Gerade bei Persönlichkeitsstörungen wird oft und gerne abgeurteilt, meistenfalls ohne Wissen und Differenzierung. Auch deshalb hat die Leipziger Expertin Manja Kendler ein neues Buch geschrieben, in dem sie das Thema Narzissmus und die Mythen, die das Thema umranken, bearbeitet. Klar, dass Ahoi-Redakteur Volly Tanner nachhakte:
Ahoi: Guten Tag, Manja Kendler. Du hast gerade ein neues Buch auf den Markt gebracht, welches die „Mythen über Narzissmus“ thematisiert. Narzissmus – ein Bereich, bei dem wieder einmal sehr viele Menschen glauben zu wissen. Der Untertitel Deines Buches lautet „Annahmen, Irrungen und Konzepte“. Nicht ohne Grund. Beginnen wir mit einem der größten Mythen: Ist Narzissmus eine Krankheit? Was ist Narzissmus eigentlich?
Manja Kendler: Narzissmus ist kein Krankheitsbegriff, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal, das bei allen Menschen in unterschiedlicher Ausprägung vorkommt. Solange er in Balance ist, dient er als Garant für gesunden Selbstwert, Selbstachtung und Selbstliebe sowie für Beziehungs- und Kritikfähigkeit. Rutscht man jedoch stark aus dieser Mitte hinaus, beginnt Narzissmus, Leid zu erzeugen – für sich selbst und das Umfeld. Für manche Menschen wird er zur Hauptstrategie und Kompensation, um mit der Umwelt zu interagieren oder auf sie zu reagieren. In solchen Fällen sprechen wir von narzisstischen Zügen oder einer narzisstischen Persönlichkeit statt vom „Narzissmus“ als Krankheit.
Eine klinische Diagnose „Narzissmus“ gibt es nicht; es existiert die narzisstische Persönlichkeitsstörung, die schätzungsweise ein Prozent der Bevölkerung betrifft. Sie ist keine akute Erkrankung, sondern eine tief verankerte Struktur im Persönlichkeitskern, die auf genetischen Anlagen und spezifischen neuronalen Verbindungsmustern zwischen Gefühlserleben und kognitiver Verarbeitung beruht. Dennoch weisen viele Erkrankungen sowie Störungen narzisstische Tendenzen auf. Wenn wir über toxische Beziehungen sprechen, mischen sich schnell verschiedene Störungen und Beziehungsmuster, und dann heißt es oft vorschnell „der Narzisst“ oder „die Narzisstin“. Das erinnert an eine moderne Hexenverfolgung und lenkt den Blick weg von eigenen Mustern und möglichen Lösungen.
Ahoi: In Deinem Buch entlarvst Du die häufigsten Fehldeutungen. Welche beispielsweise?
Manja Kendler: Alle 73 Mythen, die ich vorstelle, hinterfragen existierende Dogmen. Es beginnt beim Grundmythos selbst, den ich in verschiedenen Varianten darlege, und führt über gängige Glaubenssätze wie: Narzissten sind immer erfolgreich, wollen nichts Gutes, sondern nur zerstören, leiden niemals und ziehen ausschließlich empathische Menschen an. Selbst die gesamte Begriffsdeutung rund um narzisstische Störungen wird auf den Prüfstand gestellt – denn sprechen wir überhaupt noch vom Gleichen, wenn Fachwelt, Betroffene und YouTube- oder TikTok-Influencer wild durcheinander definieren? Oft fehlt es Letzteren an einem fachlichen „Führerschein“, um seriös über psychopathologisch riskante Liebesbeziehungen zu informieren.
Sandra L. Brown, deren traumainformierten Kurs (für Menschen, die über psychopathologische Beziehungen und Gewalt aufklären wollen) ich besucht habe, weist darauf hin, dass bis zu 90 Prozent der online verbreiteten Tipps falsch sind und Betroffene eher retraumatisieren. Diese Einschätzung deckt sich mit meinen Erfahrungen in der Arbeit mit unzähligen Klientinnen und Klienten. Gleichzeitig bleiben valide Erkenntnisse aus Metaanalysen in der öffentlichen Debatte meist ungehört.
