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  • Interviews
Gespräch mit der Frauenkreishüterin und Ritualbegleiterin Franziska Anna Leers

Ob jung oder weise, wild oder leise

Franziska Anna Leers © Susanne Stark / die Lichtbildnerei

Vor einigen Wochen hielt dem Ahoi-Redakteur Volly Tanner eine ältere Frau ein Blatt Papier entgegen, ein weißes, fast leeres Blatt Papier. In A3. Darauf war ein klitzekleiner bleistiftgrauer Punkt gemalt und ein dünner Pfeil, der auf den Punkt zeigte. Über dem Pfeil stand geschrieben, auch sehr zurückhaltend und überhaupt nicht um Aufmerksamkeit heischend: „Dies ist ein extrem großes Problem, extrem weit weg.“

Tanner musste lächeln. Und verstand. Ein guter Moment in seinem Leben. Kurz darauf traf er Franziska Anna Leers abends an der Saale beim Spaziergang und kam mit ihr ins Gespräch. Fast magisch, denn was sie zu erzählen hatte, beantwortete viele seiner Fragen:

Ahoi: Guten Tag, liebe Franziska Anna Leers. Du bist Sozialpädagogin (M.A.), Workshop-Leiterin, Organisationsberaterin, Achtsamkeitstrainerin, Ritualbegleiterin und Frauenkreishüterin. Das müssen wir mal aufdröseln. Was ist denn eine Frauenkreishüterin und was hat das mit dem traumhaft gelegenen Ort Schönburg an der Saale zu tun?

Franziska Anna Leers: Hallo, lieber Volly. Ich initiiere und gestalte Frauenkreise und Frauenrituale. Meine Intention ist, Räume zu kreieren, in denen Frauen mal raus kommen können aus dem ständigen Funktionieren und Performen. Raus aus Schnelllebigkeit und Stress. Hier können die Frauen ihre Rollen, Masken, Erwartungen fallen lassen. 

Als Hüterin des Kreises bin ich diejenige, die den Raum hält – also nicht steuert oder leitet im klassischen Sinne, sondern ermöglicht. Ich sorge für die Struktur, die alle einlädt, sich auf Augenhöhe zu begegnen. Ich kreiere eine Schwelle, sodass die Frauen bewusst in diesem Raum ankommen und ihren Alltag hinter sich lassen können. Ich sehe mich verantwortlich dafür, dass der Raum sicher ist für jede. Das bedeutet, zu bezeugen, einzuladen und manchmal auch zu begrenzen. Die Frauenkreise finden online und in einem wunderschönen Garten am Saaleufer in Schönburg statt. Dort machen wir Feuer in einem Tipi und direkt gegenüber thront die Schönburg. Eingebettet in diese besondere Stimmung bei den Kreisen, wirkt dieses Zusammenspiel fast schon magisch.

Ahoi: Und was macht Ihr da ganz konkret an diesen acht Terminen? Ich kenne ja den edlen achtfachen Pfad, gibt es da Gemeinsamkeiten?

Franziska Anna Leers: Ich orientiere die Termine der Frauenkreise an den acht Jahreskreisfesten, die üblicherweise als „keltische“ Jahreskreisfeste bezeichnet werden, jedoch aber eine Mischung aus angelsächsischen, walisischen und gälischen Traditionen sind. Aber dieses Detail führt an dieser Stelle vielleicht zu weit. Jeder dieser acht Kreise steht für sich und nutzt die jeweilige Jahreszeitqualität als Inspiration für Ritual, Reflektion und Austausch. 
Ende Januar zum Beispiel haben wir uns mit der Rückkehr des Lichts nach dem Winter beschäftigt. Wir haben über intuitive Bewegung und Musik symbolisch den Winter und all das, was er von uns abverlangt hat, von unseren Körpern abgestreift. Wir haben in uns hineingehorcht, welche Sehnsüchte, Träume, Projekte im Frühling keimen und reifen möchten. Symbolisch hat jede Frau eine Kerze für das Neue entzündet. Mit dem Wissen, dass die Träume erstmal noch in uns reifen dürfen und wir nicht eilig alles umsetzen müssen, á la Neujahrsvorsätze. Ende Januar war schließlich Winter, der Boden noch gefroren, da ist es Zeit, die Saat zu planen, noch nicht zu setzen. Das kommt dann erst im nächsten Kreis anlässlich der Frühlings-Tag-und-Nachtgleiche. 

