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Im Gespräch mit Künstlerin Pascal von Wroblewsky

"Ich möchte mich mit Kunst befassen, die mich erschüttert"

Künstlerin Pascal von Wroblewsky ist aus der Leipziger Kulturszene längst nicht mehr wegzudenken © Martin Becker

Am Donnerstag, den 23. Mai, tritt Pascal von Wroblewsky, gemeinsam mit dem Lora Kostina Trio, in der Alten Handelsbörse zu Leipzig auf, um Burt Bacharach-Songs zu interpretieren. Die Veranstaltung ist Teil der Reihe WIRTSCHAFT TRIFFT KULTUR der IHK zu Leipzig. In Kooperation mit dem LeipJAZZig e.V. möchten die Veranstaltenden einen Raum öffnen, damit Menschen miteinander ins Gespräch kommen können. Deshalb ist die Reihe seit Beginn 2024 auch Eintritt frei zu erleben. Vor dem Konzert wird es noch einen kleinen Talk mit dem Historiker und Autor Steffen Held zur jüdischen Wirtschaftsgeschichte Leipzigs geben. Ahoi-Redakteur Volly Tanner sprach mit der großen Künstlerin Pascal von Wroblewsky über ihr Leipzig, ihre Kunst und Burt Bacharach.

Ahoi: Guten Tag, Pascal von Wroblewsky. Ich freue mich, dass Sie gemeinsam mit dem Lora Kostina Trio am 23. Mai 2024 in Leipzig gastieren. Sie ehren mit Ihrem Programm „A Look of Burt“ den großen Burt Bacharach. Warum gerade ihn?

Pascal von Wroblewsky: Burt Bacharach hat ein riesiges Œuvre an großen Liedern hinterlassen. Das Verrückte ist, dass viele Menschen nicht mehr mit seinem Namen vertraut sind, jedoch die meisten Songs kennen oder sogar mitsingen könnten. Bacharach, selbst aus einer jüdisch-deutschen Auswandererfamilie stammend, hat jahrelang sogar die amerikanischen Single-Charts dominiert, eigentlich ist das für den deutschen Jazz eher undenkbar. Daher ist er auch beispielhaft für grenzenlose Freiheit in seiner Arbeit. Die Songs, die er hinterlassen hat, werden von unzähligen Interpreten immer wieder neu gespielt und gesungen, weil sie weit über das hinausgehen, was man von einem normalen Popsong erwarten würde. Und es macht einfach SPASS, sie immer wieder zu singen!

Ahoi: Ich kann mich noch daran erinnern wie ich damals in der zweiten Hälfte der Achtziger Jahre, in mir drin grummelte gerade der Punk nach oben, Ihr Album „Swinging Pool“ in den Händen hielt und auf meinem Plattenspieler zur Drehung brachte. Es war eine Offenbarung für mich kleinen 16/17jährigen Hallenser. Es gab sogar dafür die Goldene Amiga, was zu DDR-Zeiten fast nicht zu toppen war. Sie selbst waren da schon lange eine Größe im Jazz. Gab es einen speziellen Ost-Jazz? Der Ostrock beispielsweise hatte ja aufgrund der textlichen Beschränkungen und politischen Doppel-Böden ganz besondere Ausprägungen, die ihn unterschieden …

Pascal von Wroblewsky: Ja, der Jazz in der DDR war insofern speziell, da er sich sehr eigenständig entwickelte, ohne Schulen, ohne entsprechendes Lehrmaterial, mit sehr wenig Hörmaterial. Das musste man sich ja alles irgendwo besorgen. Ich hatte in meiner Ausbildung zum Beispiel keine Gesangspädagogen, die wirklich Ahnung hatten von Jazz, die Instrumentalisten waren da schon anders unterwegs. Dadurch entwickelten sich teils sehr eigenständige Interpretations- und Spielweisen. Wir lebten zwar musikalisch in der DDR auf dem Mond, aber nicht HINTER dem Mond. Wir wussten schon ziemlich gut Bescheid, was da „draußen" so an Musik lief und versuchten, überall etwas davon aufzufangen und zu verarbeiten. Und die Leute waren alle jazzverrückt. Nicht zuletzt entstanden aus dieser Verrücktheit zwei Hauptströmungen bei Veranstaltungen, die gegensätzlicher nicht sein konnten: das große und beliebte Dixilandfestival in Dresden und Freejazz in einigen großen Festivals und vielen anderen Veranstaltungen. Ich möchte hier an dieser Stelle unbedingt auf Musiker wie das „Zentralquartett" verweisen: Uli Gumpert, Baby Sommer, Conny Bauer und Ernst-Ludwig Petrowski haben mit ihrem grandiosen freien Jazz schon auch dem Staat den Marsch geblasen und sie stehen für viele andere. Es gab viele Studentenclubs, in denen jede Woche Bands spielten und das war immer rappelvoll. Jazz war (und ist) für uns die Musik gewesen, mit der wir den geistigen Weg nach außen gesucht und gefunden haben. Daher ist es für mich auch immer ein bisschen irritierend, wenn ich darauf angesprochen werde, dass es so „schön" nach DDR klingt. Diese Sehnsucht nach dem alten Osten befremdet mich, auch weil das ja nun mehr als drei Jahrzehnte her ist.

