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  • Interviews
Gespräch mit dem Autor und Anwalt Michael Hummel

Junge naive Anwälte gibt es viele

Der Autor und Anwalt Michael Hummel mit Buch © Christina Siebenhüner

Wer sich der Literatur zuwendet, verbringt mehr Zeit in Geschichten und erfährt im besten Falle auch Hintergründe aus sonst recht abgeschlossenen Universen. Der Autor Michael Hummel öffnet in seinem Buch „Lootbox“ die Welt der sich selbst überholenden Start-ups inklusive Führungspersonal mit dem Hang zur Überschreitung rechtlicher und moralischer Grenzen. Womit wir in Leipzig ja so unsere Erfahrungen gemacht haben. Ahoi-Redakteur Volly Tanner traf ihn auf der Buchmesse und fragte nach:

Ahoi: Guten Tag Michael Hummel. Gerade kam das Buch „Lootbox“ heraus, welches Sie bei Sisifo veröffentlichen konnten. Ich durfte schon ein bisschen hineinlesen. Für die, die dies noch nicht konnten, die Frage: Was ist denn eigentlich eine Lootbox?

Michael Hummel: Lootboxen bekommt man bei kostenlosen Handy- und Computerspielen als Belohnung. Manchmal heißen die Dinger auch Kartenpack, Mystery Box oder Gatcha. Eins haben sie alle gemeinsam: Darin sind nach dem Zufallsmodus alle möglichen Gegenstände – und manchmal auch sehr wertvolle. Das triggert das Belohnungssystem des Menschen und erzeugt glücksspielähnliche Suchtreize. Ehe man sich versieht, hat man eine Menge davon gekauft und für das vermeintlich kostenlose Spiel viel Geld ausgegeben.

Ahoi: In Ihrem Buch geht es um einen jungen Anwalt auf der Überholspur, bis dann die Gewissheiten in sich selbst zusammenbrechen. Wie viel Michael Hummel ist denn in der Person des jungen Anwalts Martin findbar?

Michael Hummel: Junge naive Anwälte gibt es viele und für die steht Martin. Sie kommen aus der Scheinwelt der Uni und können sich nicht vorstellen, welch dunkle Abgründe hinter der seriösen Fassade mancher Unternehmen lauern. Ich hatte beim Schreiben manchmal Tom Cruise aus dem Grisham-Klassiker „Die Firma“ vor Augen, oder Keanu Reeves aus „Im Auftrag des Teufels“. Aber ich kann auch nicht ausschließen, dass unbewusst das ein oder andere Erlebnis aus meiner Anwaltszeit anonym in das Buch eingeflossen ist.

Ahoi: Im Buch gibt es auch einen wirtschaftlichen Überflieger Dirk, der sich außerhalb des Rechtssystems wähnt und dies auch nach innen und außen brutal durchzieht. Gibt es da ein Vorbild des Charakters? Aus Ihrer jetzigen Sicht: Ist solch ein destruktiver Charakter nötig, um Erfolg zu haben?

Michael Hummel: Dirk ist der Archetyp eines Managers, dem Rechte anderer egal sind und der den Erfolg um jeden Preis will – auch um den Preis des Untergangs. Solche Menschen hat es zu allen Zeiten gegeben. Captain Ahab in „Moby Dick“ ist eine solche Figur und es gibt auch reale Personen, wie Mark Zuckerberg. Und in Leipzig hatten wir mit Thomas Wagner auch jemanden mit diesen Zügen. Er war aber nicht das Vorbild für die Figur. Ich glaube, dass solche destruktiven Charaktereigenschaften nur kurzfristig zum Erfolg führen und am Ende in der Katastrophe enden. Langfristigen Erfolg hat nur, wer seinen Mitmenschen einen echten Mehrwert liefert und mit ihnen im Einklang lebt. Karma ist alles!

Ahoi: Woran liegt es, dass Dirk doch so lange handeln kann, wie er es tut, und nicht gestoppt wird?

Michael Hummel: Rechtssysteme sind langsam und behäbig. Sie haben viele Schlupflöcher, durch die man als Unternehmen leicht schlüpfen kann. Und man verdient dabei unglaublich gut. Aber wenn das System einmal zuschlägt, dann richtig.

Ahoi: Das Buch sollte dringend von Wirtschaftsmenschen gelesen werden, da es mit Expertise aufführt, was mit Menschen geschieht, die sich in einer Blase bewegen, die sie weitertreibt, die sprichwörtliche Siegesgeilheit mit einbezogen. Gibt es hier schon Kontakte oder Anfragen, beispielsweise zu Wirtschaftsverbänden?

Michael Hummel: Für Wirtschaftsmenschen und Juristen ist das Buch interessant, denn dort passieren Dinge, die keiner für möglich hält – und doch passieren sie immer wieder. Ich hatte über die sozialen Medien ein paar interessante Anfragen aus der Wirtschaft, aus denen sich etwas entwickeln könnte.

Ahoi: Seit knapp 12 Jahren arbeiten Sie für die Verbraucherzentrale Sachsen. In welchem Segment sind Sie denn hier tätig?

Michael Hummel: Ich bin Referatsleiter Recht und kümmere mich unter anderem um die Durchsetzung von Verbraucherrechten vor Gericht, beispielsweise durch Sammelklagen gegen Amazon und andere große Player. Diese David-gegen-Goliath-Verfahren machen mir großen Spaß und wir stehen erst am Anfang der Entwicklung. Am 19. Mai ist die erste Gerichtsverhandlung gegen Amazon. Drücken Sie mir die Daumen und melden Sie sich am besten noch bis zum 9. Juni für die Sammelklage an!

Ahoi: „Lootbox“ ist ja nicht das erste Buch. Welche gibt es denn von Ihnen noch?

Michael Hummel: Mein erstes Buch heißt „Alamaht – Der Stein der Allmacht“ und ist ein Fantasyroman, in dem sich alles um sieben magische Steine dreht. Das zweite heißt „Der Geheime Akkord“ und handelt von einer Band, die das Geheimnis süchtig machender Musik entdeckt und damit diverse Turbulenzen auslöst. Für das vierte bin ich gerade auf Verlagssuche. Sein Arbeitstitel ist „Aina, Die freundliche Stimme“ und es dreht sich um eine neuartige künstliche Intelligenz im Form einer Sprachsoftware (ähnlich wie Alexa und Siri), die Emotionen von Menschen erkennen und perfekt imitieren kann. Haben Sie eine Ahnung, wohin das führen könnte? So weit sind wir von diesem Szenario aktuell gar nicht entfernt.

Ahoi: Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Sisifo?

Michael Hummel: Ich habe mich beim Verlag ganz normal per E-Mail mit einem Exposé beworben und konnte Verlagschef Victor Kalinke von meinem Werk überzeugen. Daraus hat sich in den letzten Monaten eine sehr angenehme Zusammenarbeit entwickelt.

Ahoi: Und wie soll das Buch jetzt – nach dem Peak zur Leipziger Buchmesse – zu den Menschen kommen? Wie finden Sie Ihre Leserinnen und Leser und wen genau wollen Sie ansprechen?

Michael Hummel: Wir planen weitere Lesungen und auch eine digitale Lesung auf Youtube. Das Buch ist vor allem für Leute aus der Wirtschaft und Juristen interessant. Vor allem aber hoffe ich, dass es die Leser überzeugt und sie es weiterempfehlen.

Ahoi: Dann hoffen wir ebenfalls, dass „Lootbox“ ein Erfolg wird, und Ihnen wünschen wir weiterhin viel Freude im literarischen Segment. Danke für Ihre Zeit und Ihre Antworten.

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