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  • Interviews
Gespräch mit dem Straßen-Sozialarbeiter Tino Neufert

Obdachlosigkeit ist immer eine absolut menschenunwürdige Situation

Tino Neufert vor dem Leipziger Hauptbahnhof © Volly Tanner

Ja, auch der Ahoi-Redakteur Volly Tanner fühlt sich hin und wieder hilflos. Gerade, wenn er aus dem Hauptbahnhof herausschreitet, wird er mit Leid und unwürdigen Zuständen konfrontiert und diese stürzen in einer Fülle auf ihn ein, dass er gar nicht weiß, wo er anfangen soll. Deshalb sprach Volly Tanner mit Tino Neufert, den er schon seit vielen Jahren kennt und dessen Arbeit und Engagement ihm Respekt und Wertschätzung abringen.

Tino Neufert arbeitet in der aufsuchenden Straßensozialarbeit, direkt mit den Menschen am Bahnhof. Und Tino Neufert erzählt, was jeder einzelne Mensch von uns tun kann, um den Wohnungslosen direkt tun kann. Es gibt auch eine neue Aktion und Möglichkeiten zu spenden: 

Ahoi: Guten Tag, Tino Neufert. Wir kennen uns ja schon etwas länger und es gibt immer noch Gründe, miteinander zu reden. Du bist Streetworker und Projektleiter SAFE & Hilfebus der SZL Suchtzentrum gGmbH. Ich treffe Dich immer auf der Straße bei Deiner Arbeit im Wohnungslosen-Milieu. Gerade jetzt, wo der Sommer sich verabschiedet hat, verschärft sich hier die Lage … aber auch ansonsten verschärft sie sich … trügt mich hier mein Gefühl?

Tino Neufert: Hallo Volly, nun rate mal, wo der Herbstwind der Reformen am deutlichsten zu spüren sein wird. Auch wenn in Leipzig vieles richtig gemacht wird und sich das Thema Obdachlosigkeit im Vergleich zu anderen Großstädten hier verhältnismäßig langsam verschärft, sind obdachlose Menschen aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken. Wir trafen (nach unserer projekteigenen Statistik) 2024 337 obdachlose, wohnungslose oder akut von Wohnungslosigkeit bedroht Personen im Rahmen unserer Arbeit mit dem Hilfebus an. Und das nur sind die „sichtbaren“ Menschen. Wie viele Menschen leben in Autos, Gartenanlagen, bei Freunden und Verwandten, nicht zu vergessen die Notunterbringungen und betreuten Wohnformen.

Wohnungslosigkeit wird immer sichtbarer und ist als Thema auch hier in Leipzig schon längst angekommen. Natürlich ist die Kälte ein Thema. In manchen Städten werden ja die sogenannten Kältetoten gesondert erfasst und medial hervorgehoben. Aber warst Du schonmal an einem heißen Sommertag im betonierten Stadtzentrum Leipzigs? Auch Hitze wird zunehmend bedrohlicher und die Notversorgung obdachloser Menschen gehört dann zu unserer täglichen Arbeit.

Obdachlosigkeit ist immer eine absolut menschenunwürdige Situation, die negative gesundheitliche Folgen hat - ob es nun extrem warm oder bitterkalt ist oder die ganze Zeit regnet.

Ahoi: Wenn ich in Leipzig arbeite, muss ich immer über das Einfallsloch Hauptbahnhof in die Stadt und bin dort direkt mit dem Leid der Wohnungslosigkeit, inklusive Alkoholismus, Drogen, Prostitution und körperlichem Verfall konfrontiert. Nun habe ich – und das wird mir auch von Freundinnen und Freunden, die selten in Leipzig sind, gespiegelt – den Eindruck, dass auch die Abhärtung der Menschenmassen dem Leid gegenüber zugenommen hat. Auch ich fühle mich hilflos und weiß nicht, wo anfangen mit der Hilfe. Was kann ich tun? Was kann jeder einzelne Mensch tun, um das Leid zu lindern, um den Betroffenen würdevoll zu begegnen?

Tino Neufert: Der Leipziger Hauptbahnhof ist ein hochfrequentierter Ort, der von den unterschiedlichsten Gruppen genutzt wird. Wer schon mal an einem Samstagabend dort war, weiß, wie viele unterschiedliche Menschen hier die unterschiedlichsten Dinge tun. Das sind in keinster Weise nur Adressaten unserer Arbeit. Da sind Touristen, Jugendliche, Fußballfans, Reisende, Einkaufende etc. Um die 30 Millionen Menschen sollen den Leipziger Hauptbahnhof pro Jahr besuchen, wobei 2024 wohl einen Besucherrekord hatte.

