//
//
  • Interviews
Gespräch mit der Georg-Christoph-Biller-Preis-Trägerin Christina Simon

"Ich wandelte auf Nebenwegen und tue das heute noch"

Christina Simon & die Kunst, dem Mainstream von der Schippe zu springen © Chantal E. Ariens

Die Sicht vieler Leipzigerinnen und Leipziger auf die Welt ist eigenartig selbstbeschränkt. Entweder sie sehen den Mittelpunkt des Universums direkt auf ihrer eigenen Straße oder sie suchen die Vielfalt am anderen Ende der Welt. Dass aber 45 Minuten mit der Regionalbahn entfernt ein feiner Ort für Kultur und Wein ist, nehmen die Vielen nicht wahr. Dieser Ort heißt Weißenfels und er liegt im neo-toskanischen Burgenlandkreis. Hier wird der Georg-Christoph-Biller-Preis ausgelobt, der an unseren leider viel zu früh verstorbenen Thomaskantor erinnert. Ahoi-Redakteur Volly Tanner sprach mit der 2024er-Preisträgerin Christina Simon:

Ahoi: Guten Tag, Christina Simon. Du bist die diesjährige Preisträgerin des Georg-Christoph-Biller-Preises. Nun war Biller ja hier in Leipzig Thomaskantor, dies wissen viele Menschen. Dass er aber gebürtiger Burgenlandkreisler war, wissen wiederum weniger … und dass er am 20. September, dem Tag der Preisvergabe, Geburtstag hatte, wissen wahrscheinlich noch weniger Menschen. Dir jedenfalls erst einmal richtig viele Glückwünsche zum Preis. Du bekommst ihn, laut Preisausrichter, für „herausragende kulturelle Leistungen“. Verständlich, wenn man sich Deine künstlerische Vita und Dein Engagement anschaut. Besonders im Bereich BRAND-SANIERUNG. Kannst Du uns bitte etwas zur BRAND-SANIERUNG und dem dazugehörenden Verein erzählen?

Christina Simon: Die BRAND-SANIERUNG ist aus meinem Hauskreis entstanden, den ich mit Schülern und Kunstinteressierten nach der Wende gegründet habe. Viermal im Jahr trafen wir uns in meiner Wohnung in der Novalisstraße 13 und debattierten bis weit in die Nacht über Kunst. Es war „Aufbruchstimmung“ und eine problembeladene Zeit. 2001 sprengten wir den Kunstkreis, luden die Öffentlichkeit ein und ich machte die erste Ausstellung in dem inzwischen „leergewohnten“ Haus, der Gründerzeitvilla einer alten Schuhfabrik hier in der Neustadt. Die Fabrikruine ist inzwischen abgerissen, die Neustadt mit ihrer Industriekultur zu einem Problemviertel der Stadt geworden. Auf der anderen Straßenseite ist Europas größter Schlachthof TÖNNIES, hier leben inzwischen 48 Prozent Migranten, die meisten Jugendliche und die größte sozial schwache Schicht der Stadt.

Von Anfang an verfolgte ich mit der BRAND-SANIERUNG und meinen Unterstützern einen interdisziplinären Ansatz und suchte die Zusammenarbeit mit regionalen und überregionalen Kultureinrichtungen, Schulen und Künstlern. Ein starkes Netzwerk entstand. 2009 wurde aus meiner privaten Initiative dann der e.V. gegründet, dessen Vorstandsvorsitzende und Kuratorin ich bis heute bin. Im Mittelpunkt unseres Wirkens stehen Kunstausstellungen, begleitet von Lesungen, Konzerten, wissenschaftlichen Vorträgen und Schulprojekten. Kurzum. Die BRAND-SANIERUNG steht inzwischen fest auf drei Säulen: Bildung, Ästhetik und Sozialem.

Ahoi: Du bist in Weißenfels geboren worden, hast Ausbildungen in Naumburg, Halle und Erfurt erfahren. Seit 2001 leitest Du die BRAND-Sanierung in Weißenfels. Warum Weißenfels und nicht New York, Paris, Leipzig oder Berlin? Was reizt Dich an der künstlerischen Arbeit in Weißenfels?

