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  • Interviews
Gespräch mit dem Leiter des Heinrich-Schütz-Hauses Weißenfels

Historie, Musik und Verbindungen nach Leipzig. Das Heinrich-Schütz-Erbe in Weißenfels

Dr. Maik Richter im Einsatz für die Kultur © Katja Henze, Heinrich-Schütz-Haus

Dem gemeinen Leipziglebenden und -fokussierten ist die Welt außerhalb der flatternden und engen Großstadt oft unbekannt. Gut, Urbane reisen gern mal ans andere Ende der Welt für schöne Bilder in den Sozialen Medien, doch was knapp 45 Minuten mit dem Zug entfernt geschieht, ist oft fremder als das liebliche Eichhörnchen im Urwald von GOA.

Ahoi-Redakteur Volly Tanner schaut gern über den eigenen Tellerrand und besucht Nahes. Und da er in der Seume-Buchhandlung Weißenfels Dr. Maik Richter traf, sprach er mit ihm. Schließlich ist Dr. Maik Richter der Leiter des Weißenfelser Heinrich-Schütz-Hauses.

Ahoi: Guten Tag, Dr. Maik Richter. Sie sind der Leiter des Heinrich-Schütz-Hauses in Weißenfels. Beim Besuch Ihrer Institution fiel mir auf, dass da ganz schön viel Leipzig drin ist: der Sprecher der englischen Audios, viele Musikdokumente etc. Hatte denn Heinrich Schütz auch Verbindungen nach Leipzig?

Dr. Maik Richter: Leipzig spielt im Leben des Komponisten Heinrich Schütz tatsächlich in vielerlei Hinsicht eine bedeutende Rolle: Zunächst einmal lebte und arbeitete sein bester Freund Johann Hermann Schein (1586–1630) dort seit 1616 als Thomaskantor. Schütz lernte ihn wahrscheinlich 1613 in Weißenfels kennen. Zu dessen vorzeitigem Tod 1630 komponierte Schütz seine Trauermotette „Das ist je gewisslich wahr“. Diese nahm er später auch in eine seiner gedruckten Motetten-Sammlungen auf, die „Geistliche Chor-Music“ von 1648. Dieses Werk widmete er bemerkenswerterweise keiner Person aus dem Adelsstand, sondern dem Rat der Stadt Leipzig und ihrem berühmten Thomanerchor.
Der dritte Bezugspunkt nach Leipzig ist Schützens Bruder Georg, der dort seit 1615 als Richter am Oberhofgericht tätig war. Zu dessen Hochzeit mit der Leipziger Buchhändlertochter Anna Groß komponierte Heinrich Schütz 1619 das geistliche Konzert „Siehe wie fein und lieblich ist’s“.

Ahoi: Ihr Haus ist äußerst liebevoll mit Exponaten bestückt. Können Sie uns bitte etwas zur Geschichte der Stätte erzählen?

Dr. Maik Richter: Das Heinrich-Schütz-Haus ist erst seit 1985 ein Musikermuseum. Der Komponist hat das um 1550 im Stil der Renaissance erbaute repräsentative Gebäude 1651 gekauft, nachdem es wegen des Dreißigjährigen Krieges wohl seit 1634 leer stand. Nach Renovierungs- und Erweiterungsbauarbeiten zog Schütz dann 1657 mit seiner jüngeren Schwester Justina in das stattliche Wohnhaus. Nach ihrem Tod im Mai 1672 ging Heinrich Schütz für die letzten Monate seines Lebens an seinen langjährigen Hauptwirkungsort Dresden zurück. Hier starb er im November 1672. 
Das Weißenfelser Wohnhaus erbte seine damals in Leipzig wohnende Enkelin Getraut Seidel, die es aber wohl sehr schnell wieder veräußerte. Danach war es bis um 1870 herum weiterhin Wohnhaus. Spätestens 1877 befand sich aber im Erdgeschoss bereits eine Kolonialwaren- und Weinhandlung.
Noch interessanter ist, dass um 1900 kurzzeitig die jüdische Kaufmannsfamilie Behr das Haus bewohnte. Hier kam 1902 deren Sohn Werner Meyer Behr zur Welt. Er war der spätere Vizepräsident des „Council of Jews from Germany“ und verstarb 1976 in London.

