//
//
  • Interviews
Gespräch mit der Reisenden Nore

Ich will mein Leben selbst lenken

Die kleinen Dinge wieder wahrnehmen ist die große Chance der Neurodivergenz. Hier bei Nore © Nore

Der große Henry David Thoreau sagte einst: „Wollt Ihr Euch wohlfühlen, dann achtet darauf, mit jeder Stimmung der Natur in Harmonie zu sein.“ Ein guter Gedanke, geäußert von einem weisen Mann. Doch natürlich ist es äußerst schwierig, seinen eigenen Bedürfnissen ebenbürtig zu sein … und erst den Bedürfnissen, die einem von außen eingeredet werden. Die Reisende Nore jedenfalls befindet sich auf einem Weg heraus aus dem Dilemma. Dabei erlebt sie viele Abenteuer, aber auch warmherzige Menschen. Klar, dass Ahoi-Redakteur Volly Tanner bei ihr nachfragte:

Ahoi: Guten Tag, liebe Nore. Ich folge Dir und Deiner Reise in die Welt schon eine Weile auf Deiner Instagram-Seite. Hier postest Du täglich mehrere Reels, das ist doch auch ganz schön viel Arbeit, das Aufnehmen, Schneiden, Texten und so weiter. Wie viel Zeit geht den täglich für Deine Kommunikation im Netz drauf? Und wofür konkret?

Nore: Guten Tag! (schmunzelt) Ich freue mich, dass Du über Instagram dabei bist. Ich bespiele mehrere Plattformen, jede Plattform reagiert anders auf meine Inhalte und ich bin den ganzen Tag nebenbei am Prüfen und Beobachten der Analysen. Im Vordergrund steht Instagram, wo immer mal wieder Reels oder Beiträge gepostet werden, welche ganz unterschiedlichen Aufwand machen. Manchmal benötige ich zwei bis drei Tage, bis ich etwas fertig gefilmt und geschnitten habe. Ich rutsche dabei auch mal in den Hyperfokus und arbeite dann von früh bis abends an einem Video. Es gibt aber auch Tage, an denen ich gar keine Ideen für Beiträge habe, dann kommt auch kein Beitrag. Mir ist wichtig, dass ich das so mache, wie es sich gut für mich anfühlt. Tatsächlich sind es bei mir immer unterschiedliche Abläufe, meine besten Videos sind die ohne Skript, die spontan entstehen.

Ahoi: Wenn ich das richtig sehe, bist Du schon ein paar Jahre „On The Road“, mindestens seit 2022. Um sich auf solch eine Reise zu begeben, braucht es aber doch eine Initialzündung, einen Grund, oder sogar mehrere Gründe. Kannst Du uns bitte erzählen, was Dich in die Ferne zog und wo Du mit Deiner Reise wann und warum begonnen hast?

Nore: Ich habe schon als Kind sehr gerne gezeltet, als Jugendliche habe ich mich kurz verloren und wiedergefunden habe ich mich dann wieder in und mit der Natur. Inzwischen weiß ich, dass es auch vor allem das Gefühl war und ist, dass ich mein Leben selbst lenken möchte. Ich habe bis 2020/2021 versucht, in einer Stadt dieses Leben zu führen, in dem man eine Wohnung oder ein Haus mietet und viel arbeitet, bin dabei aber immer wieder auf körperliche und psychische Probleme gestoßen und es kam soweit, dass ich mich selbst in der Psychiatrie als Akutfall vorstellen musste.


Ich habe mein Leben von dort an darauf ausgerichtet, dass ich in einem Van leben möchte. Dazu habe ich sogar einen roten langen Faden gelegt und die Schritte von oben nach unten aufgeschrieben, die ich gehen muss. Ich wollte selbst entscheiden wann, warum und wo ich bin und sah kein Sinn darin, in einer Situation zu leben, die für mich nicht barrierefrei und erträglich war. 2022 habe ich den Führerschein bestanden und dann ging das alles irgendwie so richtig los, da ich die Mobilität endlich hatte, die ich brauchte, um mich frei bewegen zu können. Ich bin sehr stolz auf diesen Prozess, denn mittlerweile sitze ich in meinem Hymer, den ich sowieso schon immer am tollsten fand. Und es geht mir gut.

