Die große Kunst von Wim Wenders, Charles Bukowski, Ursula Le Guin oder Leonard Cohen entstand immer aus einem Moment der Verzweiflung, aus einen Scheitern und daraus sich ergebenden Möglichkeiten, aus einer gewissen Einsicht, dass es immer darum gehen muss, mit sich selbst ins Reine zu kommen. Diese Momente, fremdverursacht oder durch eigenes falsches Entscheiden erwachsen, gibt es auch im Leben von Unternehmerinnen und Unternehmern. Diese Geschichten lässt die Wirtschaftsmediatorin Christin Stäudte in ihrer Reihe „Business Roast“ von Betroffenen erzählen und sie lässt auch erzählen, wie die Betroffenen mit diesen Tiefpunkten umgegangen sind.
Am 26. Februar 2026 wird, neben anderen Auftretenden, Johanna Strelow ihre Geschichte präsentieren. Ahoi-Redakteur Volly Tanner sprach schon im Vorfeld mit ihr:
Ahoi: Guten Tag Johanna Strelow. Am 26. Februar trittst Du beim Business Roast in den Design Offices in Leipzig auf. Was ist das denn für eine Veranstaltung?
Johanna Strelow: Hallo Volly, ich freue mich sehr, Teil des Business Roast 2026 zu sein, zu dem mich Christin Stäudte eingeladen hat. Für mich ist dieses Format etwas Besonderes, weil es sich bewusst von klassischen Netzwerkveranstaltungen abhebt. Es geht nicht darum, Erfolge zu polieren oder perfekte Fassaden zu zeigen, sondern darum, echte Geschichten zu erzählen. Unternehmerinnen und Unternehmer sprechen dort offen über Pannen, Pech und Pleiten – über Entscheidungen, die nicht abgesegnet waren, und über Wege, die man oft allein gegangen ist. Genau diese Geschichten sind es, die Unternehmen und Persönlichkeiten wirklich formen.
Ahoi: Das bedeutet ja, dass auch Du von Deinen erlebten Tiefpunkten erzählen wirst, deren Bewältigung Dich zu der machten, die Du jetzt bist. Ist das so?
Johanna Strelow: Ja. Ich habe mehrere Tiefpunkte erlebt – und viele davon mit sehr wenig Rückendeckung von außen. Rückblickend waren es genau diese Phasen, in denen ich lernen musste, mir selbst zu vertrauen. Sie haben mich stärker geprägt als jede Erfolgsgeschichte.
Ahoi: Dann lass uns doch einmal darüber reden: Wann ging es denn zu richtig tief? Ich hörte davon, dass Du ja eigentlich promovierte Chemikerin mit Labor und ganz vielen Forschungsgeldern werden wolltest. Was kam dazwischen und wie hat sich das auf Dich ausgewirkt?
Johanna Strelow: Ich war Lehrerin für Biologie und Chemie und befand mich mitten in meiner Promotion – fachlich erfolgreich, gut im Zeitplan und sehr sicher in dem, was ich tat. Dann kam das Leben dazwischen. Mitten in der Corona-Zeit wurde ich Mutter. Diese Phase brachte nicht nur ein neues Leben, sondern auch massive innere Umbrüche. Plötzlich stellte sich eine Frage, die ich mir zuvor nie erlaubt hatte: Will ich dieses Leben wirklich führen oder erfülle ich gerade ein Bild, das andere von mir haben?
Nach außen passte alles. Innerlich immer weniger. Ich begann zu hinterfragen, wer ich jenseits von Titeln bin und was bleibt, wenn man sie weglässt.
Ahoi: Gerade die Corona-Einschränkungen fühlten sich für viele Menschen, die ansonsten selbstaktiv waren, wie eine Mauer aus Fremdbestimmung an und ließen an der eigenen Philosophie zweifeln. Wie hast Du Dich daraus lösen können?
Johanna Strelow: Die Einschränkungen waren real – und belastend. Gleichzeitig haben sie mich gezwungen, innezuhalten. Ich konnte nicht mehr funktionieren wie zuvor. Ich habe diese Zeit genutzt, um bewusst Entscheidungen zu treffen: über mein Leben, meine Arbeit und darüber, was für mich Erfüllung bedeutet. Corona war für mich kein Stillstand, sondern der Beginn eines selbstbestimmten Lebens.