Ahoi: Du unterscheidest zwischen gesunden narzisstischen Eigenschaften, defizitären Ausprägungen und der narzisstischen Persönlichkeitsstörung (NPS). Kannst Du uns bitte etwas zu den Abgrenzungen und Überschneidungen erzählen?
Manja Kendler: Ich halte mich diesbezüglich an Dr. Graig Malkins Definition, der das Spektrum beginnend bei 0 dem defizitären Narzissmus beschreibt, hier sind Menschen, die er extrem abhängig von anderen und als Echoisten definiert. Bei 5 liegt der gesunde Narzissmus – gesunde Abgrenzung, Selbstvertrauen, Selbstbestätigung und über 5 rutscht man in den extremen Narzissmus, hier wird man Abhängig von der Zufuhr anderer und einem falschen Selbst, welches nach außen glänzt und kompensiert, was innen fehlt. Man rutscht auf die dunklere Seite des Narzissmus und ab einem Wert von 8-10 spricht man von pathologischem Narzissmus bis hin zur Narzisstischen Persönlichkeitsstörung und davon sind noch mal zirka drei Prozent der malignen narzisstischen PS zuzuordnen.
Man bedenke, nun existieren Menschen mit einer NPS, die sehr gut Masken tragen können, die würden wir eher auf die andere Seite zuordnen. Sie sind grandiose Opfer oder gute Menschen, doch mit genauem Blick sieht man wer sich da besonders authentisch verkaufen will. Anzumerken ist, wir liegen nicht statisch auf einem Wert, je nach Genetik, Erziehung und Umwelteinfluss bewegen wir uns stufenweise auf der Skala vor und zurück, solange wir nicht in den Grenzbereich kommen. Wir passen uns zum Beispiel an den Narzissmuswert des anderen und unserer Umwelt an, im besten Fall balancieren wir uns selbst, unabhängig des Anderen, gelingt dies nicht, wird’s in der Regel toxisch – heißt: Die Verbindung ist wie Gift trinken ohne Intervention.
Ahoi: Wo nimmst Du Deine Expertise her?
Manja Kendler: Meine Expertise beruht auf einer Kombination aus Theorie und Praxis:
- Fachbücher und wissenschaftliche Studien zum Thema Narzissmus
- Vorträge und Summits, insbesondere alle World Narcissistic Abuse Awareness Day Events seit 2016 (1. Juni)
- Analysen von diagnostizierten Menschen mit extremen Narzissmuswerten wie Sam Vaknin und H.G. Tudor
- Weiterbildungen in Traumatherapie und Fachberatung für Schutz und Hilfe bei häuslicher Gewalt
- Mehrjährige Beratungs- und Praxiserfahrung mit Betroffenen.
Was in einem Psychologiestudium in wenigen Stunden abgehandelt wird, begleitet mich seit Jahrzehnten. Für mich steht narzisstisches Handeln und narzisstischer Missbrauch und seine Auswirkungen im Hauptfokus – dieser findet auch unabhängig von einer formalen Diagnose oder bewusster Absicht statt. Diagnosekategorien (Persönlichkeitsstörungen, andere Erkrankungen) weisen teils erhöhte Risiken für Gewaltdynamiken und Lebensgefahr auf. Emotionaler Missbrauch wird in der Praxis selten erkannt. Gefahrenanalysen und Leitlinien, sachliche traumainformierte und sensible Aufklärung und Beratung dazu wären nicht nur fachlich geboten, sondern könnten Krankenkassen Milliarden sparen.
Ahoi: Für wen ist das Buch denn eigentlich geschrieben?