Ahoi: Du verbringst viel Zeit mit Deinem Hund und Dir alleine. Schon dies ist für viele Menschen, gerade in den vollgestopften Städten, fast unvorstellbar. Wie gehst Du mit Einsamkeit oder besser: dem Alleinsein, um?

Nore: Ich bin super gerne alleine und mit meiner Hündin. Alleine kann ich mich am besten regulieren, genau das hat mir auch in der Stadt gefehlt. Und ich unterscheide hier klar von Einsamkeit. Alleine sein war wirklich schwierig draußen, einsam war ich jedoch sehr. Mittlerweile ist es andersrum, und damit kann ich wunderbar umgehen. Auch meine Hündin benötigt ein eher reizärmeres Umfeld. Mir fällt es zudem nicht leicht, äußere Reize und Energien abzuwenden, das sauge ich alles auf wie ein Schwamm. Es gibt bei Bedarf auch Anschluss, den man finden kann, ob über Social Media oder persönlich, an den Plätzen, an denen man nicht alleine ist. Da kann man auch ganz bewusst hin fahren. Für mich ist das optimal.

Ahoi: Welche Ecken unserer Welt hast Du denn schon in den Jahren bereist und wie bist Du dorthin gekommen?

Nore: Ich war bisher in über 15 Ländern, aber nur in Europa, durch die meisten bin ich bisher eher durchgefahren, als lange geblieben. Ich bin nur noch mit dem Auto unterwegs, seitdem ich den Führerschein habe. Das Meiste davon bin ich selbst gefahren. Kurz vor meinem Führerschein bin ich noch 2.500 Kilometer von Portugal nach Deutschland getrampt, das war ein äußerst abwechslungsreiches Abenteuer!

Ahoi: Ich las, dass Du auch ein Buch geschrieben hast. Kannst Du uns da bitte etwas darüber erzählen?

Nore: Das war ein printed on demand-Buch, ein Camping-Freundebuch, und es gab auch noch ein Journal für Winterdepressionen. Sie sind nicht mehr verfügbar. Beides waren nur Versuche. Ob es ein persönliches, größeres Buch von mir und meinem Weg geben wird, da bin ich mir noch gar nicht sicher. Ich glaube schon, dass ich interessante Perspektiven und viel Mut mitgeben könnte.

Ahoi: Meine Familie und ich sind aus der Reizüberflutung in eine stillere Ecke, ein Tal zwischen sanften Hügeln mit Fluss und Hühnern, geflüchtet. Auch Du erwähntest schon einmal, dass das Thema Neurodivergenz Dich ganz persönlich betrifft. Der Begriff scheint mir gut gewählt, sagt er doch nur aus, dass jeder Mensch anders ist, besonders ist und seine neuralen Knoten divers, also unterschiedlich, verknüpft sind. Welche neurodivergenten Aspekte treiben Dich denn um? Und wie gehst Du mit ihnen ins Gespräch?

Nore: Eure stille Ecke klingt wundervoll ruhig und friedlich, das ist wirklich schön !
Einer meiner Knotenpunkte ist die ausgeprägte Reizfilterschwäche. In meinem Nervensystem überschlägt sich schon bei Kleinigkeiten einiges, manchmal benötige ich nach einem vollen Tag mindestens zwei Tage durchgehend mein Bett und ein ruhiges Umfeld. Wenn ich mehrere Tage über meine Grenzen hinaus gehe, kann es schon mal zwei Wochen dauern, bis mein Nervensystem wieder erholt ist. Auch im sozialen Kontakt stoße ich immer wieder auf Unannehmlichkeiten, es fällt mir schwer, mehrere Stunden präsent zu sein und ich bin von einem Zehnminuten-Gespräch schon erschöpft und nicht mehr aufmerksam. Mit diesem Lebensstil, den ich lebe, habe ich mir selbst die Möglichkeit gegeben, bestmöglich auf mich selbst eingehen zu können, da er anpassbar an neurodiverse Barrieren ist und ich nur meine Campertür auf machen muss, um von der Natur aufgefangen zu werden.