Christina Simon: Dass ich meinen persönlichen künstlerischen Wirkradius nicht auf die großen Kunstmetropolen gerichtet habe, hat sicherlich mit meiner Biografie zu tun. Aufgewachsen im Wirtshaus in Markröhlitz, das ich gerade mit wahnwitzigem Idealismus saniere, damit es dem Dorf im historischen Ortskern erhalten bleibt, stand mir durch meine Herkunft und dem Festhalten meiner Mutter am christlichen Glauben in der DDR weder ein geradliniger Weg noch eine künstlerische Karriere zu. Ich wandelte auf Nebenwegen und tue das heute noch. Die Hauptwege waren mir nicht vergönnt, demzufolge auch nicht die Wege in die Hauptstädte. Auch hatte ich nicht den Mut nach der Wende aus dem familiären Gefüge auszubrechen, meine Tochter war im November 1988 geboren, mein Mann wurde recht bald arbeitslos. Meiner protestantischen Erziehung geschuldet, blieb ich da, wo Gott mich gerade hingestellt hatte, und machte mich nützlich, verdiente mein Brot, ging in Weißenfels als Kunstlehrerin in die Schule und fuhr ab da „zweigleisig“ zwischen Kunst und Pädagogik. Das dritte Gleis, die BRAND-SANIERUNG kam dann durch die Öffnung dazu. Ich spürte sehr schnell, dass das, was ich machte, hier eine Wirkung hat. Häuser wurden leer, Menschen waren „ausgehungert“ und hatten ein Bedürfnis nach Kunst und Kommunikation. Ich blieb und grub hier meinen Brunnen immer tiefer, anstatt in die westlichen Metropolen zu gehen, wo eine Sättigung auf dem Kunst- und Kultursektor längst erkennbar war.

Ahoi: Ausstellungen Deiner Werke gibt und gab es in ganz Deutschland – aber auch beispielsweise in Dänemark. Künstlerisch bist Du weit länger als 30 Jahre aktiv. Das ist ein ganz schön großes Paket Kunst. Wo kann man Deine Werke denn derzeit sehen?

Christina Simon: Momentan laufen drei Ausstellungen von mir, eine im Kulturhaus „Altes Amtsgericht“ in Langen/Hessen. Diese habe ich meinen inzwischen verstorbenen Freunden, dem Philosophen Horst Hermann und seiner Frau, der Germanistin Gudrun Hermann gewidmet. Beide waren mir wichtige Mentoren, die mich auf der Suche nach geistiger Nahrung und auf meinem Weg in den „großen weiten Westen“ nach 89 begleiteten.

Im Heinrich-Peraz-Hospiz in Halle ist bis März 2025 meine Ausstellung zum „Sonnengesang des Echnaton“ zu sehen. Midissage ist am 6. November, 17 Uhr. Die Hospizarbeit ist noch in den Kinderschuhen in unserem Land. Hier zeigt sich enorm viel ehrenamtliches Engagement und Spendenbereitschaft, ohne die das nicht aufrecht zu erhalten wäre. Mit meiner Kunst versuche ich dies thematisch zu unterstützen, da für mich die wichtigsten Fragen überhaupt die „letzten“ Fragen sind. Eine weitere Ausstellung ist gerade in einer kleinen Galerie „USEDOM REFUGIUM“ in Zinnowitz zu sehen. Hier zeige ich vornehmlich die Druckgrafiken, die ich in diesem Sommer als Stipendiatin im Künstlerhaus Lukas erarbeitet habe. Auch in öffentlichen Räumen und Institutionen, wie dem Rathaus, kirchlichen Einrichtungen, Museen oder Schulen sind Arbeiten von mir zu sehen.

Ahoi: Ich mag Deinen Text „9,5 Thesen für eine neue Kunst“ sehr. Wann und wofür ist er entstanden? Was war denn 2001, neben der Gründung der BRAND-SANIERUNG, geschehen, was Dich zu diesem Text brachte?

Christina Simon: Das ist mein Credo, das ich damals sicherlich mit etwas jugendlichem Schwung formuliert habe. Ich war nicht einmal dreißig und hatte mich entschieden, im Osten zu bleiben, die BRAND-SANIERUNG aufzubauen und die Leute über die Schwelle in das leere Haus zur Kunst zu tragen. Ich wollte mich nicht von der Beliebigkeit und Austauschbarkeit der Kunst des Westens verführen zu lassen, wollte authentisch bleiben und nicht im Mainstream versinken, nicht das machen, was angesagt war oder gar die eigene Biografie frisieren müssen, so, dass man plötzlich als Exot gefördert wird oder en vogue ist. Es war viel schwerer als Künstlerin, bei seinen Leisten zu bleiben. Ich galt als konservativ und mit biblischer Motivik ärgert man heute noch jedes Jurymitglied oder jeden Direktor einer Kunststiftung, der seinen geistigen Boden bei den 68ern oder in der DDR hat.  

Um als „außenständige“ im doppelten Sinne – an der Peripherie der Kunstmetropolen nicht gesehen zu werden und von der geistigen Gesinnung her im Widerpart zum herkömmlichen Strom abzuweichen - durchzuhalten brauchte ich den „Lutherischen Mut“ und die Besinnung auf meine protestantische Herkunft und auf die Tradition. In diesem Kontext sind die 9,5 – in Anspielung auf die 95 – Thesen von mir formuliert worden. Heute muss ich keine Thesen mehr formulieren. Jetzt bin ich in einem Alter angekommen, wo ich nicht mehr sagen muss, was ich nicht denke und ich die „Randerscheinung“ gut aushalten kann.

