Die Benachteiligung Alleinerziehender auf dem Mietmarkt ist, gerade in den großen Städten, unbestritten. Hier fängt die soziale Verantwortung an, hier, wo auch die Kinder aufgrund desaströser politischer Entwicklungen immer öfter unter die Räder geraten. Damit sich politische Entscheidungsträgerinnen und -träger, die vom Souverän gerade in diese Positionen gewählt urden, dieser Verantwortung auch bewusst werden, müssen sie leider immer wieder darauf hingewiesen werden.
Glücklicherweise haben die Alleinerziehenden mit dem SHIA e. V. und anderen Akteurinnen und Akteuren klarsichtige Menschen an ihrer Seite. Und selbst die Wohungswirtschaft steuert Lösungen bei. Ahoi-Redakteur Volly Tanner sprach mit dem Verbandsdirektor des vdw Sachsen, Alexander Müller, über den Sachstand, Hemmnisse und Herausforderungen, Lösungsansätze und zwingend umzusetzende Maßnahmen. Und darüber, dass sich politisch Agierende nicht unter Floskeln wegducken dürfen.
Ahoi: Guten Tag, Alexander Müller. Wir trafen uns in Dresden bei einer Veranstaltung namens „Gutes Wohnen für Alleinerziehende – (k)ein Luxusgut“. Hier hielten Sie einen Impuls aus der Sicht der Wohnungswirtschaft. Gut, dass Sie ja selbst Verbandsdirektor im vdw Sachsen Verband der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft e. V. sind. Welche Aussagen haben Sie in Ihrem Impuls vorgetragen? Welche Sicht hat hier der vdw?
Alexander Müller: Guten Tag, Herr Tanner. Mein zentraler Punkt war: Gutes Wohnen für Alleinerziehende ist tatsächlich kein Luxusgut, sondern eine Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe, für Stabilität im Familienalltag und für gute Entwicklungschancen von Kindern.
Aus Sicht der Wohnungswirtschaft dürfen wir beim Thema nicht nur auf die Kaltmiete schauen. Entscheidend ist die Gesamtbelastung: Miete, Betriebs- und Energiekosten, Wege zur Kita, zur Schule, zur Arbeit, zur ärztlichen Versorgung, zu Unterstützungsnetzwerken. Eine formal günstige Wohnung am Stadtrand hilft einer alleinerziehenden Mutter oder einem alleinerziehenden Vater wenig, wenn dadurch jeden Tag zusätzliche Wege, Kosten und Zeitdruck entstehen.
Die Sicht des vdw Sachsen ist: Die sozial orientierte Wohnungswirtschaft kann hier ein wichtiger Partner sein. Unsere Mitgliedsunternehmen denken langfristig, bewirtschaften Bestände dauerhaft, kennen ihre Quartiere und tragen soziale Verantwortung. Aber wir müssen auch ehrlich bleiben: Die Wohnungswirtschaft kann Familienpolitik, Sozialpolitik und Stadtentwicklung nicht allein ersetzen. Sie kann Angebote machen, Projekte ermöglichen, Bestände entwickeln und kooperieren. Die Rahmenbedingungen müssen aber von Politik und Kommunen gesetzt werden.
Ahoi: Gerade Alleinerziehende haben es in den Metropolen immens schwer, an Wohnraum zu nachvollziehbaren Preisen zu kommen. Darin spielt natürlich auch, dass sie sich in einer Ausnahmesituation befinden, kurz nach Trennung beispielsweise … wie kann die Wohnungs- und Immobilienwirtschaft hier überhaupt helfen? Gibt es Ansätze, von denen Sie uns berichten können?
Alexander Müller: Ich würde den Begriff „Metropolen“ für Sachsen etwas vorsichtig verwenden. Leipzig und Dresden sind sehr dynamische Städte mit deutlich angespannten Teilmärkten. In anderen Regionen Sachsens haben wir dagegen Leerstand und demografische Schrumpfung. Die Herausforderung ist also nicht überall gleich. Aber in den angespannten Städten trifft es Alleinerziehende besonders stark.
Helfen kann die Wohnungswirtschaft an mehreren Stellen. Erstens durch Kooperationen mit Kommunen und sozialen Trägern, etwa bei Übergangswohnungen nach Trennung, bei drohender Wohnungslosigkeit oder in akuten Krisensituationen. Zweitens durch besseres Matching: Welche Wohnung passt wirklich zur Familiensituation? Drittens durch kluge Bestandsentwicklung, also kompakte familiengerechte Wohnungen, möglichst mit drei oder mehr Zimmern, aber nicht zwingend mit sehr großen Quadratmeterzahlen. Für Alleinerziehende ist häufig die Zahl der Räume wichtiger als die Wohnfläche.
