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  • Interviews
Gespräch mit der Künstlerin, Schulassistentin und Kultur- und Medienpädagogin Anabel Alexander

Jeder Mensch hat ein Recht auf Selbsterkenntnis

Anabel Alexander © Anabel Alexander

In früheren Zeiten haben Menschen sich gegenseitig unterstützt aus dem Gefühl heraus, dass dies richtig ist und wertvoll. Dieser Gedanke hat in den letzten Jahren sehr gelitten. Menschen zu Wort kommen zu lassen, die ihre Kraft und Zeit weiterhin anderen Menschen widmen, ist auch Aufgabe aufgeklärter Medien. Deshalb fragt Ahoi-Redakteur Volly Tanner auch weiterhin nach: in dieser Woche bei Anabel Alexander.

Ahoi: Guten Tag, Anabel Alexander. Als Kultur- und Medienpädagogin bietest Du das Projekt „Wissenschaft in Leichter Sprache“ an. Das finde ich höchst faszinierend, da mein Freund Robert Weinkauf ja auch Lesungen von „Weltliteratur in Leichter Sprache“ anbietet – in Zeitz, Naumburg und auf Schloss Goseck. Wo findet denn Dein Angebot statt und wer ist Dein Zielpublikum?

Anabel Alexander: Tatsächlich handelt es sich bei mir eher um ein Mitmachangebot und wir bewegen uns währenddessen in den Geisteswissenschaften. Großes Ziel der Veranstaltung ist es, für alle Teilnehmende ein wenig mehr Selbsterkenntnis zu erlangen. Deswegen heißt mein Angebot auch „Mich selbst besser verstehen“. Ich übersetze Wissen in Leichte Sprache, lasse die Übersetzung prüfen und in den Sitzungen tauschen wir uns über unsere Erfahrungen zum Thema aus, schreiben oder zeichnen und ziehen ein Fazit.

Das Format gibt es jetzt seit einem Jahr und ich baue es ehrenamtlich auf. Meine Hauptzielgruppe sind Menschen, die von der Gesellschaft behindert werden. Durch meine Arbeit im Bereich der Inklusion habe ich gemerkt, dass diese Menschen kaum Zugang zu Therapie, Coaching oder Literatur über Persönlichkeitsentwicklung haben. Dabei weiß ich selbst, wie wichtig gerade solche Angebote für Selbstwirksamkeit und Lebensqualität sein können. Ich finde das schrecklich, denn jeder Mensch hat ein Recht auf ein gutes Leben und Selbsterkenntnis kann uns helfen, dieses auch zu erlangen.

In der Praxis ist meine Zielgruppe jedoch oft größer und das hängt vor allem auch mit meinem Veranstaltungsort zusammen: „Mich selbst besser verstehen“ findet im Inklusiven Nachbarschaftszentrum am Lindenauer Markt in Leipzig statt. Das ist ein Begegnungsort, der über den Mobilen Behindertendienst Leipzig e.V. läuft, und dort finden unterschiedliche Menschen zusammen. Teilnehmende können so also auch Menschen mit Migrationshintergrund, psychischen Erkrankungen, Seniorinnen und Senioren und Menschen aus moderner Armut aber auch Menschen, die keinerlei Kontakt zu solchen Lebensrealitäten haben, sein. Genau durch so eine große Zielgruppe können wir voneinander lernen und uns inspirieren. Ich arbeite dort seit drei Jahren ehrenamtlich und bin aber auch selbst gern Besucherin. Es ist ein Ort für alle und deswegen perfekt für mein Angebot: weil Selbsterkenntnis und Wissen auch für alle Menschen zugänglich sein sollte.

Ahoi: Welche wissenschaftliche Themen bereitest Du denn auf? Ich verstehe ja Quantentheorie in der Tiefe überhaupt nicht, da kommen die Quantencomputer mit ihrer Arbeitsweise in meinem Kopf auch auf keinen Trichter. Sind es solche Themen? Erzähle mal bitte …

Anabel Alexander: Die Teilnehmenden können die Themen selbst wählen. Zuerst habe ich festgelegt, über was wir sprechen. Da habe ich mich an meiner jahrelangen ehrenamtlichen Arbeit im Inklusiven Nachbarschaftszentrum orientiert. Dort sind mir in beratenden Gesprächen oft Themen aufgefallen, die alle Besuchenden beschäftigten.

