Am Samstag, den 22.03.2025, findet ab 18:00 Uhr in der Kinobar Prager Frühling im Leipziger Süden die Premiere des Filmes „Mission To Marsh“ in Anwesenheit des Regieteams und mit anschließendem Gespräch statt.
Ahoi-Redakteur Volly Tanner kann leider an diesem Abend nicht, hatte aber Fragen. Die stellt er hier und für alle Menschen nachlesbar und Alexander Kornelsen antwortete. Weil es um unsere gemeinsame Zukunft geht.
Ahoi: Guten Tag, Alexander Kornelsen. Du hast gemeinsam mit Deiner Gattin, der Moorwissenschaftlerin Ann Christin Kornelsen, den Film „Mission to Marsh“ gedreht. Diesen Film stellt Ihr am Samstag, den 22.03.2025, 18:00 Uhr im Prager Frühling in Connewitz vor. Welche Moore habt ihr besucht und warum gerade diese?
Alexander Kornelsen: Wir haben Moore in ganz Deutschland besucht. Aber da hier die meisten bereits zerstört sind, mussten wir dafür nach Kanada, in die USA und bis nach Feuerland in Südamerika reisen um zu zeigen, wie intakte Moore aussehen. Unsere Auswahl folgte zwei Kriterien: Erstens wollten wir die faszinierende Vielfalt dieser Ökosysteme zeigen – vom fast unberührten Naturraum bis zum vom Menschen wiederhergestellten Moor. Zweitens war es uns wichtig, dort hinzuschauen, wo engagierte Menschen bereits Lösungen entwickeln, um Moore zu schützen oder wiederzubeleben. Ihre Geschichten stehen im Mittelpunkt unseres Films und solange wir die Orte mit unserem kleinen Allradfahrzeug und Dachzelt erreichen konnten, haben wir sie besucht.
Ahoi: Moore sind Superhelden. Doch was können sie so super?
Alexander Kornelsen: Moore sind wahre Multitalente! Sie speichern mehr Kohlenstoff als alle Wälder der Erde zusammen und sind damit so ziemlich die wirksamste, natürliche Lösung gegen die anstehende Klimakatastrophe. Außerdem filtern sie unser Trinkwasser, bieten Lebensraum für seltene Arten und schützen vor Überschwemmungen. Doch sie haben auch ein „Superhelden-Problem“: Sie sind unsichtbar – zerstörte Moore verbergen sich oft unter landwirtschaftlichen Flächen oder grünen Wiesen. Mit unserem Film wollen wir das ändern.
Ahoi: Wie ist denn der Stand bei den Mooren in Deutschland?
Alexander Kornelsen: Dramatisch. Über 95 Prozent der Moore in Deutschland sind entwässert, vor allem für die Landwirtschaft. Das bedeutet nicht nur, dass wir einen Großteil ihrer positiven Funktionen verloren haben, sondern auch, dass sie statt Kohlenstoff zu speichern riesige Mengen an Treibhausgasen ausstoßen. Es gibt jedoch Hoffnung: Die Renaturierung nimmt Fahrt auf, politische Programme werden ausgeweitet, und es entstehen innovative Ansätze wie Paludikultur – also nachhaltige Bewirtschaftung nasser Moore. Aber wir müssen noch viel mehr tun, und zwar schnell.
Ahoi: Und international?
Alexander Kornelsen: Die Lage variiert stark. In einigen Ländern wie Finnland und Indonesien gibt es ambitionierte Wiedervernässungsprojekte. Andere, insbesondere in Südamerika oder Russland, kämpfen noch mit massiver Entwaldung und Torfbränden. Auch das negative Image, dass Moore düstere und karge Landschaften und sogar gefährlich sind, gibt es überall auf der Welt. Die gute Nachricht: Moore rücken weltweit stärker in den Fokus. Das zeigt sich auch auf internationalen Klimakonferenzen – dort werden sie langsam als Schlüssel zur Bewältigung der Klimakrise anerkannt.
