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Gespräch mit dem Leipziger Bundestagabgeordneten Holger Mann

"Mir ist wichtig, um neues Vertrauen der Menschen zu werben."

© Christiane Gundlach / Team Holger Mann

Für unsere Ahoi-Serie „Politisch ausreden lassen“ stellen wir in der zweiten Staffel mit Leipzig und der Leipziger Region verbundenen Mandatsträgerinnen und Mandatsträgern des Deutschen Bundestags Fragen. Das Absenden dieser Fragen geschah gleichzeitig, um Chancengleichheit zu generieren, die Reihenfolge der Antwortenden ergibt sich aus der Reihenfolge der Zusendung der Antworten. In der dritten Folge der zweiten Staffel der Reihe äußert sich Holger Mann. Es gilt das geschriebene Wort.

Guten Tag. Sie wurden durch das Wahlverhalten in Leipzig lebender Menschen als Mandatsträger nach Berlin entsandt. Sind Sie als Direktgewählte/r oder über die Landesliste hereingekommen? Falls die Landesliste Ihrer Partei Ihr Mandat erbrachte, auf welchem Listenplatz standen Sie denn?

Holger Mann: Ich bin über den Landeslistenplatz 2 der SPD Sachsen in den Bundestag eingezogen und freue mich, die Leipziger:innen und die Region wieder im Bundestag vertreten zu können.

Nun geht es seit einigen Wochen in die Arbeit. Wo sehen Sie Ihre Schwerpunkte?

Holger Mann: Besonders am Herzen liegt mir die Bildungs- und Innovationspolitik. Ich setze mich für eine starke und unabhängige Wissenschaft ein und dafür, dass aus Forschungserkenntnissen auch Innovation, also ein spürbarer Fortschritt entsteht. Ich kämpfe aus Überzeugung dafür, dass Bildungswege durchlässiger gestaltet werden und Zukunftschancen unabhängig von Herkunft oder Wohnort sind. Dabei geht es auch konkret um bessere Bedingungen für (Hoch-)Schulen und Forschende vor Ort. So werden wir mit dem Startchancenprogramm ab diesem Jahr das Lernen an 25 Leipziger Schulen jährlich mit 500.000 Euro zusätzlich unterstützen können. Auch die neuen Forschungszentren in Delitzsch und Görlitz sollen bald 1.000 Mitarbeitende beschäftigen und neue Zukunftschancen eröffnen.  Zudem verstehe ich mich als ostdeutsche Stimme im Bundestag. Auch 35 Jahre nach der Einheit gibt es strukturelle Unterschiede - gerade bei Einkommen, Vermögen, Rente oder Berufsbiografien. Diese Erfahrungen müssen genutzt und Lebensleistungen gewürdigt werden. Deswegen unterstütze ich die Erhöhung des Mindestlohns und kämpfe für eine auskömmliche gesetzliche Rente.
Ich sehe es deshalb als meine Aufgabe, unsere Perspektiven einzubringen und dafür zu streiten, dass Ostdeutsche mitgestalten.

Und wie wollen Sie ganz konkret hier Entscheidungen voranbringen?

Holger Mann: Im Bildungs- und Wissenschaftsbereich habe ich den Koalitionsvertrag mitverhandelt, jetzt geht es darum, diesen zügig umzusetzen. Das Startchancen-Programm wollen wir auch auf Kitas ausweiten. Mit einer echten BAföG-Reform für Azubis und Studis im kommenden Jahr sollen fairere Bildungschancen von Anfang an gelingen. Wohnraum wird in den großen Städten knapp. Mit dem neuen Förderprogramm wollen wir gerade jungen Menschen bezahlbares Wohnen ermöglichen. Bei deutschen Banken liegen Milliarden auf Konten Unbekannter. Diese will ich über ein Gesetz und Fonds mobilisieren, um soziale Innovation zu fördern. Und natürlich geht es unmittelbar um Investitionen in die öffentliche Infrastruktur, in Bahn und Brücken, Klimaschutz und Bildungseinrichtungen. Gerade Schulen - besonders die Ober- und Berufsschulen - brauchen dringend eine Modernisierung. Die Toiletten stinken oft zum Himmel und das WLAN ist die Hölle. Das darf nicht so bleiben. Hier arbeiten wir gerade an den finanziellen Grundlagen. Auf dem Weg ist übrigens bereits die Verlängerung der Mietpreisbremse und Erleichterungen beim Wohnungsbau.