Da ist es doch nicht verwunderlich, wenn dabei auch obdachlose Menschen sind. Diese nutzen den Bahnhof und seine Umgebung, um sich zu treffen, miteinander zu reden und sich auszutauschen aber auch um zu schnorren oder Alkohol und Drogen zu konsumieren. Suchtmittelabhängige und/oder psychisch kranke Menschen fallen dabei besonders auf. Leider stellen wir fest, dass mit der Länge der Obdachlosigkeit auch die psychischen und körperlichen Probleme stark zunehmen. Je länger jemand auf der Straße leben muss, desto kranker ist er in der Regel auch. Auch lässt sich beobachten, dass ein Mensch umso mehr Hilfe benötigt, je tiefer er in der Sucht sitzt.

Nun kann man diese Menschen vertreiben, von einem Ort zum nächsten schicken, damit Kunden und Touristen sie nicht sehen und das Einkaufserlebnis nicht gestört wird. Man kann laute klassische Musik abspielen und man kann auch wegschauen. Das ist viel leichter und bequemer und ist in diesen wirren und irren Zeiten sicher auch irgendwie verständlich. Aber wer schon einmal Probleme hatte, weiß, dass diese viel leichter zu lösen sind, wenn man nicht allein ist und wenn man Unterstützung erhält. Und letztendlich hilft nur das - Unterstützung anbieten - auch durch ausgebildete Fachkräfte, die auf ein gut ausgebautes Hilfesystem zugreifen können. Da kommen wir dann ins Spiel. Wir sind mit dem Team Wohnen und dem Hilfebus mehrfach pro Woche vor Ort und kommen mit den Menschen dort ins Gespräch, nehmen uns Zeit, hören zu, beraten, informieren, vermitteln, begleiten. Darüber hinaus ist tatsächlich das Sinnvollste, das auch jeder Mensch tun kann: Freundlichkeit zeigen, zugewandt sein, Interesse am Gegenüber haben. Das kann ein Hallo, ein Euro, ein Lächeln oder ein kurzes Gespräch/Nachfragen sein. Ein Adressat sagte mir einmal: „Ich wusste schon, wie ich auf andere wirke, wenn ich da so liege und war doppelt dankbar, wenn mich Menschen trotzdem gegrüßt haben, mich gefragt haben, wie es mir geht und ob ich etwas brauche. Das gab mir einen Teil meiner Würde zurück.“

Ahoi: 2024 waren offiziell in Leipzig 1.000 Wohnungslose unterwegs, das werden 2025 mehr sein. Berlin, an dem sich Leipzig so gern orientiert, hat allein 15.000 Minderjährige ohne Unterkunft, insgesamt knapp 50.000 Wohnungslose derzeit. Wie kann die Einbahnstraße in die immer höheren Zahlen durchbrochen werden?

Tino Neufert: Ich würde mich da ungern an Berlin orientieren.

Leipzig macht schon eine Menge und hat in den letzten Jahren auch richtig Geld angefasst. Trotz der angespannten Haushalte wurden Kapazitäten teilweise verdoppelt. So gibt es jetzt schon 50 Plätze beim Projekt „Eigene Wohnung“, dem Housing First Projekt hier in Leipzig, bei dem obdachlose Menschen eigenen Wohnraum angeboten bekommen und dazu noch soziale Unterstützung erhalten. Das Projekt ist sehr erfolgreich, wurde zurecht ausgebaut und zeigt, dass das eigentliche Problem fehlender eigener und bezahlbarer Wohnraum ist. Denn nur, wenn ich eine Wohnung habe, die ich abschließen und einrichten, in die ich mich zurückziehen, in der ich duschen und mich waschen, in der ich meine Sachen lagern, in der ich kochen und essen kann, kann ich auch meine Sucht, meine Schulden, meine Krankheit grundsätzlicher angehen, kann ich gesunden.

Wir vom Streetwork sind ein Rad im Unterstützungssystem: vermitteln, beraten, begleiten, bauen kaputtes Vertrauen wieder auf. Wir sind grundsätzlich immer angewiesen auf adäquate Folgehilfen: ausreichende Notübernachtungsplätze (für Männer, für Frauen, für queere Menschen, für psychisch kranke Menschen), Tagestreffs und andere offene und niedrigschwellige Aufenthalts- und Beratungsorte, betreute Wohnformen, Entgiftungsplätze und letztendlich auch ausreichenden und bezahlbaren Wohnraum.

Noch einmal zum Mitschreiben: Wir brauchen unbedingt einen sozialen Wohnungsbau, der es allen Menschen ermöglicht, lebenswert und leistbar zu wohnen ohne gewinnmaximierende Absichten.

