Die Demokratie, die von einigen Menschen gern als „unsere“ versprochen wird, braucht Menschen, die sich engagieren. Richtig praktisch und ehrenamtlich, sonst fliegt „uns“ alles um die Ohren. Peggy Scheibe ist ein Vorbild: aktiv und trotzdem bescheiden, schließlich hat auch sie keine Lösung für alles, wie sie im Interview sagt. Ahoi-Redakteur Volly Tanner sprach mit ihr:
Ahoi: Guten Tag, Peggy Scheibe. Sie haben Ende letzten Jahres persönlich bei Tafel Leipzig e.V. mitgemacht. Wie kam es denn dazu? Und was ist dieser ominöse Sozialtag?
Peggy Scheibe: Hallo Herr Tanner. Bei DAVASO hat jeder Mitarbeiter die Möglichkeit, einen Tag pro Jahr für ein Engagement in einem sozialen Projekt freigestellt zu werden. Eine tolle Sache, denn in manchen Bereichen kann man nur unter der Woche unterstützen, wo viele eben selbst arbeiten – wie ich. Gemeinsam mit vier Kollegen haben wir nach geeigneten Projekten gesucht. Die Auswahl ist groß, weil eben auch der Bedarf immens ist: Smartphonehilfe für ältere Menschen, Bäume pflanzen in der Kita oder Unterstützung in der Buchhaltung bei kleineren Vereinen.
Unsere Wahl ist dann auf die Tafel Leipzig gefallen. Ich hatte zuvor schon einiges darüber gehört: Welche Arbeiten dort anfallen und wie groß der Bedarf gerade in der kalten Jahreszeit ist. Meine Kollegin Doreen hat die Kommunikation mit der Tafel übernommen und für uns einen Termin vereinbart. Tatsächlich waren am Tag unseres Einsatzes einige Helfer der Tafel krankheitsbedingt ausgefallen, sodass unsere Hilfe genau richtig kam.
Ahoi: Und die Firma DAVASO GmbH, bei der Sie arbeiten, hat ebenfalls Geld gespendet – für den Leipziger Tafel e.V., aber auch für die Suhler Kindertafel. Warum gerade für diese Vereine?
Peggy Scheibe: Das hat mittlerweile Tradition. Schon im vergangenen Jahr hat DAVASO an die Tafel Leipzig gespendet. Dieses Jahr hat auch die Suhler Kindertafel eine Spende erhalten. Wir haben dort nämlich einen Standort mit 70 Mitarbeitenden. Wir gehören seit 2021 zur IQVIA Unternehmensgruppe, die alljährlich die Tafeln in den jeweiligen Unternehmensstandorten unterstützt. Das soziale Engagement uns sehr wichtig – gerade dort, wo wir auch ansässig sind.
Ahoi: Und was machen Sie in der DAVASO GmbH?
Peggy Scheibe: Ich bin seit drei Jahren bei DAVASO tätig und seit letztem Sommer für das Business Continuity Management verantwortlich. Damit ist die Absicherung der Geschäftsfortführung bei Störungen gemeint. Es geht darum, im Falle von Betriebsunterbrechungen anhand von vorab erarbeiteten Notfall-Maßnahmenplänen weiterarbeiten zu können.
Die Pandemie hat gezeigt, wie wichtig es ist, mit Widrigkeiten umzugehen zu lernen, um handlungsfähig zu bleiben. Aus den anfänglichen Pandemieplänen bauen wir nun ein umfassendes Managementsystem auf und lassen uns die Wirksamkeit zertifizieren.
DAVASO ist ein sogenanntes systemrelevantes Unternehmen. Wir übernehmen das Genehmigungs- und Abrechnungsmanagement für eine Vielzahl Gesetzlicher Krankenkassen und weiterer Kunden der Gesundheitswirtschaft. Dafür sorgen täglich rund 1.300 Mitarbeiter am Hauptsitz in Leipzig sowie an den Standorten in Taucha und Suhl.
Ahoi: Die Tafeln ächzen unter dem Ansturm der Bedürftigen. Es ist ein Armutszeugnis unseres Landes, dass Ehrenamtliche das Scheitern des Systems so auffangen müssen. Was bräuchte es für eine gerechte Verteilung? Für ein würdevolles Dasein? Was denken Sie, Frau Scheibe?
Peggy Scheibe: Wie wir von den Mitarbeitern der Tafel erfahren haben, kann man nicht einfach mit Hunger vorbeikommen und wird entsprechend versorgt. Da steckt viel Bürokratie und Organisation dahinter. Ein unkoordinierter Ansturm von hunderten Menschen würde die Ausgabestelle lahmlegen. Viele Helfer unterstützen dort ehrenamtlich und sorgen für reibungslose Abläufe. Ich denke aber, dass nicht alle bedürftigen Menschen mit diesem Angebot erreicht werden können bzw. die Zahl der Bedürftigen aufgrund von steigenden Preisen weiter zunehmen wird.
Es stimmt, dass die Tafeln ihre Arbeit nur mit der Unterstützung von Ehrenamtlichen organisieren können. Ich denke, dass Einrichtungen und Projekte, die sich für soziale Belange und benachteiligte Menschen einsetzen, viel mehr Aufmerksamkeit und Unterstützung bekommen sollten. Wie das im Einzelnen umgesetzt werden kann, mag ich nicht beurteilen. Ich bin ehrenamtlich aktiv und mache das auch sehr gern.
Ein würdevolles Dasein? Darunter verstehe ich einen unkomplizierten Zugang zu allen lebensnotwendigen Gütern und Dienstleistungen für jeden, ohne sich dafür schämen zu müssen. Das fängt für mich schon bei kostenlosen öffentlichen Toiletten an, z.B. am Hauptbahnhof.
