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  • Interviews
Gespräch mit dem European Treeworker Christian Leese

Handwerk, Klettern und Natur – und mache das mit richtig viel Herzblut

Christian Leese auf dem Wagnerplatz © Seiltechnik Leese

Mit offenen Augen durch die Stadt Leipzig zu spazieren kann Erkenntnisgewinn bringen. Dafür braucht es aber auch Neugier und die Fähigkeit, einfach einmal zu fragen. Ahoi-Redakteur Mark Harries überquerte den Wagnerplatz und sah Menschen beschäftigt Dinge tun. Was dahinter steckte, erfragte er für die Ahoi-Interviewserie. Doch lest selbst:

Ahoi: Guten Tag, Christian Leese. Vor einigen Wochen sah ich Ihre Kolleginnen und Kollegen auf dem Leipziger Wagnerplatz die Stämme der Bäume weiß anmalen. Ich fragte eine Mitarbeiterin, was Sie da mache, und sie erzählte mir, dass dies Baumschutzfarbe wäre. Und natürlich war meine Neugier geweckt – also hier meine Fragen: Warum wurden die Stämme denn mit Baumschutzfarbe geweißt und was ist das für eine Farbe, was richtet sie aus?

Christian Leese: Hallo, Herr Harries, vielen Dank für die Einladung zum Interview. Sie waren tatsächlich nicht der Einzige, der uns an diesen Tagen angesprochen hat, um zu hinterfragen, warum wir die Baumstämme weißen.

Es ist eine sogenannte Stammschutzfarbe, die hauptsächlich aus einer ungiftigen Mischung aus Kalk, Wasser und Bindemitteln besteht. Inzwischen werden auch spezielle Fertigpräparate wie Sunreflex oder Arbo-Flex verwendet, die elastischer sind und länger am Stamm haften. Angestrichen wird in der Regel nur der Stamm bis zum Kronenansatz. Der Zweck des Weiß-Anstriches vor allem in städtischen Gebieten ist: Schützt die Bäume vor starker Sonneneinstrahlung, da das Weiß des Kalks die Sonnenstrahlen reflektiert und somit verhindert, dass sich der Stamm zu sehr erwärmt und Risse bildet. Verhindert Frostschäden im Winter weil es die Temperaturschwankungen etwas abmildert. Kurz erläutert: Der Übergang von Winter zum Frühling ist eine „gefährliche“ Periode, weil tagsüber die Sonne bereits enorme Kraft hat, um die Stämme auf der Süd- oder Westseite zu erwärmen und der Baum die Information erhält „Es geht los und ich kann in den Fluss kommen“. Die schnelle Erwärmung der sonnenzugewandten Seite führt zu Spannungen zwischen warmen und kalten Stammteilen, wodurch Risse entstehen können. Um dem vorzubeugen, ist das Weiß eine wunderbare Hilfe bzw. nennen wir es auch liebevoll „Sonnencreme“ für den Baum.

Ein positiver Nebeneffekt der hellen Stammschutzfarbe ist, dass sich Schädlinge nicht mehr gut tarnen können und es entsprechend meiden, sich auf den für sie nun nicht mehr attraktiven Stamm auszubreiten.

Ahoi: Wer finanziert denn solche Aufträge? Wer ist der Auftraggeber?

Christian Leese: In diesem Fall ist die Stadt Leipzig, genau genommen das Amt für Stadtgrün und Gewässer, verantwortlich und vergibt die Aufträge an potenzielle Bewerber.

Ahoi: Diese Arbeit muss ja sinnhaft nicht nur auf dem Wagnerplatz, sondern auf vielen anderen Plätzen und an vielen anderen Orten gemacht werden. Auch der Lindenauer Markt heizt sich immens auf … Heißt dies, dass Sie jetzt die ganzen nächsten Jahre ganz Leipzig anpinseln? Das ist doch ein wirtschaftliches „Immer wieder“. Wie ist denn hier die Planung?

Christian Leese: Eine detaillierte Planung liegt uns als ausführender Auftragnehmer nicht vor, allerdings können wir mit Sicherheit sagen, dass die Stadt Leipzig den Fokus auf die Erhaltung des „Grüns“ in allen Gebieten richtet und eine weitere Ausführung definitiv nur Vorteile bringen kann. Erfahrungsgemäß erhalten zumindest alle Neupflanzungen einen Weißanstrich weil die Rinde noch sehr dünn und empfindlich ist und werden bei Bedarf nachgestrichen.

