Christopher von Deylen, das Gesicht hinter Schiller, wollte nie auf der Bühne stehen – er wollte Klang formen. Mit seinem neuen Album „Euphoria" und einer Tour in Dolby Atmos zeigt der 55-Jährige, wie Musik zu einem dreidimensionalen Erlebnis wird. Am 9. Mai startet Schiller in Leipzig seine Deutschlandtour.
Im Gespräch mit unserer Redaktion erzählt er, wie ein zehnminütiges Stück sein Selbstbild auf den Kopf stellte, warum Freiheit in der Ukraine anders klingt als hier – und warum ihm das Auto lieber ist als der ICE.
Ahoi: Stimmt es, dass Sie nie Künstler werden wollten?
Christopher von Deylen: Ja. Ursprünglich wollte ich Produzent werden. Mich hat nicht die Bühne interessiert, sondern der Sound – die Architektur hinter der Musik. Als Jugendlicher bin ich mit dem Vorortzug nach Hamburg gefahren, habe Vinyl gekauft und auf der Rückfahrt die Credits studiert: Wer hat gemischt? Wer hat produziert? Wer hat Gitarre gespielt? Diese kleingedruckten Rückseiten waren mein Paradies.
Musikproduzent ist allerdings kein klassischer Ausbildungsberuf. Am nächsten kam dem damals das Toningenieur-Studium – das hat nicht funktioniert. Also habe ich Kulturwissenschaften studiert und bin schließlich als Praktikant in einem Hamburger Tonstudio gelandet. Learning by doing: Kaffee kochen, Kabel sortieren, zuhören, beobachten. Wie sich Künstler streiten. Wie Entscheidungen fallen. Wie Musik entsteht. Ich habe dort mehr gelernt als in jedem Studium.
Ahoi: „Das Glockenspiel" veränderte alles ...
Von Deylen: Absolut. Der Song entstand in zehn Minuten. Und genau das machte mich misstrauisch. Ich war damals überzeugt: Kunst muss man sich erleiden. Sie muss schwer sein – nur dann ist sie nachhaltig.Aber dieses Stück hat sich selbst geschrieben. Ich war eher Medium als Macher. Und weil ich dem Song nicht traute, suchte ich einen auffälligen Künstlernamen. „Das Glockenspiel" – Friedrich Schiller – so kam der Name zustande.
Heute weiß ich: Es war der Moment, in dem ich lernen musste, dem Augenblick zu vertrauen. Was mir bis heute schwerfällt.
Ahoi: Was hat dieser Erfolg konkret mit Ihrem Selbstbild gemacht?
Von Deylen: Er hat mich gezwungen, meine Vorstellung von künstlerischer Arbeit zu hinterfragen. Ich musste akzeptieren, dass Leichtigkeit nicht Oberflächlichkeit bedeutet. Dass etwas schnell entstehen kann und trotzdem Substanz hat. Dieser Perspektivwechsel war vielleicht größer als der kommerzielle Erfolg.
Ahoi: Ihr neues Album „Euphoria" steht zum zehnten Mal an der Spitze der Charts. Ist das noch etwas Besonderes?
Von Deylen: Sehr. Meine Musik entzieht sich ja seit einem Vierteljahundert klassischen Genre-Schubladen. Wenn man fragt: „Wie klingt Schiller?", kann ich zwar viele Begriffe aufzählen – am Ende muss man es aber selbst hören.
Dass sich so eine Musik in einer durchgetaggten Welt behauptet, erfüllt mich mit Dankbarkeit. Natürlich ist das, was ich im Konzert erlebe – die emotionale Resonanz –, wichtiger als Charts. Aber zehnmal Nummer eins ist nicht selbstverständlich.
Ahoi: Wofür soll „Euphoria" stehen?
Von Deylen: Der Titel ist bewusst ein Kontrapunkt. Wenn ich den aktuellen Zeitgeist in ein Wort fassen müsste, hieße er eher „Dystopia". Als Künstler empfinde ich eine Verantwortung, einen Gegenraum anzubieten – eine positivistische Alternative zur Realität, eine Flucht ins Schöne.
Ahoi: „Euphoria" erscheint auch in Dolby Atmos. Was verändert sich, wenn Musik räumlich erlebt wird?
Von Deylen: Wir leben in einer Zeit maximaler Verfügbarkeit. Früher hat man ein Album aufgelegt, heute klickt man sich durch den Algorithmus. Dolby Atmos ist für mich ein Angebot zur Vertiefung – ein Erlebnis, das man nicht nebenbei konsumieren kann.
Für die Tour bedeutet das enorme Vorarbeit. Wir entwickeln den Raumklang sehr präzise im Vorfeld, simulieren Arenen, definieren Lautsprecherpositionen, denken Klangbewegungen dreidimensional. Das ist kein Effekt, sondern eine eigene Dramaturgie des Hörens. Der Raum wird selbst zum Instrument. Gerade in Zeiten von Sofa und Streaming möchte ich ein Erlebnis schaffen, das nachhaltig wirkt und ein emotionales Unikat ist.
Ahoi: Die aktuelle Tour setzt dieses 3D-Audio live um. Bekommen Sie mit, wie das Publikum reagiert?
Von Deylen: Ironischerweise bekomme ich auf der Bühne am wenigsten davon mit. Der Raumklang entfaltet sich im Publikum, nicht bei mir. In einer Arena entsteht eine physische Erfahrung, die man nicht streamen kann. Man kann das Handy zum Filmen hochhalten – aber es ersetzt nicht diese sensorische Gesamtwahrnehmung aus Klang, Raum und Licht.
