Leben muss nicht stromlinienförmig sein, Leben darf unbefahrene Gleise nutzen, neue Perspektiven öffnen. Wallis Bird öffnet mit ihrer Musik glücklicherweise Perspektiven, die abweichen von dem, was beispielweise der Autor dieses Interviews lebt. Sie hat Grenzen überschritten auf dem Weg zu uns, sich selbst die Gitarre andersherum umgehängt und unterstützt die queere Gemeinschaft. Gründe finden sich also zuhauf, dass Ahoi-Redakteur Volly Tanner mal nachfragte. Wallis Bird beehrt uns ja schließlich auch im Oktober in Leipzig.
Ahoi: Guten Tag Wallis Bird. Am 8. Oktober 2026 bist Du mit Deinem neuen Album „I Can See Your House From Here“ im Leipziger Westen, genauer in Naumanns Tanzlokal im Felsenkeller. Musik ist ja immer auch Transformation. Was unterscheidet das neue Album denn von den Alben „Hands“ oder „Woman“?
Wallis Bird: Meine bisherigen Arbeiten haben immer das Leben gefeiert, seine Komplexität und seine Schönheit. Diese Platte hingegen beschäftigt sich mit einem völlig anderen Themenfeld: Tod, Konflikt und dem Wert der Menschlichkeit.
Es war ein großer Schritt für mich, mich auf diese Themen zu konzentrieren, denn ich bin eigentlich eine leidenschaftliche Optimistin und eine, die nach Lösungen sucht. Aber es war mir sehr wichtig, mir einen Moment Zeit zu nehmen, um zu begreifen, was in der Welt passiert. Es ist ziemlich beängstigend.
Ich versuche also, offen, respektvoll und einfühlsam mit existenziellen Themen umzugehen, mit dem Sterben von Menschen, mit unserer Zukunft, mit Angst und damit, trotzdem weiterzugehen.
Die Musik selbst ist nostalgischer, offener, fragender, gemeinschaftlicher, mehr zum Mitsingen gedacht und stärker auf die Songs fokussiert. Außerdem ist es die erste Platte, die ich komplett alleine produziert habe, und ich glaube, das hört man auch im Klang.
Ahoi: Auf Tour wirst Du von Deiner eigenen Band begleitet. Kannst Du uns zu Deinen Leuten bitte ein bisschen etwas erzählen? Wer macht was und warum?
Wallis Bird: Die Band ist noch nicht vollständig finalisiert. Aber das Wichtigste ist: Es sind wundervolle Menschen. Großartige Gesprächspartner, tolle Begleiter, fantastische Musiker. Entspannt, gelassen, selbstbewusst, aber ohne Ego ... einfach kunstgetrieben und sie sehen Musik als Heilmittel.
Für die Tour verbinde ich Theater und Choreografie mit Live-Performance sowie etwas „Fourth-Wall“-Arbeit. Das bedeutet, dass wir nicht nur auftreten, sondern auch mit dem Publikum interagieren und Grenzen auflösen, indem wir eine andere Art von Show schaffen. Wir nutzen den gesamten Veranstaltungsort als Gemeinschaftsraum, laden lokale Gäste ein, über lokale Themen zu sprechen und aufzutreten, und beziehen auch das Publikum ein bei ein oder zwei Songs, die wir dann für die Nachwelt aufnehmen. Es ist also eine ganz andere Art von Show, und bisher war es unglaublich spannend, das zu organisieren. Viele wunderbare Menschen sind auf lokaler Ebene beteiligt.
Ahoi: Ich bin ein großer Fan Deiner Zusammenarbeit mit den Neoklassikern von Spark. Wie beeinflusst diese Arbeit denn Deine Arbeit, die im neuen Album zum Ausdruck kommt?
Wallis Bird: Die Arbeit mit Spark hat meine Fähigkeiten als Musikerin und Sängerin in vielerlei Hinsicht erweitert. So sehr, dass ich mir tatsächlich die Stimme „kaputt gemacht“ habe und sie komplett neu aufbauen musste.
Es hat meine Sicht auf mein musikalisches Vermächtnis verändert, Musik für eine bestimmte Zeit zu schreiben, oder für die Geschichtsbücher. Mit Hingabe zu schreiben. Es hat mich gelehrt, zu jeder Idee „Ja“ zu sagen, denn jede Musik, die mit echter Leidenschaft entsteht, hat Wert.