Jetzt arbeite ich nach und nach Wissensbereiche über den Menschen aus meiner Wunschbox ab. Dort können die Teilnehmende ihre Wünsche und Fragen einwerfen. Letztens hatten wir zum Beispiel eine Sitzung über Liebe mit Wissen von der Soziologin Eva Illouz. Die Runde davor ging um Freiheit mit Gedanken von Hannah Arendt, der Philosophin. Dieses Wissen bleibt oft einem kleinen akademischen Kreis vorbehalten. Doch es gibt keinen Grund dafür. Ich komme selbst aus einem bildungsfernen Umfeld und der Zugang zu Geisteswissenschaften hat mir ein großes Stück Selbstwirksamkeit verliehen.

Ich will, dass jeder Mensch bei den großen Themen der Menschheit mitsprechen kann und ich hoffe, dass Leute, die zu meiner Veranstaltung kommen, nicht nur mehr über sich selbst erfahren, sondern auch neue Wörter lernen, um besser erklären zu können, was sie denken und fühlen. Jeder Mensch hat ein Recht auf Selbsterkenntnis. Denn sie macht unser Leben besser: Lernen wir über uns selbst können wir nicht nur gut zu uns, sondern auch zu anderen sein. Wir haben die Chance auf gesunde Beziehungen zu unserem Inneren und zu anderen Menschen und genau das wiederum fördert die Gemeinschaft und den Zusammenhalt.

Und apropos Gemeinschaftsgefühl: Alfred Adler, Begründer der Individualpsychologie, war auch schon Teil meiner Sitzungen bei „Mich selbst besser verstehen“. Er schrieb viel über das Gemeinschaftsgefühl. Für mich ist vorerst jedoch die Selbsterkenntnis wichtig, denn ohne die können wir gar nicht gesund für die Gemeinschaft wirken und mit meiner Veranstaltung versuche ich einen Teil dazu beizutragen.

Ahoi: Kann da auch jeder und jede Interessierte hinkommen oder muss man sich anmelden? Wie läuft das?

Anabel Alexander: Man muss sich nicht anmelden und es kostet nichts. Das INZ ist ein offener Treff. Man kann einfach kommen und gehen, wie man möchte. Und man muss sich auch nicht mitteilen oder etwas sagen. Man kann sich einen Kaffee nehmen und sich einfach dazusetzten und zuhören. Das hilft vor allem Menschen, die zum ersten Mal teilnehmen. Trotzdem lebt das Angebot vom Austausch. Ziel ist, dass alle eine Stimme haben. Deswegen gibt es auch ein paar Regeln, dass wir uns alle gut behandeln und sich alle sicher und gleichwertig fühlen. Wir kommen alle mit unterschiedlichem Wissen in diese Veranstaltung. Wir haben alle unterschiedlichen Erfahrungen gesammelt und das muss von allen respektiert werden. Deswegen kann Leichte Sprache auch in allen Bereichen des Lebens helfen. Ich denke nur an schwierige Sprache in Gesetzestexten, Briefe vom Finanz- oder Arbeitsamt.

Wir alle kommen mal in eine Situation, wo wir etwas nicht verstehen. Warum auch immer wir uns erlauben eine Welt zu gestalten, in der nicht jeder Mensch die Chance hat alles zu verstehen: wir grenzen uns durch schwierige Wörter ab und schließen aus. Ich habe das Bedürfnis, da gegenzusteuern. Dafür habe ich fünf Verhaltensregeln erstellt. Sie werden immer zu Beginn der Veranstaltung vorgelesen und geben Orientierung. Niemand soll sich bei mir klein fühlen, weil er weniger Wörter kennt und nutzt oder weniger Zugang zu Bildung hatte als andere.

Ahoi: Du bist auch als Schulassistentin tätig. Was macht denn eine Schulassistentin? Ganz konkret? Und wer finanziert Schulassistenz eigentlich? Die Schulen?

Anabel Alexander: Eines kann ich Dir direkt sagen: Ich liebe meinen Job. Die Chance, diese Kinder in so einer prägenden Zeit des Lebens zu begleiten und zu wirken, ist für mich ein Geschenk. Im Alltag bedeutet das, dass ich die Schülerinnen und Schüler im Unterricht unterstütze, damit sie ihre Aufgaben bewältigen können und sich aktiv mit ihren Gedanken und Meinungen einbringen. Ich setze aber auch gern Angebote für die Einzelförderung um und habe dabei immer viele kreative Ideen. Sie verfolgen alle ein Ziel: Empowerment.