Bei allen Kreisen, egal ob online oder im Tipi, gibt es Austauschrunden, in der jede Frau teilen kann, was sie innerlich und äußerlich bewegt. Es ist faszinierend zu sehen, wie viel Entlastung, Verbindung und Ermutigung zwischen den Frauen entsteht; einfach, weil diese persönlichen Geschichten bezeugt werden, ohne Ratschläge zu verteilen. Wir singen oder tönen (man darf auch schief singen!), lachen, weinen, atmen. Alles kann, nichts muss.

Für mich sind die Frauenkreise eine Rückverbindung mit etwas Essenziellem, das lange durch Christianisierung, Industrialisierung und Urbanisierung unterbrochen oder unsichtbar wurde. In vielen Kulturen weltweit gab es Praxen, bei denen Frauen sich zyklisch versammelten: rund um Geburt, Menstruation, Übergangsrituale, Trauer, Ernte. In dem Sinne brauchten unsere Vorfahrinnen keinen 'Frauenkreis'. Sie hatten ihren Alltag. Wir haben den gemeinsamen Alltag verloren, also erschaffen wir den Kreis bewusst neu. Der „achtfache Pfad“ als buddhistische Lehre hat auf den ersten Blick nichts mit den Frauenkreisen zu tun. Wenn ich aber etwas über Deine Frage nachdenke, fallen mir schon Gemeinsamkeiten auf: Ich würde sagen, beiden liegt zugrunde, das eigene Bewusstsein zu schärfen: für sich selbst, für das eigene Handeln, für den Moment.

Ahoi: Und wo kommen die Frauen her, mit denen Du arbeitest in Schönburg? Wer soll angesprochen werden?

Franziska Anna Leers: Ich lade Menschen ein, die die Erfahrung eines weiblich gelesenen Körpers kennen, mit allem, was das gesellschaftlich bedeutet. Frauen jeden Alters und beruflicher Hintergründe. Ob jung oder weise, wild oder leise. Jede ist herzlich willkommen, so wie sie ist. Die bisherigen Teilnehmerinnen kamen sowohl aus dem Burgenlandkreis, als auch aus den nahegelegenen Großstädten wie Leipzig und Halle. Die Anbindung mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nach Naumburg oder Leißling ist da auf jeden Fall hilfreich.

Ahoi: Du bietest auch Ritualbegleitung an. Das Wissen um diese Rituale kommt jedoch nicht über Nacht, sondern muss ja auch erfahren werden, gerade auch von der Begleiterin. Wo hast Du Deine Kenntnisse her? Und bei welchen Ritualen kann ich Dich als Begleiterin mit dazunehmen? Oder sind die Rituale nur für Frauen gedacht?

Franziska Anna Leers: Ich kreiere Rituale für die großen und kleinen Übergange im Leben von Menschen. Meine Hauptzielgruppe ist derzeit Frauen, wobei ich auch Anfragen von Männern nicht ausschließe. Hauptsächlich sind das Rituale wie beispielsweise Junggesellinnenabschiede, Schwangerschaft, Geburtstage, Trauerfeiern, Todestage, Trennung, Menopause, Jobwechsel. Mit Hochzeiten bin ich (noch) zurückhaltend, weil ich dem weit verbreiteten Anspruch, dass dieser Tag dann „der schönste Tag“ im Leben sein soll, nicht viel abgewinnen kann. 

Seit meiner Kindheit haben mich Rituale fasziniert. Die katholischen Gottesdienste, mit denen ich groß geworden bin, haben mir ein Gefühl dafür gegeben, wie ich im Außen durch Symbolik, Gesang, Räucherung etc. etwas erlebbar machen kann, was ich im Inneren fühle oder zumindest fühlen möchte. Am meisten interessiert haben mich aber die Rituale, die außerhalb von Gottesdiensten – meistens von Frauen und in Verbindung mit der Natur – gestaltet wurden. Dort habe ich wesentlich mehr Sinngebung erlebt, als in den Kirchenbänken. Als Erwachsene habe ich der katholischen Kirche aus vielen Gründen den Rücken gekehrt und bin dennoch dankbar für das Wissen, was sie mir rund um Zeremonie und Ritual mitgegeben hat.

