Endlich mal ein Kunstprojekt, welches respektvoll mit den Lebensgeschichten Hiergeborener umgeht. Die beiden Dänen Line und Christian schaffen Lieder und Videos über „Unsichtbare Orte“ und Menschen aus Zeitz, Eythra oder Deuben, Eisenhüttenstadt oder Weißwasser und Hoyerswerda. Und da das Projekt den Ahoi-Redakteur Volly Tanner zutiefst berührte, führte er ein Gespräch mit den beiden.
Ahoi: Guten Tag, Linebug. Vor ein paar Tagen spülte es mir Euer Lied „When We Find It (Eythra)“ in meine Aufmerksamkeit. Nun habe ich beispielsweise in meinem Umfeld auch Menschen, die in Eythra geboren wurden, wodurch mich das Lied und das Video noch viel mehr berührten. Wo einst Eythra stand, ist heute der Zwenkauer See und davor war dort Bergbau, das Dorf gibt es nicht mehr. Diese Form von Heimatverlust haben viele Menschen erfahren müssen. Wie kam es zu diesem Lied und dem Video?
Linebug: Wir freuen uns, dass das Lied Sie berührt hat, auch wenn es eine traurige Geschichte ist. Tatsächlich waren wir etwas überrascht über die starken Reaktionen, die das Lied ausgelöst hat. Von der Stadt haben wir zum ersten Mal durch einen unserer Instagram-Follower gehört, der auf unseren Projekttitel „Portraits of Invisible Places“ aufmerksam geworden war. Der Titel ist eigentlich als Kommentar gemeint, dass viele der Städte, über die wir Lieder schreiben, mehr Aufmerksamkeit verdienen (und dass sie eine sinkende Bevölkerungszahl haben). Aber dass wir tatsächlich ein Werk über eine Stadt erschaffen würden, die nicht mehr existiert, war uns nicht in den Sinn gekommen. Nachdem wir später mehr über das Schicksal Eythras erfahren hatten, wussten wir, dass wir ein Musikvideo dazu machen wollten. Unsere Idee war, dass es interessant sein könnte, zu sehen, ob wir Eythra auf eine Weise „wiederherstellen“ könnten, damit die ehemaligen Bewohner ihre verlorene Ortschaft noch einmal sehen könnten.
Ahoi: Ihr durftet Archivmaterial ehemaliger Bewohner nutzen, wie kam es zum Kontakt und wie war das Aufeinandertreffen? So oft bekommen Menschen, die in Deutschland ihre Heimat verlassen mussten, ja nicht Aufmerksamkeit …
Linebug: Es gibt immer noch Menschen, die eine Verbindung zu Eythra haben und sich gelegentlich treffen, um gemeinsam die Stadt und ihren Geist in Erinnerung zu rufen. Wir nahmen Kontakt zu diesem Verein auf und machten zudem einen „Shout-out“ in ein paar Facebook-Gruppen. Auf diese Weise konnten wir einige der ehemaligen Bewohner erreichen. Wir trafen uns mit ihnen in der nahegelegenen Stadt Zwenkau, die ebenfalls vom Abriss bedroht war, jedoch glücklicherweise verschont blieb. Sie waren ziemlich überrascht, dass zwei Dänen ein Kunstprojekt über ihren ehemaligen Wohnort machen wollten, aber sie waren sehr großzügig und erzählten uns, wie es war, dort zu leben, und gaben uns Zugang zu alten Fotos der Stadt. Als wir erkannten, wie viele Bilder uns zur Verfügung standen, beschlossen wir, Eythra durch das Musikvideo als ein Fotoalbum wiederzuerschaffen.
Ahoi: Eythra ist nur ein Ort, den ihr in dem Projekt „Unsichtbare Orte“ Zuneigung entgegenbringt. Welche Orte sind noch dabei?
Linebug: Unser Projekt „Portraits of Invisible Places“ wird zehn ostdeutsche Städte und Dörfer umfassen, alle im ehemaligen DDR-Gebiet. Es wird im März als audiovisuelles Album erscheinen. Bisher haben wir Singles über Hoyerswerda, Zeitz, Eisenhüttenstadt, Weißwasser, Deuben und zuletzt Eythra veröffentlicht. Die nächsten drei Städte werden Altenburg, Schwedt und Demmin sein – und die letzte Stadt haben wir noch nicht entschieden. Vorschläge sind immer noch willkommen!
Ahoi: Zeitz berührte mich ebenfalls, ich kenne den Ort noch von ganz früher aus DDR-Zeiten, meine Großeltern väterlicherseits lebten in Bornitz und da waren wir oft in Zeitz. Der Ort hat viel Wandel erleben müssen, viele Menschen sind des Wandels, der immer nur die Anderen partizipieren lässt, müde. Wie erlebt Ihr als Dänen die Hiesigen?
Linebug: Zeitz hat uns wirklich gut aufgenommen! Wir haben uns in die Stadt wegen ihrer Schönheit und Atmosphäre verliebt, seitdem sind wir auch den Bewohnern und ihrer Mentalität sehr zugetan. Ein gängiges Vorurteil gegenüber vielen ostdeutschen Städten ist, dass sie voller deprimierter und niedergeschlagener Menschen sind. Es stimmt, dass eine Stadt wie Zeitz ihre Herausforderungen hat, aber das schafft auch eine Form von Zusammenhalt, durch den man einander unterstützt. Wenn man als Künstler den Wunsch hat, sich kulturell einzubringen, könnte man kaum in eine bessere Stadt als Zeitz ziehen. Es ist eine warme und spannende Stadt, und das erzählen wir allen, die fragen – egal, ob sie Vorurteile haben oder nicht.