All die schönen Seiten dieser tollen Stadt locken zurecht viele Menschen an. Das hat aber nicht nur positive Seiten. Die Verknappung des Wohnraums in Leipzig hat schon seit Jahren auch negative Folgen für seine Bürger. Fast niemand kommt da ungeschoren davon. Das Problem der Wohnungslosigkeit ist viel grundsätzlicher und struktureller bedingt als viele glauben wollen. Das alles auf individuelle Lebenslagen von Einzelnen zu schieben, ist sehr kurz gedacht und wird dem eigentlichen Problem in keinster Weise gerecht. Wir sollten uns tunlichst hüten, im Sinne eines „Trumpismus“, einer freien radikalen Marktwirtschaft unsere gesellschaftliche Verantwortung auf den Einzelnen abzuschieben. „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied!“ funktioniert nunmal nicht, wenn Dir niemand einen Hammer gibt (wenn kein Wohnraum da ist, den man mieten kann). Gestern, zum Beispiel, rief mich eine Studentin an. Sie fragte um Rat, findet einfach kein Zimmer, schläft bei Freunden, Mitstudenten, ist faktisch wohnungslos! Das Problem ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Ahoi: Im Winter seid Ihr wieder mit dem Hilfebus unterwegs, was macht Ihr hier ganz konkret? Und wo seid Ihr unterwegs?

Tino Neufert: Der Hilfebus als ein Teil von „Safe-Straßensozialarbeit für Erwachsene“ ist ganzjährig und täglich, also auch an den Wochenenden und Feiertagen von 18 bis 23 Uhr im gesamten Stadtgebiet Leipzigs unterwegs.

Nur zu Sylvester machen wir Rufbereitschaft, nachdem wir im ersten Jahr etwas überfordert durchs Böllergewitter gekurvt sind. Wir sind ein Team aus vier Sozialarbeitenden und 15 ehrenamtlich Tätigen, die uns seit vielen Jahren unterstützen. Wir haben auch sogenannte Standzeiten, bei denen wir zum Beispiel am Hauptbahnhof stehen und Essen ausgeben. Außerdem rufen uns Menschen zu unseren Einsatzzeiten unter 01523 366 10 87 an und weisen uns auf Personen hin, die sich in sozialen Notlagen befinden. Wir bekommen solche Hinweise aus dem gesamten Stadtgebiet. Da wird einem mal klar, wie groß Leipzig eigentlich ist, und von unterschiedlichster Seite. So informieren uns nicht nur Bürger, sondern auch Notärzte und Rettungssanitäter, Polizisten, Notaufnahmen oder Gewerbetreibende. Auch obdachlose Menschen selbst rufen an und bitten um Unterstützung.

Wir können nachts natürlich nur bedingt auf die individuellen Notlagen eingehen, leisten sehr viel Grund- und Erstversorgung. Dabei geben wir vor allem Lebensmittel, Getränke, Kleidung, Schlafsäcke, Isomatten, Decken etc. aus und bringen Menschen bei Bedarf auch in die Notübernachtungsstellen der Stadt.

Wir hören aber natürlich auch zu, motivieren Menschen, noch einmal einen Versuch zu starten, sprechen Mut zu, nehmen Kontakt zu Menschen auf, die kein Vertrauen ins Hilfesystem mehr haben. Wir bauen in diesem Sinne die Brücken wieder auf, auf denen Menschen Unterstützung finden können.

Ahoi: Wie finanziert sich Eure Arbeit? Ich hörte von einer Spendenkampagne, kannst Du uns da mehr erzählen?

Tino Neufert: Alle Teams von Safe werden 100prozentig kommunal finanziert und das in diesen finanziell so angespannten Zeiten! Da kann man dieser Stadt, dem Stadtrat und der Stadtverwaltung nur ein großes DANKE aussprechen. Das ist sinnvolles und fachgerechtes Handeln. Das ist für mich Leipzig und so bleibt es hoffentlich auch weiterhin.

Denn eins ist klar, soziale Arbeit wird gebraucht. Darüber hinaus sind wir aber immer auch auf Spenden angewiesen, um die tausend Dinge, die obdachlose und armutsbetroffene Menschen benötigen, zu finanzieren. Das sind nicht nur der Schlafsack und die Isomatte, das sind nicht nur das erste-Hilfe-Set und der Ruckdack, das sind nicht nur die Hygieneartikel und die warmen Mahlzeiten, die Fahrscheine, der Tee, der Kaffee, die Taschenlampe, die Batterien, die Proteinriegel, das Hundefutter, die Termoskannen! Du merkst schon, diese Aufzählung kann man beliebig verlängern. Fundraising und Spendenakquise sind seit vielen Jahren fester Bestandzeil unserer Arbeit. Spender und Spenderinnen leisten mit ihrer Spende einen elementaren Beoitrag zu unserer Arbeit.

