Mit offenen Augen und den Menschen zugewandt durch die Stadt zu spazieren, Veranstaltungen wie die ART DAYS im Felsenkeller zu besuchen, sich mit leuchtenden Wesen zu unterhalten, dies ist, was die Tätigkeit des Ahoi-Redakteurs Volly Tanner so spannend macht. Und so kommt es auch, dass er immer wieder Menschen reden lassen kann, von sich und der ganz eigenen Sicht auf die Welt. Im Juli traf Tanner die faszinierende Künstlerin Marcella Hanke und jetzt könnt Ihr alle von ihrer Kunst lesen:
Ahoi: Guten Tag Marcella Hanke. Wir trafen uns vor ein paar Tagen auf den ART DAYS im Felsenkeller. Und da ich einst viel mit Lutz Hirschmann zu tun hatte, der die Kunst der Collage in Leipzig revolutionierte, ist mir Deine Arbeit sofort aufgefallen. Nun gibt es Dich jedoch auf mehreren künstlerischen Spielfelder: Fotografie, Collage … aber auch ganz konkret die Architekturfotografie. Was reizt Dich an den verschiedenen Segmenten besonders?
Marcella Hanke: Lieber Volly, erstmal vielen herzlichen Dank, dass Du mir die Möglichkeit für dieses Interview gibst. Es war wirklich eine schöne „Überraschung“, am zweiten Tag des Kunstmarkts der LeipzigArtDays von Dir angesprochen zu werden. Ich freue mich sehr darüber!
Insbesondere reizt mich das sozusagen hybride Verbinden von digitalen Medien (Fotos) mit analogen Elementen. Ich arbeite expressiv-spontan. Nichts wird vorab geplant, sondern ich lasse mich von meiner Wahrnehmung und Stimmung in dem Moment leiten - der Weg ist das Ziel. Dabei finde ich es spannend, wie ich ein bereits bestehendes fotografisches Werk mehr oder weniger abstrakt umgestalten kann und was am Ende daraus Neues entsteht. Mir geht es dabei nicht um Perfektion, sondern um einen experimentall-expressiven Ausdruck, der sich durch abstraktes Verändern realer Gegebenheiten (Gegenstände, Natur, Menschen, Architektur) auszeichnet. Es entstehen neue Bild- , Wahrnehmungs- sowie Verständniswelten, die teilweise auch zum Schmunzeln undoder einem genauerem Hingucken anregen sollen.
Die Arbeit mit Collagen bietet den Vorteil, verschiedene Ebenen und Strukturen zu schaffen, manches beinahe zu verdecken, während andere Elemente in den Vordergrund rücken. Die Werke bekommen eine neue Identität. Zudem kann ich mit diesem künstlerisch-expressiven Arbeiten mein kreatives „inneres Kind“ befriedigen. Es macht auch einfach ganz viel Spaß! (schmunzelt)
Ahoi: Seit wann drückst Du Dich denn künstlerisch aus und welche Initialzündung gab es?
Marcella Hanke: Fotografiert habe ich schon immer gerne. In der Studienzeit der Sportwissenschaft in Göttingen (1989 bis 2004), war ich auf Partys immer die mit der Kamera. Fotos von Partymomentaufnahmen, die im Nachhinein teilweise schambehaftet belächelt wurden, feucht-fröhliche Studentenpartys eben.
Direkt nach meiner Studienzeit begleitete ich meinen damaligen Freund, mittlerweile Ex-Mann, Cameron Paul Tauschke, einen in Berlin lebender Künstler, nach Melbourne, wo mein Interesse für urbane Fotografie entsprang. Insbesondere die Kunst im öffentlichen Raum, Grafitti und Streetart, hatten es mir damals wie heute angetan. Melbourne bot dafür einen besonderen fotografischen Playground. Zahlreiche, teilweise versteckte Gässchen hinter irgendwelchen Restaurants und Geschäften boten mir zahlreiche Fotomotive. Mich reizt das nicht immer Offensichtliche und das „Versteckt-Verdeckte“ in urbanen Lebensräumen. Wände, Mauern, Sicherungskästen, hinter Mülltonnen undsoweiter, die etwas „erzählen“, auf die sich jemand verewigt hat oder es vorhatte, bevor das „Werk“ überklebt, übersprüht oder sogar abgerissen wurde. Vieles, was ich damals während meiner Zeit in Melbourne (2004 bis 2010) in kleinen innerstädtischen Gassen fotografiert habe, besteht so in der heutigen Zeit sehr wahrscheinlich nicht mehr. Ein urbaner Raum lebt und verändert sich – nicht nur bezogen auf die Menschen, die sich darin bewegen, sondern auch bezogen darauf, was manche Personen „hinterlassen“, auch, wenn manche es als Beschmutzen oder Beschmieren des städtischen Raums bezeichnen – I like it!