1907 ließ der Hausbesitzer, Weinhändler und Weinstubenbetreiber Otto Loricke im Erdgeschoss Schaufenster einbauen. Hier befand sich dann 1952 das Kreissekretariat des Kulturbundes der DDR. Vier Jahre später wiederum wurde in den Räumen im Erdgeschoss erstmals eine vom Weißenfelser Stadtarchivar Adolf Schmiedecke eingerichtete kleine Schütz-Ausstellung gezeigt. Die oberen Etagen und das Hinterhaus blieben bis 1979 bewohnt. Nach grundlegenden Sanierungsarbeiten und dem Rückbau der Verbindung zwischen den beiden südlichen Zwerchhäusern auf den Zustand von 1651 konnte das Haus 1985 anlässlich der Bach-Händel-Schütz-Ehrung durch die DDR als Museum eingeweiht und der Öffentlichkeit übergeben werden. 2009 bis 2011 fanden dann nochmals umfangreiche Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten am und im Haus statt, bevor 2012 die aktuelle Dauerausstellung „… mein Lied in meinem Hause“ eröffnet wurde.

Ahoi: Welchen Stellenwert hat das Schaffen von Heinrich Schütz in Weißenfels?

Dr. Maik Richter: Heinrich Schütz ist in Weißenfels mit seiner Musik präsent und spielt vor allem im musealen und kirchlichen Umfeld sowie bei der Gestaltung festlicher Konzerte eine Rolle. Durch die vom Bildhauerhof Rumpin geschaffene und 2022 eingeweihte Schütz-Novalis-Stadtbank auf dem Weißenfelser Marktplatz und durch die Klangskulptur „Steinesäuseln“ des Beuchaer Klangkünstlers Erwin Stache, die 2023 im Weißenfelser Stadtpark eingeweiht wurde, ist Schütz nunmehr auch im öffentlichen Raum für alle Menschen sicht- und hörbar. 2025 feiert das Heinrich-Schütz-Haus überdies mit verschiedenen Partnern sein vierzigjähriges Bestehen als Musikermuseum. Deshalb richtet das Haus das diesjährige Themenjahr „Musikstadt Weißenfels – Musikland Sachsen-Anhalt“ aus. Auf diese Weise wird Schütz in die lange und reiche Musikgeschichte der Stadt Weißenfels eingebunden, sie wird auch mit ihm fortgeschrieben.

Ahoi: Für Musikinteressierte aus Leipzig ist Weißenfels nur 45 Minuten mit dem Zug weg. Wie sind denn die Besucherstrukturen Ihres Hauses?

Dr. Maik Richter: Die meisten Besucher kommen tatsächlich aus Sachsen-Anhalt (etwa 20 Prozent), Sachsen (rund 15 Prozent), Thüringen (ca. zehn Prozent) und Berlin (ca. fünf Prozent) zu uns. Aus Leipzig, Markkleeberg und Markranstädt verzeichneten wir im vergangenen Jahr 140 der 2.326 Museumsbesucher und -besucherinnen. Sie kamen vor allem in den Monaten Mai bis Oktober. Eine Anmerkung dazu noch: Bei Gästen, die Veranstaltungen in unserem Haus besuchen, erfassen wir keine Herkunftsregionen.

Ahoi: Der Leipziger Verlag Lehmstedt hat auch den Katalog der Schütz-Ausstellung herausgegeben. Wie kam es zur Zusammenarbeit?

Dr. Maik Richter: Das ist eine gute Frage, denn der Katalog entstand bereits fünf Jahre vor meinem Dienstantritt in Weißenfels. Das Verlagsprofil bietet aber mit Kunst- und Kulturführern sowie Monografien rund um Leipzig und den Mitteldeutschen Raum eine Bandbreite, in die auch das Heinrich-Schütz-Haus als Musikermuseum sehr gut passt. Zumal Leipzigs Musikermuseen wie auch das Händel-Haus in Halle ja quasi in der Nachbarschaft liegen.