Auf uns kamen Mitte diesen Jahres eine Firma aus Berlin und das Erich Zeigner Haus e. V. zu und fragten, ob sie uns mit einer Spendenkampagne unterstützen können. „Zu wahr, um schön zu sein.“ soll es uns ermöglichen, die finanziellen Ressourcen zu schaffen für die tausend Dinge, die wir in unserer Arbeit brauchen. Vielleicht hat der eine oder die andere schon ein Plakat, einen Flyer, einen Instapost gesehen - Liken, Reposten, Weitererzählen! Ihr habt noch Platz im Schaufenster eures Ladens? Meldet euch bei uns - wir haben sicher noch ein Plakat, das da reinpasst. Ihr wollt der Oma Hilde mal was anderes schenken: Verschenkt doch eine Spende an uns! Wir hoffen sehr, dass wir mit dieser Kampagne über die nächsten Jahre hinweg Erst- und Grundversorgung für unsere Adressaten sicherstellen können.

Ahoi: Und was sind ganz konkret die Ziele der Kampagne „Zu schön, um wahr zu sein“?

Tino Neufert: Mit der steigenden Zahl von obdachlosen Menschen in Leipzig steigt auch unser Bedarf an Hilfsmitteln immer weiter an. Um diesen Bedarf zu decken, wird der Hilfebus zusammen mit dem Erich Zeigner Haus e. V. ab Mitte November diese Spendenaktion starten.

Unter dem Motto „Zu wahr, um schön zu sein.“ soll der Blick der Leipzigerinnen und Leipziger auf die gelenkt werden, die gerne übersehen werden: obdachlose Menschen. Wie stark ihre Lebensrealität im Gegensatz zur winterlichen Idylle steht, zeigen verschiedene Motive, mit denen wir um Unterstützung für unsere Arbeit werben wollen. Auf den Motiven befindet sich ein QR-Code, über den man direkt spenden kann. Das ambitionierte Ziel unserer Kampagne: eine Spendensumme von 50.000 Euro einzusammeln – was zirka 10 Cent pro Leipziger sind - gar nicht so viel, wenn man es mal so runterrechnet.

Ahoi: Es geht aber ja nicht nur um Geld, manchmal können auch ganz direkt Dinge helfen. Was kann denn noch gespendet werden? Was wird wirklich gebraucht? Wir beiden hatten ja schon einmal gemeinsam mit der Radiomoderatora Mandy Engel Schlafsäcke gesammelt …

Tino Neufert: Ja Volly, leider ist das immer noch so. Wir brauchen vor allem Schlafsäcke und Isomatten, geben pro Jahr ungefähr 300 Stück aus davon. Auch Hygieneartikel, wie Feuchttücher, Zahnbürsten, Duschbad, Desinfektion, Frauenhygieneprodukte, Kondome etc. sind Mangelware.

Ich weiß sehr gut, dass das dem Grunde nach nicht nachhaltig ist und vom eigentlichen Ziel meiner Arbeit sehr weit entfernt ist. Ich habe nicht soziale Arbeit studiert, um belegte Brötchen, Zahnbürsten oder Decken auszugeben. Nichtsdestotrotz haben Menschen Hunger und frieren und ich kann mit solchen einfachen Dingen direkt helfen. Darüber hinaus ist Straßensozialarbeit aber sehr viel vielfältiger, als man so denkt. Wir sind im Laufe der Jahre politischer geworden, setzen uns zusammen mit unseren Adressaten für die Belange obdachloser Menschen ein, schaffen Bündnisse mit anderen Sozialarbeitenden, platzieren unsere Arbeitsthemen in den Medien, sorgen für Öffentlichkeit. Wenn ich nur Schlafsäcke ausgeben und gut zureden würde, würde ich diese Arbeit schon lang nicht mehr machen.

Ahoi: Eine Demokratie braucht dringend, dass die, die am System partizipieren, den Blick für die, die ausgeschlossen sind, nicht verlieren, dass Lösungen für Problemlagen gefunden werden. Von 2022 bis 2024 hat sich die Zahl der Wohnungslosen verdoppelt, gerade während der Zeit der Ampelregierung, die ja gern der ganzen Welt erklärte, wie sie es besser machen muss. Anfang 2024 waren laut Statistischem Bundesamt rund 439.000 Wohnungslose untergebracht, das sind zu 2022 261.350 Menschenschicksale mehr. Scheitert hier „unsere Demokratie“?

