//
//
  • Kultur
  • Interviews
Sumi-E, Ringa, Zeldi Draws, Gelassenheit, Tanz und Bücher

"Es ist mir wichtig, diese Kunstform respektvoll zu behandeln"

Julia Bittner inmitten der Welt © Julia Bittner privat

Die japanische Popkultur hat in der westlichen Welt Spuren hinterlassen. Und nicht nur hier. Verstehen wir diesen Planeten als Einheit in Vielfalt, sollte es auch dringend notwendig und angebracht sein, Segmente diverser Kulturen zu vermischen, um Herausragendes zu schaffen. Hierzu braucht es Neugier, Sehnsucht und Mut. Nicht nur in Richtung Japan, auch in Richtung China oder Elfenbeinküste, Gomera, Nauru oder Tuvalu. Julia Bittner ist neugierig und schenkt uns fantastische Werke, die aus ihrer Neugier erwachsen. Ahoi-Redakteur Volly Tanner traf sie bei den Leipzig-Art-Days:

Ahoi: Guten Tag, Julia Bittner. Wir trafen uns unlängst bei den Sommer-Leipzig-Art-Days. Und wir kamen so ins Gespräch. Du lebst zwar im schönen Zehdenik, wo mein ehemaliger Lehrlingskollege Heiko H. auch herkommt, aber Du bist oft mit Deinen Werken in unserer Gegend. Herausragend ist besonders Deine Auseinandersetzung mit Sumi-E. Kannst Du uns bitte erzählen, was Sumi-E ist?

Julia Bittner: Sumi-E bedeutet übersetzt „schwarze Tusche-Bild“ und das sagt so ziemlich alles: Es wird mit schwarzer Tusche und Pinsel ein Bild, traditionell auf Reispapier, gemalt. Die Kunstform wurde im 12. Jahrhundert von den Zen-Buddhisten aus China nach Japan gebracht, wo sie nach japanischem Geist weiterentwickelt wurde. Diese Malkunst zeichnet sich durch minimalistische Darstellung von Objekten aus, dabei sind auch Freiräume sehr wichtig. Es gibt keinen Realismus und keine Details. Der Maler fängt mithilfe unterschiedlicher Konzentrationen an Tusche, bestimmten Pinselhaltungen und -bewegungen die Seele eines Gegenstands ein, wie er sie wahrnimmt. Traditionell werden Landschaftsmotive, Pflanzen und Tiere gemalt. Mit einem Strich wird der emotionale Ausdruck des Künstlers eingefangen, es gibt immer nur einen Versuch. Die Tusche und die Maltechnik bieten unendlich viel Variation in der Gestaltung eines Bildes.

Ahoi: Und wo hast du Deine Fertigkeiten in Sumi-E erlernt?

Julia Bittner: Sumi-E ist eine sehr schwer zu erlernende Kunst und das ist es auch, was mich so an ihr fasziniert. Man braucht viel Übung, um die richtige Ladung an Tusche auf dem Pinsel zu haben, die richtige Geschwindigkeit beim Malen, die korrekte Haltung (innen wie außen) und Maltechnik. Es lassen sich bei Weitem nicht so viele Online-Anleitungen dazu finden, wie bei klassischer Aquarellmalerei zum Beispiel. Deshalb suchte ich nach Kursen in meiner Umgebung und hatte Glück, dass die Meisterin Rita Böhm in Berlin unterrichtet und machte bei ihr meine ersten, professionell angeleiteten Übungen. Ich recherchierte auch noch sehr viel online zu speziellen Techniken und übte sie. Danach begann ich von der Kalligrafie-Meisterin Akemi Lukas auf der Plattform Domestika weitere Grundtechniken zu lernen, denn bestimmte Linien und Effekte erreicht man nur mit der richtigen Technik. Ich kaufe Bücher und kopiere die Bilder anderer Sumi-E-Maler*innen, dazu sagt man im Japanischen auch „Ringa“.

Ahoi: Du agierst, so erlas ich mir, als Zeldi Draws im Spektrum japanischer Popkultur. Für mich ist da einiges echt fremd. Babymetal find ich putzig und ich habe gerade den japanischen Film Godzilla Minus One geschaut, bei dem sehr augenscheinlich wurde, was die amerikanische Industrie macht, wenn sie Kulte verwässert. Dann hört es aber schon fast auf bei mir. Was fasziniert Dich selbst an der japanischen Popkultur?