Ahoi: Sie sind European Treeworker – Baumwart des naturgemäßen Obstbaumschnittes. Was es alles gibt. Was machen Sie denn und wie wird man European Treeworker?

Christian Leese: Das ist eine echt gute Frage, und gar nicht so leicht in zwei Sätzen zu beantworten, also mach ich es in 20. Bei mir hat das Ganze eigentlich ganz anders angefangen: Ich habe ursprünglich eine Ausbildung als Heizungs- und Lüftungsmonteur gemacht – klassisch Handwerk von der Pike auf gelernt. Da war ich auch ein paar Jahre tätig, aber irgendwann kam der Impuls: Das soll’s noch nicht gewesen sein. Dann bin ich viel gereist, habe einzigartige Eindrücke gesammelt, einige neue Länder und die Liebe zum Klettern entdeckt, bis es mich wieder nach Leipzig zurückgezogen hat.

Ein Freund brachte mich dann auf die Idee: Warum nicht meine Leidenschaft fürs Klettern mit dem Handwerk verbinden? So bin ich bei der Höhenarbeit gelandet – freiberuflich, im Seil hängend. Da habe ich erst einmal alles Mögliche gemacht: Fensterputzen, Dach- und Fassadenreinigung, Plakate hängen, sogar Kesselreinigung in Kraftwerken – eigentlich alles außer Windkraftanlagen.

In dieser Zeit durfte ich meine ersten Erfahrungen in der Baumpflege machen und war vom ersten Moment an fasziniert und eine neue Ausrichtung und die Idee der Erweiterung meines Portfolios war geboren. Und da ich schon immer gern in der Natur war und einen grünen Daumen habe, hat mich das sofort gepackt. Also habe ich angefangen, mich weiterzubilden – Lehrgänge zum Baumklettern, Baumschnitt und all das. Schnell spürte ich, dass es mir noch mehr Spaß macht als die Arbeit an Gebäuden.

Als es im Frühjahr 2012 mal einen Engpass an Aufträgen gab, habe ich angefangen, mit einer eigenen Webseite und Flyern einen eigenen Kundenstamm aufzubauen. Diese Zeit war spannend und aufregend, weil es viele verschiedene Herausforderungen von Kunden zu lösen gab. Dadurch habe ich unglaublich vielseitige Bedürfnisse betrachtet und daraus gelernt. Schließlich habe ich die Ausbildung zum European Treeworker gemacht. Das war ziemlich umfassend und informativ. Weil ich noch tiefer eintauchen wollte, habe ich 2022 zusätzlich die Ausbildung zum Obstbaumwart absolviert. Da ging es dann speziell um naturgemäßen Obstbaumschnitt. Und jetzt kombiniere ich alles miteinander: Handwerk, Klettern und Natur – und mache das mit richtig viel Herzblut. Aus Leidenschaft wurde Berufung!

Ahoi: Sie sind der Chef der Firma Seiltechnik Leese. Nun habe ich mich ein bisschen herumrecherchierend bemüht und erlesen, dass Sie nicht nur in der Baumpflege aktiv sind, sondern auch andere Dienstleistungen anbieten. Welche denn?

Christian Leese: Ja, das ist richtig. Wir haben uns weiterhin darauf spezialisiert, den Wert von Gebäuden zu erhalten erhalten, indem wir unsere Kernkompetenzen im Bereich Höhenarbeiten und Handwerk auf dem Dach und an der Fassade im Standard- und Premiumsegment anbieten. Dazu gehört beispielsweise die gern vergessene Dachrinnenreinigung und Dachinspektion, die bestenfalls ein- oder auch mehrmals jährlich durchgeführt werden sollte zur Vorbeugung weitreichender Folgeschäden durch Nässeeintritt.