Tino Neufert: Große Frage - die kann ich so nicht beantworten. Ich backe kleinere Brötchen.

Was ich aus meiner Erfahrung heraus sagen kann, ist, dass diese großen Fragen nicht schnell und einfach beantwortbar sind. Ich habe nach vielen Jahren im Streetwork vor einiger Zeit nochmal ein richtiges Haha-Erlebnis gehabt. Wir haben Ende 2022 eine Gruppe gegründet, die aus Menschen mit Erfahrungswissen besteht. Wir haben uns zusammengesetzt und die Frage gestellt, wie wir uns gegenseitig unterstützen können - in unserer Arbeit, in unseren Problemen, bei deren Lösung. Daraus entstand die Peergruppe Leipzig (peers-leipzig@gmx.de), eine offene Gruppe von Menschen, die Experten auf den Gebieten Obdachlosigkeit, Sucht, Armut, Psychiatrieerfahrung sind. Sie können aus eigener Hand berichten, wie sie es geschafft haben, aus diesen Situationen herauszufinden, können Tipps geben, zuhören, begleiten und anderen von diesen Erfahrungen berichten.

Nun, drei Jahre später haben wir mit dieser Gruppe schon so viel erreicht, haben mit Stadträten, Bundestagsabgeordneten gesprochen, haben Workshops konzipiert, an Fachtagungen teilgenommen (und selbst welche mitorganisiert!), waren im Bundestag, sind Teil von Lehrveranstaltungen und bundesweiten Vertretungen wohnungsloser Menschen. Wir waren in Schulen und Hochschulen und haben Studierenden die Möglichkeit gegeben, mit diesen Erfahrungsexperten direkt in den Austausch zu treten.

Das sensibilisiert, schafft Nähe und Verständnis für die Lebensrealitäten obdachloser Menschen. Außerdem schafft es Öffentlichkeit und klärt offen und ehrlich auf über die Situation obdachloser Menschen. Wir reden miteinander und nicht übereinander! Das macht Sinn und ist nachhaltig. Diese Art von Sozialarbeit findet auf Augenhöhe statt und lässt Raum für Fragen. Darüber hinaus ist es unglaublich spannend, mit Menschen ins Gespräch zu gehen, die solche „krummen“ Biographien haben, man will mehr darüber erfahren, kommt in Kontakt und es entsteht automatisch und wie von selbst Kommunikation und Miteinander.

Das ist partizipativ und lässt teilhaben. Das macht darüber hinaus auch riesigen Spass! Ich denke, demokratische Prozesse sind langwierig und haben immer offene Ausgänge. Aber, wenn man dranbleibt und mit ein bissl Herzblut an die Sachen rangeht, wirds letztendlich gut.

Ahoi: Du selbst bist seit Jahrzehnten auf der Straße unterwegs, machst auch aufsuchende Straßensozialarbeit. Wie kannst du eigentlich die Schicksale in Deiner freien Zeit hinter Dir lassen? Geht das überhaupt? Ich stelle mir das absolut schwierig vor …

Tino Neufert: Ich habe grundsätzlich eine sehr positive Einstellung zum Leben und genieße es, wo auch immer dies möglich ist. Ich mag soziale Interaktion und den Kontakt zu Menschen. Aus Spaß sage ich immer, ich spreche jeden an, der bei drei nicht auf dem Baum sitzt. Irgendwie ist es auch so. Ich lerne gern Menschen und ihre Geschichten kennen. Diese sind in meinem Job natürlich nicht immer nur schön.

In den letzten Jahren haben wir immer mehr mit dem Thema Tod zu tun. Irgendwie betrifft mich das und irgendwie gehört es auch dazu. Ich lasse die Dinge, die um mich herum passieren zu und andererseits betreffen sie mich auch menschlich. Das ist halt so. Dagegen wehre ich mich nicht. Ein Kollege sprach einmal von professioneller Nähe, die zu unserem Beruf unbedingt dazu gehört. Das beschreibt es ganz gut, den Menschen nah sein, aber doch professionell mit all dem Schmerz und Elend umgehen. Und an allerallererster Stelle stehen da meine Kolleginnen und Kollegen, ohne die das alles überhaupt nicht möglich wäre - wir sind ein tolles Team und stützen und unterstützen uns.

Ahoi: Danke, lieber Tino, dass Du mir wieder einmal Rede und Antwort standest. Danke für Dein immenses Engagement.

Hardfacts zur Kampagne:

Zu wahr, um schön zu sein. 

SLZ Suchtzentrum gGmbH:

SZL Suchtzentrum gGmbH 

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