Sie müssen in Ihrer Arbeit mehr als Ihre Klientel bedienen. Der Bundestag ist schließlich das Plenum, welches Entscheidungen für alle in unserem Land lebenden Menschen fällen sollte, Entscheidungen zum Wohle aller. Nun ist uns klar, dass Politikerinnen und Politiker Teil ihrer Blase sind. Wie verlassen Sie diese? Wie wollen Sie hier wieder Vertrauen schaffen? Gern konkrete Antworten.

Holger Mann: Ich glaube, politische Arbeit ist – wenn man sie ernst nimmt – sehr erdend. Denn im Regelfall kommen Probleme zu uns und Menschen, die Lösungen erwarten. 
Natürlich kann Berlin eine eigene Welt sein, aber mein Lebensmittelpunkt ist Leipzig. Gerade die Wahlkreisarbeit in Sachsen sorgt dafür, dass ich ständig im Austausch mit vielen Menschen bin – aus verschiedenen Lebensrealitäten, mit ganz unterschiedlichen Meinungen. Ich führe regelmäßig Bürgersprechstunden in meinem Wahlkreisbüro oder unter freiem Himmel durch. Ich bin bei zahlreichen Veranstaltungen vor Ort und nehme mir bewusst Zeit für Gespräche – auch mit Menschen, die ganz andere Sichtweisen haben als ich. Zudem wechsele ich regelmäßig die Perspektive. Bei „Mann packt an“ schlüpfe ich selbst in die Arbeitskleidung anderer – sei es bei der Stadtreinigung, an der Kasse im Supermarkt, beim Päckchensortieren bei DHL, im Inklusionshotel oder bei der Leipziger Tafel. Ich arbeite dort einen Tag mit und höre zu. Man bekommt einen ehrlichen, unmittelbaren Blick auf den Alltag, auf Herausforderungen, aber auch das Herzblut, mit dem viele Menschen ihren Job machen – oft unter schwierigen Bedingungen. Das prägt meine politische Haltung stärker als manche Fachanhörung in Berlin. Außerdem lade ich auch viele Sachsen nach Berlin in den Bundestag ein. In den letzten vier Jahren waren über 3.000 da, die ihre Themen und Anliegen mitbrachten!

Die letzte Legislaturperiode hat Menschen in eine große Enttäuschung und Verunsicherung gestürzt. Wie wollen Sie hier wieder Vertrauen schaffen? Gern konkrete Antworten.

Holger Mann: Ich verstehe gut, dass viele Menschen enttäuscht und verunsichert sind. Die letzten Jahre waren von Krisen geprägt – Pandemie, Kriege, Energiepreise, Inflation, – und oft wurde Politik als hektisch oder unzuverlässig wahrgenommen. Vertrauen zurückzugewinnen heißt für mich: klar, ehrlich und nachvollziehbar an diesen Problemen zu arbeiten.

Dazu gehört für mich auch: weniger Streit nach außen, mehr Sachlichkeit und Transparenz. Politische Entscheidungen müssen verständlich erklärt werden – nicht nur in Fachkreisen, sondern so, dass sie die Menschen erreichen. Gerade in Ostdeutschland ist es entscheidend, dass wir eine sachorientierte Politik machen, statt in Polemik zu verfallen. Hier ist das Vertrauen in staatliche Institutionen oft brüchiger – umso mehr kommt es darauf an, dass Politik nachvollziehbar, lösungsorientiert und respektvoll bleibt.

Vertrauen entsteht nicht durch große Worte, sondern durch verlässliches Handeln. Deshalb bleibe ich im engen Austausch mit den Menschen vor Ort, bin ansprechbar und erkläre, wie und warum Entscheidungen getroffen werden – auch, wenn sie nicht allen gefallen.

Um die Bedürfnisse und Belange der Hiesigen mitdenken zu können, ist es nicht schlecht, wenn man wenigstens leichte Überschneidungen in der Erfahrungswelt hat. Deshalb meine Fragen: Können Sie uns etwas über Ihre Lebens- und Arbeitswirklichkeit in Leipzig erzählen? Als was waren Sie bis dato tätig und wo haben Sie sich engagiert?

Holger Mann: Ich bin in Sachsen geboren, im Erzgebirge aufgewachsen und in Leipzig seit 1997 zuhause. Hier habe ich studiert, meine Frau kennengelernt und unsere drei Kinder sind hier aufgewachsen. Die Stadt ist für mich nicht nur Lebensmittelpunkt, sondern auch Herzensort. Ich habe bereits während meines Studiums gearbeitet, erst in studentischen Jobs wie Werbung, als freier Journalist oder später als Bildungsreferent. 

