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Gespräch mit dem Fotografen und Georg-Christoph-Biller-Preisträger Philipp Baumgarten

Ostflimmern. Zwischen Digitalmoderne, Ostgefühlen und US-Popkultur

Philipp Baumgarten hat zuletzt mit Annekathrin Kohout das Buch „Ostflimmern. Wir Wende-Millennials“ im mitteldeutschen verlag mdv veröffentlicht © Atelier Baumgarten/ Kloster Posa

Einst fuhr Philipp Baumgarten den Wagen vor, wenn der Ahoi-Autor Volly Tanner mit seinen Büchern durch die Welt musste, um Menschen zu begeistern. Gleichzeitig formte sich in dem jungen Mann eine herausragende eigenständige Künstlerpersönlichkeit, die im Staub der Geschichte unserer Region faszinierende Spuren hinterlässt. Jetzt ist mal wieder ein Buch geboren, klar, dass Volly Tanner mit Philipp Baumgarten in E-Mail-Clinch ging. Hier das Ergebnis:

Ahoi: Guten Tag, Philipp Baumgarten. Wir kennen uns ja schon ein Weilchen, deshalb duzen wir uns. Gerade erschien das von Dir und Annekathrin Kohout herausgegebene Buch „Ostflimmern. Wir Wende-Millennials“ im mitteldeutschen verlag mdv. Was sind denn jetzt schon wieder Wende-Millennials?

Philipp Baumgarten: Hallo Volly, schön, dass sich unsere Wege nach langer Zeit wieder kreuzen. Mit dem Buch „Ostflimmern“ wollen wir die Generation der Wendekinder zu Wort kommen lassen, zu denen wir uns zählen und begeben uns auf die Suche nach einem gemeinsamen Lebensgefühl, das sich vielleicht erst im Spiegel des "westdeutschen Blicks“ ergibt. Die Wendekinder sind einerseits durch die DDR und die politischen Umbrüche der 90er geprägt und gleichzeitig hineingeboren in die Digitalmoderne und stark mit US-Popkultur in den 1990er-Jahren sozialisiert. Man könnte auch sagen, Millennials mit DDR-Hintergrund. Dieses Spannungsfeld ist gemeint mit dem Begriff „Wende-Millenials“.

Ahoi: Was hast Du denn beim Buch gemacht und was hat Annekathrin Kohout für eine Aufgabe gehabt?

Philipp Baumgarten: Wir sind die Herausgeber und haben das Buch konzeptionell entwickelt. Annekathrin und ich kennen uns seit vielen Jahren und konnten schon mehrere Publikationen gemeinsam realisieren. Das aktuelle Buch ist auf Grundlage meines Fotoarchivs entstanden, das ich seit 2006 über Ostdeutschland, aber auch Osteuropa erstellt habe. Aus den rund 40.000 Bildern haben wir 100 ausgewählt, die den Autor:innen als Anregung für ihre eigenen Texte dienten. Meine Hauptaufgabe bestand in diesem Projekt also im Bildnerischen, ich bin Fotograf. Annekathrin hat sich für das Textliche und Redaktionelle verantwortlich gezeigt, sie ist Autorin und Kulturhistorikerin.

Ahoi: Ach so. Im Buch sind ja diverse Texte diverser Menschen, die als „Kinder der 1990er“ geoutet werden, zu lesen. Wer ist denn mit im Boot? Und wer sind die Autorinnen und Autoren – also gern auch woher?

Philipp Baumgarten: Wir sind sehr glücklich über den regen Zuspruch der Autor:innen und haben jene Personen angesprochen, deren Arbeit wir zum Thema Ostdeutschland schätzen und die sich beruflich damit auseinandersetzen, also schriftstellerisch z.B. als Künstlerin, Wissenschaftlerin, Autorin oder Journalistin. Wir wollten ein anthologisches Buch machen, weil uns diese Form am besten erschien. Mit von der Partie sind Elisabeth Heyne, Peter Hintz, Marlen Hobrack, Paula Irmschler, Sebastian Jung, Nhi Le, Anne Ramstorf, Lukas Rietzschel, Valerie Schönian, Philipp Schreiner, Greta Taubert, Anne Waak und Alexander Wagner.