Ahoi: Der Burgenlandkreis ist nicht weit von Leipzig entfernt und eine traumhafte Gegend voller ungehobener Geschichten. Wenn Du Leipzigerinnen und Leipziger zu Besuch hättest, was würdest Du Ihnen unbedingt zeigen wollen?

Christina Simon: Das, was sie noch nicht kennen, die BRAND-SANIERUNG!

Ahoi: Gibt es eine Verbindung zwischen Georg-Christoph-Biller und Dir?

Christina Simon: Der Biller-Preis, das muss man einfach voranstellen, ist ja kein Preis, der von Christoph Biller selbst oder gar aus seinem Nachlass gestiftet wurde. Wir wissen nicht, ob Biller das überhaupt so getan oder nicht eher in seiner Sparte der Musik eine Förderung präferiert hätte. Der Preis wird von der Sparkasse BLK und dem Kulturamt des BLK vergeben. Biller ist lediglich der Namensgeber, da man sich - gottlob! - auf einen großen Namen im BLK besonnen hat. So ist es jetzt dem BLK endlich gelungen, Menschen für ihr kulturelles Engagement zu würdigen. Solch eine Form der Würdigung zu schaffen, war längst überfällig. Es kann nicht genug von Möglichkeiten geben, in welcher Form auch immer. Man nimmt ja solch einen Preis auch immer stellvertretend für alle diejenigen an, die das ganze Gebilde mitgetragen haben.

Von daher wäre es an den Haaren herbeigezogen, jetzt eine Verbindung zwischen mir und einem viel zu großen Namen herstellen zu wollen. Ich bin völlig unmusikalisch und habe meine Ausdrucksform auf einem ganz anderen Feld, der bildenden Kunst, gefunden. Aber es ist ganz egal, die Kanäle, Gott und die Welt in sich aufzunehmen und mit seinen Talenten durch sich hindurch zu spiegeln, sind von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Diese Vielfalt, das macht ja unsere Welt auch so schön und das Leben interessant. Wenn es eine Verbindung zwischen Biller und mir gibt, dann die, dass wir beide einen christushaltigen Vornamen (Christoph und Christina) tragen, der für uns beide programmatisch geworden ist, dass wir beide tiefe protestantische Wurzeln haben, die uns aufrecht und ungebrochen durch die Störungen in der DDR haben gehen lassen (er im Schutze des Pfarrhauses in Nebra – ich im ungeschützten Wirtshaus in Markröhlitz bei Goseck) und das energische Kinn, das wir beide besitzen. Zu unser beider reformatorischen Erbe gehört außerdem für mich die Druckgrafik, in der ich ausschließlich künstlerisch unterwegs bin wie für Biller Bach und die Musik.

Ahoi: Wo ist denn der Raum der BRAND-SANIERUNG ganz konkret und wann kann man ihn sehen? Gibt es Öffnungszeiten?

Christina Simon: Die BRAND-SANIERUNG ist in der Neustadt von Weißenfels in der Novalisstraße 13 zu finden. Die Öffnungszeiten sind je nach Ausstellung und Programmen variabel. Wir haben leider keine Personalstelle, dazu ist der Verein mit 25 Mitgliedern zu schwach und unser Appell danach bisher nicht gehört worden. Ich wohne allerdings hier im Hause und habe mein Atelier auch hier. Von daher kann man sich jederzeit telefonisch anmelden und mit mir einen Termin vereinbaren unter Tel.: 01784473097 / Reguläre Öffnungszeiten dann auf unserem Web unter: www.brand-sanierung.de

Ahoi: Und wie geht es weiter mit dem Preis (ist ja nicht die erste Ehrung Deiner Arbeit) im Gepäck? Haben die Thomaner schon angerufen und nach einer Zusammenarbeit gefragt?

Christina Simon: Nein, das haben sie nicht. Ich könnte mir gut vorstellen, auch einmal mit ihnen zusammen etwas hier zu machen.

Ahoi: In Deinen Bildern spürt man einen starken Bezug zur christlichen Religion, Du hast auch evangelische Religionspädagogik studiert. Wie kam und kommt es? Was fasziniert Dich an dieser Lehre?

Christina Simon: Die Faszination ist dem geschuldet, dass das Christentum für mich eines der größten geistigen Würfe ist, die die gesamten Menschheitserfahrungen in ihren Mythen, Ritualen und in der Lehre von Jesus Christus auf den Punkt bringt und anschaulich macht. Sie stecken voller Wahrheit, die es sich ständig bewusst zu machen gilt. Es sind aber nicht nur die christlichen Mythen, die mir lange Zeit den Weg bereiteten und Halt gaben, sondern auch die antiken. Ich habe auch die Griechen, den Echnaton und den Gilgamesch gemacht.

Ahoi: Danke, Christina, für Deine Zeit und Deine Kunst.

BRAND-SANIERUNG im Netz: www.brand-sanierung.de

« zurück
zur aktuellen Ausgabe