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Gespräch mit Sebastian von HUMAN PREY

Neue Musik, Gedenken an Ralf, das Helheim und eine fulminante Hochzeit

Human Prey schaut zwar finster, macht sich aber einen Spaß draus!  © Soulscape Pictures

Metal stach sich einst ins Herz der Populärmusik und ließ Wunden zurück, in denen sich auch heute quicklebendige Baktierien tummeln. Das Leipziger Pflaster jedenfalls war fruchtbar. Die hiesigen Underground-Helden von HUMAN PREY sind nun gemeinsam mit anderen Schnellgitarrenspielern und Intonisten zu einer Hochzeit geladen, um gewaltig Krach zu machen. Wobei die Show wahrhaft offen für alle ist. Ahoi-Redakteur Volly Tanner hat selbst einst in den Untiefen der Metal-Bearbeitung gefischt und glücklicherweise noch Kontakte. Deshalb sprach er mit Sebastian von Human Prey. Und lädt Euch auch alle von ganzem Herzen zur Show ein: 

Ahoi: Hossa Freunde! Ihr seid Human Prey und am 18. September gemeinsam mit anderen Recken des schnellen und lauten Gitarrenspiels auf der Bühne im WERK 2. Könnt Ihr uns erzählen, wer uns dort noch so bevorsteht?

Sebastian von Human Prey: Hallo Volly! Ja, wir freuen uns schon sehr darauf – vor allem, dass wir mit Milking the Goat Machine zusammen spielen können. Die begleiten mich schon seit meiner Jugend. Das Gleiche gilt für die Dresdner Gorilla Monsoon, die ich schon zweimal im altehrwürdigen Helheim erleben durfte – eine der Bands, die ich hier in Leipzig am häufigsten gesehen habe. Dazu kommt noch die Hardcore-Band One Minute Shit. Es wird auf jeden Fall ein lustiger Abend – mit vielen guten Erinnerungen und einem riesengroßen Fest!

Ahoi: Ich mag Eure Musik sehr. Trotzdem bin ich immer etwas überfordert von all den Selbstzuschreibungen, die in der gitarresken Schepperszene so im Umlauf sind: Technical Death Metal, Groove-Death-Metal, Dissonant Death Metal, Slam- oder Brutal-Death-Metal … was ist das denn alles? Oder wollt Ihr mich, der ansondsten Chopin hört, einfach nur verwirren?

Sebastian von Human Prey: Das leidige Thema begleitet uns wahrscheinlich immer in der Musikgeschichte. Wir erinnern uns noch an die Beatmusik und alles, was daraus folgte. Heute gibt es nicht nur Rock, sondern auch Prog-Rock, Metal, Heavy Metal, New Wave of British Heavy Metal, Thrash Metal, Death Metal, Black Metal – und jedes Genre hat sich wieder in unzählige Subgenres aufgespalten. Um den Unique Selling Point zu finden, was wiederum viele Trittbrettfahrer nach sich zog. So entstand eine riesige Maschinerie an Strömungen, die alle gleichzeitig existieren. Dass man da irgendwann den Überblick verliert, ist nachvollziehbar.

Trotzdem versucht man sich abzuheben. Bei uns, die wir uns selbst nicht so ernst nehmen und mit viel Humor rangehen, sind diese Zuschreibungen vor allem eins: ein Stilelement, mit dem wir brechen, indem wir es überstrapazieren. Es macht wahnsinnig Spaß, damit zu spielen. Irgendwo tauchen diese Stile in unserer Musik auf – aber sie als Genre festzumachen, wäre zu einfach. Andere Bands versuchen das mit verrückten Namen oder neu erfundenen Subgenres. Am Ende geht es darum, einen Platz zu finden und sich bestmöglich zu vermarkten. Der Markt ist heiß umkämpft – also warum nicht einfach einen Spiegel vorhalten?

Ahoi: Eigentlich ist es doch mal wieder Zeit für ein neues Album, seit Eurer Auseinandersetzung mit dem Film „Plan 9 from Outer Space“ sind schon wieder fünf Jahre in die Metall-Welt eingegangen … oder bin ich falsch informiert und es gibt schon wieder Frisches?