Klar, nutze ich dafür auch mein eigenes künstlerisches Können oder Wissen aus meinen Projekten: Ich gebe Gesangsunterricht, Impulse für Kreativangebote oder reflektiere mit ihnen über Themen des Lebens und das können sie nicht nur richtig gut, sie inspirieren mich auch und verblüffen mich mit ihren Antworten. Die Kinder haben die Expertise für ihr Leben. Also höre ich zu und überlege, wie ich sie unterstützen kann. Dabei ist meine pädagogische Haltung von verschiedenen Prinzipien geprägt: Ich achte auf Sensibilität, Empathie und auf die Förderung von Selbstwirksamkeit. So möchte ich die Schülerinnen und Schüler supporten, ihre eigenen Stärken zu entdecken, selbstbewusst zu agieren und ihren eigenen Weg zu finden. Einen, der zu ihnen passt und sie glücklich macht.

Auch wenn das gesellschaftliche Bild oft so ist, dass wir Erwachsene den Kindern etwas beibringen. Für mich ist das manchmal andersrum. Ich hoffe, dass ich den Schülerinnen und Schülern irgendwann zu verstehen geben kann, wie sehr sie mich inspirieren oder mir etwas über das Leben beibringen, damit sie erkennen, wie wichtig ihr Blick auf die Welt ist. Sie sollen nie vergessen, was für tolle Menschen sie sind oder werden können.

Ahoi: 2017 warst Du Bordmalerin auf der „Mein Schiff 2“. Bordmalerin? Was es alles gibt … Wie bist Du denn dazu gekommen? Und wie lange hast Du die schaukelnde Tätigkeit gemacht? Hat es überhaupt geschaukelt?

Anabel Alexander: Das ist ein Punkt in meinem Lebenslauf, den die meisten spannend finden. Und klar, ein Job auf der „Mein Schiff 2“ klingt erst einmal nach Urlaubsfeeling; war es aber definitiv nicht! Das Schiff hat tatsächlich geschaukelt, einmal war ich sogar seekrank und die Arbeit war ziemlich hart. Aber ich habe auch viel mitgenommen: Ich habe gelernt, unter außergewöhnlichen Bedingungen professionell zu bleiben. Ich habe verstanden, wie wichtig es ist, für sich selbst einzustehen. Und ich habe für mich beschlossen, dass ich künftig lieber an Land und in nachhaltigeren Umfeldern kreativ sein möchte. Auch, wenn ich diesen Job nicht wieder machen würde, er hat mir viele andere Türen geöffnet. Und dafür bin ich dankbar.

Ahoi: 2023 warst Du auch Mitorganisatorin der AG Leichte Bilder. Was sind denn Leichte Bilder? Leichte Sprache kenne ich ja – aber Leichte Bilder …

Anabel Alexander: Leichte Bilder sind seit neuestem auch Teil von „Mich selbst besser verstehen“. Das Angebot soll ja wirklich für alle offen sein und durchs Zeichnen können auch die Menschen ihre Gedanken ausdrücken, denen das Schreiben oder Sprechen schwerfällt. Wir zeichnen also leicht verständliche Bilder zu unseren Gedanken. Mehr dazu erfährt man am besten von Simone Fass. Sie hat nämlich die Leichten Bilder in mein Angebot gebracht und forscht, experimentiert und arbeitet schon seit Langem in diesem Bereich und hat auch die AG dazu gegründet. Darüber haben wir uns kennengelernt. Für mich war die AG eine spannende Erfahrung: zu sehen, wie unterschiedlich Symbole und Bilder auf uns wirken und wie stark Sozialisation und kulturelle Hintergründe da eine Rolle spielen können. Ganz ähnlich wie bei Sprache.

Simone bereichert mein Projekt enorm. Mit ihrem Wissen, ihren Zeichnungen und dem gemeinsamen Austausch bringt sie mein Projekt weiter. Vor allem aber gibt sie auch den Teilnehmenden eine neue Stimme, indem sie diese ermutigt, selbst zu zeichnen. Und die freuen sich jedes Mal, wenn sie dabei ist. Ich habe großen Respekt vor ihrer Arbeit und ihrem Können. Umso mehr, weil sie sich ehrenamtlich einbringt, genau wie ich dieses Angebot gerade umsetze. Das macht ihre Unterstützung für mich noch wertvoller. Deshalb beantrage ich demnächst eine Förderung, in der Hoffnung, das Angebot in diesem Setting noch länger weiterführen zu können. Denn es gibt schließlich noch so viel über uns Menschen zu erfahren.

