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  • Interviews
Gespräch mit der Schauspielerin Bérénice Brause

Ich glaube, ich bin noch nicht ganz fertig mit dem Rest der Welt

Frau Brause und ihre Sicht auf das Schauspiel der Welt © Anna Minkenberg

Die Schauspielkunst wird gerade völlig durcheinander gewirbelt. Die Popmusik ebenfalls und Illustrierende gerate auch gerade an den Rand. Gut, wenn sich da Leipziger Schauspielende auch in der weiten Welt behaupten können und sich Gedanken machen, etwas anders Neues auf die Bühnen und Leinwände zu bringen. Ahoi-Redakteur Volly Tanner sprach mit der in Leipzig geborenen Schauspielerin Bérénice Brause, die ihm in einigen Produktionen als wohltuend einzigartig auffiel.

Ahoi: Guten Tag Bérénice Brause. Sie wurden Anfang der Neunziger des letzten Jahrhunderts des letzten Jahrtausends in unserer schönen Stadt Leipzig geboren und sind nun eine wirklich vielgebuchte und aktive Schauspielerin. An welchem Projekt sind Sie denn gerade zugange? Und um was geht es da?

Bérénice Brause: Gerade bin ich in mehrere sehr unterschiedliche Projekte involviert. Besonders spannend ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit dem Performancekünstler Marco Schmitt zum Thema „den inneren Tresor knacken“. Daraus entstehen Film, Live-Performance und Ausstellung zugleich. Ich spiele darin unter anderem eine künstliche Intelligenz namens A11GEL.



Außerdem habe ich vor ein paar Monaten gemeinsam mit der Schauspielerin Ruth Kennecke das Format „Kunst geht durch den Magen“ gegründet - ein Abend zwischen Literatur, Musik und Essen in Berliner Wohnzimmeratmosphäre. Mich interessiert momentan besonders, eigene künstlerische Räume und Formate mitzuentwickeln. Und ein Film- und Theaterprojekt in diesem Sommer stehen ebenfalls an. Darüber darf ich allerdings noch nicht zu viel verraten.

Ahoi: Für viele Menschen ist es unvorstellbar, die Stadt im Mittelpunkt des Universums (Leipzig) zu verlassen. Wie kam es, dass Sie hier weggingen?

Bérénice Brause: Ich liebe Leipzig bis heute sehr. Für mich ist es eine der lebenswertesten Städte Deutschlands.

 Um Leipzig wirklich schätzen zu lernen, musste ich allerdings erst einmal weggehen. Mich hat früh die Neugier getrieben, andere Städte und Lebensrealitäten kennenzulernen. Als Schauspielerin gehört dieses Unterwegssein ohnehin oft dazu. Heute komme ich unglaublich gern zurück und spüre hier immer auch etwas Nostalgie. Aber ich glaube, ich bin noch nicht ganz fertig mit dem Rest der Welt. Ein bisschen Nomadin werde ich wohl immer bleiben.

Ahoi: Auf der Filmmakers-Homepage las ich, dass Sie eine Arbeitserlaubnis für die Europäische Union haben. Was es alles gibt … Darf man nicht automatisch allerorten arbeiten? Jetzt mal abgesehen von Nordkorea?

Bérénice Brause: Darüber hatte ich ehrlich gesagt lange gar nicht so bewusst nachgedacht - wahrscheinlich auch, weil ich in dieser Hinsicht ziemlich privilegiert bin. Erst wenn man international arbeitet, merkt man, wie kompliziert Bewegungsfreiheit und Arbeitsgenehmigungen für viele Menschen tatsächlich sind.

Ahoi: Bei den Wohnmöglichkeiten ist bei Ihnen auch Italien ausgeführt und hier Pescara und Catania. Welche Verbindungen haben Sie denn dorthin?

Bérénice Brause: Italien begleitet mich tatsächlich schon lange. Ich habe, durch die hohe Affinität meiner Mutter zu Italien, dort immer wieder längere Zeit verbracht. Meine Mutter Katrin Brause, die ebenfalls Künstlerin beziehungsweise Malerin ist, lebt mittlerweile in Catania auf dem schönen Sizilien. Dort besuche ich sie sehr gerne. Und in Pescara habe ich letztes Jahr für ein paar Monate gedreht und den Ort dadurch ebenfalls lieben gelernt, da ich dort einige prägende Freundschaften geschlossen habe und eine intensive transformierende Zeit erlebte. Insgesamt zieht mich die Mischung aus Lebenskunst, Improvisation und Emotionalität der italienischen Lebensweise sehr an. Außerdem esse ich einfach viel zu gern italienisches Essen.

Ahoi: Und Leipzig? Was verbindet Sie denn noch mit unserer schönen Stadt?