Sebastian von Human Prey: Aktuell kann man schon einen neuen Song von unserem bald erscheinenden Album hören. Das Album ist komplett im Kasten, befindet sich gerade im Mastering-Prozess und wird in den kommenden Monaten veröffentlicht. Und ja, es wird wieder ein Konzeptalbum – diesmal haben wir uns an John Carpenters Film „They live“ gehängt und mit diesen Themen gearbeitet und gespielt. In den nächsten Wochen kommt auch ein neuer Vorab-Song inklusive Musikvideo. Also: Bleibt gespannt!

Ahoi: Beim Album „Grave Robbers from Outer Space!“ hat Ralph Niese das Cover gestaltet. Leider ist er nicht mehr auf unserer schnellebigen und extrem vergesslichen Welt. Könnt Ihr den Interessierten und Nochnichtwissenden etwas zu Ralph erzählen? Wer war Niese? Was hattet Ihr für Verbindungen zu ihm und was hat er hinterlassen? Wie war er, Eurer Sicht nach?

Sebastian von Human Prey: Ralf Niese habe ich noch persönlich gekannt – aus dem Villa Keller e.V., sozusagen dem Ort, an dem viele meines Alters damals sozialisiert wurden. Lange bevor es andere Lokalitäten wie das Darkflower gab, war das unser Treffpunkt, und Ralf war dort immer präsent. Irgendwann haben wir uns aus den Augen verloren.

Als wir „Grave Robbers from Outer Space“ eingespielt haben, wusste ich schon, wie das Cover aussehen sollte. Wir sind auf die Suche gegangen – und der Zufall wollte es, dass wir über Ralf stolperten. Wir fragten ihn an, ob er das Cover gestalten würde, und er sagte sofort zu. Tatsächlich war das seine letzte Arbeit, denn kurz nach der Fertigstellung ist er verstorben. Deshalb haben wir ihm das Album auch gewidmet. Hätte er noch gelebt, hätte er mit Sicherheit auch die letzten Cover für uns gemacht. Er war ein fantastischer Künstler und ein liebevoller Mensch – das können auch Leute wie Bela B. (Die Ärzte) nur bestätigen. An dieser Stelle nochmal ein kleiner Nachruf: Danke, Ralf!

Aktuell haben wir 2023 auch die EP „Tombs of the Blind Dead“ veröffentlicht, die sich thematisch am Film „Die Nacht der reitenden Leichen“ orientiert.

Ahoi: Zurück zur Show am 18. September. Ich werde ja auch dabei sein, weil dort Freunde von mir ihre Hochzeit nachfeiern. Wie seid Ihr aber zu diesem Gig gekommen?

Sebastian von Human Prey: Wie so oft bei solchen Sachen: Irgendjemand kennt jemanden, der jemanden kennt. In diesem Fall kennen wir die Braut schon sehr, sehr lange – seit den Anfangstagen der Band. Sie mochte uns schon immer, also ist es nicht verwunderlich, dass wir zu ihrer Hochzeitsfeier eingeladen wurden. Wir freuen uns riesig darauf!

Ahoi: Einige von Euch waren einst im legendären Helheim in Plagwitz mit dabei. Könnt Ihr uns vielleicht erzählen, was das Helheim für Euch war?

Sebastian von Human Prey: Ich habe das Helheim aus einer anderen Perspektive kennengelernt: Ich habe dort von 2006 bis 2012 gearbeitet und konnte den Leipziger Metal-Underground beobachten – wie sich Bands, Künstler und Menschen entwickelt haben. Für viele, mich eingeschlossen, war es wie ein zweites Wohnzimmer. Dort hat man aufkommende Bands wie Human Prey oder viele andere gesehen.

