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Gespräch mit der traumasensiblen Entwicklungsbegleiterin Julia Sperling

„Pferde urteilen nicht und sind nicht nachtragend"

Pepper und Julia Sperling © Margot Cichy

Jeder Mensch hat seinen Ranzen zu tragen, der vollgepackt mit Traumata aus eigenem Erleben und dem Erleben vorheriger Generationen an ihm zerrt, ihn hinunterdrückt oder aus der Bahn zieht. Hier Abhilfe zu schaffen, in den Ranzen hineinzuschauen und ihn vielleicht sogar sanft zu leeren, gibt es diverse Angebote. Das Angebot von Julia Sperling hat vier Hufe, eine Mähne und schaut in der Regel sanftmütig.

Ahoi-Redakteur Volly Tanner sprach mit Julia: 

Ahoi: Guten Tag Julia Sperling. Du bist Pädagogin mit einer Spezialisierung im Bereich traumasensible Entwicklungsbegleitung und Potenzialentfaltung und arbeitest mit Menschen in Krisensituationen.
Dabei hast Du Unterstützung an Deiner Seite mit Schweif und vier Beinen. Was lösen Pferde denn in den krisengeplagten Menschen aus?

Julia Sperling: Das ist ganz unterschiedlich. Oft erlebe ich, wie unmittelbar die Pferde Trost spenden, wenn jemand mit einem schweren Thema kommt oder gar am Ende seiner Kräfte ist. Es fällt den meisten Menschen leichter sich zu öffnen und raus zu lassen, was gerade so dringend ist, wenn die Pferde dabei sind. In anderen Situationen ist da eine Ehrfurcht vor den Pferden, was Dich direkt in den Körper rein spüren lässt: Welches Gefühl ist gerade da und wo sitzt es im Körper? Bist Du aufgeregt? Was hast Du gerade für einen Impuls? Du fühlst Dich vom Gegenüber, also dem Tier, gesehen und angenommen so wie Du hier und jetzt da bist, mit all dem, was Du in Dir hast. Denn Pferde leben immer im Moment, urteilen nicht und sind nicht nachtragend.

Ahoi: Wie bist Du selbst zu dieser Arbeit gekommen? Es braucht ja in der Regel einen auslösenden Moment …

Julia Sperling: Schon in meiner Kindheit kam ich mit Pferden in Berührung, habe reiten gelernt und während meines Pädagogik-Studiums mit dem Gedanken gespielt, irgendwann Heilpädagogisches Reiten anzubieten. So geradlinig verlief es dann aber nicht. 

Während belastender Arbeitssituationen und Phasen der beruflichen Neuorientierung suchte ich mir psychologische Unterstützung. Dabei habe ich mein jetziges Team, zwei Co-Begleiter auf vier Hufen, kennengelernt.

Und mit diesen beiden fing alles an. Auch heute lerne ich noch viel von ihnen. Der Pferdehof Mirabella wurde zu meinen Kraftort – ein Ort zum Auftanken, zum neu Sortieren und zum Träumen und Verwirklichen. Mir wurde klar, dass ich wieder mit Menschen arbeiten möchte und Pferde dabei eine wichtige Rolle spielen sollen. Da hat mir meine Ergotherapeutin die Weiterbildung „Traumasensible Entwicklungsbegleitung und Potentialentfaltung mit Tieren“ bei Kirsten Bruchhäuser empfohlen, die mich nun seit gut zwei Jahren auch in meiner eigenen Persönlichkeitsentwicklung stärkt.

Hier fühle ich mich „angekommen“. Mittlerweile arbeite ich selbst in der Rolle einer Begleiterin für Menschen in Krisen. Seit Anfang 2025 möchte ich Menschen ermöglichen, sich in der begleiteten Begegnung mit Tieren - besonders mit Pferden - zu stabilisieren. Ich richte mich an Menschen, die ihre Orientierung verloren haben oder sich Unterstützung bei der Bewältigung individueller Herausforderungen wünschen, etwa bei Trauma-Folgen oder psychischen Erkrankungen.