Im Laufe meiner eigenen Suche, in dieser chaotischen Welt klar zu kommen, habe ich an etlichen Frauenkreisen und Ritualen teilgenommen und irgendwann begonnen, sie für mich selbst und später für Freunde und Freundinnen zu gestalten. Jedes ehrliche Feedback, jedes Ausprobieren hat mich weitergebracht. Eine Art „Initiation“ für mich war vor etwa acht Jahren, als eine sterbenskranke Frau, die an mehreren meiner Selbsthilfe-Seminare teilgenommen hatte, auf mich zukam und mich bat, ihre – irgendwann anstehende - Trauerfeier zu gestalten. Diese Frau hatte offenbar in mir etwas gesehen, was ich mir bis dato selbst nicht erlaubt hatte, anzuerkennen. Gemeinsam mit ihr und ihrer Familie bereitete ich ihre Trauerfeier und Beisetzung vor. Das war eines der schönsten Rituale, das ich bisher gestalten durfte.

Ahoi: Deine Angebote zur Selbsthilfe sind ebenfalls äußerst vielfältig. Dabei steht auf Deiner Homepage, dass Du holistisch arbeitest. Du weißt, ich bin ein großer Literaturfreund und deshalb fällt mir da sofort „Die holistische Detektei“ ein. Erfunden hat die prägende Figur Dirk Gently der viel zu früh verstorbene Douglas Adams. Was ist das aber bei Dir: diese holistische Arbeit?

Franziska Anna Leers: Meine Grundannahme in meiner Arbeit aber auch im Leben ist: Alles hängt miteinander zusammen: Körper, Geist, Herz, Gemeinschaft, Jahreszeit, Ort… In meinen Seminaren, wie auch Frauenkreisen und Ritualen, spreche ich deshalb nicht nur die Ratio an, sondern lade die Teilnehmenden (und mich selbst) dazu ein, ihr Körperwissen, ihre Herzens-Impulse, ihre Kreativität und Intuition mit einzubringen. Über diese innere Haltung als Seminarleiterin, aber auch durch die gewählte Methodik, können die Teilnehmenden der Einladung folgen. So beginne ich seit einigen Jahren meine Seminare meist mit ein paar Momenten der Ruhe und des Innehaltens. Das beruhigt das Nervensystem. Ich bin davon überzeugt, dass das Gehirn am besten in einem Zustand von Sicherheit lernt. Ich wähle assoziative Einstiege ins Seminarthema (z.B. über Bildkarten) und die Teilnehmenden sind oft selbst erstaunt, auf welche Gedanken sie kommen. Ich gebe Raum für Begegnung der Menschen untereinander. Wir sind soziale Wesen und lernen über Beziehung. Auch deshalb sitzen wir in meinen Seminaren im Kreis. Denn der Kreis ist für mich ein Symbol für Beziehung.

Ahoi: Du bist aber nicht nur im schönen Saaletal aktiv, ich erlas mir auch, dass Du in Leipzig beispielsweise eine „Wind-und-Wetter-Gruppe“ begleiten durftest. Was ist das denn und was hat das mit den Herausforderungen junger Menschen der Jetztzeit zu tun?

Franziska Anna Leers: Ja, die „Wind-und-Wetter-Gruppe“ habe ich vor etwa fünf Jahren für Menschen zwischen 18 und 35 ins Leben gerufen. Damals habe ich als Sozialarbeiterin in der Selbsthilfe-Kontakt- und Informationsstelle (SKIS) am Gesundheitsamt Leipzig gearbeitet. Ich wollte eine Art „Schnupperangebot“ schaffen, bei dem junge Leute einen Eindruck von der Wirksamkeit von Selbsthilfegruppen bekommen können. Viele junge Menschen fühlen sich stark vom Leben herausgefordert. Laut der Studie „Jugend in Deutschland 2025“ erleben 49 Prozent der Befragten zwischen 14 und 29 Jahren Stress, 34 Prozent Erschöpfung und 30 Prozent Antriebslosigkeit. Auch im Zusammenspiel mit Social Media, wo (fast) nur die „hochpolierten“ und erfolgreichen Seiten gezeigt werden, kann das individuelle Gefühl des Versagens das Leben sehr schwer machen. Da braucht es meiner Meinung nach echte, authentische Gegenüber, die vielleicht ähnliches erleben. In Selbsthilfegruppen findet man diese Menschen. Hier können die Teilnehmenden Gemeinschaft und Verständnis erfahren. 