Aber auch die Installation von Vogelabwehrsystemen und die Behebung der durch Spechte verursachten Schäden an der Fassade wird immer häufiger angefragt, weil sich Haus und Baum in einer Großstadt zu einer Symbiose entwickelt haben. Dadurch lässt sich das große Bild unserer Arbeit erfahrungstechnisch schwer trennen und die Kombination aus Baum- und Gebäudepflege integriert sich quasi von selbst. Dementsprechend gibt es eine „Alles aus einer Hand“-Option sowie natürlich auch die separate Durchführung von Baum- oder Hausoptimierung.

Ahoi: Das können Sie ja nicht alles allein machen – wie viele Mitarbeitende beschäftigen Sie denn und wo kommen die her? Ich mit meinem journalistisch angefutterten Kullerbauch habe ja bei Ihnen eher keine Chance mitzutun … oder?

Christian Leese: Oh doch, Herr Harries, wann haben Sie Zeit? Es gibt sehr viele Möglichkeiten, zu unterstützen, vor allem als Bodenmann, der die Baustelle sichert, sich um die Entsorgung des gefallenen Holzes oder den Weißanstrich der Bäume kümmert. Um in der Höhe agieren zu dürfen, braucht man natürlich die körperliche Fitness und wie oben beschrieben die notwendigen Ausbildungen und entsprechenden Zertifikate; aber drumherum sind noch so einige weitere Schritte unentbehrlich wie Planung, Vor- und Nachbereitung und Beratung.

Ahoi: Auf Ihrer Homepage haben Sie – und so etwas freut mich immer – die Rubrik Wissenswertes, in der Sie beispielsweise die Sitkalaus bearbeiten. Aber auch Themen wie Naturschutzgesetzgebung, Baumpflegetipps und Artenschutz kommen zur Sprache. Ist hier mehr geplant? Sie beraten ja auch … wie läuft denn solch eine Beratung ab?

Christian Leese: Wir versuchen stets die neuesten und jüngsten Erkenntnisse zu erfassen und natürlich auch zu teilen, damit sich jeder mit den verschiedenen Themen vertraut machen kann. Allerdings sind oftmals Fälle sehr speziell und auch gesondert zu betrachten und eine allgemeingültige Erklärung ist nicht immer möglich. Anfragen können telefonisch oder über das entsprechende Kontaktformular auf unserer Homepage an uns gerichtet werden.

Um sich ein klares und sicheres Bild der Situation machen zu können, folgt eine Besichtigung inklusive ausgiebiger Beratung und Empfehlung vor Ort.

Ahoi: Natürlich gehört hier auch die Frage nach der Selbstermächtigung urbaner Mitmenschen hin: Also, was können Hierlebende für den Artenschutz, konkreter für den Baumschutz tun?

Christian Leese: Da gibt es so einige Möglichkeiten und gern würde ich diese Frage zurück an alle Lesenden richten, um ein wenig Selbstverantwortung zu wecken. Was wäre sinnvoll für einen Baum und die darin untergebrachten Lebewesen? Oft habe ich die Frage „Warum der Weißanstrich?“ an die Fragenden zurückgegeben und es entstanden interessante Gespräche mit vielen verschiedenen Ansätzen zum später nochmal darüber Nachdenken oder auch Schmunzeln.

Das empfinde ich als einen der wichtigsten Punkte: Aufklären, miteinander reden, sich austauschen oder bei seltenen und unklaren Themen einen Experten aufsuchen. Lebensräume kann man nicht nur erhalten, sondern auch schaffen, indem man etwa Totholz im Garten liegen lässt und dadurch Nisthilfe anbietet. Wässern ist essentiell und wenig ist besser als gar nicht gießen. Wenn ein Baum dringend gefällt werden muss, sollte eine Ersatzpflanzung nicht vergessen werden und eine einfache kleine Baumpflege ist schnell getan, bereits wenn man nicht mit dem Auto über die Wurzeln fährt oder fix den Müll im Wurzelbereich entfernt. So kann sich der Baum durch starke, geschützte Wurzeln gut entwickeln. Achtsamkeit und kollektives Bewusstsein ist auch in diesem Bereich eine nennenswerte Grundlage.

Vielen Dank für euer Interesse und gemeinsames Wirken im Namen meines Teams und der wichtigsten Hauptfiguren in diesem Interview: UNSERE Bäume, die letztlich zu unserer Begegnung und diesem wertvollen Austausch geführt haben.

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