Einige, aus der damaligen Zeit stammende, fotografische Eindrücke habe ich in meinen aktuellen Collagen verwertet und umgestaltet. So wird eine Momentaufnahme von vor knapp 20 Jahren in der heutigen Zeit wieder zu neuem Leben erweckt.
Meine fotografische Neugierde für Architekturfotografie entwickelte sich erst, nachdem ich Anfang 2011 nach Berlin gezogen bin, mitten in das Herz von Neukölln am Hermannplatz. Und da waren sie wieder: diese versteckten Ecken und diese „schönen“ bunten Häuserfassaden. Von faszinierender Streetart bis hin zu fast unkenntlichen früheren öffentlichen Werken, überklebt von Postern oder einfach übersprüht. In Berlin fing ich nun an, joggend mit meiner Kamera die Stadt zu erkunden . Turnschuhe an und Kamera mit unterschiedlichen Objektiven in den Laufrucksack, und los gings. Joggend ist man schneller als zu Fuß und langsamer als mit dem Rad und somit konnte ich laufend so einiges entdecken. Mein Interesse für architektonische Formen wuchs. Mehrere der Architekturfotografien aus meiner Berlinzeit sind außerdem in meiner aktuellen Ausstellung „Architypes“ in der Galerie Bilderbogen in Leipzig-Schleußig zu sehen.
Den Blick vom Boden, der Straße und den Wänden lösen und auch mal innehalten und nach oben schauen, um einen anderen Blickwinkel zu erhalten und die Stadt als urbanen-architektonischen Lebensraum wahrnehmen: Das empfinde ich als äußerst spannend. Dann auch Gebäude können in diesem einzelnen Moment eine Geschickte erzählen. Bestimmte Perspektiven und Reflektionen; das Abheben der Fassaden vom Himmel; das Spiegeln von Wolken in den Fenstern; ein Baum auf einem Balkon, die unterschiedlichen Tages- und Jahreszeiten, welche Gebäude in spezielle Farben tauchen. Geometrische Formen, Wellenlinien, architektonische Besonderheiten, die im Kontrast zum Himmel stehen oder einfach cool aussehen. Es reizt mich auch heute noch, mit meiner Kamera joggend auf urbane Entdeckungsreise zu gehen, nicht nur innerhalb meines jetzigen Wohnortes Leipzig, in dem ich nun seit etwa fünf Jahren lebe und arbeite, sondern auch auf Reisen ins Ausland. Ich liebe Städtetrips.
Ahoi: Und wann begann es mit den Collagen?
Marcella Hanke: Zu den Collagen kam ich tatsächlich erst Mitte 2025. Mich überkam so ein innerer Drang, irgendwie kreativ werden zu wollen. Ich funktionierte kurzerhand meine Lodgia in ein kleines Studio um und begann zunächst, mich sozusagen künstlerisch auszutoben. Ich hantierte „wild“ mit unterschiedlichen Materialien, Motiven, Untergründen und gestaltete viele meiner auf Fotoboard gedruckten urbanen Foto-Impressionen um. Aufgrund einer Ausstellung 2018 im Café Lux (Berlin-Neukölln) war mein Keller noch voll von Fotografien und ich hatte die Idee, sie für Collagen zu verwenden. Innerhalb eines Jahres sammelten sich somit verschiedenste Mixed-Media-Collagen an, die ich letztendlich auf dem Kunstmarkt im Felsenkeller im Juli 2026 erstmals präsentierte.