Ahoi: Was wird eigentlich mit dem gespendeten Geld gemacht?
Peggy Scheibe: Die Tafel Leipzig wird unsere Spende für verschiedene Events, z.B. Busfahrten, Eintritte für Museen und Verköstigungen, nutzen. Das erste Event in diesem Jahr ist die Ferienfahrt in den Winterferien nach Auerbach, dort dürfen die Kinder der Tafelkunden teilnehmen.
Die Spende an die Suhler Kindertafel fließt u.a. in die Unterhaltung des Fuhrparks oder in die Anschaffung von Küchenutensilien. Das ist ja alles wichtig, um den Betrieb aufrechtzuerhalten.
Ahoi: Sie sind im Ehrenamt in der Bienenweiden AG der KGV Johannistal 1832. Was machen Sie denn dort ganz konkret?
Peggy Scheibe: Die Bienenweiden AG habe ich von einem Gartenfreund übernommen, der wegzog. Zu diesem Zeitpunkt hatte er sich beim Gartenvorstand schon für das Thema starkgemacht, Informationen zum Anlegen und Pflegen beim Leipzig summt! e. V. eingeholt und einen Platz im Rasenmeer der Kleingartenanlage erobert, auf dem wir eine Blühwiese (oder auch Insektenweide) angelegt haben. Eine meiner Aufgaben ist es, die Notwendigkeit von Blühwiesen im Verein, z.B. mit Vorträgen auf den Mitgliederversammlungen, zu verdeutlichen. Denn ein grüner Rasen wird zwar als viel ordentlicher angesehen, doch tatsächlich ist eine Blühwiese weniger aufwändig. Sie muss nur 1x im Jahr nach ihrem natürlichen Aussäen zurückgeschnitten werden. Der Kleingartenverein Johannistal liegt mitten in der Stadt umgeben von Bürogebäuden, Hotels, Wohnhäusern und dem Uniklinikum. Das ist viel versiegelte Fläche. Die zweite Aufgabe ist eben die Erweiterung der Fläche und die gelegentliche Pflege. Der Rasen wächst eben gern ein (lacht). Mehr Lebensräume und ganzjährige Nahrungsquellen für alle Arten von Insekten anzubieten, ist nicht nur wichtig für einen guten Ertrag im eigenen Kleingarten, sondern für unsere gesamte Umwelt. Natürlich mache ich das nicht allein, sondern werde von vier tatkräftigen Helferinnen unterstützt.
Der Kleingartenverein im Johannistal ist ein kleines Naherholungsgebiet und dient auch als Abkürzung auf dem Weg zum Ostplatz. Viele Menschen laufen täglich durch den Hauptweg. Wir bekommen viele positive Rückmeldungen von Spaziergängern, vor allem von Kindern. Letztes Jahr wurde eine kleine Marienkäferfigur an die Befestigung der Insektenweide gelegt. Das war so schön.
Ahoi: Und der Europäische Go-Kongress 2023? Auch hier waren Sie involviert. Was haben Sie denn hier gemacht?
Peggy Scheibe: Ja, letztes Jahr war tough. Mein Mann spielt aktiv Go. Das ist eines der ältesten Brettspiele der Welt. (Spieleabende finden im Denksportzentrum Petzscher Straße 1 statt). Und ich finde die Gemeinschaft unter den Spielenden dort so erfrischend, dass ich ein Teil davon sein wollte, auch wenn ich nur sehr selten selbst spiele. Der Go-Kongress drohte auszufallen, da er ursprünglich in der Ukraine geplant war. Kurzfristig hat mein Mann ihn dann in die Region Leipzig geholt. Markkleeberg war am Ende engagierter dabei, uns Räumlichkeiten anzubieten. Zusammen mit einem großen Team an Helfern haben wir das 14-tägige Großereignis dann in sehr kurzer Zeit auf die Beine gestellt.
Zum einen habe ich bei vielen kleinen Themen unterstützt – etwa bei der Beschaffung von Flyern und Merchandise-Artikeln sowie der Koordination der Aufgaben, der Organisation von Stadtführungen und allem, was liegengeblieben war. Hauptsächlich habe ich mich aber um den Info-Desk gekümmert; der Treffpunkt für alle Besucherinnen und Besucher des Kongresses, um Fragen zu stellen, Touren zu buchen oder einfach nur mal zu quatschen. Zunächst musste ein Konzept für den Info-Desk aufgestellt werden, denn es gab jede Menge an Informationen zu verteilen (Spielpaarungen, Ergebnisse, Wegweiser zu Räumen, Tagesprogramme, Unterrichtsstunden oder Profi-Vorträge), den Stand selber zu gestalten und das Infoheft mit allen Informationen zu den Spieltagen und der Umgebung des Spielortes zu erstellen. Vor Ort hat mich dann ein tolles Team aus weiteren Helferinnen und Helfern unterstützt. Wir haben Formulare, Listen, Wegweiser, Übersichtspläne ausgehangen und eben ganz viel mit den Leuten gesprochen und ihnen geholfen.
Es war wirklich eine tolle Erfahrung. Mal ein eigenes Projekt abseits des Arbeitsalltags zu haben und auch das Ergebnis direkt sehen zu können. Die Tage waren sehr lang, aber es gab viel positives Feedback. Am meisten hat mir die Vielzahl an Kulturen und Sprachen gefallen: Über 600 Menschen aus mehr als 20 Ländern, die friedlich an einem Ort einer gemeinsamen Passion nachgegangen sind.
Ahoi: Danke, liebe Frau Scheibe, für Ihre Zeit und Ihr Engagement. Auf dass Ihnen viele Menschen nacheifern mögen.
Peggy Scheibe: Vielen Dank für die Möglichkeit, ein Interview zu geben.


