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Interview mit dem Bestseller-Autor Frank Schätzing

„In jedem steckt ein Held“

Der Bestsellerautor Frank Schätzing © Paul Schmitz | Kiepenheuer & Witsch

Frank Schätzing zählt zu den meistgelesenen Romanautoren Deutschlands. Nun hat der 75-Jährige mit „Helden“ eine Fortsetzung seines 1990er-Jahre-Romans „Tod und Teufel“ veröffentlicht. Schätzing gilt als Popstar unter den Schriftstellern – seine Lesungen sind durchchoreografierte Multimedia-Events. Von wegen „Tisch mit einem Glas Wasser“. Am 21. März 2025 kommt Schätzing nach Leipzig (Haus Leipzig). Wir haben mit dem Erfolgsautor aus Köln über seine Arbeit, David Bowie und Heldentum gesprochen.

Ahoi: Herr Schätzing, Ihr bekanntestes Buch „Der Schwarm“ ging 2004 durch die Decke. Der Roman erreichte eine Gesamtauflage von 5,4 Millionen und wurde in 27 Sprachen übersetzt. Auch die drei Bücher danach waren Bestseller. Über Deutschland hinaus wurden insgesamt 8,6 Millionen Bücher verkauft. Wie fühlen Sie sich?

Frank Schätzing: Unspektakulär gut. Das ist jetzt zwanzig Jahre her, ich stehe nicht morgens auf und denke: Wow, ich bin Bestsellerautor! Ich arbeite mehr als früher, genieße die künstlerische Freiheit und das Privileg, vom Geschichtenerzählen leben zu können. Das ist schon cool, und auch, wie es dazu kam! „Der Schwarm“ war ja nicht mein erstes Buch, sondern mein sechstes. Ich hatte eine Werbeagentur zusammen mit einem Freund, den „Schwarm“ habe ich nachts und an Wochenenden geschrieben. Auf Sieg gesetzt, aber nicht im Traum erwartet, dass es dermaßen abgeht. Das war überwältigend, ohne dass Zeit blieb, es zu verarbeiten. Ein Auftritt jagte den nächsten, zum Jahresende war ich froh, dass der Hype ein bisschen nachließ, dann kam der Südostasien-Tsunami, und es ging von vorne los. Erst im Jahr drauf habe ich alles richtig verarbeitet.

Ahoi: Hat sich das Leben nur durch das Bücher schreiben verändert?

Frank Schätzing: Naja, „Der Schwarm“ war der Anlass dafür. Ich hatte meine Agentur-Anteile verkauft, plötzlich war ich freischaffender Künstler. Durchaus ein Wagnis. Ich hätte als One-Hit-Wonder enden können, war aber zuversichtlich, dass da mehr ging. Und klar, das Leben änderte sich. Keine quirlige Agentur mehr. Ich hatte ja Dutzende Mitarbeiter um mich rum gehabt, jetzt war ich allein. Im Wohnzimmer schreiben funktionierte nicht, also richtete ich mir im Haus eine Kreativwerkstatt ein, Schreibtisch, Bibliothek, Tonstudio, weil ich auch Musik mache. Man braucht freischaffend mehr Selbstdisziplin, als wenn man täglich in eine Firma fährt. So einen dicken Schinken zu schreiben, ist ein Job, harte Arbeit, und du bist jetzt dein einziger Antreiber. Ich selbst habe mich, glaube ich, nicht verändert. Wenn man bodenständig und verträglich ist, bleibt man das. Ist man von Natur aus ein Arschloch, wird man ein noch größeres Arschloch.

Ahoi: Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis? Sie sagten mal „Lern was anständiges, dann klappt das schon“. Das ist alles?