Manja Kendler: Das Buch richtet sich an alle, die sich fachlich und gedanklich mit dem Phänomen Narzissmus auseinandersetzen möchten, den Dschungel an Informationen durchschaubar machen und echte Expertise von bloßem Geschäft mit dem Thema unterscheiden wollen. Es bietet Psychologiestudenten und Professoren ebenso fundierte Einblicke wie Menschen, die aus persönlichem Interesse Narzissmus und narzisstische Persönlichkeitsstörung verstehen wollen. Beratern und Aufklärern dient es als verlässliches Nachschlagewerk, um andere kompetent zu begleiten. Selbst wer bereits Fachliteratur zum Thema gelesen hat oder glaubt, umfassend informiert zu sein, findet in „Mythen über Narzissmus – Annahmen, Irrungen und Konzepte“ eine unverzichtbare Lektüre, die die eigene Wissenssammlung sinnvoll ergänzt und Klärung in häufige Irrtümer bringt.
Ahoi: Seit 2016 betreibst Du den Schutzgarten. Was ist das denn?
Manja Kendler: Der kostenfreie Schutzgarten-Ratgeber für Menschen in und nach narzisstischer Gesellschaft lenkt den Blick weg vom ‚kranken‘ Narzissmus hin zu Verständnis, Empowerment und echtem Flourishing. Er beantwortet zentrale Fragen wie „Was ist narzisstischer Missbrauch?“, „Wie erkenne ich ihn?“ und „Wie befreie ich mich daraus?“ und zeigt anhand konkreter Strategien, was Betroffene und unterstützende Personen bei und nach narzisstischem Missbrauch tun können.
Der Ratgeber ist online frei zugänglich und plädiert dafür, den eigenen, individuellen Schutzgarten zu erschaffen. Gesunder Narzissmus – verstanden als Basis für Selbstwert und Selbstachtung. Der Leidensdruck kann lebensbedrohlich werden und je intensiver und länger die Erfahrung anhält, verhindert ein kognitives Trauma den Ausweg. Jeder Weg ist individuell. Abstand schaffen und Realitätschecks sind zwei sehr wirksame Tools. Es benötigt Exitstrategien, Erholung, verbale Entlastung und dann ein behutsames Lernen, Grenzen zu setzen. Psychologische Beratung bei Menschen, die sich mit Gewaltdynamiken und emotionalem oder besser noch narzisstischem Missbrauch auskennen, ist ein Weg, der im Idealfall viele Gefahren ausschließen kann.
Das kann auch eine Gewaltberatung über das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ auch für Männer (08000 116 016) oder das anonyme Seelsorgetelefon (TelefonSeelsorge: 0800 111 0111 oder 0800 111 0222; deutschlandweit auch erreichbar unter 116 123) sein und anonym stattfinden.
Hilfe von außen anzunehmen, ist der schwierigste Schritt für Betroffene, da in den Dynamiken oft beide Seiten aus der Spur geraten und toxische Scham, Zweifel und Ängste einhergehen, die meist länger ignoriert oder pseudobehandelt werden. Wer in dieser Situation steckt, dem wünsche ich den Mut und die Kraft für diesen ersten Schritt, denn auf Dauer sind derartige Beziehungen ein Angriff auf Körper, Geist und Seele und das Leben. Du hast ein Recht auf Unterstützung und Du darfst gehen.
Ahoi: Und was gibt es von Dir als nächstes Projekt? In der Selbstständigkeit baut man ja immer vor …
Manja Kendler: Ich arbeite weiterhin an meinem Buch „Embodiment eines Schutzgartens“, in dem ich den Leser die Funktionen eines Schutzgartens erläutere und beim aktiven Schutzgärtnern begleite. Parallel entsteht „Die rote Linie“ – meine Embodiment-Methoden-Anleitung für klare Grenzen im Alltag und für die Praxis, die bald schwarz auf weiß verfügbar ist. Für Beratung oder Coaching bin ich natürlich auch weiterhin erreichbar.
Ahoi: Dann hoffe ich darauf, dass Deine Arbeit Früchte trägt. Wir können es alle gebrauchen.