Spark sind unglaublich diszipliniert und fast athletisch. Das hat mir ebenfalls Fokus gegeben. Gleichzeitig haben sie mir buchstäblich 1000 Jahre weiblicher Kompositionen eröffnet und deren heilende Kraft sowie auch die Angst, die Männer vor diesen visionären Werken hatten. So sehr, dass Väter, Ehemänner, Brüder – selbst berühmte männliche Komponisten – von ihren weiblichen Kolleginnen gestohlen haben. Das hat mich nur noch mehr dazu motiviert, mich schneller in Richtung Matriarchat zu bewegen und mehr Musik zu machen.
Ahoi: Es gibt ja die Geschichte, dass Du im Alter von zwei Jahren Deine erste Gitarre bekommen hast von Deinem Vater, der gleichzeitig Pub-Besitzer war, damals in County Meath in Irland. Davor, Du warst gerade ein Jahr alt, hattest Du einen Unfall mit einem Rasenmäher, inklusive Abtrennung aller Finger der linken Hand, wovon dann vier wieder angenäht wurden. So ist das Geschenk Deines Vaters auch eine Metapher für Unterstützung, Widerstand und Selbstermächtigung. Du bist Deinen Weg in die Musik gegangen, hast eigene Lösungen gefunden und zu Deiner eigenen Stärke gefunden. Wie kann Deine Geschichte anderen Menschen helfen?
Wallis Bird: Tatsächlich habe ich meine erste Gitarre mit sechs Monaten bekommen. Das heißt, ich hatte schon eine Gitarre in meinem Leben, bevor ich meine Finger verloren habe, was eigentlich ein ziemlich verrückter Gedanke ist. Sie war für mich wie ein Spielzeug, wie ein Teddybär. Sie war mein Freund. Und Musik ist absolut meine Stütze. Ich kann durch Musik alles verarbeiten und verstehen. Musik gibt mir Antworten. Sie sagt mir meine Zukunft voraus, hilft mir, mit allem in dieser Welt umzugehen, und gibt mir Mut.
Ich habe großes Glück, dass die Menschen, denen ich früh in meiner Karriere begegnet bin, mich auf eine wunderbare Weise begleitet haben. Sie haben mir erlaubt, ich selbst zu sein, meine eigene Musik zu machen und meine eigenen Entscheidungen zu treffen. Auch meine Eltern haben mich immer unterstützt und mir viel Freiheit gegeben.
Ich glaube, meine Geschichte kann anderen helfen, vor allem dabei, gute Menschen zu finden. Und meine Partnerin Tracey war unglaublich wichtig für meine Entscheidungen und meine Zukunft, weil sie selbst eine gefeierte Musikerin ist. Ich habe großes Glück, so früh gute Menschen gefunden zu haben.
Mein Rat wäre: Höre auf Dein Herz, reflektiere Deine Wünsche, sei gut zu Deinen Mitmenschen und entwickelt Euch gemeinsam weiter. Vertraue Deinem Bauchgefühl. Stell dir Deine Zukunft vor. Umgib Dich mit Ideen und Ermutigung. Kümmere Dich um Deine Menschen und pflege sie.
Ahoi: Dein erstes Album erschien vor knapp 20 Jahrten. Aus Deiner Perspektive: Wie hat sich die Arbeitsweise von Dir als Musikerin geändert in den letzten Dekaden? Vor welchen Herausforderungen stehen Musikerinnen heute und wie können diese gemeistert oder umschifft werden?
Wallis Bird: Es ist erstaunlich, wie sehr sich das Geschäft in den letzten 20 Jahren verändert hat, seit ich angefangen habe. Ein echtes Geschäftsmodell gibt es kaum noch. Es gibt nur wenige, die Risiken eingehen. Die Branche greift meist erst dann zu, wenn Künstlerinnen oder Künstler sich bereits selbst aufgebaut haben – mit eigenem Management, eigenen Konzerten und eigener Fanbasis.