Ahoi: Wann begann eigentlich die Zusammenarbeit mit Lora Kostina, die ja in Leipzig lebt? Und wie kam es dazu?

Pascal von Wroblewsky: Kennen Sie den Witz, dass Künstler ständig irgendwo in Cafés oder Bars oder bei Konzerten aufeinandertreffen und sich gern mit den Worten: „Wir müssen mal was zusammen machen!" verabschieden? Lora und ich haben uns beide an der HMT Felix Mendelssohn-Bartholdy Leipzig beim Unterrichten auf dem Hof in den Pausen getroffen und mindestens zwei Jahre lang genau diesen Satz gesagt. Und eines Tages haben wir dann Nägel mit Köpfen und was zusammen gemacht und das war eine unserer besten Entscheidungen! Schöne Geschichte, oder?

Ahoi: Sie selbst lebten auch schon in Leipzig. Wann und wieso denn und was verbindet Sie mit den Menschen dieser Stadt?

Pascal von Wroblewsky: Ich war als Kind fünf Jahre in Leipzig mit meinen Großeltern. Mich verbindet mit der Stadt vor allem eins: Leipzig war mein Räuberrevier! Ich mochte es sehr, in der Innenstadt herumzustromern und mit meinem Fahrrad bin ich überall gewesen. Mit den Menschen verbinde ich vor allem immer noch wichtige Personen, wie zwei meiner Lehrer, die wirklich für meine humanistische Bildung entscheidend waren und einige Schulfreundinnen, zu denen ich tatsächlich immer noch Kontakt habe.

Ahoi: Jazz ist in meinen Ohren die freieste Kunstform – Sie dürfen auch gern widersprechen – da Jazz sich frei aus allen Kunstformen Stücke herausnimmt, um diese in Musik zu verwandeln. Jazz ist grenzenlos und zutiefst emotional. Und divers, nicht zu fassen, ausbrechend und Kraft gebend. Was kann Jazz den Menschen, die danach dürsten, geben?

Pascal von Wroblewsky: Ich möchte tatsächlich widersprechen, denn es ist nicht der Jazz allein, der grenzenlos ist und vor allem emotional. Ich würde immer sagen, dass gerade dies das Vorrecht, besonders von jungen Musikern ist und das höre ich vor allem auch in der Rockmusik. Die emotionale Situation junger Menschen ist oft schwierig und das erlebt die derzeit junge Generation nicht als erste. Heranzuwachsen und sich mit der der Vätergeneration auseinanderzusetzen, auch mit den eigenen Schwierigkeiten oder politischen Situationen, hat schon immer dazu geführt, dass Künstler die Grenzen versuchen zu sprengen. Der Jazz eines Coltrane oder eines Thelonius Monk ist für mich aus heutiger Sicht wie Punk, wie Rock. Grenzensprenger waren und sind Musiker wie Mozart oder Beethoven, wie Kurt Cobain oder Chester Bennington oder auch Amy Winehouse, die ihren Dämonen trotzdem nicht entkommen konnten. Ich lehne das auch aus dem Grund ab, da ich zwar von außen betrachtet als Jazzsängerin gelten mag, aber in den mittlerweile 44 Jahren auf der Bühne so viel verschiedene Sachen gemacht habe, die nicht zwingend mit Jazz zu tun haben. Mich interessiert auch solche Einordnung nicht, ich möchte mich unabhängig von Grenzziehungen mit Kunst befassen, die mich erschüttert.

Ahoi: Mit Lora Kostina gibt es von Ihnen auch das Programm „Vom Hoffen und Handeln – Lieder von Boris Pasternak“. Der Nobelpreisträger für Literatur (1958) durfte seinen Weltroman „Doktor Schiwago“ nie in seiner Heimat veröffentlichen, wurde aus dem Schriftstellerverband der Sowjetunion ausgeschlossen (was fast einem Veröffentlichungsverbot gleichkam), musste seinen Nobelpreis zurückgeben. Wie haben Sie seine Texte für das Programm herausgesucht? Es gibt ja viele Gedichte von ihm …

Pascal von Wroblewsky: Die Texte stammen aus dem Buch „Dr. Schiwago" von Boris Pasternak, die hat Lora Kostina ausgewählt. Da das Buch, wie Sie sagen, im Osten nie erschienen war, kannte im Grunde hier kaum jemand die Poeme. Bekannt war nur der Film. Da Lora sich bereits länger mit dem Thema befasst hatte, war es faktisch ein bereits existierendes Programm, wir haben dann nur teilweise die Tonarten für mich angepasst, da ich eine Kontraaltstimme habe und nicht immer alle hohen Lagen singe. Pasternak zu lesen und auch zu singen ist noch immer eine Herausforderung. Sicher wäre er auch heute immer noch ein Künstler, der in seiner Heimat keine Lorbeeren von der Regierung geflochten bekäme.

Ahoi: Danke, liebe Pascal von Wroblewsky, dass Sie sich Zeit genommen haben für uns. Es war mir eine wirkliche Ehre. Wir sehen uns am 23. Mai auf der Bühne in der Alten Handelsbörse. Versprochen!

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