum Beispiel ein riesiger Hannes-Wader-Fan und kenne seine Lieder schon seit meiner Kindheit. Irgendwann wollte ich diesen Stil auch selbst auf der Gitarre spielen, vor allem das Fingerpicking. Da habe ich mich ziemlich reingekniet. Nach vielen Jahren an der E-Gitarre habe ich so wieder zur Akustikgitarre gefunden. Vor etwa drei Jahren begann ich dann, eigene deutschsprachige Songs zu schreiben. Das entwickelte sich erstaunlich schnell und führte schließlich dazu, dass ich bei Konstantin Weckers Label Sturm & Klang gelandet bin. Die Reaktionen darauf waren irgendwo zwischen verwundert und begeistert. Viele kannten mich eher laut, direkt und mit verzerrten Gitarren. Plötzlich stand ich da allein mit einer Akustikgitarre und sehr persönlichen Liedern. Genau dieser Bruch hat aber offenbar funktioniert.

Ahoi: In Schulen und auf Kongressen bist Du aufklärend über Drogen unterwegs. Seit wann denn das? Und funktioniert das? Kommt das bei den Kids an? Du hast ja auch einen Kanal, auf dem Du mit anderen Betroffenen redest. Wo denn und über was genau?

Sebastian Caspar: Seit dem Erscheinen meines Debütromans „Zone C“ im Jahr 2014 habe ich über zehn Jahre deutschlandweit Präventionsveranstaltungen an Schulen durchgeführt. In den vergangenen Jahren hat sich meine Arbeit allerdings verändert. Schritt für Schritt bin ich stärker in die Erwachsenenbildung gegangen. Schulveranstaltungen werden weniger, dafür arbeite ich heute beispielsweise mit der Bundeswehr, bei Fachveranstaltungen oder mit Elternkreisen von suchtbetroffenen Kindern und Jugendlichen. Parallel dazu gibt es seit einigen Jahren meinen YouTube-Kanal und Podcast „LEBEN LIEBEN LEIDEN“. Dort spreche ich mehrmals pro Woche, oftmals anonymisiert, mit Menschen über ihre Lebens- und Suchtgeschichten. Es geht um Heroin, Crystal Meth, Kokain, Substitution, Spielsucht, Pornosucht und viele andere Themen. Mir war dabei immer wichtig, nicht von oben herab über Sucht zu sprechen, sondern mit den Menschen, die sie selbst erlebt haben. Gerade bei Jugendlichen funktioniert das meiner Erfahrung nach deutlich besser als klassische Abschreckung. Sie merken sehr schnell, ob ihnen jemand etwas vormachen will oder ob da jemand sitzt, der weiß, wovon er spricht.

Ahoi: Zurück zu Deinem Buch. Du bist ja auch verheiratet, mit einer Frau aus Asien, wenn ich richtig informiert bin. Wie kam es dazu? Ich hörte mal, dass sie der Grund war, dass Du mit den Drogen aufgehört hast. Erzähl doch mal bitte …

Sebastian Caspar: Ich habe meine heutige Frau 1996 auf Bali kennengelernt, also ein Jahr, bevor meine harte Suchtkarriere begann. 2007 bin ich aus den Drogen ausgestiegen, 2010 haben wir geheiratet. Wenn ich es ganz kurz zusammenfassen müsste, würde ich sagen: Ich habe mich aus einer stoffgebundenen Sucht in eine stoffungebundene Sucht namens Liebe gestürzt. Aber die ganze Geschichte ist natürlich sehr viel komplizierter. Da gibt es Nähe und Entfernung, Sehnsucht, Rückschläge, Hoffnung und einen ziemlich langen Kampf. Wer diese Geschichte mit all ihren Facetten erleben und verstehen will, muss „UMWEGE“ lesen. Denn letzten Endes ist meine Autobiografie auch eine Hommage an die wahre Liebe.

Ahoi: Gibt es eine Lesetour zum Buch? Wenn ja, wann und wo bist Du denn dann zu Gast?

Sebastian Caspar: Das kann ich im Moment noch nicht genau sagen. Geplant ist zunächst die Buchpremiere in Weißenfels. Anfang des neuen Jahres soll dann eine weitere Lesung in Leipzig in einer renommierten Buchhandlung stattfinden. Was der Trabanten Verlag darüber hinaus noch für Berlin und weitere Orte plant, kann ich aktuell noch nicht sagen. Ich gehe aber davon aus, dass sich nach Erscheinen des Buches noch einiges entwickeln wird.

Ahoi: Nach dem Buch ist in der Regel vor dem Buch. Wie sieht es denn da bei Dir aus?

Sebastian Caspar: Ich arbeite tatsächlich bereits an meinem vierten Roman. Im Mittelpunkt wird der Leipziger Arzt Ludwig Schwabe stehen. Er war Schiffsarzt auf der SMS „Emden“ und sein Weg führte ihn zu Beginn des Ersten Weltkriegs bis in den Indischen Ozean. Nach dem Seegefecht vor den Kokosinseln 1914 starb er auf North Keeling. Nach Leipzig ist er nie zurückgekehrt. Mich fasziniert diese Geschichte schon lange. Ich plane, selbst nach North Keeling zu reisen und mich dort auf seine Spuren zu begeben. Für mich ist das nicht nur ein historischer Stoff, sondern auch eine literarische Suche nach Erinnerung, Verlust und Heimat. Auf dem Leipziger Südfriedhof erinnert ein Grabmal an Ludwig Schwabe. Zu diesem Grabmal gehörte auch ein Anker, der vor einigen Jahren von Schrottsammlern gestohlen wurde. Auch deshalb trägt das Projekt momentan den Arbeitstitel „Der verlorene Anker“. Ich würde diesen Anker sehr gern eines Tages wieder dorthin zurückbringen, wo er hingehört. Für dieses Projekt würde ich gern auch die Stadt Leipzig gewinnen. Mich reizt der Gedanke, mehr als hundert Jahre später symbolisch die Geschichte und vielleicht sogar ein Stück der Seele eines Leipziger Sohnes wieder nach Hause zu holen. Im besten Fall wird daraus nicht nur ein Roman, sondern auch ein Stück gelebter Erinnerungskultur.

Bestell-Link des Buches im Trabanten Verlag:

Sebastian Caspar: Umwege | Trabanten Verlag

Sebastian Caspar als Schriftsteller:

leben-lieben-leiden.de

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