Ahoi: Dein Lebensweg ist ein äußerst mutiger Weg. Du berichtest auch von den Herausforderungen der täglichen Reise. Dir zuzuschauen ist, wie ein interessantes Buch zu lesen. Trotzdem muss das niemand nachmachen. Die Selbstermächtigung, die in Deinem Beispiel liegt, kann jedoch zum Reflektieren des eigenen Seins anregen. Wie ist die Resonanz so auf Deine Aktivitäten im Netz und in der realen Welt da draußen?

Nore: Weißt Du, was ich verrückt finde? Vor allem persönlich sind die Menschen oft baff, sobald man sagt, man wohne in diesem Auto. Für mich ist es das Normalste überhaupt! Heutzutage freuen Menschen sich im Grunde, wenn man etwas anders machen möchte, aber oft stößt man dabei an seine Grenzen. Es gibt immer ein paar Leute, die das alternative Leben nicht für gut heißen, aber ich habe eine große Community, die mitfiebert, auf die ich richtig stolz bin, weil sie alles Negative überschatten, was ein Einzelner für mich übrig hat. Meistens sind User von Social Media begeistert und finden das mutig, und immer, wenn ich das höre, macht es mich noch ein Stückchen mutiger.

Ab und zu gibt es Smalltalk am Parkplatz mit neugierigen Leuten, und ich freue mich dann immer, weil mir Feedback oft ein schönes Gefühl gibt und noch schöner ist es, wenn man jemanden mit kurzer Präsenz den Tag verschönern konnte.

Ahoi: Psychologisch streben die meisten Menschen nach vier Aspekten: Bindung, Sicherheit, Kontrolle und der Verbesserung des positiven Selbstbildes. Du durchbrichst hier viele Festungen, beispielsweise die Sicherheit, die ja langfristig angelegt ist. Machst Du Dir manchmal Gedanken über Deine Zukunft? Wo und wie willst Du sein, wenn noch ein paar Jahre ins Land gezogen sind?

Nore: Ich lebe im absoluten Selbstvertrauen zu mir selbst und dem Leben, welches ich genau da draus entstehen sehe, wo es mir gut geht. Ich strebe keinen finanziellen Reichtum nur für mich an, höchstens um ihn wieder zu verteilen, dort, wo er benötigt wird. Mein Reichtum ist, das Leben in vollen Zügen zu genießen und nicht erst ab hohem Alter. Und dafür mache ich gerne ein paar Abstriche, so lange, bis ich sie nicht mehr machen muss.

Ein wichtiger Schritt ist für mich noch, einen Platz in der Natur zu finden, an dem ich ankommen und Sein darf. Außerhalb von Deutschland. Ich möchte am Liebsten auch diesen Platz und diese Energie teilen mit Tieren, die Rettung benötigen und Menschen, denen auch neurodiverse Barrieren im Alltag zu Grunde liegen.

Ahoi: Gibt es Unterstützerstrukturen, die Dir ermöglichen, diesen Deinen Weg zu gehen? Wie bringst Du Deine Brötchen in Deinen Ofen?

Nore: Ich habe von meiner Community Spenden erhalten, immer dann, wenn es zu holprig wurde, habe aber auch Aufgaben gehabt, die außerhalb von Social Media lagen, wie zum Beispiel Ställe ausmisten, Tiere füttern, und solche Sachen.

Inzwischen habe ich mein Gewerbe und verkaufe selbstgemachte Sachen und digitale Inhalte auf Social Media.

Ahoi: Danke, liebe Nore, für Deine Zeit und Deine Antworten. Und Danke dafür, dass Du es anders machst.

Nore: Vielen Lieben Dank für Dein Interesse, dieses nette Interview mit mir zu machen. Ich bin ganz gespannt, wo die Reise noch hin geht.

Nore im Netz:

Instagram

Facebook

 

« zurück
zur aktuellen Ausgabe