Mit anderen jungen Menschen habe ich den Leipziger Hörspielsommer gegründet und ein Jugendmagazin herausgegeben. Dazu habe ich mich vielfältig politisch am Campus und landesweit für demokratische Bildung engagiert. Nach meinem Studium konnte ich als Geschäftsführer einer Entwicklungsgesellschaft im Leipziger Neuseenland mitgestalten. In dieser Zeit am heutigen Störmthaler See lernte ich viel über regionale Entwicklung, Strukturwandel und notwendige Kooperation vor Ort.

Seit 2009 durfte ich den Leipziger Norden im Sächsischen Landtag vertreten, mit den Schwerpunkten Bildungs- und Wissenschaftspolitik. 2021 bin ich als sächsischer Spitzenkandidat der SPD erstmals in den Bundestag eingezogen.

Ich habe mich in Leipzig immer zivilgesellschaftlich engagiert, zum Beispiel im Bereich der Jugendbildung, in Bürgervereinen oder für soziale Teilhabe. Mir ist wichtig, nah bei den Menschen zu bleiben, ihre Lebensrealitäten zu kennen – und ihre Themen mit nach Berlin zu nehmen. Denn nur wer die Erfahrungen vor Ort teilt, kann im Bundestag glaubwürdig für die Region sprechen.

Ein drückendes Thema ist die Entbürokratisierung des Landes, womit nicht nur eine Erleichterung des Wirtschaftens, sondern auch des ganz allgemeinen Seins einhergehen würde. Haben Sie hier konkrete Ideen?

Holger Mann: Entbürokratisierung gelingt nur mit echter Digitalisierung – das ist für mich der zentrale Hebel. Verwaltungsvorgänge müssen digital einfacher zugänglich und verständlicher werden. Dafür setzen wir uns als SPD im Bundestag ein – etwa durch die Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes und die Einführung eines sicheren, digitalen Identitätsnachweises (EUDI-Wallet).

Gerade legen wir den DigitalPakt 2.0 auf: Wir wollen damit noch mehr Schulen mit moderner, digitaler Infrastruktur ausstatten, zukünftig aber auch die digitalen Kompetenzen von Lehrkräften mit Fortbildungen fördern.

Außerdem brauchen wir mehr „One-Stop-Shops“, in denen Bürger:innen ihre Anliegen gebündelt und unkompliziert erledigen können. Weniger Papierkram, mehr Lebenszeit – das ist für mich das Ziel. Ich will, dass staatliche Prozesse als hilfreich und serviceorientiert wahrgenommen werden – dafür arbeite ich auch in Berlin.

Das Land hat noch viel mehr schwelende Probleme: Bildung, Kriminalität, gesellschaftlicher Zusammenhalt, Gesundheitssystem usw.. … Wie ist dieser immense Berg überhaupt abzutragen? Was können Sie hier tun?

Holger Mann: Ja, die Aufgaben sind groß, die Inflation von Krisen droht einen manchmal zu erschlagen. Aber genau deshalb braucht es Politik, die anpackt, statt blockiert (#mannpacktan). Wir haben begonnen, wichtige Modernisierungsschritte zu gehen: Das digitale Deutschlandticket vereinfacht den Alltag von Millionen Menschen, spart Zeit und Geld. Mit dem E-Rezept und der elektronischen Patientenakte bringen wir das Gesundheitssystem ins digitale Zeitalter. Zudem investieren wir massiv in die Sanierung unserer Bahn und die Straßeninfrastruktur.

Die Reform der Schuldenbremse ist hierfür ein notwendiger Schritt, weil wir in Zukunft investieren müssen: in Bildung, Klimaschutz, Wohnen und Infrastruktur. Stillstand können wir uns nicht leisten.

Klar ist aber auch: Viele Herausforderungen liegen noch vor uns - gerade im Bildungs- und Wissenschaftsbereich. Wir wollen das BAföG reformieren, um es an die Lebensrealitäten junger Menschen anzupassen – mit einer echten Dynamisierung und mehr Flexibilität. In der Wissenschaft brauchen wir berechenbare Karrierewege statt Kettenverträge, insbesondere für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Gleichzeitig müssen wir im Bildungsföderalismus neue Wege finden – es kann nicht sein, dass Chancen und Qualität der Bildung so stark vom Wohnort abhängen. Hier werden wir mit Startchancenprogramm und Digitalpakt langfristig investieren.

Mir ist wichtig, um neues Vertrauen der Menschen zu werben – und das gewinnen wir nur, wenn wir Politik verständlich, verlässlich und lösungsorientiert machen (#mannbleibtdran). Dafür arbeite ich – für ein modernes, gerechtes und handlungsfähiges Land.

Danke, dass Sie sich Zeit für unsere Fragen genommen haben.

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