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  • Interviews
Gespräch mit der Podcasterin Antje Riis

Miss-Wahlen, Ost-Geborene, Tamara Danz und das Hotel Merkur

Antje Riis © René Riis

Um die heutigen Verwerfungen zu verstehen, nachvollziehen zu können, warum sich im Osten der Republik andere Verhaltensweisen herausgeformt haben als beispielsweise in Stuttgart oder Hof, sollte man den Menschen zuhören, die hier leben, die hier geboren wurden und versuchen, zu verstehen, welche Erfahrungen sie gemacht haben. Wertfrei, zugewandt und freundlich, statt abwertend und verletzend, diskriminierend und pauschalisierend.

Antje Riis hat dafür einen Podcast an den Start gebracht, in dem sie sich Zeit nimmt – einen Podcast, dem wir noch ganz viel Publikum wünschen. Ahoi-Redakteur Volly Tanner sprach mit ihr:

Ahoi: Guten Tag Antje Riis. Das Internet mit seinen unerfindlichen Schleichwegen hat mir Deinen Podcast „Born in the GDR: Geschichte(n) aus einem verschwundenen Land“ in den Weg gestellt. Seit wann gibt es denn diesen Podcast und was ist der Inhalt?

Antje Riis: Lieber Volly, meinen Podcast gibt es seit etwas mehr als einem Jahr und er kommt einmal im Monat. Mir ist schon in meiner Zeit in Talkshow-Redaktionen aufgefallen, dass am liebsten lustige Anekdoten über den Osten erzählt werden oder Stasi-Geschichten und dann meist kurz und knapp. Das war mir immer zu wenig. Unsere Geschichten, der in der DDR geborenen Generationen, sind vielschichtig und spannend. Sie müssen erzählt werden. Ich stelle immer wieder bei meinen Gästen fest, welche riesigen Unterschiede es in den Lebensläufen gibt. Ob man beispielsweise zum Mauerfall 14, 18 oder 24 Jahre alt war, macht einen immensen Unterschied.

Ahoi: Wen hattest Du denn schon in Deinem Interviews und wie suchst Du die zu Interviewenden aus? Bei Kai Uwe Kohlschmidt ist mir das ja klar, aber sonst …

Antje Riis: Meine Gäste wähle ich nach Bauchgefühl aus. Sie müssen mich wirklich interessieren und es soll immer eine Mischung aus meiner Elterngeneration, meiner und den nachfolgenden Generationen sein. AnnaR. war schon da (Rosenstolz, Silly, Solo), die darüber spricht, wie sie ihre Ausbildung zur Chemielaborantin in der DDR erlebt hat oder Judy Lybke, der aus dem Leipziger Hinterhof mit der „Neuen Leipziger Schule“ die internationale Kunstwelt erobert hat. Das sind großartige Erfolgsgeschichten aus dem Osten. Aber auch die Geschichte von DDR-TV-Ansagerin Edda Schönherz ist wichtig, die in die Freiheit wollte und dafür jahrelang im Stasi-Gefängnis saß, sich aber nicht brechen ließ; oder Hanna Lakomy, die als Autorin und Escort erfolgreich ist und sich nicht auf dem Namen ihres berühmten Vaters ausruht.

Auch Comedian Ingmar Stadelmann war schon da, von dem mir lange gar nicht bewusst war, dass er Ossi ist. Ihn habe ich gefragt, wie es sein kann, dass die einzige Talkshow aus dem Osten, das „Riverboat", nur von einem einzigen Menschen aus dem Osten moderiert wird, von Wolfgang Lippert. Also, ich würde zur Verfügung stehen. (schmunzelt)

Ahoi: Du wurdest damals in der DDR und hier genauer in Leipzig geboren, hast Deine Ausbildung im Hotel Merkur, dem heutigen Westin erfahren. Was hast Du denn dort konkret erlernt? Und wann und wie war es?

Antje Riis: Meine Ausbildung im Hotel Merkur habe ich 1987 angefangen. Es gab nur fünf Ausbildungsplätze und seinerzeit war das ein privilegierter Job, denn das damalige 5-Sterne-Hotel war das einzige Hotel in Leipzig, in dem man ausschließlich für Valuta (Westmark) übernachten konnte. Außerhalb des Zeitraums der Leipziger Messe konnte man aber die Restaurants für Mark der DDR besuchen. In einem davon, dem „Arabeske“, habe ich meine Ausbildung zum „Facharbeiter Kellner“ gemacht. Wir Lehrlinge waren eine tolle Truppe. Ich möchte an der Stelle an meinen Azubi-Kollegen Uwe Trampler erinnern, den Sohn von Ulrich Trampler, der Gastgeber-Legende aus dem Hotel „Astoria“. Er ist wenige Jahre nach unserer Ausbildung bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Er war so talentiert.