Ahoi: Was hat es mit der MusikWerkStatt zu tun? Was versteckt sich dahinter?

Dr. Maik Richter: Unsere MusikWerkStatt ist ein museumspädagogischer Raum, der zum Experimentieren mit Klängen einlädt. Sie beherbergt vor allem eine Fülle leicht zu spielender Rhythmusinstrumente. Dazu gehören Becken, Bongos, Boomwhacker genauso wie Cymbeln, Klangbausteine oder auch Klangschalen, Regenrohre und unsere iranische Tombak. Es stehen auch Blockflöten, Gemshörner, eine Gitarre und ein Keyboard für das gemeinsame Musizieren zur Verfügung. Außerdem gibt es kleine Bausätze für Orgelpfeifen und Bastelutensilien zur Herstellung einfacher Rasseln. Die MusikWerkStatt ist verbunden mit dem begrünten Hof des Hauses, der vor allem in der warmen Jahreszeit zum Spielen und Rasten unter unserer Ulme einlädt.

Ahoi: Sie bieten auch Programme für Schulklassen an. Können Sie uns bitte dazu etwas erzählen?

Dr. Maik Richter: Als Musikermuseum bieten wir natürlich vor allem altersgruppenspezifische Führungen an. Deren Thematik reicht von Heinrich Schütz und seiner Biografie über die Vermittlung von Kenntnissen zu Herkunft, Bau- und Funktionsweise verschiedener frühbarocker Musikinstrumente bis hin zu Fragestellungen zu Musik und Politik während des Dreißigjährigen Krieges. Diese Themen sind vor allem für weiterführende Schulen von Relevanz. 

Seit diesem Jahr bieten wir außerdem Notenkunde für Schulklassen ab Klassenstufe 5 an, die dieses Thema im Unterricht nicht behandeln können. 
Zu den wichtigsten Errungenschaften gehört die 2019 von unserem Förderverein, dem Weißenfelser Musikverein „Heinrich Schütz“ e.V., beauftragte und vom Karlsruher Programmierer Nikolaus Völzow umgesetzte App „Schütz macht Schule“. Mit der in vier Schwierigkeitsstufen gegliederten Anwendung können mit Musikschnipseln aus Schütz-Werken mit Hilfe von Melodie- und Rhythmusbausteinen eigene ein- bis zweistimmige Melodien zusammengestellt werden. Dafür müssen die Schülerinnen und Schüler der Notenschrift nicht mächtig sein.

2025 wird voraussichtlich noch ein Action Bound dazukommen, der einen selbstbestimmten Rundgang vor allem Jugendlicher durch das Musikermuseum ermöglicht. Spannend ist für die jungen Leute dabei wahrscheinlich, dass sie mittels digital vergebener Punkte in einen direkten Wettbewerb miteinander treten können.

Für Vor- und Grundschulkinder bieten wir Klanggeschichten an, die inhaltlich mit dem Kinderpfad durch das Heinrich-Schütz-Haus – es gibt neun Kinderstationen in unserem Hause – verbunden werden. Damit stärken wir die Aufmerksamkeit der Kinder einerseits und den Sinn für Klänge und Melodien andererseits.

Für Horteinrichtungen gibt es noch ein weiteres, eher ganztägig gedachtes Zusatzangebot. Ich spreche hier von einem mehrstündigen Tanzkurs, der zwar keine barocken Tanzschritte verlangt, aber doch das spielerische Tanzen in Paaren und Gruppen thematisiert.

Ahoi: Und das Musikland Sachsen-Anhalt? Ich sah Sie kürzlich mit einem mdr-Team darüber reden. Was können Leipzigerinnen und Leipziger sich darunter vorstellen?

