In der Endphase der DDR rebellierten Teile der Jugend gegen Konformität und Unfreiheit des Denkens und Lebens. Einer, der gerade diesen jungen Subversiven eine Plattform, nämlich seine Sendung PAROCKTIKUM bot, war Lutz Schramm; Leipziger, immer noch auf der Suche und weiterhin dogmenfrei: ein Vorbild für viele Radiomenschen.
Ahoi-Redakteur (und hin und wieder Moderator der Radiosendung TANNER TRENDBEFREITE ERUPTIONEN auf Radio Ostrock) Volly Tanner sprach mit ihm, da gerade ein Buch mit Lutz Schramms Mitwirkung wiederaufgelegt wurde.
Ahoi: Guten Tag Lutz Schramm. Es ist mir eine Freude, Dich interviewen zu können, schließlich war ich einer der Hörer Deiner damaligen, legendären Radio-Show PAROCKTIKUM, aus der ich ab 1986 meine musikalische Sozialisation zog. War Dir damals eigentlich bewusst, wie wichtig Du mit Deiner Arbeit für so viele Menschen warst?
Lutz Schramm: Als im März 1986 die erste Parocktikum-Sendung lief, war ich 27 Jahre alt und gerade seit zwei Jahren Musikredakteur und Moderator. Ich bin als Quereinsteiger von der Studiotechnik-Rundfunk in die Redaktion gekommen. Meine Idee für eine eigene Musiksendung im „Jugendradio DT64“ war relativ vage: „ungewöhnlicher Rockmusik“ sollte zu hören sein.
Im ersten Jahr habe ich im Dialog mit dem Publikum, entlang meiner eigenen musikalischen Vorlieben, begrenzt durch verfügbare Musik und natürlich auch orientiert an dem, was ich für erlaubt hielt, die Sendung zu einer Spezialstrecke für Indie-Musik entwickelt.
In dieser frühen Phase gab es erste erfreute Reaktionen darüber, dass im DDR-Radio „solche Musik“ in konzentrierter Form zu hören war. Ich glaube, dass zu der Zeit das Publikum mindestens genauso wichtig für mich war, wie ich dann irgendwann für die Jugendlichen, die in meiner Sendung frische unangepasste Musik aus der Welt und natürlich auch aus der DDR entdecken konnten.
Wirklich bewusst war mir der Einfluss, den ich auf viele Zuhörende hatte, nicht. Es gab viel zu viele Baustellen: Platten mit guter Musik auftreiben, Vorgesetzten erklären, dass das alles seine Richtigkeit hat, Bands aus der DDR-Indie-Szene kontaktieren, deren Tapes ergattern und irgendwann als Produzent Rundfunk-Aufnahmen organisieren.
In der Zeit ab Ende 1987 erhielt ich vermehrt Post von Jugendlichen, die mir ihre Geschichten erzählten. Geschichten von der Leidenschaft für unangepasste Musik und auch über ihre Versuche, ein unangepasstes Leben zu leben. Diese Einblicke und intensivere Kontakte in die unabhängige Musikszene der DDR haben mir dann auch klarer gemacht, was für ein absurdes Land das war, in dem wir gelebt haben.
Ahoi: Gerade erschien im Ventil Verlag das Buch „Power von der Eastside“ über die Geschichte des Radiosenders DT64 mit Beiträgen unterschiedlichster Protagonistinnen und Protagonisten. Auch Du hast 18 Seiten beigesteuert. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit den Herausgebern des Buches?
Lutz Schramm: Das Buch ist eine erweiterte Neuauflage von „DT64 – das Buch zum Jugendradio 1964-1993“, 1993 herausgegeben von Andreas Ulrich und Jörg Wagner. Die Neuauflage sollte 60 Jahre nach Gründung des „Jugendstudio DT64“ den noch immer bestehenden Bedarf nach dem Buch abdecken (das Original wird zu Preisen deutlich über 50 Euro gehandelt) und die Gelegenheit bieten, weitere Geschichten von Zeitzeugen zu ergänzen. Zum Beispiel den Text von Jürgen Balitzki, der in dieser Form, mit ausführlichen Recherchen in Stasi-Unterlagen, 1993 noch gar nicht möglich gewesen wäre. Auch neu ist das Rundtischgespräch zwischen Marion Brasch, Frank Menzel, Ronald Galenza und mir aus der NMI/Messitsch vom April 1992.