Die „Wind-und-Wetter-Gruppe“ soll ein möglichst niedrigschwelliges Angebot für junge Menschen sein, die vielleicht den Weg zu einer Beratungsstelle meiden. Oftmals halten Stereotype über „verstaubte, jammernde Selbsthilfegruppen“ die jungen Menschen davon ab, so eine Austauschgruppe mal auszuprobieren. 

Bei der „Wind-und-Wetter-Gruppe“ treffen sich die jungen Interessierten draußen in einem Leipziger Park, machen Achtsamkeitsübungen zusammen und kommen in einen informellen Austausch. So können die jungen Leute „Selbsthilfe-Luft“ schnuppern und erfahren, welche Gruppen es in Leipzig zu ihrem Thema gibt. Ich bin großer Fan der gemeinschaftlichen Selbsthilfe und freue mich, dass es die „Wind-und-Wetter-Gruppe“ in Leipzig immer noch gibt – inzwischen moderiert von ehrenamtlichen jungen Selbsthilfe-Aktiven. Wer mehr dazu wissen möchte, kann sich bei der SKIS Leipzig informieren.

Ahoi: Sich als junger, aber auch nichtmehr ganz so junger, Mensch aus dem Informationshagel, der Dauerempörung und kampagnengesteuerter Fremdbestimmung herauszuschälen ist schwierig, das Ideal des mündigen, selbstverantwortlichen Menschen fast schon subversiv. Wie kommen die Menschen wieder zu sich? Wo können wir beginnen?

Franziska Anna Leers: Beziehung ist für mich der Schlüssel: aufrichtige, ehrliche Beziehungen zu anderen Menschen (nicht nur romantische Beziehungen). Sich spiegeln lassen, miteinander in Resonanz gehen, sich gemeinsam ent-wickeln. 

Beziehung aber auch zur Natur. Damit kann jede und jeder beginnen. Raus gehen in den Wald, an den Fluss, oder sei es in den Stadtpark. Allein. Mal ohne Handy. Ohne Podcast. Ohne Anruf. Ablenkung minimieren. Bewegung, Atem, Stille. Nicht als Wellness, sondern als Wiederverbindung mit sich selbst. 

Mal ehrlich: Wenn wir zur Ruhe kommen, uns selbst kennen und aus einer inneren Führung heraus handeln, anstatt den vermeintlichen „leadern“ dieser Zeit zu folgen, dann entziehen wir uns nach und nach den Mechanismen der Fremdsteuerung. Wer zu sich findet, ist schwerer zu verführen. Schwerer zu empören. Schwerer zu verkaufen. Das ist unbequem für alle, die von Zerstreuung profitieren. Deshalb ist Selbstkenntnis für mich auch politisch.

Ahoi: Schopenhauer sagt: „Stellen wir uns vor, das Leben sei lebenswert, so macht man das Beste daraus.“ Das impliziert, dass der Mensch ein gewisses Vorstellungsvermögen hat von dem, was es bedeutet, dass das Leben lebenswert ist. Nun erscheinen mir viele Menschen getrieben, gerade in den großen Städten. Doch hin und wieder leuchten einige von ihnen. Deshalb die Frage an Dich: Was macht das Leben lebenswert? Und ganz konkret: Was macht dein Leben lebenswert?

Franziska Anna Leers: Was für eine schöne Frage! Und gar nicht so leicht, zu beantworten. 
Es sind für mich zum einen die kleinen Schönheiten des Alltags. Ein überraschender Gruß, eine warme Umarmung, ein Konflikt, der sich löst, ein Augen-Blick, der Humor meiner Kinder, der Song im Autoradio bei offenem Fenster, die Morgensonne über der Saale …
Und zum anderen fühle ich mich wahnsinnig lebendig, wenn ich das Gefühl von Synchronizität habe: Alles ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Innen wie außen. Dann habe ich das Gefühl, als Seele hier auf dieser Erde genau zu wissen, was meine Bestimmung ist. Dann entsteht ein tiefes Gefühl von Frieden. Und den braucht die Welt ganz dringend.

Ahoi: Danke, liebe Franziska Anna Leers. Auf dass wir aus der Dunkelheit herausfinden mögen.

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