Diverse Collagen würde ich nun nicht mehr so gestalten; wie in meiner „wilden“ Anfangszeit. Diese Collagenzeit jedoch hat wirklich extrem viel Spaß gemacht. Ich konnte mich unbeobachtet ausprobieren, schauen, was wie aussieht und, vor allem, wie ein Material auf den gewählten Foto- oder Papieruntergründen hält. Mittlerweile besitze ich fast so viele unterschiedliche Kleber, wie Scheren (schmunzelt).
Ich habe nie einen künstlerischen Kurs, oder Ähnliches, besucht. Als expressive Autodidaktin folge ich dem Motto: „Learning by doing.“ Chat GPT ist mittlerweile „mein bester Freund“, wenn es um die Umsetzung von Möglichkeiten mit Arbeitsmaterialien oder um die Frage geht: „Welchen Kleber würdest Du mir für Dieses oder Jenes empfehlen?“ (zwinkert lächelnd)
Nach dem Kunstmarkt habe ich entschieden, meinen Schwerpunkt auf Fotoboard-Collagen zu setzen. Architekturcollagen werden sicherlich auch zukünftig eine Rolle in meinem kreativen Mixed-Media-Ausdruck spielen, aber nicht nur. Motiviert und inspiriert durch das Feedback meines ersten Collage-Outings haben sich noch weitere Ideen angesammelt und sind wieder mehr in den gedanklichen Vordergrund gerutscht. Stay tuned!
Ahoi: Du bist in Braunschweig in die Welt gebracht worden, lebst aber jetzt hier in Leipzig. Wie kam es dazu? Also, jetzt nicht Braunschweig, sondern Leipzig …
Marcella Hanke: Der Lauf des Lebens eben. Manche Entscheidungen habe ich bewusst und unabhängig getroffen, beispielsweise nach meinem Abitur an der „Neuen Oberschule“ in Braunschweig zum sportwissenschaftlichen Studium nach Göttingen zu gehen. In Göttingen traf ich meinen australischen Ex-Mann Cameron Tauschke. Wir entschieden, direkt nach meinem Studium gemeinsam in seine Geburtsstadt Melbourne zu ziehen. Das war wirklich aufregend für mich. In den Zwanzigern hatte ich noch so die Einstellung: „Ach, das wird schon.“ Und so war es dann auch. Nach knapp sieben Jahren in Melbourne zogen wir dann zusammen nach Berlin-Neukölln.
In den äußerst schwierigen Covid-Jahren traf ich dann auf jemanden, für den ich nach Leipzig zog. Meine Selbstständigkeit im Bereich Gesundheitssport hatte diese Zeit nicht „gut überstanden“. Zudem wurde Berlin mehr und mehr zu einem Ort, in dem ich mich nicht mehr so wohlfühlte ... meiner Meinung und Erfahrung nach begleitet diese Stadt mittlerweile ein hohes Frustrations-, als auch Aggressionspotential.
Außerdem kannte ich Leipzig schon aus den 2000ern insbesondere die Karl-Heine-Straßen-Gegend und die Baumwoll-Spinnerei, in der mein Ex-Mann zu dieser Zeit als Residential Artist drei Monate lang ein Atelier nutzen durfte. Der Leipzig Vibe damals hat mir sehr gefallen und als sich dann vor einigen Jahren die Chance bot, nach Leipzig zu ziehen, habe ich sie ergriffen und bis heute nicht bereut.
Ahoi: Wenn Du Dich mit der Collage befasst, was möchtest Du ausdrücken? John Heardfield hatte einen politischen Fokus, Lutz Hirschmann sah erotisch und satirisch in die Welt. Welcher Blickwinkel ist der Deine?