Ahoi: Was kann jede und jeder von uns ganz konkret tun, um die Moore zu erhalten?
Alexander Kornelsen: Mehr als man denkt! Erstens: Bewusster konsumieren. Produkte aus torffreier Erde kaufen, denn der Abbau von Torf zerstört Moore unwiederbringlich. Zweitens: Druck auf die Politik ausüben, beispielsweise durch Petitionen, um Renaturierung und Paludikultur zu fördern. Drittens: Moore direkt unterstützen – gemeinsam mit der Filmproduktion haben wir auch unsere gemeinnützige Organisation „Mission to Marsh“ gegründet, damit sich Menschen für den Schutz und die Wiederherstellung einsetzen können. So können wir mit Moorschutz einen positiven Handabdruck für das Klima hinterlassen, statt immer nur vom ökologischen Fußabdruck sprechen zu müssen.
Ahoi: Der SPIEGEL hat Euch kürzlich als „Hoffnungsträger für Deutschland“ bezeichnet. Das ist ja, aus medialer Sicht, ganz schön. Aber wie ist die Resonanz bei denen, die wirklich entscheiden?
Alexander Kornelsen: Wir erleben, dass sich das Bewusstsein verändert – durch unsere Arbeit spüren wir förmlich ein „Moormentum“. Politiker:innen und Entscheidungsträger:innen zeigen Interesse, doch in der Umsetzung gibt es natürlich auch Hürden: Bürokratie, wirtschaftliche Interessen, fehlende Ressourcen. Unser Film ist ein Mittel, um den Druck zu erhöhen und gleichzeitig Lösungen aufzuzeigen. Wenn wir es schaffen, dass Moore nicht mehr als Randthema, sondern als essenzieller Teil der Klimapolitik wahrgenommen werden, dann haben wir etwas bewegt.
Ahoi: Der Film wird ja eher in kleinen Programmkinos gezeigt, sollte aber dringend auch breiteren Publikumsschichten zugänglich gemacht werden. Wie können Interessierte den Film sehen? Gibt es dafür schon Ideen oder Lösungen?
Alexander Kornelsen: Ja! Neben der europäischen Filmtour arbeiten wir an einem Online-Release mit einem bekannten Streaminganbieter, damit möglichst viele Menschen den Film sehen können. Zudem kooperieren wir mit Schulen und Umweltorganisationen, um Sondervorführungen und Diskussionsveranstaltungen zu organisieren. Unser Ziel ist es, Mission to Marsh in möglichst viele Wohnzimmer, Klassenzimmer und Konferenzräume zu bringen – denn nur so entsteht echte Veränderung.
Ahoi: Gerade heute, wo Menschen sich immer weiter ins Digitale begeben und KI die Arbeitswelt umwälzt, gibt es eine starke Entfremdung von natürlichen Prozessen. Ich habe beispielsweise Küken aus REWE-Bio-Eiern gebrütet und oft, wenn ich das erzähle, sagen Menschen: „Oh, echt? Dann esse ich keine Eier mehr.“ Das ist natürlich völliger Unsinn. Wie können wir die Leute wieder mit den natürlichen Prozessen vom Kommen & Vergehen verbinden? Ist das überhaupt noch möglich?
Alexander Kornelsen: Ich glaube, ja – aber es erfordert bewusste Entscheidungen. Die Naturerfahrung kommt nicht mehr von allein, weil unser Alltag zu weit davon entfernt ist. Wir müssen Gelegenheiten schaffen, Menschen wieder mit natürlichen Kreisläufen in Berührung zu bringen: durch Umweltbildung, Erlebnisse vor Ort, gutes Storytelling. Unser Film endet damit (kleiner Spoiler) wie wir im Moor aktiv sind und das Draußensein genießen - so soll er zeigen, dass Moore keine abstrakten Ökosysteme sind, sondern faszinierende, lebendige Welten, die uns alle betreffen und sich vor unserer Haustür befinden können.
Ahoi: Danke, lieber Alex, für Dein Engagement und Deine Zeit. Und gerne weiter so.