Ahoi: Zurück zur Wissenschaft: Wie muss ich mir denn solch eine Veranstaltung vorstellen? Wie lang ist das Publikum aufnahmefähig? Gibt es Diskussionen? Mach uns gern schlauer, Anabel …

Anabel Alexander: Die Mischung macht's: Wir hören neues Wissen, sammeln Gedanken und Ideen, tauschen uns in Gesprächen aus, schreiben oder zeichnen. Der Ablauf ist immer derselbe und soll damit barriereärmer wirken. Teilnehmende wissen, was als nächstes kommt. Das gibt Sicherheit.

Ich arbeite viel mit Menschen, die schon schwierige Erfahrungen gemacht haben oder bei denen bestimmte Themen sehr berührend sein können. Deshalb ist mir wichtig, einen geschützten Rahmen zu schaffen. Meine Weiterbildung in Traumapädagogik hilft mir dabei, achtsam mit den Teilnehmenden und ihren Emotionen umzugehen. So können wir uns auch bei sensiblen Themen sicher fühlen.

Am Anfang einer Sitzung sage ich kurz, um was es geht und dann sprechen wir direkt über unsere Erfahrungen. Als es Letztens um das Thema Liebe ging, haben wir auf Kärtchen unsere Gedanken gesammelt, was Liebe für uns ist oder wann wir uns geliebt fühlen. Danach gab es Wissen von Eva Illouz dazu. Es ging darum, dass Liebe für Illouz nicht nur von innen zu kommen scheint, sondern durch unterschiedliche Faktoren wie Familie, Freundeskreis oder Verhalten in den Medien uns vorgelebt wird, wie man vermeintlich Liebe fühlt oder lebt und ausübt. Und dieses Wissen haben wir hinterfragt: Wir haben dann aufgeschrieben und gezeichnet, was wir für Verhaltensregeln zum Thema Liebe aus Filmen, Serien oder unserer Ursprungs-Familie kennen.

Meist wissen wir auch gar nicht, was das Fazit der Sitzung ist. Das macht es so spannend. Bei dieser Sitzung habe ich anhand der Antworten beobachten können, dass Liebe für uns scheinbar sehr vielfältig ist und in Filmen, Serien und Musik fast ausschließlich romantische Liebe dargestellt wird. Wir haben dann darüber gesprochen, was das mit uns macht. Durch die Mischung von Theorie und Interaktion geht mein Angebot meist 1 1/2 Stunden. Ich habe viel am Ablauf gefeilt und seit ein paar Sitzungen wird die Teilnahme immer reger. Das ist ein echt tolles Gefühl!

Ahoi: Neben all dem bist Du Künstlerin aus ganzem Herzen. Stichwort: Kunst & Lyrik. Was gibt es denn hier zu vermelden?

Anabel Alexander: Ich fühle gern und sehr stark. Das muss irgendwo hin und meine Kunst ist mein Ventil. Die Begegnungen, die ich durch meine Arbeit erlebe, inspirieren mich und bewegen mich. Die Welt bewegt mich. Da kommen viele Gedanken, Ideen und Gefühle in mir auf. Meine Mutter hat mich zum Zeichnen inspiriert. Sie motivierte mich, dran zu bleiben, wenn ich im Stiftechaos verschwunden war. Ich habe darauf aufgebaut und das Zeichnen zu meinem stärksten Werkzeug gemacht. Als Kind dachte ich oft: Wenn ich meine Ideen mit meinen Händen und einem Stift auf Papier Wirklichkeit werden lassen kann, dann kann ich auch meine Träume und Ziele im Hier und Jetzt umsetzen. Im Zeichnen fand ich den Glauben an mich selbst.

Das Schreiben und die Lyrik haben sich etwas länger Zeit gelassen. Früher dachte ich, ich sei darin nicht gut, weil ich in Diktaten meist Sechsen kassiert habe. Heute ist mir das egal. Ich schreibe gern und habe Dinge zu sagen. Meine Bilder mit meinen Texten zu verbinden und irgendwann mal zu veröffentlichen, wäre wunderschön. Wer weiß, wann es dazu kommt. Ich habe mich entschieden, da dem Leben zu vertrauen und darauf zu hören, wohin es mich als Nächstes führt. Ich habe also stille Träume über meine Geschichten und Welten, die ich zu Papier bringe und vielleicht teile ich sie eines Tages mit der Welt. Vielleicht gehören sie aber auch für immer mir und bleiben im Verborgenen.

Ahoi: Danke, liebe Anabel, für Deine Gedanken und Dein Engagement.

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