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  • Interviews
Gespräch mit der Sängerin, Moderatorin und Influencerin Nora Lob

Ich bin nicht einfach nur aufgestanden: Ich bin marschiert

Nora Lob © MomentsArt Fotografie

Häusliche Gewalt wird viel zu selten thematisiert. Gewalt gegen Kinder, Gewalt gegen Frauen und ja, auch Gewalt gegen Männer. Viel zu oft ist es für die Opfer unmöglich der Spirale aus Gehirnwäsche und Herrschaftsanspruch der oder des Gewaltausübenden zu entfliehen. Die Schauspielerin und Moderatorin Nora Lob kennt dies aus eigener Erfahrung, kommt aber in Aktivität. Darüber und über Möglichkeiten auszubrechen, spricht Ahoi-Redakteur Volly Tanner mit ihr: 

Ahoi: Guten Tag Nora Lob. Als ich Dich nach recherchierte, fand ich den Begriff „Internetpersönlichkeit“, Monk würde sagen: Internetmenschen. Heißt das nun, dass Du im Internet wohnst? Das wäre ja irgendwie nicht real. Du selbst warst – oder bist – seit vielen Jahren Leipzigerin. Wo lebst Du denn jetzt und warum?

Nora Lob: Wenn ich wirklich im Internet wohnen würde, hätte ich wenigstens immer WLAN. (schmunzelt) Nein, Spaß beiseite: Ich komme ursprünglich aus Leipzig, bin aber mittlerweile auf Mallorca zu Hause. Ich wurde letztes Jahr für den Megapark engagiert, das war der Auslöser für meinen Umzug.

Ahoi: Du machst Dich für Gewaltopfer stark, gerade für weibliche … Dafür braucht es in der Regel einen Initial-Moment. Was war geschehen?

Nora Lob: Der Initial-Moment war leider persönlicher Natur. Ich bin selbst Opfer von Gewalt.
Das ist eine Erfahrung, die ich niemandem wünsche; aber sie hat in mir einen Entschluss geweckt: Wenn ich schon da durch muss, dann wenigstens so, dass ich anderen helfen kann, es nie erleben zu müssen. Was zerstören sollte, hat in mir etwas Neues erschaffen: Haltung.

Ahoi: Und wie hast Du auf die Gewalt reagiert?

Nora Lob: Ich bin nicht einfach nur aufgestanden: Ich bin marschiert. Ich habe den Täter angezeigt, eine einstweilige Verfügung durchgesetzt und mich öffentlich positioniert. Ohne Weichzeichner, ohne Relativierung.

Parallel habe ich mein erstes Buch geschrieben: „Die Kunst, die Fresse zu halten“, (Erscheinungstermin 1. Mai 2025), eine Anleitung zu mehr Empathie in einer lauten, oft grausamen Welt.
Außerdem gründe ich gerade die „Believe Community“: eine europäische Gemeinschaft für Opferschutz und echte Gleichberechtigung. Ich will, dass solche Erfahrungen irgendwann einfach nur noch Geschichte sind – und zwar eine, die wir nicht wiederholen.

Ahoi: Was muss sich ändern, damit gerade solche Situationen nicht mehr stattfinden?

Nora Lob: Es braucht einen radikalen Kulturwandel. Wir müssen aufhören, Tätern Ausreden zu liefern ("war betrunken", "war ein Missverständnis", "war doch nicht so schlimm"). Gewalt ist Gewalt – Punkt. Was wir brauchen, sind: härtere und konsequente Strafen, ein besserer Opferschutz und endlich eine Erziehung, die echte Empathie vermittelt, statt toxische Stärke zu glorifizieren.

Ahoi: Gewalt muss, da bin ich völlig Deiner Meinung, gesellschaftlich verfemt werden. Nur habe ich das Gefühl, dass derzeit genau das Gegenteil geschieht. Was, denkst Du, sind hier die Gründe?

Nora Lob: Einer der Gründe ist, dass wir in einer Welt leben, die oft Härte mit Coolness verwechselt, wobei Machtmissbrauch normalisiert und manchmal sogar belächelt wird. Ein weiterer Grund ist, dass wir Probleme lieber memen als lösen. Und, ganz ehrlich: Weil viele Angst haben, sich klar zu positionieren – aus Angst, selbst attackiert zu werden.
Aber genau da müssen wir ansetzen: Laut sein, unbequem sein, klare Kante zeigen.

Ahoi: Am 28. März hast Du einen Post mit der Überschrift „Erlernte Hilflosigkeit“ abgesetzt. Was meinst Du damit und wie können Menschen aus der Spirale der Fremdbestimmung ausbrechen?

Nora Lob: „Erlernte Hilflosigkeit“ bedeutet: Wenn Menschen zu oft ohnmächtig erleben, dass ihre Grenzen ignoriert werden, glauben sie irgendwann, dass sie keine Kontrolle mehr haben. Sie hören auf, sich zu wehren, weil sie denken, es bringt sowieso nichts. Ausbrechen können sie nur, indem sie lernen: Nein zu sagen, Hilfe einzufordern und sich selbst wieder als handlungsfähig zu erleben. Das geht nicht über Nacht. Aber es geht – und ich bin der lebende Beweis dafür.

Ahoi: Durch das Internet fluten Memes, welche unter anderem Handzeichen gegen häusliche Gewalt vorstellen. Diese Handzeichen müssten aber gekannt sein. Welche Wege können Opfer häuslicher Gewalt noch gehen? Was schlägst Du aus Deiner eigenen Betroffenheit und Deiner Erfahrung vor?

Nora Lob: Memes sind gut, aber sie reichen nicht. Was Betroffene brauchen, sind klare, niederschwellige Notrufstrukturen, Zugang zu Beratungsstellen, auch anonym sowie gesetzlichen Schutz, der wirklich greift (nicht erst nach dem dritten Übergriff).

Mein Rat aus Erfahrung: Dokumentiere alles (Fotos, Nachrichten, Zeugen). Vertraue deinem Bauchgefühl. Hole Dir Hilfe, auch wenn es schwerfällt. Und: Du bist nicht schuld. NIE. Deshalb auch die „Believe Community“, damit niemand mehr allein kämpfen muss.

Ahoi: Du bist aber weit mehr als die Betroffene von Gewaltakten, Du bist Nora Lob in voll und ganz: Deshalb die Frage: An welchen Projekten arbeitest Du denn derzeit?

Nora Lob: Aktuell bin ich im absoluten Launch-Modus (schmunzelt). Gerade erscheint mein Buch: „Die Kunst, die Fresse zu halten“ - Eine Anleitung zu mehr Empathie. Ich bringe neue Songs raus – nach einer intensiven Schaffensphase, die ich zur Verarbeitung der Ereignisse gebraucht habe. Ich entwickle neue Social-Media-Formate von Late-Night-Show bis gesellschaftskritisches Panel. Und ich gründe ein Verein die „Believe Community“  – für besseren Opferschutz und europäische Gesetzesänderungen. Für mich ist es wichtig die beiden Pole zu verbinden: Entertainment und Veränderung – beides, gleichzeitig, kompromisslos. Keine halben Sachen. Konsequent und authentisch. Ein Befreiungsschlag.

Ahoi: Danke, liebe Nora, dass Du Dich uns geöffnet hast und Danke für Dein Engagement.

Nora Lob: Danke Euch, dass Ihr echte Themen sichtbar macht. Es ist nicht immer leicht, sich zu öffnen – aber es lohnt sich immer.
Für mich. Für Euch. Für alle, die noch kämpfen.

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