Das ist ein großer Wandel. Und er hängt auch damit zusammen, dass Einnahmen an Tech-Konzerne abfließen. Wir als Künstlerinnen und Künstler sind das letzte Glied in der Kette. Gleichzeitig sind neue Künstlerinnen und Künstler heute unglaublich klug, weil sie all dieses Wissen selbst erlernen mussten. Ich habe viel Vertrauen in die nächste Generation. Sie erschaffen ihre eigenen Regeln, oft im Widerstand gegen eine Industrie, die ihnen gezeigt hat, dass sie sich nicht wirklich für sie interessiert.
Ich selbst komme aus einer anderen Zeit. Ich habe mit Menschen zusammengearbeitet, die im Business stark waren, während ich mich auf meine Kreativität konzentrieren konnte. Heute ist Musik freier, regel- und gesetzloser; und dadurch unglaublich spannend. Manchmal sogar atonal, weil die Welt gerade herausfordernd ist.
Ich glaube auch, dass wir eine Art Gegenbewegung zu KI sehen. Junge Menschen wollen Musik wieder anfassen können. Nach Jahren des Streamings wächst wieder das Bedürfnis nach etwas Greifbarem. Ich bin ehrlich gesagt sehr gespannt auf die Zukunft der Musik.
Ahoi: 2015 erschien „Bird Songs“ nur in Japan. Warum das denn?
Wallis Bird: Ich habe mit Yoko Nozaki in Zusammenarbeit mit King Records in Japan gearbeitet. Sie entschieden, mich über ein „Best-of“-Album im japanischen Markt vorzustellen, was ich eine schöne Idee fand. Es war interessant, meine Kunst in dieser komprimierten Form zu hören. Und es hat mich inspiriert, weiterzugehen und noch mehr zu wagen.
Ahoi: Du lebst, wenn ich richtig informiert bin, mit Deiner Partnerin in Berlin. Hier machst Du Dich auch stark für die queere Gemeinschaft. Ich hörte, dass gerade in Berlin offen queere Menschen in diversen Stadtteilen wieder vermehrt Angriffen ausgesetzt sind. Ist das auch aus Deiner Erfahrung so? Woher kommen die neuen Angriffe und was kann dagegen getan werden?
Wallis Bird: Ich würde sagen, dass die Feindseligkeit von oben kommt. Wenn ein politischer Anführer behauptet, dass eine Regenbogenflagge das Parlament lächerlich machen würde, ist das für mich gefährliche Sprache. Das bringt Menschen in reale Gefahr. Das Fehlen von Unterstützung für queere Menschen ist problematisch. Leider müssen wir Queeren unsere Existenz immer wieder rechtfertigen und uns gegen Menschen wehren, die sich auf ungesunde Weise mit uns beschäftigen, statt uns einfach sein zu lassen.
Wir sind widerstandsfähig, fürsorglich und kreativ. Und wir alle wissen, dass nicht nur Berlin, sondern die Welt ohne queere Menschen deutlich ärmer wäre.
Ahoi: Am 5. März erschien Dein neuer Song „And So Turns The Wheel“, ein sanftes, fast folkiges Stück Musik. Mir wurde erzählt, dass es in diesem Lied um einen Verlust geht, genauer Deinen Verlust von Kevin Ryan. Kannst Du uns bitte etwas zu Kevin Ryan erzählen? Wer war Kevin Ryan? Und wer war Kevin Ryan für Dich?
Wallis Bird: Kevin war mein bester Freund und eine sehr wichtige Person in unserem Freundeskreis hier in Berlin. Er war für viele von uns ein musikalischer Mentor. Ein echter Künstler: Dichter, Musiker, Maler, Holzarbeiter. Ein großartiger Mensch: familiennah, freundschaftsorientiert.
Er lebte für die Kunst. Er tat romantische Dinge, wie im Tempelhofer Feld zu übernachten, nur um den Sonnenaufgang zu sehen. Beim Joggen hat er laut gesungen. Er hat jeden Raum heller gemacht. Schauspieler, Komiker, Denker, Intellektueller ... und ein großer Spaßmacher. Sein Verlust war enorm. Ein großer Teil dieses neuen Albums handelt von ihm, von Verlust, aber auch davon, seinen Weg zu feiern und die gemeinsame Zeit wertzuschätzen.
Er hat das Leben lebenswert gemacht.
Ahoi: Danke Wallis Bird, für Deine Zeit, Deine Antworten und Deine Musik.
Wallis Bird: Ahoi, vielen Dank für Deine Zeit. Das waren wunderbare Fragen.