Frank Schätzing: Das habe ich gesagt? Klingt eher nach meinen Lehrern. Ich habe kein Erfolgsgeheimnis. Als Künstler musst du authentisch bleiben. Nicht auf den Markt schielen, was bei den Leuten funktioniert, und das dann liefern wollen. Dann wird man wird nur ein Plagiator. Ich bin immer kompromisslos meiner Nase gefolgt, hab meine Ideen umgesetzt, wie abgedreht sie auch sein mochten. Geschrieben, was ich selbst gern lesen würde, auf meine Art. Am Markt zeigt sich, mit wem man ähnlich tickt. Sich etwas Eigenes, komplett Neues zu trauen, birgt nach wie vor die größten Erfolgschancen, und „Der Schwarm“ war damals etwas Neues.

Ahoi: Sie sagten auch mal, dass Sie alles ausprobiert haben in Ihrem Zickzack-Leben. Sex, Drugs und Rock‘n’Roll also als Schriftsteller?

Frank Schätzing: Nicht nur als Schriftsteller, allgemein als Kreativer. Bis Mitte zwanzig habe ich Musik gemacht. Zweimal fast einen Plattenvertrag bekommen. Nur, es gab kein Youtube, keine SoundCloud. Die Plattenfirmen waren das Nadelöhr, alle wollten da durch. Wir sind mit der Band knapp dran vorbei, von irgendwas musste ich leben, als ging ich in die Werbung, wurde Illustrator, Artdirector, Werbefilmer, durch Zufall schließlich Texter. Da stellte ich dann fest, wie sehr mir das Schreiben eigentlich lag, obwohl ich schon als Kind Kurzgeschichten verfasst hatte. Irgendwann bekam ich Lust auf einen Roman. Der Punkt ist, ich suche Herausforderungen nicht, ich lasse mich finden, probiere dann aber so ziemlich alles aus. Auch auf die Gefahr hin, dass es schief gehen kann. Aber um kreativ zu sein, muss man im Herzen bereit sein, zu scheitern. Vor Scheitern hatte ich nie Angst, es gehört dazu, also bin ich verlässlich dem Gesang der Sirenen gefolgt.

Ahoi: Sind Sie auch mal richtig gescheitert?

Frank Schätzing: Klar. Man kennt mich nur in der Rolle des Bestsellerautors, aber ich bin einige Male aufgeklatscht. Ich habe ja immer alles auf eine Karte gesetzt, war früh selbstständig, habe mit Freunden diese Agentur gegründet. In den 1990ern waren wir ein Hype-Laden, einer der erfolgreichsten Newcomer Deutschlands. Im Zuge der Rezession Ende der 90er stürzten wir ab, wenig später waren wieder obenauf, dann kam 9/11 und die Wirtschaft krachte zusammen. Die Werbung ist der Schwanz, mit dem der Hund wedelt, und der Hund hatte keine Kraft mehr. Wir verloren einen Kunden nach dem anderen. In der Zeit habe ich den „Schwarm“ geschrieben.

Ahoi: Warum fühlen Sie sich im Mittelalter am wohlsten? 

Frank Schätzing: Tu ich nicht. Ich schreibe vorwiegend Science-Fiction, beziehungsweise übers Hier und Jetzt mit einer visionären Komponente. Ich hatte niemals vor, zu „Tod und Teufel“ zurückzukehren, nur kam mir vor fünf Jahren eine entsprechende Idee. Einfach so, aus heiterem Himmel. Unter der Dusche. Eine Weile wehrte ich mich dagegen, ich hatte ja entschieden, keine Fortsetzungen zu meinen Büchern zu schreiben, aber die Idee war einfach zu gut! Und natürlich machte es Spaß, in eine Zeit zurückkehren, in der es keine Handys, keine Autos, keine Flugzeuge gab. Aber es bleibt dabei, am wohlsten fühle ich mich in der Zukunft.

Ahoi: „Schätzing wäre nicht Schätzing, wenn es ihm nicht gelänge, das populäre Wissen … des Mittelalters mit der Popkultur von heute zu verbinden.“ Das schrieb die FAZ zu „Helden“. Werden Sie da richtig beschrieben?