Marcella Hanke: Als im Sommer 2025 mit der Collagekunst begonnen habe, hatte ich, wenn ich ehrlich bin, keinen konkreten Plan. (lacht herzhaft). Ich hatte irgendwie ein inneres Bedürfnis, mich künstlerisch auszudrücken und da ich nicht besonders gut malen, zeichnen oder illustrieren kann, entschied ich mich für das Collagieren. Vielleicht war auch ein bewusst-unbewusster Einfluss der, dass mir in meinen „künstlerischen Jahren als Mitläuferin“ (denn ich war ja über ein Jahrzehnt mit einem Künstler zusammen) in Museen und auf Ausstellungen bisher keine Fotocollagen unter die Augen gekommen sind. Und auch auf dem Kunstmarkt konnte ich, soweit ich das überblicken konnte, viel digitale Kunst aber keinen Stand mit Collagen entdecken. Nun möchte ich keinesfalls behaupten, dass möglicherweise nur wenige Künstler in diesem Bereich tätig sind. Ich habe mich einfach nie so richtig damit beschäftigt. Ich habe kein(e) Vorbild(er). John Heardfield und Lutz Hirschmann habe ich erst zum jetzigen Zeitpunkt nachgeschlagen.
Was ich damit sagen möchte ist, ich habe keinen speziellen Fokus oder eine bestimmte Richtung, zumindest noch nicht. Wie bereits erwähnt, möchte ich materialtechnisch eher Fotos auf Fotoboard verwenden und die Umgestaltung architektonischer und urbaner Räume wird sicherlich weiterhin einen Schwerpunkt meiner Collagen bilden. Dabei dürfen in manchen Collagen Humor und Irritation sowie die Anlehnung an die Pop-Art-Richtung und geometrische Formen nicht fehlen. Mir geht es eher um den spontan-expressiven Ausdruck als um die Abdeckung einer bestimmten gesellschaftlichen undoder politischen Richtung. Das Schöne für mich ist ebenfalls, dass ich mein fotografisches Auge mit meinem Collage-Auge zusammenführen und sozusagen in zwei künstlerischen „Welten“ hybrid aktiv werden kann.
Ahoi: Bis Oktober 2026 gibt es eine Ausstellung in der Könneritzstraße mit Werken von Dir. Kannst Du uns bitte dazu mehr erzählen? Wo ist die Ausstellung genau zu sehen und was können wir dort ersehen?
Marcella Hanke: Natürlich gerne. Irgendwie scheint dieses Jahr mein künstlerisches Jahr zu sein. Fast genauso überraschend, wie das Zusammentreffen mit Dir und dieses Interview, kam ich zu der Ausstellung in der „Galerie Bilderbogen“, die auch gleichzeitig ein Geschäft für Bilderrahmen ist.
Ein befreundeter Fotograf, Ulf Leuteritz, der auch das Portraitfoto, welches in diesem Interview zu sehen ist, gemacht hat, hat mich im Frühjahr dieses Jahres dem Besitzer des Geschäfts mit der Aussage vorgestellt: „Marcella fotografiert auch.“ Eigentlich wollte ich dort meine Collagen ausstellen, doch die waren dem Besitzer des Ausstellungsraums in der Könneritzstraße 96 in Leipzig-Schleußig, Stephan Völkner, zu bunt. So einigten wir uns auf meine Architekturfotografien. An sich sollte die Ausstellung erst 2027 stattfinden, doch als ein Künstler kurzfristig absagte, bekam ich die zeitnahe Chance für eine Ausstellung. Am 3. Juli fand die Vernissage statt und die Finissage ist für den 9. Oktober 2026 angesetzt.
Meine Ausstellung mit dem Namen „Architypes“ zeigt architektonische Fotografien aus verschiedenen deutschen Städten, darunter Berlin, Hamburg, Düsseldorf und Leipzig, als auch Gebäudeaufnahmen aus dem Ausland.
Im Fokus stehen urbane Ausschnitte, geometrische Formen und Perspektiven. Lichtstimmungen, Spiegelungen, Strukturen und räumliche Beziehungen werden bewusst im Moment der Aufnahme komponiert. Da ich die Fotos so gut wie kaum nachbearbeite, besitzen diese Fotografien einen äußerst authentischen Charakter und zeigen eine unmittelbare Nähe zum realen Stadtraum. Authentizität ist nämlich auch eine meiner Charaktereigenschaften und soll deshalb auch in meinen Fotografien zu erkennen sein. Anders als meine Collagearbeiten wirken diese Aufnahmen eher ruhig, präzise und konzentriert bis zentriert.