Ahoi: Nervt es Sie eigentlich, wenn im Konzert nur Handys zu sehen sind?
Von Deylen: Ich verstehe den Impuls, einen Moment festhalten zu wollen. Ich ertappe mich selbst dabei – schöner Sonnenuntergang, sofort Handy raus. Man schaut ins Display statt in den Himmel. Natürlich verändert das unsere Wahrnehmung. Gleichzeitig nehme ich es als Kompliment: Wenn es den Menschen nicht gefallen würde, würden sie es nicht filmen. Ich schreibe niemandem vor, wie er ein Konzert erleben soll.
Ahoi: Neben der Musik sind Sie Fotograf und Grafiker. Warum ist Ihnen die visuelle Ebene so wichtig?
Von Deylen: Weil ich mich wahnsinnig gerne visuell ausdrücke. Ich wäre auch gern Filmregisseur geworden. Jede Verbindung zwischen Musik und Bild – ob Film, Fotografie oder Bühneninszenierung – interessiert mich. Und ganz ehrlich: Viele Bildwelten bleiben hinter ihren Möglichkeiten zurück. Ich versuche, dass das, was ich mache, nicht nur akustisch, sondern auch visuell stimmig ist.
Ahoi: Denken Sie beim Komponieren eher in Bildern oder in Klängen?
Von Deylen: Ich liebe Filme mit starker Bildsprache – etwa „Interstellar". Atmosphäre entsteht durch visuelles Storytelling.
Ahoi: Spüren Sie, dass Musik politische Konsequenzen bekommt?
Von Deylen: Ich bin nicht Bob Dylan und weiß nicht, ob Musik politische Systeme verändern kann. Vielleicht war das in den 60er-Jahren anders. Ich glaube nicht, dass Musik politische Situationen direkt entschärft. Aber ich glaube, dass sie Menschen emotional stabilisieren kann – in privaten wie gesellschaftlichen Krisen. Wenn sie das schafft, ist das für mich politisch genug.
Ahoi: Sie spielen regelmäßig in der Ukraine. Warum war Ihnen das wichtig?
Von Deylen: Ich sage einen Satz, der provoziert: Ich fühle mich in der Ukraine mit Krieg freier als hier ohne. Dort erlebe ich einen enormen Gestaltungswillen – einen Lebens- und Freiheitswillen. Nicht militärisch gedacht, sondern kulturell und identitär. Die Menschen verteidigen aktiv ihre Freiheit.
Hier empfinde ich Freiheit zunehmend als etwas, das permanent definiert und relativiert wird. Angst ist ein schlechter Ratgeber – gesellschaftlich wie individuell. In Kiew spüre ich weniger Angst vor Identität und freiem Denken als hier. Dort wird Freiheit existenziell verteidigt, nicht abstrakt diskutiert. In Kyiv lerne ich mehr über Berlin als in Berlin selbst. Das ist für mich bedeutsamer als der Applaus.
Ahoi: Was meinen Sie konkret mit „freier"?
Von Deylen: Freiheit ist dort kein Diskursbegriff, sondern eine Erfahrung. Man spürt, dass Identität und Haltung nicht beliebig sind. Entscheidungen haben Gewicht. Hier wird Freiheit oft verhandelt, relativiert, problematisiert. Dort wird sie gelebt – unter extremen Bedingungen. Das hat eine Klarheit, die ich als befreiend empfinde.
Ahoi: Nach so vielen Erfolgen – was hält Sie am Boden?
Von Deylen: Meine Frau und unsere beiden Katzen.
Ahoi: Keine Kinder?
Von Deylen: Nein. In Großbuchstaben (lacht). Ich empfinde kein Vakuum in meinem Leben und sehe mich absolut nicht in dieser Rolle. Das gilt zum Glück auch für meine Frau.
Ahoi: Zu viel Selbstinszenierung ist nicht Ihr Ding?
Von Deylen: Nein. Vielleicht, weil ich nie „Künstler" im klassischen Sinne sein wollte. Vieles wirkt heute auf mich überinszeniert. Ich versuche, authentisch zu bleiben – auch wenn man mit klügerem Marketing vielleicht mehr erreichen könnte.
Ahoi: Sie fahren privat Ralleys mit alten Autos. Was gibt Ihnen das?
Von Deylen: Früher bin ich mit einem Youngtimer von London nach Peking gefahren – nicht als Rennen, sondern als Reise. Heute fahre ich ohnehin viel. Über 100.000 Kilometer in 18 Monaten.
Ahoi: Warum fahren Sie seit der Pandemie nicht mehr Bahn? War das eher eine emotionale oder eine grundsätzliche Entscheidung?
Von Deylen: Ich kann gut verzeihen – aber ich kann auch sehr nachtragend sein (lacht). Während der Pandemie galten wir Live-Künstler quasi als Verursacher der Apokalypse. Konzerte mussten mit massivsten Hygienekonzepten stattfinden – während ICEs voll besetzt durch Deutschland fuhren. Ich habe 15 Jahre meines Lebens in Zügen verbracht. Während der Pandemie wurde mir klar, wie viel Zeit ich damit verbracht habe, auf Züge zu warten, die nie gekommen sind. Seitdem fahre ich Auto. Lieber im Stau auf der A7 als im ICE mit umgekehrter Wagenreihenfolge (lacht).