Frank Schätzing: Absolut. Ich bin ein Fan des Wortes Popkultur. Mein ganzes Leben ist im Grunde Pop. Es gibt eine Popkultur des Mittelalters und der Steinzeit, es ist immer die Frage, wie man sich einer Epoche nähert. Das Pop-Element öffnet den erzählerischen Raum für alle, aber es lebt natürlich von der Aktualität. Ich hätte keinen historischen Roman geschrieben, hätte ich keine relevanten Bezüge zu heute entdeckt. Was nicht heißt, dass man die herbei krampfen muss. In meinem Fall servierte mir das 13. Jahrhundert aktuelle Bezüge auf dem Silbertablett. Die Epoche ist eine einzige Lehrstunde über Gesellschaften im Umbruch.

Ahoi: Ihr neues Buch heißt schlicht und ergreifend „Helden“. „Heroes“, so die englische Übersetzung, war einer der größten Hits von David Bowie. Wer sind für Sie in der aktuellen Welt Helden?

Frank Schätzing: Per se alle, die Risiken eingehen, um die Welt besser zu machen. Die die Zukunft mit bauen, statt der Vergangenheit hinterherzujammern. Heldentum erlebt man oft im Alltag, beginnend mit Zivilcourage. Wir unterschätzen die Bereitschaft Einzelner, Gutes zu tun. Der Eindruck hat sich verfestigt, dass die Bevölkerung keine Veränderung will, die Widerstände gegen jede Art von Fortschrittspolitik überwiegen. Das stimmt nur bedingt. Ich lerne jede Menge Menschen kennen, die sagen, dass sie sich gerne einbringen würden, sich nur alleingelassen fühlen. Wir müssen raus aus unseren Blasen und einander wieder mehr zuhören, dann stellen wir fest, wir können gemeinsam was bewegen. Heldenhaft sein. Fakt ist, in jedem steckt ein Held.

Ahoi: Wer ist Ihr politischer Held?

Frank Schätzing: Den einen Weltretter gibt es nicht, aber bei Robert Habeck sehe ich ein hohes Maß an Integrität und aufrichtiges Bemühen, etwas zu bewegen. Er hat Fehler gemacht. Jeder macht Fehler. Dass er überhaupt etwas wagt und handelt, statt wie andere mit Bashing und Wahlkampfgetöse das politische Klima zu vergiften, verdient Achtung. Dass er uns vor dem befürchteten Kältewinter bewahrt und das Energie-Debakel in den Griff bekommen hat, das wir einer verfehlten Unions-Politik verdanken, sollten wir uns immer wieder in Erinnerung rufen! Habeck ist es, der die Bierzeltrhetorik durchbricht und fordert, Demokraten aller Couleur müssten endlich ins Miteinander finden, und er hat absolut recht! Nur so dämmt man den rechten Populismus ein. Ich glaube, keiner arbeitet gerade so hart an sich wie er. Der Mann knickt im Gegenwind nicht ein, dem traue ich noch einiges zu. Ich wünsche ihn mir weiter in der Politik.

Ahoi: Wer ist Ihr musikalischer Held?

Frank Schätzing: David Bowie. der hat mich mein Leben lang begleitet. In seinem unbedingten Mut, sich immer wieder neu zu erfinden, war und ist er mein Vorbild. Wer es so oft wagt, neues Terrain zu betreten, der ist als Künstler heldenhaft. Björk ist auch so eine Heldin. Oder St. Vincent, amerikanische Sängerin und Multiinstrumentalistin. Eigentlich heißt sie Annie Clark. Heute ist sie in den USA ein Superstar. Ein weiblicher Bowie. Unbedingt googeln!

Ahoi: Aber hat der Buchtitel „Helden" etwas mit „Heroes“ zu tun?