Wichtig sind auch Wohnungstauschmodelle, Sozialmanagement und Beratung. Es gibt viele Situationen, in denen nicht nur eine Wohnung gesucht wird, sondern Orientierung: Welche Ansprüche bestehen? Welche Förderung greift? Wie kann eine Familie im vertrauten Quartier bleiben? Genau hier können Wohnungsunternehmen helfen, aber sie brauchen dafür kommunale Partner und klare Verfahren.
Ahoi: Teil Ihres Verbandes ist auch die LWB in Leipzig. Haben die hier Entscheidenden die Problemlage auf dem Schirm? Gibt es hier Lösungsansätze, um Alleinerziehenden würdiges Wohnen zu generieren?
Alexander Müller: Ich spreche hier nicht für die Geschäftsführung der LWB, sondern aus Verbandsperspektive. Aber ja: Die LWB hat als großes kommunales Wohnungsunternehmen diese sozialen Problemlagen natürlich auf dem Schirm. Sie ist in Leipzig einer der zentralen wohnungspolitischen Akteure und trägt damit auch besondere Verantwortung. Wichtig ist mir aber: Es gibt nicht die eine Maßnahme, die alle Probleme löst. Es geht um ein Bündel. Dazu gehören Neubau, geförderter Wohnraum, Sanierung, Sozialmanagement, Wohnungswechsel im Bestand, Quartiersarbeit und die Zusammenarbeit mit der Stadt Leipzig. Alleinerziehende profitieren besonders, wenn Wohnungen bezahlbar bleiben, wenn familiengerechte Grundrisse entstehen und wenn Wohnumfeld, Kita, Schule und ÖPNV mitgedacht werden. Ob es darüber hinaus spezielle Projekte oder interne Vergabeverfahren der LWB für Alleinerziehende gibt, sollte die LWB selbst darstellen. Aus Verbandssicht halte ich aber fest: Kommunale Unternehmen wie die LWB sind unverzichtbar, wenn wir soziale Wohnraumversorgung in einer wachsenden Stadt ernst nehmen.
Ahoi: Wir müssen natürlich auch über Ihren Verband sprechen. Können Sie uns hier mit ein paar Zahlen verdeutlichen, für wie viele Menschen Ihr Verband steht? Wer ist Mitglied? Wie viele Wohnende in Sachsen werden durch Ihre Mitglieder versorgt?
Alexander Müller: Der vdw Sachsen vertritt knapp 120 Wohnungsunternehmen. Dazu gehören vor allem kommunale Wohnungsgesellschaften, aber auch genossenschaftliche, private und kirchliche Wohnungsunternehmen. Unsere Mitglieder bewirtschaften über ein Fünftel des Mietwohnungsbestandes in Sachsen.
In Wohnungen gerechnet sprechen wir von rund 300.000 Wohnungen. Wir zählen als Verband in erster Linie Wohnungen, nicht Personen. Aber wenn man die durchschnittliche Haushaltsgröße zugrunde legt, dann wird deutlich: Unsere Mitgliedsunternehmen geben mehreren hunderttausend Menschen in Sachsen ein Zuhause, in der Größenordnung von deutlich über einer halben Million Menschen. Das ist ein relevanter Teil des sächsischen Wohnungsmarktes. Und es erklärt auch, warum wir als Verband nicht nur über Gebäude, Mieten und Investitionen sprechen, sondern immer auch über gesellschaftliche Verantwortung.
Ahoi: Welches sind derzeit die größten Problemstellungen in Ihrer Branche?
Alexander Müller: Die größte Herausforderung ist der Zielkonflikt zwischen Bezahlbarkeit und Investitionsnotwendigkeit. Unsere Unternehmen sollen Mieten bezahlbar halten, gleichzeitig aber sehr viel investieren: in Instandhaltung, energetische Sanierung, Klimaschutz, Barrierearmut, Digitalisierung, Brandschutz und moderne Wohnqualität. Dazu kommen hohe Baukosten, gestiegene Finanzierungskosten, Fachkräftemangel, komplexe Förderprogramme und teilweise sehr lange Genehmigungsprozesse. In Leipzig und Dresden haben wir Knappheit in bestimmten Segmenten. In anderen Regionen Sachsens haben wir Leerstand und demografischen Rückgang. Beides gleichzeitig zu bewältigen, ist anspruchsvoll.
Ein weiteres Thema sind die Betriebskosten. Für Mieterinnen und Mieter ist am Ende nicht die Nettokaltmiete allein entscheidend, sondern die Warmmiete. Energiepreise, kommunale Gebühren, Grundsteuer, Versicherungen und Dienstleistungen schlagen unmittelbar auf die Wohnkosten durch. Das wird in der öffentlichen Debatte oft unterschätzt.