Ahoi: Ich persönlich habe nicht wirklich einen Zugang zu Pferden. Hunde und Katzen mögen mich dafür sehr. Nun sagst Du, dass Pferde wie Spiegel der Menschen funktionieren können. Was bedeutet denn, dass Pferde und ich eher getrennte Wege gehen?

Julia Sperling: Was meinst Du mit keinen Zugang? Denkst Du Pferde mögen Dich nicht oder magst Du sie nicht besonders? Vielleicht ist da etwas, das Du noch verstecken, also schützen möchtest in Dir. Vielleicht hast Du Sorge, dass Du diese Schutzmauer vor einem Pferd nicht mehr aufrecht erhalten kannst, weil es Deinen Herzschlag spürt und wahrnimmt wie Du Dich wirklich gerade fühlst und Deine Fassade nicht echt ist.
Vielleicht fällt es Dir aber auch leichter bei einem Hund, der fröhlich auf Dich zugerannt kommt, zu merken: Hey, der mag mich so wie ich bin.

Oder Du siehst in einer Katze einen Teil von Dir, der gut für sich selbst sorgen kann, und wenn Du heute keine Lust auf Menschen hast, ziehst Du Dich eben zurück oder fährst die Krallen aus.
Zumindest in der Stadt laufen Dir Hunde und Katzen wahrscheinlich öfter über den Weg als ein paar Pferde. Dadurch konntest Du eher lernen, mit diesen Tierarten umzugehen und hattest weniger Gelegenheit, Pferde überhaupt richtig kennenzulernen: Wie verhalten sie sich in der Gruppe, welche Rollen gibt es und worauf müssen sie als Fluchttiere achten?

Wenn Du in eine Pferdeherde kommst, kannst Du für eine gewisse Zeit Teil der Herde werden. Bist Du klar in deiner Körpersprache und hast einen starken Willen, akzeptieren sie Dich wahrscheinlich schnell als ein Leittier. Du kannst mit ihnen Einiges über Dich lernen, etwa was Du gut kannst oder ob Dein Körper das gleiche spricht wie dein Verstand. Oder zum Thema Abgrenzung gegenüber anderen Menschen: Wenn Dir jemand seine Probleme anvertraut und Du gerade keine Kapazität dafür hast, sondern noch mehr Stress für Dich verursacht, dann können wir das Grenzenziehen mit den Pferden üben.

Ahoi: Wo kann man denn Dein Angebot wahrnehmen? Es muss ja eine Art Stützpunkt geben, damit Transport der Tiere umgangen werden kann, das wäre ja auch reiner Stress für die Tiere ... und warum gerade dort?

Julia Sperling: Du findest uns auf dem Pferdehof Mirabella in Döhlen. Das ist ein kleines Dorf direkt hinter Markranstädt. Von Leipzig aus könnt ihr uns auch mit dem ÖPNV erreichen.
Die Pferde gehören Frau Ella Behn und sie hat diesen Ort vor einigen Jahren gefunden. Dort können die Pferde im Offenstall leben, sind also 24/7 draußen und haben eine große Koppel. Da es nicht viele Nachbarn gibt, ist das Gelände wirklich ein safe space, auf dem Du auch mal schreien kannst und alle Gefühle ihren Raum finden können. Alles ist dort eher wild, rustikal und gemütlich, naturnah und einfach zum Wohlfühlen.

Ahoi: Natürlich müssen wir auch über den Kostenfaktor sprechen. Dein Angebot hat gesundheitsfördernde Aspekte inne, heißt dies auch, dass die Krankenkassen finanziell unterstützen? Wenn nicht, in was für einem Rahmen bewegen wir uns denn?