Ahoi: Gerade diese Selbstermächtigung, dieses Hören auf die eigene Stimme im Inneren, macht aus uns mündige Menschen. Wie regierte Dein Umfeld auf diese Transformation?
Johanna Strelow: Mit Unverständnis. Der häufigste Satz war: „Du bist doch schon so weit – warum wirfst du das alles weg?“ Viele hielten meine Entscheidung für irrational. Unterstützung kam nur von wenigen. Bis dahin hatte ich das Bild der „verlässlichen Durchzieherin“ perfekt bedient. Doch dieses Mal war Durchziehen nicht mehr richtig. Loslassen war es!
Ich bin zutiefst dankbar für die Menschen, die meinen Weg nicht bewertet, sondern meinen Mut erkannt haben; auch wenn er nicht gesellschaftskonform war.
Ahoi: Du hast dann zwei heute sehr erfolgreiche Unternehmen gegründet. Kannst Du uns bitte dazu etwas erzählen?
Johanna Strelow: Beide Gründungen waren nicht geplant. Ich hatte keinen Masterplan.
Nach einem Tiefpunkt mit meinem ersten Unternehmen war ich gezwungen, umzudenken. Ich habe Fehler gemacht, Geld verloren und gemerkt, dass meine bisherigen Vorstellungen nicht mehr tragen. Also habe ich Dinge ausprobiert, für die es zunächst weder Namen noch Strukturen gab – aber erste Kundinnen und Kunden.
Das zweite Unternehmen entstand aus einer Idee, die von außen betrachtet absurd wirkte: einen Running Club zu gründen, ohne selbst Läuferin gewesen zu sein.
Was beide Gründungen verbindet, ist kein Businessplan, sondern eine klare innere Entscheidung. Ich konnte nicht erklären, warum ich diesen Weg gehe; aber ich wusste, dass ich ihn gehen muss.
Ahoi: Wieviel der Aufbruchskraft hast Du ins Heute retten können?
Johanna Strelow: Ich treffe heute überlegtere Entscheidungen, nicht zuletzt als alleinerziehende Mutter. Aber meine innere Dynamik ist geblieben. Ich bin vielleicht weniger waghalsig, aber Stagnation ist für mich keine Option. Der Unterschied zu früher ist: Ich lebe heute ein Leben, aus dem ich nicht mehr ausbrechen muss. Es ist selbstbestimmt. Und genau das gibt mir die Freiheit, neue Projekte zu denken.
Ahoi: Eigenverantwortung ist in der großen Fläche kaum mehr wahrzunehmen, Rücksichtnahme gilt als Schwäche in diversen Milieus, Selbsterkenntnis wird belächelt. Wie hälst Du Dich stark?
Johanna Strelow: Stärke bedeutet für mich radikale Ehrlichkeit mir selbst gegenüber. Mich immer wieder zu fragen: Warum tue ich das, was ich tue? Ich habe große Ängste erlebt, Kontrolle verloren, viel Geld in Projekte gesteckt, die noch nicht tragfähig waren. Lange dachte ich, Kontrolle gäbe Sicherheit. Bis ich verstand, dass Vertrauen der stabilere Zustand ist. Nicht naives Vertrauen, sondern das Wissen: Wenn es wieder schwierig wird, finde ich einen Weg.
Ahoi: Christoph Schlingensief hatte für seine Partei CHANCE 2000 damals Buttons herausgebracht, auf denen „Scheitern als Chance“ stand. Wie siehst Du das in der Rückschau? Braucht es ein gewisses Scheitern, um erfolgreich zu werden? Und was würdest Du heutigen Scheiternden raten?
Johanna Strelow: Absolut. Ohne Scheitern wüssten wir nicht, wozu wir fähig sind.
Mein Rat an Menschen, die gerade scheitern: Geh mit Deiner Angst. Kämpfe nicht gegen sie. Wenn Du ihr Raum gibst, entsteht Vertrauen – in Dich und in Fähigkeiten, von denen Du noch nicht wusstest, dass Du sie besitzt. Oft hält uns nicht das Scheitern zurück, sondern der Wunsch nach Kontrolle. Wenn wir diesen lösen, wird der Blick weiter. Und genau dort beginnen neue Möglichkeiten.
Ahoi: Danke Johanna Strelow, für Deine Zeit, Deine Antworten und Deine Perspektive.