Bérénice Brause: Familie, alte Freundschaften, Erinnerungen - und ein bestimmtes Lebensgefühl. Leipzig hat für mich etwas angenehm Unaufgeregtes. Die Größe der Stadt ist fast perfekt: kulturell lebendig, aber nicht so überwältigend wie Berlin. Wenn ich heute dort bin, fühlt sich vieles gleichzeitig vertraut und verändert an. Das mag ich sehr.

Ahoi: Ihre professionelle Ausbildung haben Sie an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Graz genossen. Warum dort und was machte die Ausbildung dort so besonders? Sie hätten ja auch an unserer HMT in Leipzig studieren können …

Bérénice Brause: Wenn man Schauspiel studieren möchte, sucht man sich den Ort nur bedingt aus. Die Plätze sind rar und die Bewerbungen zahlreich. Ich habe mich an vielen staatlichen Schulen im deutschsprachigen Raum beworben, und an der Kunstuniversität Graz hat es schließlich gepasst. 

Rückblickend war das genau richtig. Die Studierenden dort wurden sehr darin bestärkt, eigene künstlerische Arbeiten zu entwickeln und Verantwortung für ihre Ideen zu übernehmen. Diese Mischung aus Freiheit, Eigeninitiative und künstlerischer Neugier hat sehr gut zu mir gepasst. Und Graz selbst ist einfach eine wunderschöne Stadt mit hoher Lebensqualität.

Ahoi: Sie waren auch als Figur Hannah in „Birkner Flötz“ schauspielend aktiv, wenn ich richtig informiert bin. Was ist das denn für eine Serie?

Bérénice Brause: „Birkner Flöz“ ist ein satirisches Social-Media-Format - ein bisschen wie „The Office“, nur politischer. Wir sind inzwischen ein sehr gut eingespieltes Ensemble und drehen regelmäßig neue Folgen. Besonders schön finde ich, dass dort viele kreative Autorinnen und Autoren zusammenkommen und wirklich absurde, kluge Szenen entstehen.

Ahoi: Sie haben immense Erfahrungen als Sprecherin und Schauspielerin in Film und Theater. Welche Produktion hat Sie selbst am meisten berührt? Und welche hat Sie am stärksten beeinflusst auf Ihrem Weg? Und warum konkret?

Bérénice Brause: Sehr geprägt hat mich die Theaterinszenierung „Irrgarten des Wissens“ am Schauspiel Dortmund unter der Regie des isländischen Regisseurs Thorleifur Örn Arnarsson. Das war kurz vor meinem Abschluss und für mich eine unglaublich intensive Erfahrung.

Die Inszenierung war wild, musikalisch, komplex und vollkommen unkonventionell; fünf Stunden Theater pro Abend. Ich stand damals unter anderem mit einem selbstgeschriebenen Monolog auf der Bühne und erinnere mich bis heute an das Gefühl dieser Premiere. Das war einer dieser seltenen Momente, in denen man plötzlich versteht, warum man diesen Beruf macht.

Ahoi: Die Arbeit als Schauspielerin ist nicht gerade die sicherste Wahl, um dauernd den Kühlschrank zu füllen. Gibt es da B-Varianten? Welche Interessen haben Sie neben der Schauspielkunst noch?

Bérénice Brause: Man muss in diesem Beruf definitiv kreativ bleiben. Ich arbeite nebenbei unter anderem beim rbb. Das mag ich sehr, weil ich dadurch mit Musik, Veranstaltungen und spannenden Menschen in Kontakt bleibe. 

Musik spielt generell ebenfalls eine große Rolle in meinem Leben. Ich habe eine besondere Liebe zu analogen Synthesizern. Irgendwann werde ich da eine eigene Live-Performance damit entwickeln.

Ahoi: KI bricht in viele Lebensrealitäten ein, die Arbeitswelt wird gerade völlig umgekrempelt. Wo sehe Sie Chancen für sich selbst und wo sehen Sie Gefahren? Und wie gehen Sie mit den Gefahren um?

Bérénice Brause: Natürlich betrifft die KI-Entwicklung auch Schauspielende und Sprecherinnen und Sprecher bereits sehr konkret; besonders im Synchronbereich. Ich versuche trotzdem, das Thema differenziert zu betrachten. KI kann im künstlerischen Bereich durchaus unterstützend und sinnvoll eingesetzt werden. Gleichzeitig braucht es klare Regeln und einen bewussten Umgang damit.

 Ich glaube nach wie vor, dass künstlich generierte Figuren echte Schauspielende nicht vollständig ersetzen können. Menschliche Widersprüche, Verletzlichkeit und komplexe Emotionen entstehen nicht allein durch perfekte Oberfläche. Vielleicht wird gerade Theater deshalb in Zukunft noch wichtiger werden, als Ort echter menschlicher Begegnung. Das ist auch unser Ansinnen mit unserem Format “Kunst geht durch den Magen".

Ahoi: Danke sehr für Ihre Zeit, Ihr Spiel und Ihre Antworten.

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