Ahoi: Irgendwie geht es ja auch um Popkultur. Gerade amerikanische Popkultur. Nun gibt es im Osten ja – geschichtlich bedingt – auch eine Hinwendung zur Popkultur östlicher Staaten, ich nehme mal die russischen Märchenfilme, Pan Tau oder Lolek und Bolek oder auch Hase und Wolf. Findet diese Popkultur im Buch auch statt? Es gibt ja immer Unterschiede zwischen allen Regionen …

Philipp Baumgarten: Mitunter sind die popkulturellen Erfahrungen und Erinnerungen derjenigen im Buch, die die DDR noch als Kinder bewusst erlebt haben, in die Erzählungen der Textbeiträge geflossen. Doch darum geht es uns weniger. Es ist vielmehr eine gewisse Hybridität, die wir spannend finden. Ich würde den Wendekindern eine besondere Transformationskompetenz attestieren, die sie auch hier in ihren Werken zum Ausdruck bringen. Sie navigieren zwischen verschiedenen Identitäten und kulturellen Einflüssen, was eine hybride Form der künstlerischen und literarischen Produktion schafft. Diese Hybridität ist auch ein charakteristisches Merkmal der Popkultur, die ständig neue Formen und Inhalte aus verschiedenen Quellen integriert und auch neu kombiniert.

Ahoi: Du hast letztes Jahr den Georg-Christoph-Biller-Preis bekommen. Wofür und durch wen und was hat Biller, der ja hier in Leipzig Thomaskantor war, mit Zeitz zu tun?

Philipp Baumgarten: Georg Biller habe ich nur einmal getroffen. Das war im Frühjahr 2015 in Tröglitz, als die geplante Flüchtlingsunterkunft in Brand gesteckt wurde und wir unabhängig voneinander versuchten, mit zivilgesellschaftlichem Engagement etwas Hoffnung zu bewahren und die Fassung nicht zu verlieren. Biller wurde im Burgenlandkreis geboren und ist auch daher Namensgeber für diese neue Auszeichnung, die vom Landkreis vergeben wird. Den Preis erhielt ich vorrangig für meine zahlreichen Initiativen für die Entwicklung und Wahrnehmung des Burgenlandkreises als Kunst- und Kulturstandort.

Ahoi: Und wie sieht es auf Kloster Posa aus derzeit?

Philipp Baumgarten: Aktuell weht ein morbider Wind, nicht wegen der Wahlergebnisse, sondern den archäologischen Grabungen, die ich seit 2017 mitverantworte und durchführe. Momentan liegen 15 Bestattungen aus dem 13.-15. Jahrhundert offen und im Herbst kommen weitere hinzu. Wir finden derzeit aber nicht nur das alte Kloster bzw. dessen architektonische Reste, sondern darunter können wir den ersten Standort des Zeitzer Bistums lokalisieren, das später nach Naumburg umzieht. Grüße ans UNESCO-Komitee.

Ahoi: Und wie geht es jetzt mit dem Buch weiter? Gibt es Lesungen, Ausstellungen, Aktionen?

Philipp Baumgarten: Die ersten Termine purzeln ins Haus. Im Rahmen meiner Bilderausstellung im Museum Schloss Moritzburg in Zeitz finden ab dem 26.10. ein paar Termine statt. Lukas Rietzschel wird dort am 22.11. lesen. Am 10.10. soll es eine Buchvorstellung in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek geben. Am 22.10. sind wir im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig. Weitere Termine folgen hoffentlich und können dann auf der Verlagsseite abgerufen werden.

Ahoi: Dann wünschen wir Euch auf jeden Fall ganz viel Erfolg und dass die Geschichten der Menschen nicht zu Narrativen verkümmern.

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