Es gab in der Ausbildung auch unschöne Dinge. Zum Beispiel wurde ich vom Oberkellner, der auch für uns Lehrlinge zuständig war, bestraft, weil ich mir beim hoteleigenen Friseur die Haare burgunderrot tönen lassen habe, was damals modern war und keineswegs auffällig. Aufgrund dessen durfte ich mehrere Tage nicht im Restaurant bedienen, weil man das den Gästen „nicht zumuten könne“. Man hat das damals so hingenommen als „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“.

Gut, dass sich die Gesellschaft diesbezüglich weiterentwickelt hat. Im Hotel Merkur und später in der Gastronomie habe ich fürs Leben gelernt! Wie man die Stimmung von Menschen aufnimmt, diskret ist, die ganze Palette der Menschenkenntnis, würde ich sagen. Das hat mir später in meiner Arbeit für Talkshows sehr geholfen und davon profitiere ich heute, auch in meinem Podcast.

Ahoi: Bei der Recherche fand ich ein Bild, welches Dich bei der Miss Leipzig-Wahl 1990 zeigt. Solche Miss-Wahlen waren ja damals auch ein Stückchen Freiheit, heraus aus der Bevormundung durch die alten, greisen Männer in Berlin. Wie hast Du diese Zeit erlebt?

Antje Riis: Zweimal habe ich sogar bei einer Misswahl mitgemacht: 1989, die erste Misswahl in Leipzig und die erste offizielle in der DDR überhaupt, soweit ich weiß. Die Vorentscheidung war im Haus Auensee und das Finale, in das ich gekommen war, fand auf dem alten Leipziger Messegelände statt. Mein Ziel war, auf mich aufmerksam zu machen, da ich als Model arbeiten wollte. Das hat geklappt: Das Ehepaar Heiner saß in der Jury. Sie hatten eine professionelle Modenschau-Gruppe, den „Modecocktail" und haben mich als einzige der Finalistinnen für ihre Tourneen engagiert. 1990 wollte ich dann mit der Misswahl, die im Hotel Merkur stattfand, in den gesamtdeutschen Markt. Das ging gründlich schief, da uns nur unseriöse Verträge angeboten wurden, die ich und viele andere Mädchen nicht bereit waren, zu unterschreiben. Interessante Erfahrungen innerhalb von zwei Jahren, in zwei unterschiedlichen Welten.

Ahoi: Du hast auch für Schreinemakers oder Kerner Menschen interviewt, hier besonders Menschen aus unserer Region. Gab es Widerstände? Musstest Du Dich durchsetzen oder waren die Sender doch recht offen?

Antje Riis: Gäste aus dem Osten wurden eingeladen, zu Jahrestagen wie dem Mauerfall etwa. Da konnte ich wahrscheinlich die meisten Namen vorschlagen und habe die Gäste aus dem Osten natürlich immer gern übernommen, wenn sie eingeladen wurden. Manche besondere Geschichte, die vielleicht nur jemand mit DDR-Vergangenheit kennen konnte, habe ich beitragen: Wahrscheinlich wäre keiner meiner Kollegen in Hamburg darauf gekommen, dass der holländische Liedermacher Herman van Veen in die DDR zu Gastspielen reisen durfte. Ich hab ihn gefragt, welche Begegnungen er mit den Menschen dort hatte und er erzählte mir von einer Frau, die ihn in ihrem Trabbi nach seinem Konzert vom Palast der Republik zum Hotel „Unter den Linden“ gefahren hat und nur einen Wunsch hatte: mit ihm zu singen ... und das taten sie dann im Auto. Das erste Talkshow-Interview von Tokio Hotel habe ich vorbereitet und deswegen die Jungs vorher im Magdeburger Stadtpark getroffen. „Durch den Monsun“ ging gerade auf Platz 1 der Charts. Bill und Tom Kaulitz waren da noch 15 Jahre alt, im August 2005.

Ahoi: Die Geschichten aus unserer Region, die Geschichten der hiergeborenen Menschen, finden gesamtdeutsch leider nicht wirklich statt. Es wird leider sehr oft immer noch abwertend von „... denen im Osten“ gesprochen in gerade akademischen oder sich selbst fortschrittlich glaubenden Milieus. Woran liegt das, was glaubst Du? Und was kann man für mehr Sicht- und Hörbarkeit hiesiger Erfahrungswelten tun?