Als der Laden 2016 für immer schloss, wurde klar: Ein solch wichtiger Ort kann nicht nur von kommerziellen Interessen leben, sondern braucht eine aktive Szene, die sich einbringt. Das war ein frühes Beispiel für das Clubsterben in Leipzig. Trotzdem haben wir dort viele Konzerte und sogar Literaturveranstaltungen organisiert – es war ein Ort der Begegnung. In Leipzig mussten in dieser Zeit und bis heute viele Clubs schließen. Ich bin gespannt, wie sich der Underground und die Subkultur in Zukunft entwickeln werden, besonders in schwierigen Zeiten.

Ahoi: Metal aus Leipzig hatte einst einen extrem guten Ruf, Bands von hier spielten die großen Shows, der Underground lechzte nach Musik unserer Stadt. Wie ist der derzeitige Stand im Livegeschehen? Ich hörte von Herausforderungen. Macht uns schlau!

Sebastian von Human Prey: Ich habe nicht den Eindruck, dass Leipzig aktuell besonders für seine Metal-Bands bekannt ist – mit Ausnahmen wie Disillusion oder Leukämie. Leipzig war immer eine Stadt mit einem wilden, genreübergreifenden Underground. Anders als beispielsweise das Erzgebirge, das als Black-Metal-Hochburg gilt, war Leipzig fluide: Hier kamen Bands aus Metal, Punk und Hardcore, die alle ihre Runden drehten.

Corona hat gezeigt, wie verletzlich die Veranstaltungsbranche ist. Es gibt ein riesiges Überangebot an Musik und Bands – in Leipzig findet jedes Wochenende eine Metal-Veranstaltung statt. Die Herausforderung ist nicht der Nachwuchs, sondern: Wie bekommt man die Leute noch zur Show? Wie motiviert man sie? Eine starke Struktur in der Metal-Szene wird erst wieder möglich sein, wenn es einen echten Treffpunkt gibt – wie damals das Helheim oder die 4rooms. Momentan gibt es eher Einzelveranstaltungen, aber keine festen Anlaufstellen. Ich bin gespannt, ob sich da etwas entwickelt: Stammtische, neue Clubs oder Jugendzentren, in denen jemand sagt: „Wir sind die Next Generation Metal.“ Ich freue mich darauf und verliere die Hoffnung nicht!

Ahoi: Nun ist es logisch, dass mit Human Prey nicht Euer Hauptauskommen zustande kommt, dass Ihr alle noch anderen Jobs nachgeht. Was tut ein Metaler, der Bühnen rockt, um den Kühlschrank zu füllen? Ich bin da echt gespannt!

Sebastian von Human Prey: Wir sind bunt gemischt: Von Lehrern über IT-Fachleute, Elektroinstallateure bis hin zu Freiberuflern im Foto- und Kamerabereich – wir decken ein großes Spektrum ab. Bei mir war das nicht immer so: Früher habe ich mich mit kleinen Jobs oder in der Gastronomie über Wasser gehalten. Aber spätestens in den 2010ern wurde klar: Mit Musik allein lässt sich kein Geld verdienen.

Metal – besonders unsere Sparte – ist nicht ergiebig genug, um vier Leute (und ihre Familien) davon zu ernähren. Also braucht es einen Job daneben. Musik ist eher ein teures Hobby: Bevor man Einnahmen hat, muss man viel investieren. Selbst bei prestigeträchtigen Konzerten bleibt oft wenig übrig – manchmal müssen wir sogar die Fahrtkosten selbst tragen.

Ahoi: Dann wünschen wir Euch weiterhin extrem viel Freude dabei, Human Prey in die Welt zu bringen. Wir sehen uns zu hundert Prozent im WERK 2.

Sebastian von Human Prey: Vielen Dank für das Interview, lieber Volly! Schön, dass wir uns nach all den Jahren immer noch über den Weg laufen. Ich freue mich, Dich dann beim Konzert im WERK 2 live wiederzusehen!

TILL DEATH WITH HEADBANG
mit Human Prey, Milking The Goatmachine, Gorilla Monsoon, One Minute Shit Freitag 18. September 2026, Einlass 19:00 Uhr,

WERK zu Leipzig

 

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