Ahoi: Eure Tournee ist derzeit am Laufen, gerade wart Ihr auch in Leipzig, zu einem Sofakonzert zwei Monate vor Weihnachten. Wer kommt zu den Konzerten? Verstehen jüngere Menschen den Verlust von Heimat?
Linebug: Natürlich versteht niemand den Verlust eines Zuhauses besser als diejenigen, die ihn selbst erlebt haben. Aber unser Projekt handelt ja auch von viel mehr. Wir versuchen, die ostdeutschen Städte aus einer positiveren Perspektive zu betrachten, und wir erleben, dass viele, sowohl ältere als auch jüngere Menschen – sowohl West- als auch Ostdeutsche – darüber erstaunt sind. Dass wir als Dänen nach Ostdeutschland kommen, ohne mit so tief verwurzelten Vorurteilen aufgewachsen zu sein, ermöglicht uns, nicht so leicht als typische „Ossis“ oder „Besserwessis“ abgetan zu werden. So haben wir in gewisser Weise einen gewissen Freiraum, um Beobachtungen auszudrücken, ohne selbst in Schubladen gesteckt zu werden. Das ist natürlich angenehm für uns, scheint aber auch für das Publikum erfrischend zu sein.
Ahoi: Gibt es von Euch auch Material auf CD oder Vinyl? Wo bekommt man Eure Musik und die Filme her?
Linebug: Ja, wir veröffentlichen unsere Werke auch auf CD und Vinyl, und wir planen, für dieses Projekt auch eine DVD zu produzieren. Ansonsten sind die meisten unserer audiovisuellen Werke auf YouTube verfügbar. Da Line Musikerin ist und Christian visueller Künstler, ist die Aufgabenverteilung sehr unkompliziert. Line schreibt die Lieder basierend auf den Städten und den Geschichten, die wir am interessantesten finden. Sie mischt auch die Musik mit realen Klängen – also Tönen, die in der Stadt aufgenommen wurden und charakteristisch für den jeweiligen Ort sind. Beim Arrangement und der endgültigen Produktion wird sie von dem Komponisten und Produzenten Maxi Menot unterstützt. Christian macht viele Videoaufnahmen, während wir die Städte besuchen, und erstellt auch eine Menge Animationen. Er versucht zudem, Fotos und alte Filme zu integrieren, wenn es möglich ist. Für unser Lied „Temporary Home“ über Zeitz hatten wir das Glück, die Rechte an einigen alten professionellen Filmen zu erhalten, die eine Filmgruppe namens „Zeitzer Linse“ zu DDR-Zeiten über Zeitz gedreht hatte. Es ist immer ein Schatz, wenn wir Zugang zu älteren Filmen und Bildern bekommen; dies kann dazu beitragen, den Musikvideos ein authentischeres Gefühl zu verleihen.
Ahoi: Wie habt Ihr die Orte ausgesucht, mit denen Ihr Euch befasst habt?
Linebug: Ursprünglich begann es damit, dass uns auffiel, dass die Bewohner von Zeitz oft nicht viel Positives über ihre Stadt zu sagen hatten. Deshalb haben wir das Musikvideo „Skyline“ gemacht, das eine Art Ode an die Stadt ist. Dies wurde von den Einheimischen gut aufgenommen und wir kamen zu dem Schluss, dass Zeitz wahrscheinlich nicht die einzige ostdeutsche Stadt ist, die einen neuen Blickwinkel auf sich gebrauchen könnte. Die ausgewählten Städte haben sich im Laufe der Zeit herauskristallisiert, aber ein gemeinsames Merkmal ist, dass sie alle mit Abwanderung zu kämpfen haben, mit ihrem Ruf Probleme haben oder eine schwere Geschichte tragen. Unser Wunsch ist es, neue Geschichten über diese Orte zu erzählen, anstatt immer wieder die alten Stereotypen zu wiederholen.
Ahoi: Respekt gegenüber Lebensgeschichten, gerade auch Hiergeborener, gehört dazu, wenn ein demokratisches Gemeinwesen entstehen soll. An dem Respekt lassen es derzeit viele Aktive und Aktivistinnen fehlen, der Mangel an Empathie ist fast mit Händen zu greifen. Ihr macht dem entgegen ein wundervoll menschenzugewandtes Angebot. Habt Ihr schon Ideen, wie es weitergeht?
Linebug: Vielen Dank für Deine Worte, sie bedeuten uns viel! Wir versuchen sehr, Werke zu schaffen, bei denen Empathie und Menschlichkeit im Mittelpunkt stehen. Auch wenn die Themen, die wir behandeln, politisch aufgeladen sein können, möchten wir Kunstwerke schaffen und keine politischen Manifestationen. Worum es in unserem nächsten Projekt gehen soll, wissen wir noch nicht genau. Grundsätzlich erleben wir jedoch, dass es in einer Welt, in der sich alles extrem schnell verändert, wichtig ist, den Kräften, die unsere Zivilisation bis heute getragen haben, Respekt entgegenzubringen – auch wenn wir neue Wege finden müssen, bestimmte Dinge zu tun. Ohne Respekt voreinander bricht der soziale Zusammenhalt, wie man es in den USA sieht – und zunehmend auch hier in Deutschland. Wenn wir also Werke mit künstlerischer Integrität schaffen können, die gleichzeitig den Zusammenhalt auch nur ein wenig stärken, sind wir sehr zufrieden.
Ahoi: Danke für Eure Musik und Euer Engagement. Ich ziehe meinen Hut.