Frank Schätzing: Nein. Der Titel „Helden“ ist daraus geboren, dass wir in einer Zeit leben, in der das Wort Helden fast keine Rolle mehr spielt. Genau darum wollte ich das Buch dick und fett „Helden“ nennen. Und ja, Bowie spielt bei mir immer eine Rolle, in meinem Roman „Limit“ tritt er als alter Mann auf einer Raumstation auf. Da dachte ich noch, Bowie lebt ewig. Na, tut er ja auch. Selbst in „Helden“ gibt eine kleine Reminiszenz an ihn. Wer im Buch ist nun Held oder Heldin? Das muss jeder lesend für sich selbst entscheiden.

Ahoi: Stimmt es eigentlich, dass Sie ein Fan von Taylor Swift sind? Das überrascht…

Frank Schätzing: Nein. Dafür ist mir diese Musik zu billig, zu vorhersehbar und zu glatt produziert. Was mir an ihr gefällt, ist, dass sie eine Menge kluge Botschaften an junge Frauen hat. „Seid selbstbewusst und stolz auf euch.“ Für Heranwachsende gibt sie ein fantastisches Role Model ab. Und hinter den Kulissen macht sie viel Charity. Auch vorbildlich.

Ahoi: Sie begeisterten zuletzt mit einer Multimedia-Show für “Helden“ im Kölner E-Werk. Eher ungewöhnlich für einen Schriftsteller, oder?

Frank Schätzing: Mir war die Nummer mit dem Wasserglas und dem Leselämpchen immer zu bräsig (schwerfällig, d. Red.). Kann man so machen, aber ich komme vom Rock’n’Roll, vom Live-Konzert. Ich möchte, dass was abgeht. Ich lese ein bisschen vor, das Meiste ist frei gesprochen. Es wird sinnlich, überraschend, multimedial und ziemlich lustig. Auch interaktiv. Es geht darum, den erzählerischen Kosmos des Buchs mit den Mitteln der Bühne möglichst unterhaltsam zu erweitern.

Ahoi: Es gibt in „Helden“ den Satz: „Tollkühnheit war die neue Vernunft“. Was ist heute die neue Vernunft?

Frank Schätzing: Verzagtheit. Wenn wir wirklich etwas erreichen wollen, müssen wir Risiken eingehen. Auch mal tollkühn sein. Dann können wir die Welt verändern. In Deutschland hat man sich angewöhnt, auf Sicht zu fahren bei blickdichtem Nebel. Bloß kein Risiko einzugehen, ist für Viele schon Vernunft. Das wenigste verkehrt zu machen statt das meiste richtig. Genau das führt in die Stagnation. Wir müssen raus aus der Verzagtheit. Manchmal ist Tollkühnheit das Vernünftigste überhaupt.

Ahoi: Sind Sie im Privatleben auch tollkühn und risikofreudig?

Frank Schätzing: Das müssten Sie meine Frau fragen. (lacht) Wir sind es beide, so haben wir uns gefunden. Klar sind wir ruhiger geworden, aber wir wollten nie den vorgezeichneten Weg gehen. Wir fanden es spannender, uns in die Büsche zu schlagen und zu gucken, was da ist. Lieber ein Leben mit Ups und Downs als eine Flatline, auf der nichts Schlimmes passiert, aber auch nichts wirklich Gutes.

Ahoi: Was wünschen Sie sich noch? Sie haben doch alles erreicht…

Frank Schätzing: Frieden! Ich selbst mache einfach immer weiter und probiere Neues aus. Mit Ende sechzig kommst du nicht umhin, über die Endlichkeit nachzudenken. Dass ich vielleicht nicht mehr alles werde tun können, was mich reizt, aber das ist ehrlich gesagt ein Luxusproblem. Ich wünsche mir aus tiefstem Herzen, dass in den Krisenherden dieser Welt endlich Ruhe einkehrt und Menschen keine Angst mehr haben müssen, morgens aufzuwachen.

„Helden" Live

20:00 Uhr | 21.03.2025 

Haus Leipzig

Tickets gibt es hier

Mehr Informationen zu Schätzings neuen Buch „Helden" 

Der Buchtrailer auf YouTube

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