Julia Sperling: Da ich Pädagogin bin, aber keine Therapeutin, übernehmen die Krankenkassen leider nicht das Honorar. Eine Probestunde kostet 35 Euro, jede weitere Einheit a 60 Minuten dann 70 Euro. Wer einen Behinderten-Ausweis hat, kann über das Persönliche Budget die Einheiten finanziert bekommen.

Ahoi: Das ist ja recht human. Wie ist denn die Resonanz so auf Dein Angebot?

Julia Sperling: Eine Klientin, die schon einige Monate kommt, sagt: „Durch die Begleitung mit den Pferden habe ich gelernt, besser auf mich selbst zu achten und meine Gefühle bewusster wahrzunehmen. Außerdem habe ich mehr Vertrauen in mich selbst gewonnen, weil ich merke, dass die Pferde auf meine Körpersprache und meine Stimmung reagieren. Sie helfen mir besonders dabei, meine innere Ruhe zu finden und Stress abzubauen. Die Pferde unterstützen mich auch darin, Grenzen zu setzen und klarer zu kommunizieren – sowohl mit ihnen als auch im Alltag.“
Einige Klientinnen kommen in regelmäßigen Abständen, es gibt aber noch genügend freie Plätze und man kann unverbindlich zu einer Probestunde kommen.

Ahoi: Schlussendlich geht es um traumatisierte Menschen, um Menschen, die in der Regel dringend Hilfe brauchen. Dabei bewegt sich die Arbeit mit Traumatisierten ja auch in einem äußerst verantwortungsvollen Segment. Wo hast Du Dir Deine Skills angeeignet, um hier sensibel agieren zu können?

Julia Sperling: Die meisten Menschen sind von Trauma betroffen, oft wissen wir es nur nicht. Das unverarbeitete Trauma bleibt im Körper gespeichert und äußert sich in chronischen Verspannungen, Schmerzen oder anderen Beschwerden, ohne dass wir uns bewusst an den Auslöser erinnern können.

Ich möchte alle Jugendlichen und Erwachsenen ansprechen, die sich in einer Krise befinden und nach Unterstützung suchen. Du brauchst also keine Diagnose, um das pferdebegleitete Angebot nutzen zu können. Es kann aber auch eine wertvolle Ergänzung zu einer klassischen Psychotherapie oder eine erste Anlaufstelle zur Stabilisierung sein, wenn Du lange auf einen Therapieplatz warten musst.

Aktuell stehe ich kurz vorm Abschluss meiner Weiterbildung zur traumasensiblen Begleitung mit Tieren. Neben zahlreicher Selbsterfahrungen im Rahmen der Weiterbildung zusammen mit dem Aneignen von Hintergrundwissen zu Traumatisierung konnte ich insbesondere begreifen, welche natürlichen Schutzmechanismen in uns aktiv werden, wenn der Stress zu groß oder zu viel wird.

Dieses wertvolle Wissen kann ich nun weitergeben. Pädagogische und auch psychologische Grundlagen für die Arbeit mit Menschen bringe ich durch mein Studium mit. Im Laufe der letzten Jahre habe ich Strategien und Fähigkeiten erlernt, die es ermöglichen, mit überfordernden Situationen ressourcenorientiert umzugehen. Auch Du kannst sie Dir aneignen. Dazu biete ich Dir entsprechend Deiner individuellen Bedürfnisse meine Begleitung an. Oft kann es schon helfen, sich - neben den Tieren - mit einem Menschenverbunden zu fühlen, der eigene Krisen durchgemacht hat und daraus gestärkt seinen Weg weiter geht. Gerade in unserer jetzigen, oft herausfordernden Welt möchte ich Mut machen und Hoffnung geben.

Ahoi: Dann hoffen wir für die Menschen, die Hilfe brauchen und für Dich auch, dass Dein Angebot weiter gut angenommen wird. Danke für Deine Zeit und Dein Engagement.

Kontakt zu Julia Sperling per Mail: 

begleitung-mit-pferden@posteo.de & auf Instagram: Instagram

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