Julia Bittner: Ich bin mit ihr aufgewachsen, deshalb ist sie mir recht natürlich und ich fühle mich quasi in ihr Zuhause. Ohne es zu wissen, dass es japanische Produkte und Medien waren, zogen sie mich schon immer irgendwie an. Meine Mutter liebte Trickfilmserien wie Heidi und mein Vater kaufte die erste Spielkonsole (es war ein Super Nintendo), weshalb ich als Kind schon früh mit dieser Kultur in Kontakt kam. Es war auch die Zeit, in der viele japanische Animationsserien und Comics in Deutschland erschienen. Dadurch konnte ich indirekt bereits Einiges über das Land und die Menschen lernen, n den Comics bzw. Mangas kamen beispielsweise Szenen aus dem Schulalltag vor, genauso wie Tempelszenen. Was mich an der Popkultur fasziniert, sind die Tiefgründigkeit und Komplexität der Figuren und die Themen in den Serien, Spielen und Comics, die mit hoher Kunstfertigkeit dargestellt werden. Die Hingabe der Japaner*innen und ihr harmonischer, friedlicher Lebensstil kommen in der sanften und gleichzeitig kraftvollen künstlerischen Ausdrucksweise zum Vorschein. Das möchte ich auch mit meiner Kunst ausdrücken und die Menschen hier dazu inspirieren, achtsamer zu leben, etwas aus dieser Kultur für sich mitzunehmen. Ein weiterer, wichtiger Punkt, warum ich die Popkultur liebe, ist die Community: Sie ist friedlich, bunt, tolerant und aufgeschlossen. Meine längsten und engsten Freundschaften sind so entstanden.

Ahoi: Die japanische Geschichte ist – wie auch die chinesische und die anderer ehemaliger Großreiche – sehr differenziert zu betrachten. Wie gehst du mit der Verantwortung um, Teile dieser Kultur in Deine Arbeit zu integrieren?

Julia Bittner: Da ich mich den Großteil meines Lebens bereits mit Japan beschäftige, das Land bereiste und immer wieder auch direkten Kontakt zu den Menschen dieser Kultur habe, weiß ich, dass viel Tradition und Fertigkeit in dieser Kunst stecken. Je mehr ich recherchiere, umso mehr erkenne ich, dass es viele Techniken gibt, die die Tuschemalerei so einzigartig machen. Ich achte auf richtiges Arbeitsmaterial wie Reispapier, das die Tusche-Effekte in ihrer Gänze zeigt, sowie auch die richtigen Pinsel, die es schwer zu finden gibt. Wenn ich mit der Arbeit beginne, dann auch im richtigen mentalen Zustand: Entspannt und hochkonzentriert. Es ist mir wichtig, diese Kunstform respektvoll zu behandeln, denn nichts wäre für mich schlimmer, als wenn sich Menschen der fernöstlichen Kultur von meinen Bildern beleidigt fühlen würden. Deshalb stehe ich meiner Arbeit auch immer kritisch gegenüber. Wenn ich dann von diesen Menschen angesprochen werde und positives Feedback erhalte, bestätigt es mich darin, weiterzumachen. Als jemand ein Original kaufen wollte, hat mich das sehr glücklich gemacht. Bis ich diese Malerei vollständig beherrsche, ist es noch ein langer Weg, aber ich gehe ihn mit Gelassenheit und freue mich über jedes recht gelungene Bild.

Ahoi: Du tanzt aber auch. Kannst Du unseren Leserschaften darüber etwas erzählen?

Julia Bittner: Ich habe das Tanzen ebenfalls in meiner frühen Kindheit für mich entdeckt, insbesondere der orientalische Tanz war immer wieder präsent (ich hörte viel Klassikradio und liebte die arabischen Orchesterstücke, an meiner Grundschule gab es auch eine Bauchtänzerin), bis ich in meiner Jugend die ersten Videos von internationalen Profitänzerinnen sah. Einige Jahre lang versuchte ich sie bei mir zuhause zu imitieren, bis mir meine Mutter zu meinem 18. Geburtstag eine Kursteilnahme schenkte. Ich sog alles auf wie ein Schwamm und übte Bewegungen zuhause weiter, bis ich sie verstanden hatte. Der Kurs allein genügte mir nicht, ich lernte auch mit Büchern und Videos weiter, weil diese Tanzform ebenfalls kulturell sehr komplex und geschichtsträchtig ist. Nach ein paar Jahren kamen die ersten Auftritte und ich wurde gefragt, ob ich nach Kursaufgabe der damaligen Lehrerin ihren Platz einnehmen würde – ich fühlte mich noch nicht bereit, aber wagte den Sprung ins kalte Wasser, absolvierte auch eine Fortbildung zur Tanz- und Bewegungspädagogin. Die Kurse führte ich insgesamt sieben Jahre, bis ich weiter weg zog und eine kreative Pause einlegte, um mich auf meine Illustratoren-Karriere zu konzentrieren. Getanzt habe ich trotzdem weiterhin für Events und lernte von internationalen Tänzer*innen in Workshops und auf Festivals. Das mache ich auch heute noch unter dem Namen Amira Tahira.

Ahoi: Auf Deiner Homepage finde ich einen Verweis zu einem Bilderbuch. Kannst Du hier bitte etwas mehr erzählen? Und was hat es mit den Bildern zum Schulbuch auf sich?