Ahoi: Kunst hat in unserem System natürlich, außer es ist Liebhaberei, mit Abverkauf, mit dem Markt, zu tun. Ich beispielsweise stehe immer wieder vor der Frage, wenn ich an meiner Literatur arbeite, inwieweit ich mich dem Markt anzupassen bereit bin. Wie ist das bei Dir? Funktioniert der Abverkauf? Gibt es Aufträge? Wie weit kommst Du Kundinnen und Kunden entgegen?
Marcella Hanke: Meine Kunst ist für mich zuallererst Ausdruck meiner Kreativität in einem künstlerischen Rahmen, den ich für mich gestalte. Das bedeutet nicht, dass ich mich gesellschaftlich, politisch oder künstlerisch „abkapsele“, sondern wohl eher, dass meine Kunst für mich etwas ist, was ich eigenständig entscheiden, gestalten und ausführen darf und möchte.
Als ich letztes Jahr meinen Instagram-Konto @marcis_kunst erstellte und Freunden und Freundinnen meine Collagen vorstellte, kamen mir schon einige positive Kommentare entgegen. Bezüglich des Kunstmarkts dachte ich mir: „Warum nicht?!“ Ich hatte bereits echt viele Werke angehäuft und wollte einfach mal sehen, wie meine Collagen außerhalb meiner vier Wände ankommen. Ich hörte einige Marktbesuchende sagen: „Das macht mich nervös.“, „Schon etwas kitschig.“ oder „Das habe ich mit meinen Schulkindern auch schon gemacht.“ Diese Aussagen kann ich total verstehen. Kunst ist eben sehr subjektiv und das soll es auch für mich als Künstlerin sein und bleiben. Von daher folge ich keinem künstlerischen Trend und passe mich dem Markt nicht an. Denn das würde wiederum mein spontan-expressives künstlerisches Ausleben beeinflussen und das möchte ich nicht.
Da ich nicht hauptberuflich als Künstlerin tätig bin, sondern andere Einkunftsquellen habe, ist der monetäre Druck eher gering. Natürlich habe ich mich dennoch sehr gefreut, dass einige meiner Collagen auf dem Kunstmarkt im Felsenkeller verkauft wurden und ich somit zumindest die Standgebühr abgedeckt habe. Nur Minus-machen wäre auch blöd. Soviel verdiene ich nun auch wiederum nicht. (zwinkert)
Zukünftig plane ich weitere Märkte und Ausstellungen oder einfach eine Hängung meiner Bilder in Bars, Cafés oder Restaurants. Aufträge, beziehungsweise Auftraggeber, habe ich momentan nicht. Ich bezweifele, dass das etwas für mich wäre. Siehe Ausführung zum eigenen expressiven Ausdruck …
Da es mir nicht primär um das Wirtschaftliche in meiner Arbeit geht, komme ich Kundinnen und Kunden gerne entgegen. Meiner Meinung nach steht der subjektive Wert und die Bedeutung eines „Kunstwerks“ nicht grundsätzlich im Zusammenhang mit dem materiellen Wert. Jemand hat Freude an meinen Collagen und möchte sie bei sich in der Wohnung aufhängen, wie cool. Mittlerweile erleichtern die digitalen Netzwerke eine Kontaktaufnahme und eine Reichweite und von daher möglicherweise auch einen Verkauf außerhalb einer öffentlichen Präsentation. Das heißt, bei Interesse an meinen Collagen kann mit mir Kontakt aufgenommen werden.
Ahoi: Wenn Menschen nur Künstlerinnen oder Künstler sind, fehlt ihnen oft die Verbindung in reale Welten. Kannst Du uns ein bisschen etwas über Dich und Dein Leben neben der Kunst erzählen? Das wäre gut, auch für das Gesamtbild …
Marcella Hanke: Beruflich bin ich im Gesundheitssport verankert (Reha- und Präventionssport; Personal Training; Betriebliche Gesundheitsförderung). Vor den Covid-Jahren war ich in Berlin hauptberuflich als Übungsleiterin in den oben genannten Bereichen tätig. Mittlerweile arbeite ich zusätzlich Teilzeit als Schulbegleiterin an Grundschulen sowie als Referentin für verschiedene Sportverbände. Ich habe das große Glück, in Teilzeit arbeiten zu können und habe daher genügend Zeit für meine kreative Tätigkeit.