Zwei, die mit DT64 zum MDR gegangen sind, diskutieren mit Zweien, die zum ORB ausgeschert sind. Als Mitherausgeber der Neuauflage geben Heiko Hilker und Alexander Pehlemann (beide Aktivisten der Unterstützungsbewegung gegen die Abschaltung von DT64) noch einmal mehr Einblick in die Vorgänge bis zum Übergang zu MDR-Sputnik.
Die neue Fassung enthält außerdem neue Fotos und Abbildungen von Dokumenten. Den Text über die Geschichte der Sendung Parocktikum habe ich 1992 geschrieben. Er ist jetzt mit kleineren Überarbeitungen wiederveröffentlicht worden. So wie ich das damals aufgeschrieben hatte, stimmt es auch im Rückblick noch, wenn man mal von der naiven medienpolitischen Vision aus der Sendung vom Dezember 1989 absieht.
Ahoi: Derzeit gibt es einige Projekte, die die Schätze von damals wieder hervor fördern und herausbringen: tapetopia aus Berlin beispielsweise, Rundling Records aus Dresden oder auch die Leipzigerinnen und Leipziger rund um das „Heldenstadt Anders“-Alben-Universum. Wie kommt es, dass gerade in den derzeitigen Verwerfungen gesellschaftlicher Zustände das aus den damaligen Verwerfungen eruierte Material wieder hochkommt?
Lutz Schramm: Es gibt vermutlich keinen direkten Zusammenhang zwischen den aktuellen Verwerfungen und den in den letzten Jahren stattfindenden Wiederveröffentlichungen. Das scheint mir eher ein natürliches und zufälliges Zusammenkommen von den richtigen Leuten mit einem noch vorhandenen Interesse der damals aktiven Personen zu sein, im Umfeld der Bands und beim Publikum.
Es ist aber auch toll zu beobachten, dass die Musik, die damals unter schwierigen Bedingungen entstanden ist, heute auch junges Publikum findet. Und da kommt man vielleicht doch mit der aktuellen Situation zusammen: zu sehen und zu hören, was unangepasste Kreativität unter widrigen Bedingungen zustande bringt, ist schon großartig. In deiner Aufzählung fehlt mindestens noch „Edition Iron Curtain Radio“ von Alexander „Zonic“ Pehlemann und das Major Label. Dort erscheint Anfang des neuen Jahres die „Parocktikum-Session - 25.10.1987“ von der Berliner Band „die anderen“ als LP.
Ahoi: Du hast Material Deiner Sendung auf einer Homepage im Netz für interessierte Menschen aufgearbeitet, zeigst dort die extreme Vielfalt der damaligen Szene auf und stellst diese kostenfrei bereit. Darunter ist auch Material, welches Dir von Bands zugesandt wurde, ohne dass Klarnamen aufgeführt wurden, heißt also: eigentlich gibt es bei manchen Bands gar keine Nachweise, wer sich da produzierte. Gerade dieses konspirative Moment ist auch heute immens subversiv, sich dem Regelwerk zu widersetzen, sich frei auszudrücken. Gibt es diese Attitüde Underground heute noch? Bekommst Du davon etwas mit?
Lutz Schramm: Man kann Anonymität ja auch als Teil eines künstlerischen Konzeptes betrachten, wie bei den Residents oder Lambert. Die Gründe, seinen vollen Namen nicht zu nennen, sich vielleicht auch nicht mit einem wiedererkennbaren Bild zu zeigen sind heute sicher komplexer, als in der noch sehr analogen Zeit Ende der 80er. Wenn das aus einem Schutzbedürfnis heraus passiert, kann man davon ausgehen, dass irgendwas nicht gut funktioniert. Nicht bei denen, die sich schützen wollen, sondern in der Gesellschaft, die vielleicht jemandem keinen Job gibt, wenn er in einer Punkband spielt oder aus der heraus ein Account mit Trollen überzogen wird, weil eine Ansicht nicht opportun ist.
Bei meinen Streifzügen durch Soundcloud oder Bandcamp lande ich auch immer mal bei extremen Klängen und Ansichten. Und ich bin froh, dass es diese Möglichkeiten heute noch gibt. Kunst, die nur Konformität ausstrahlt, ist langweilig.