Julia Bittner: Letztes Jahr bekam ich eine Anfrage für ein wundervolles Buchprojekt von einem jungen Verlag, der auf meine Aquarellarbeiten aufmerksam wurde und alles super zusammen passte. Es handelt sich um das Buch „Johann und die vier Jahreszeiten“, bei dem es um den kleinen Troll Johann geht. Das Kinderbuch wurde mit pädagogischem Konzept entwickelt und soll Kinder zum Aktivwerden anregen, spielerisch und neugierig die Natur zu erkunden. Ich konnte mich gestalterisch sehr viel bei diesem Projekt mit einbringen und hoffe, dass sich viele Leser*innen daran erfreuen werden, mit dem Buch zu arbeiten. Es ist erst im Juli beim Schaukelpferdverlag erschienen, deshalb ist es jetzt sehr spannend für mich, zu sehen, wie es angenommen wird. Das nächste Buch dieser Serie ist auch bereits in Arbeit. Das Schulbuchprojekt ist tatsächlich verantwortlich dafür, dass ich den Weg als Illustratorin eingeschlagen habe. Seit 2019 arbeite ich zusammen mit dem psychologischen Institut der Friedrich-Schiller-Universität in Jena als Illustratorin am Projekt PARTS mit. PARTS ist die Abkürzung für „Programm zur Förderung von Akzeptanz, Respekt, Toleranz und sozialer Kompetenz“. Es geht bei diesem Programm darum, durch gezielt gestaltetes Schulmaterial und Fortbildungen der pädagogischen Fachkräfte die interkulturelle Toleranz bei Kindern im Grundschulalter zu fördern, um Diskriminierung, Rassismus und daraus resultierenden Straftaten entgegenzuwirken. Geleitet wird das Projekt von Prof. Dr. Andreas Beelmann und seinem Team. Meine Aufgabe als Illustratorin ist, Kinder und Familien aus verschiedenen Kulturen darzustellen, die den Grundschülern als Identifikationsfiguren dienen. In diesem Zusammenhang recherchiere ich ebenfalls über viele verschiedene Länder und Kulturen, die ich versuche, respektvoll und authentisch abzubilden. Je nach Anwendungsziel ist mal ein comichafter, mal ein realistischer Stil passend. Im letzten Projekt habe ich Familienportraits und Arbeitsblätter entworfen. Da ich selbst mit meinen damaligen Schulbüchern sehr unglücklich war, möchte ich als Illustratorin dazu beitragen, dass es für die Schüler ansprechendes Arbeitsmaterial gibt. Es ist eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe und eine große Bereicherung für mich, mit meiner Kunst Gutes zu tun und zu fördern. Ich hoffe, dass ich noch viele weitere, wichtige und schöne Projekte als Illustratorin mitgestalten darf. Gerade die Vielseitigkeit meines Berufs ist das, was ich liebe.

Ahoi: Du hast Buchcover für Sabrina Ruhland gestaltet. Wie kam es zur Zusammenarbeit und wird es weitere Buchcover geben?

Julia Bittner: Das kam über meinen Freundeskreis zu mir. Die Sabrina ist mit einer guten Bekannten verwandt und schreibt schon lange an ihren eigenen Romanen. Sie wollte ihre Bücher mit neuen Covern auflegen lassen, weil sie mit ihren ersten Versionen unzufrieden war. Da sie erfahren hatte, dass ich Illustratorin bin, hatte sie mich angefragt, ob ich auch Buchcover mache. Nachdem ich einen Auszug des Romans gelesen hatte, schickte ich ihr meine Entwürfe. Wir entwickelten dann zusammen die neuen Designs, zuerst zu einer in einem Einzelband abgeschlossenen Geschichte und dann die ersten zwei Bände einer Fantasy–Trilogie. Es wird also noch einen dritten Band geben, dessen Cover ich gestalten darf. Auch der Buchumschlag für den Schaukelpferdverlag ist aus meiner Hand entstanden. Die Chancen, dass es weitere geben wird, stehen also gut!

Ahoi: Seit dem 11. August gibt es in Zehdenick eine Ausstellung Deiner Bilder, ein Grund, mal nach Zehdenick zu fahren. Wo findet die denn statt? Und was können wir dort sehen?

Julia Bittner: Ich darf in den Räumlichkeiten des Kunstfreunde Zehdenick e.V. ausstellen, sie befinden sich in der Marktstraße in einem schönen Hinterhof direkt im Ortskern Zehdenicks. Ich werde viele meiner Sumi-E-Werke, Tuschemalerei mit Farbe und auch experimentelle, verspielte Arbeiten mit Tusche und Pinsel ausstellen.

Ahoi: Dann wünschen wir dir auf jeden Fall weiter Erfolg und Freude mit deiner Kunst. Danke, dass Du Dir Zeit genommen hast für uns.

Julia Bittner: Vielen Dank für das nette Gespräch vor Ort und das Interview! Ich freue mich auf alles, was kommt und bleibe dran.

Julia Bittner im Netz: https://juliabittner.de/

« zurück
zur aktuellen Ausgabe