Antje Riis: Die Sache ist doch immer noch ein bisschen so: Wir haben uns für alles im Westen interessiert, umgedreht ist es immer noch ein kleiner, überschaubarer Kreis. Für die Westdeutschen hat sich nichts geändert nach dem Mauerfall, das Leben ging normal weiter. Für uns hat sich alles geändert. Ich persönlich habe das eher beobachtet und als ich in Köln oder Hamburg gelebt habe, bin ich auch auf interessierte Zuhörer gestoßen. Und wenn nicht, habe ich trotzdem aus meiner Kindheit und Jugend erzählt. Mir ist nie Diskriminierung aufgrund meiner Herkunft widerfahren. Ich habe mein Ostdeutsch-Sein immer selbstbewusst als etwas Tolles, Cooles, Bereicherndes gesehen. Und für mehr Sichtbarkeit von uns, dafür habe ich meinen Podcast gestartet.

Ahoi: Du lebst in Berlin, trotzdem, so weiß ich, besuchte Dich gerade Deine Leipziger Familie. Was für Kontakte pflegst Du ansonsten noch in Deine Geburtsstadt?

Antje Riis: Natürlich komme ich in erster Linie wegen meiner Familie nach Leipzig, aber ich habe hier zum Beispiel academixer-Kabarett-Legende Kati Hart für meinen Podcast besucht und das wird auch in Zukunft immer wieder vorkommen, dass mich mein Podcast nach Leipzig führt. Ansonsten habe ich hier enge Freunde, da sind einige aus der Teenager-Zeit dabei, von denen lasse ich mir gern neue, angesagte Spots in Leipzig zeigen. Leipzig bleibt meine Heimatstadt und das damit verbundene wohlige Gefühl.

Ahoi: Ich finde ja das Foto von Deiner 10-Klasse-Abschuss-Zeitung, das Foto mit Deinen völlig zerrupften Tamara Danz-Haaren, großartig. Es erinnert mich an mein Umfeld, damals 1987. Was verbindet Dich mit Tamara Danz, außer der Frisur, noch?

Antje Riis: Tamara Danz war für mich ein Vorbild. Ich habe sie 1986 erstmals live erlebt, das war im „Kino der Jugend“ in der heutigen Eisenbahnstraße. Uwe Hassbecker und Jäcki Reznicek kamen gerade von Stern Meißen beziehungsweise Pankow als Frischzellenkur zu Silly und das war spannend. Nicht nur Tamaras Optik war einzigartig, auch dass ich damals schon gemerkt hatte, sie ist nicht die Sängerin, sie ist die Chefin auf der Bühne. Und das war es wahrscheinlich, was mich fasziniert hat. Dazu die Texte, mit denen man sich auseinandersetzen musste, da viel nur zwischen den Zeilen zu lesen war und vor allem ihre Stimme. Alles passte. Mit meinem Leipziger Freund sind wir bis Ende der 80er Jahre im Umkreis von Leipzig so oft es ging, zu Silly-Konzerten gefahren und waren immer Backstage und nah an der Band dran. Das war damals quasi mein Leben und es war großartig. Ich hab etwas später im Hotel „Newa“ in Dresden mal ein paar Stunden mit Tamara nachts auf einem Hotelflur gesessen und sie erzählte mir alles, vor allem von den privaten Dynamiken in der Band zu dieser Zeit und ich freue mich bis heute, dass ich ihr Vertrauen hatte. Natürlich war ich auch auf ihrer Beerdigung. Manchmal wüsste ich gern, wie sie aktuelle Geschehnisse kommentieren würde.

Ahoi: Und wie geht es weiter mit dem Podcast? Gibt es schon Ideen für 2025? Wenn ja, welche?

Antje Riis: Es geht auf jeden Fall weiter, denn vielleicht habe ich da eine Lücke gefunden, die noch nicht besetzt ist. Auf meiner Liste stehen natürlich eine Menge Leute, die ich 2025 einladen möchte. Bisher haben fast alle meine Einladung angenommen, die ich angefragt habe. Und die anderen kommen auch noch, da bin ich geduldig.

Ich wünsche mir, dass „Born in the GDR - Geschichte(n) aus einem verschwundenen Land“ noch mehr Hörerinnen und Hörer findet, dafür gibt es jetzt alle Folgen auch auf YouTube, neben den üblichen Podcast-Anbietern. Ein Traum wäre es natürlich, den Podcast zum Job zu machen.

Ahoi: Danke, liebe Antje, für Deine Zeit und Deinen Podcast und viel Erfolg weiterhin mit Deinen Ideen.

BORN IN THE GDR – der Podcast

Born in the GDR: Geschichte(n) aus einem verschwundenen Land - Podcast

Born in the GDR - Podcast von Antje Riis - YouTube

 

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