Dr. Maik Richter: Sachsen-Anhalt ist das einzige deutsche Bundesland ohne eine staatliche Musikhochschule, aber es ist auch das Bundesland, das neben Sachsen und Thüringen eine der größten Dichten an Musikerorten in Deutschland hat. Dazu gehören Festivals, die dem Schaffen eines Komponisten und seiner Zeitgenossen gewidmet sind. Ich denke hier an Kurt Weill in Dessau, Georg Friedrich Händel in Halle, Johann Sebastian Bach in Köthen, Carl Loewe in Löbejün, Georg Philipp Telemann in Magdeburg, Heinrich Schütz in Weißenfels und Zeitz oder auch Johann Friedrich Fasch in Zerbst. 
Zum Musikland Sachsen-Anhalt gehören aber auch Festivals der Mittelaltermusik oder der zeitgenössischen Musik, der Popularmusik und viele andere mehr. Und dann gibt es die museale Landschaft: Neben der Musikausstellung im Kloster Michaelstein in Blankenburg/Harz hat Sachsen-Anhalt biografische Museen wie das Händel-Haus Halle, die Bach-Gedenkstätte im Schloss Köthen (Anhalt), das Carl-Loewe-Haus Löbejün, die Reinhard-Keiser-Ausstellung des Heimatvereins Teuchern und natürlich unser Heinrich-Schütz-Haus.
Sachsen-Anhalt hat das Potenzial all dieser musikalischen Orte, Traditionen und Festivals erkannt und die Netzwerkstelle Musikland Sachsen-Anhalt beim Landesmusikrat ins Leben gerufen, zu deren Partnern natürlich auch das Heinrich-Schütz-Haus Weißenfels zählt.

Ahoi: Und welche Höhepunkte gibt es dieses Jahr noch in Zusammenarbeit mit Ihrem Haus zu erleben?

Dr. Maik Richter: Das Festjahr zum 40. Gründungstag unseres Hauses als Musikermuseum der Stadt Weißenfels bietet eine Fülle an Veranstaltungshöhepunkten. Neben Kammerkonzerten wie das zum 300. Todesjahr des Weißenfelser Hofkapellmeisters Johann Philipp Kriegers „Musikalische Krieger in Kursachsen“ sind vor allem zwei festliche und teilweise spektakuläre Veranstaltungen hervorzuheben. 
So erwartet die Gäste im September im barocken Rathaus eine halbszenische Aufführung von Johann Sebastian Bachs vor 300 Jahren im Weißenfelser Schloss uraufgeführten „Schäferkantate“. Der Leipziger Thomaskantor hatte sie 1725 zum 43. Geburtstag des Herzogs Christian von Sachsen-Weißenfels komponiert. 
Im Dezember ist in der barocken Schlosskirche St. Trinitatis zu Weißenfels die Aufführung eines „Weihnachtsoratoriums nach Heinrich Schütz“ zu erleben. Dessen Kern bildet die Weihnachts-Historie von Schütz, um die herum sich Motetten seiner deutschen Zeitgenossen gruppieren. Beide Konzerte werden durch das Heinrich-Schütz-Haus, die Stadt Weißenfels und den Weißenfelser Musikverein auf die Beine gestellt.

Der Höhepunkt eines jeden Jahres ist natürlich das Heinrich Schütz Musikfest des Vereins Mitteldeutsche Barockmusik in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Das Musikfest findet in den Städten Bad Köstritz, Gera, Dresden, Weißenfels und Zeitz statt. Das Programm wird zwar erst im Frühsommer 2025 veröffentlicht, doch sei hier schon einmal verraten, dass es ein Musikfest voller künstlerischer Überraschungen auch im Weißenfelser Heinrich-Schütz-Haus wird. Also Schütz-Fans: Spätestens vom 2. bis 12. Oktober 2025 gilt es, einen Besuch in Weißenfels vorzumerken.

Ahoi: Dann hoffen wir, dass möglichst viele Menschen in Leipzig ihre Neugier zu Ihnen treibt. Danke für Ihre Zeit und Ihre Antworten.

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