Wenn Kunstschaffende wirklich ihr ganz eigenes Ding machen kann es geschehen, dass die „Szene“ sie nicht gerade mit Liebe überhäuft. Dafür ist der Szenemensch viel zu sehr darauf getrimmt, der eigenen Blase nach dem Mund zu reden, um nicht ins Fadenkreuz der Ausgrenzungsmaschine zu geraten. Der eigenständige Kunstschaffende kann sich dafür in der Regel an einer kleinen, dafür verlässlichen und neugierigen Fanbase erfreuen. Die Band LANDGRAF aus Leipzig spielt schon einige Frühlinge Musik und wird auch dabei bleiben. Und die Fans der Band bleiben auch dabei. Ahoi-Redakteur Volly Tanner schrieb sich mit dem Mastermind der Kapelle, die am 28. Mai 2025 das Horns Erben beehrt:
Ahoi: Guten Tag Enrico Landgraf. Du bist der Frontist der Rockband LANDGRAF und spielst am 28. Mai 2025 im Horns Erben. Das ist gut, da Du viel zu selten live zu erleben bist. Gibt es einen besonderen Grund für den Gig? Geburtstag, neue Bandmitglieder, neues Album? Erzähl mal bitte …
Enrico Landgraf: Einen speziellen Grund gibt es nicht. Es ist eher so, dass ich versuche, einmal im Jahr eine kleine Tour zusammenzustellen und da ist für Leipzig das Horns einfach der beste Anlaufpunkt. Ich würde auch gerne die Arena nehmen, aber leider füllen wir die Bude nicht … (schmunzelt)
Ahoi: Deine Songs lassen den guten, schnörkelfreies US-Rock durchschimmern, manche halten Dich für „The Boss from The Pleiße“. Was verbindet Dich kulturell mit dem US-Barden?
Enrico Landgraf: Schmunzel … die Bezeichnung höre ich zum ersten Mal. Früher hat mich der Vergleich genervt. Heute denke ich mir, zum Glück hat mich niemand mit Fancy verglichen. So gesehen kein schlechtes Kompliment …
Er hat mich natürlich in meiner Teenager-Zeit geprägt. Ich irrte für mich durch die Tage und hatte kein Plan, was ich will und wer ich bin oder sein könnte. Ich fühlte mich auch zu keiner Szene hingezogen (Punks, Popper, Rocker, Metaller, Folkies ...). Das wirkte auf mich alles irgendwie beengend. Lediglich das behagliche Gefühl, einer Gruppierung anzugehören hatte etwas Anziehendes, Schützendes. Ich wollte gesehen werden, mich wieder verstecken, gesehen werden, wieder verstecken … und das immer so weiter. Dann kam Bruce und in meiner Wahrnehmung, vielleicht wollte ich es so sehen, hatte er die Botschaft, mach Deins, egal, was die Anderen so quatschen. Ich brauchte in meinen Teenager-Tagen gefühlt einen (Anti-)Helden, um mich innerlich zu stabilisieren. Gruppen waren tendenziell gefährlich, Einzelpersonen nicht.
Mittlerweile sehe ich das aus der (Alters-)Entfernung kritisch. Wahrscheinlich geht es vielen Menschen so, dass man später irgendwann seine Helden der Jugend hinterfragt und sie vom Sockel stößt. Aber auf jeden Fall bin ich auf die Musik abgefahren. Schnörkellos, nur Gitarre und Band … keine Tanzchoreographien und keine epischen Shows. Einfach nur klassisches Handwerk. Und immerhin konnte ich nicht so falsch liegen, fanden es doch weltweit tausende Fans ebenso.
Ahoi: Und wer spielt alles am 28. Mai mit Dir auf?
Enrico Landgraf: Wir werden wieder eine Menge Leute auf die Bühne bringen. Da ist die Grundbesetzung: am Schlagzeug Martin Marschall, am Flügel Robert Herrmann, an der Gitarre Tobias Fiedler und am Bass Felix Sommer. Dazu die Bläser Andreas Uhlmann und Volker Dahms. Bei den Gesängen wird mich wieder Kristina Schmidt unterstützen. So … ich hoffe, keinen vergessen zu haben.
Ahoi: Leipzig ist derzeit ein Zentrum der Haltungs- und Statement-Musik. Hinter jedem Lied lugt eine Mission hervor, jeder Ton ist politisch abgrenzend und positionierend. Hier einfach mal Rock´n´Roll zu machen, scheint mir fast schon subversiv. Wie siehst Du die heutige Szene in Leipzig. Berührt Dich das jugendliche Aufbegehren und Besserwissen überhaupt?
Enrico Landgraf: So nah bin ich da gar nicht mehr dran. Wenn ich überlege, was ich früher so herausposaunt habe, was ich damals für extrem wichtig befunden habe, wonach aber heute kein Hahn mehr kräht, denke ich, man kann mit vielem entspannter umgehen. Letztendlich hat jede Generation eine Mission. Wenn wir jung sind, sind wir gerne Revoluzzer. Mich hat die Szene immer gestresst. Immer war irgendetwas total Neues angesagt und ich fühlte mich abseits, weil ich wieder etwas vermeintlich wichtiges verpasst habe. Heute lebe ich ruhiger damit, nicht alles so ernst zu nehmen und auch nicht alles zu wissen. Das Leben nivelliert so manches.
Ahoi: Für die Menschen, die Dich noch nie auf einem Konzert erleben durften: Warum sollten die zu Dir kommen? Was können interessierte Menschen am Abend des 28. Mai im Horns Erben erleben? Und bestenfalls mit nach Hause nehmen?
Enrico Landgraf: Für jemanden, der schlecht Eigenwerbung machen kann, ist solch eine Frage eine echte Herausforderung. Ich versuche es trotzdem mal, weil Du ja danach fragst: Wer einmal eine vollgestopfte Bühne im Horns sehen will, wer gute Rockmusik hören will, die satt, melodiös und zwischen lauten und leisen Tönen hin und her manövriert, wer es authentisch mag, wer mich kennt und hier und da eine kleine Geschichte hören will und wer deutsche Texte mag, sollte definitiv kommen!
Ahoi: Danke, lieber Enrico, dass Du dem guten alten Rock die Gitarre hältst.