Mit 42 Jahren habe ich meinen Master in Gesundheitspsychologie an einer privaten Fernuniversität abgeschlossen. Zu meiner Zeit in Melbourne habe ich auch als Assistentin der Physio- und Sporttherapie an einem neurologischen und orthopädischen Traumakrankenhaus gearbeitet sowie, teilweise gleichzeitig, mein Diplom in Sportphysiologie absolviert. Akademisch gut ausgestattet bin ich allerdings, oder besser gesagt gottseidank, nie in eine Führungsebene oder Ähnliches aufgestiegen. Ich liebe wirklich, was ich beruflich mache und kann relativ autark arbeiten, das passt zu mir.
Die Arbeit mit Menschen begleitet mich demnach schon mein ganzes berufliches Leben. Neben meiner ersten Leidenschaft, dem Sport und der Bewegung (ich laufe wahnsinnig gerne und treibe häufig vielseitigen Sport), erfüllt mich das Kreative mit einer „anderen Art des Bewegtseins.“ Stillsitzen und etwa ein Buch lesen (außer es handelt sich um Sport, Bewegung und Therapie) ist äußerst schwierig für mich … Meine beste Freundin, Nadine Preuss (Künstlerin aus Braunschweig), meinte diesbezüglich, ich sei etwas neurodivergent. Falls das stimmt, würde dies womöglich so Einiges erklären… (lacht).
Ahoi: Bei den ART DAYS fiel mir auf, dass es diverse Communitys um diverse Kunstblasen gibt in Leipzig. Bist Du auch in solch eine Gruppe involviert oder eher Einzelkämpferin, freie Radikale?
Marcella Hanke: „Einzelkämpferin“ kling manchmal etwas „hart“, doch das bin ich wohl. Ich gehöre keiner lokalen Kunstcommunity an, außer wohl der Collagecommunity auf Instagram. Aber auch digital bin ich mehr oder weniger zurückhaltend – posten und etwas liken, was mir gefällt, mehr eigentlich nicht.
Bin ich „radikal“? Ich folge keinem Trend, nicht künstlerisch und auch nicht in anderen Bereichen. Außer vielleicht in der hybriden Zusammensetzung meiner Werke (digital-analog). Die hybride Sicht- und Arbeitsweise ist ja seit einiger Zeit in vielen gesellschaft- und wirtschaftlichen Gebieten in den Blickpunkt gerückt. Meine Ausdrucksformen entstehen „in mir und mit mir“. Das ist mir wichtig, da es eben auch etwas mit Authentizität und autark Sein zu tun hat.
Ahoi: Soll es eigentlich auch mal Bücher mit Deinen Werken geben? Was hast Du so in nächster Zeit vor?
Marcella Hanke: Ich muss gerade etwas schmunzeln, dass Du das Buchthema ansprichst. Tatsächlich kam mir die Idee immer mal wieder, ein Buch zu verfassen. Neben Collagen und Fotografie schreibe ich nämlich gelegentlich spontane kleine Gedichte und Lyrik. Vieles davon habe ich (leider) nicht digital konserviert. Mir kam mal der Gedanke, meine Fotografien oder Collagen mit Gedichten zu versehen oder eine Kooperation mit jemanden einzugehen.
Also … falls ich langfristig kreativ motiviert bleibe und in diesem Jahr eventuell künstlerisch bei mir etwas „losgetreten“ wurde, könnte ich mir eine Buchveröffentlichung gut vorstellen, wenn es zeitlich passt. Vielleicht jedoch erst, wenn ich in Rente bin (lacht schallend). Allerdings müsste ich dann wohl anfangen, meine Werke professionell fotografisch und digital festzuhalten … hhhhmmm … Professionelles Fotografieren von Kunst ist echt schwierig. Habe es selbst probiert … Dafür bräuchte ich jemanden, der sich damit auskennt. Wenn Du also jemanden kennst …
Ahoi: Danke Marcella, dass Du Dir Zeit für uns genommen hast. Und Dir ganz viel Freude und Erfolg bei Deiner Arbeit.
Marcella Hanke: Danke Dir Volly, dass Du auf mich zugekommen bist und mir die Chance gegeben hast, „meine kreative Geschichte“ zu erzählen.