Ahoi: Du bist 1959 in Leipzig auf die Welt gekommen, lebst aber schon einige Jahrzehnte außerhalb unserer sächsischen Metropole. Die Schriftstellerin Almut Sandig sagte mal „Leipzig muss keine Weltstadt sein, sie benimmt sich einfach wie eine …“. Welche Kontakte hast du noch nach Leipzig? Du warst ja auch in die Zeitschrift NMI&Messitsch involviert, wobei die Messitsch ja geradezu Leipziger Urschlamm um ihre Wurzeln hatte.
Lutz Schramm: Nach Leipzig auch mal nur für einen Abend im UT Connewitz oder in der NATO zu fahren fällt mir aufgrund meiner Herkunft deutlich leichter, als bei anderen Städten. Und aus Potsdam sind’s ja auch nur vier Stunden mit dem Regio. Ein bis zweimal pro Jahr trifft sich das meistens. Und dann schau ich auch immer, wie sich die Orte meiner frühen Kindheit in Stötteritz, Lindenau oder der Lutherstraße verändern.
Ahoi: Du bist fotografisch tätig. Für die Menschen, die Dich in diesem Segment noch nicht kennen, wie arbeitest Du fotografisch und was fotografierst Du ganz konkret? Was für Bilder machst Du, für wen? Und wo kann man diese sehen?
Lutz Schramm: Wie beim Radiomachen oder Musikauswählen begebe ich mich beim Fotografieren gern auf unbekanntes Terrain, experimentiere viel. Spannend finde ich, wie aus schlichter Physik, aus Glas, Licht und Chemie (oder einem Sensor) Bilder werden. Wenn es mir gelingt, mit diesen Bildern Geschichten zu erzählen oder bei den Betrachtern Reaktionen auszulösen, bin ich happy. Dabei begleitet mich meine Geschichte oft sehr direkt. Zur Zeit bin ich Teilnehmer an einer Projektklasse am „Photocentrum Kreuzberg“, wo wir unter dem Begriff „Resonanz“ auch Experimente mit Sound und Fotografie machen.
Ein paar meiner bisherigen Projekte kann man auf meiner Webseite sehen: lutzschramm.de/fotografie
Ahoi: Schlussendlich: Welche Kunst- und Kulturformen interessieren Dich ganz persönlich zur Zeit? Wie kommst Du an die Sachen heran, die Dich begeistern? Musikalisch prasselt ja ein Dauerfeuerwerk auf uns ein, wie sortierst Du Kultur für Dich?
Lutz Schramm: Musik ist immer noch die wichtigste Kunstform für mich. Wenn es mich mal ins Theater verschlägt, dann vermutlich auch wegen der Musik – wie neulich das Stück „Wir kriegen Euch alle“ das am Leipziger Lofft-Theater von Wesser/Meckert entwickelt wurde. Das habe ich in Berlin gesehen. Ich sehe mir viel Fotografie und verwandte Formen an.
Und eben Musik. Lieber in einem kleinen Klub, als in einer großen Halle. Stilistisch fast grenzenlos. Noise, elektronische Musik, Neoklassik, moderne E-Musik, Reggae, afrikanischen Pop, Blue Note Jazz.
Der Kanal „Heavy Rotation“ in meinem bevorzugten Streamingdienst listet gerade diese Namen auf: Tarwater, Bleachers, Pet Shop Boys, Jolle, Einstürzende Neubauten, Alva Noto, Jon & Vangelis, Creation Rebel.
Übrigens fühle ich mich nicht vom Angebot überfordert. Das liegt sicher daran, dass ich Musikauswahl mal professionell ausgeübt habe. Das erste was ich abschalte, wenn ich einen Streamingdienst nutze, ist jede Form von Automatik. Ich höre mir lieber komplette Alben an als Playlisten oder thematische Sammlungen.
Und wenn ein Album zu Ende ist, dann will ich mir bewusst das nächste aussuchen. Mach ich ja auch, wenn ich Platten höre, was ich natürlich auch noch oft und gern tu.
Ahoi: Danke, dass Du Dir Zeit für uns genommen hast.