Ahoi: Und welche Lösungen gibt es dafür?
Alexander Müller: Wir brauchen erstens eine verlässliche Wohnraumförderung, die nicht jedes Jahr neu verhandelt werden muss. Wer bauen oder umfassend sanieren will, plant über Jahre. Dafür braucht es Planbarkeit.
Zweitens müssen wir einfacher und kostengünstiger bauen können. Nicht schlechter, aber einfacher. Wir brauchen einen praxistauglichen Basiswohnstandard, schnellere Genehmigungen und weniger Regelungswidersprüche. Jede zusätzliche Vorgabe mag für sich genommen nachvollziehbar sein, in Summe macht sie Bauen und Sanieren aber oft unbezahlbar.
Drittens müssen wir den Bestand stärker in den Blick nehmen. Die meisten Menschen werden auch in Zukunft nicht in Neubauten wohnen, sondern in bestehenden Gebäuden. Dort liegen die großen Hebel: serielle Sanierung, energetische Modernisierung mit Augenmaß, altersgerechte Anpassung, Wohnumfeldverbesserung und bessere Nutzung vorhandener Flächen.
Viertens brauchen Kommunen eine aktive Boden- und Liegenschaftspolitik. Grundstücke sollten nicht allein nach Höchstpreis vergeben werden, sondern nach Konzeptqualität: bezahlbare Mieten, soziale Mischung, Klimaschutz, Familienfreundlichkeit, Quartiersqualität.
Ahoi: Bei der von uns besuchten Veranstaltung in Dresden forderten politische Entscheidungstragende aus dem Landtag, dass sich der Souverän, also die Bevölkerung, beim Thema Gutes Wohnen für Alleinerziehende mehr einbringen müsse. Nun sind die Landtagsabgeordneten doch aber die gewählten Vertreter und die Gesetzgeber, nicht die Bewohnerschaft. Was halten Sie von der Verschiebung der Verantwortlichkeiten an dieser Stelle?
Alexander Müller: Beteiligung ist wichtig. Menschen, die betroffen sind, müssen gehört werden. Gerade Alleinerziehende wissen selbst sehr genau, welche Wohnformen, Grundrisse und Quartiersstrukturen ihnen helfen würden. Insofern ist Beteiligung kein Feigenblatt, sondern fachlich notwendig. Aber Beteiligung darf nicht zur Verantwortungsverschiebung werden. Bürgerinnen und Bürger können Bedarfe benennen, Erfahrungen einbringen und Projekte mitgestalten. Die Verantwortung für Gesetze, Förderprogramme, Haushaltsentscheidungen, Baurecht, Bodenpolitik und soziale Infrastruktur liegt aber bei den gewählten Entscheidungsträgern und den Verwaltungen.
Der Souverän wählt Parlamente. Danach müssen Parlamente und Regierungen auch handeln. Wohnungs- und Sozialpolitik darf nicht davon abhängen, ob Betroffene zusätzlich noch die Kraft haben, sich laut genug zu organisieren. Gerade Alleinerziehende haben im Alltag ohnehin wenig Zeit. Deshalb müssen Beteiligungsformate so gestaltet sein, dass sie erreichbar, niedrigschwellig und wirksam sind – und nicht nur symbolisch.
Ahoi: Als Verband bieten Sie auch Seminare an. Was für welche denn? Und kann ich da auch teilnehmen? Sie wissen ja, ich bin krankhaft neugierig …
Alexander Müller: Krankhafte Neugier ist für Journalisten vermutlich eher Berufsqualifikation als Krankheit.
Ja, der vdw Sachsen bietet ein breites Fortbildungsprogramm für die Wohnungswirtschaft an. Es geht zum Beispiel um Mietrecht, Betriebskosten, Technik und Bauen, Rechnungswesen, Steuern, Digitalisierung, Sozialmanagement, Kommunikation, Führung, Ausbildung und Karrierefragen. Wir bieten Präsenzveranstaltungen, Onlineformate und auch Inhouse-Schulungen an. Die Angebote richten sich in erster Linie an unsere Mitgliedsunternehmen und die Fachleute in der Wohnungswirtschaft.
Ob Sie teilnehmen können, hängt vom jeweiligen Format ab. Bei vielen Veranstaltungen ist ein fachliches Interesse von außen durchaus willkommen, bei anderen geht es um interne Verbands- oder Mitgliederthemen. Wenn Sie neugierig sind, finden wir sicher ein passendes Format – oder Sie kommen einmal als journalistischer Beobachter zu einem Thema, das öffentlich anschlussfähig ist.
Ahoi: Der Mietmarkt verengt sich in den Metropolen, dadurch steigen – und durch andere Parameter – die Preise. Leipzig agiert politisch vielfältig, bekommt das Problem aber für seine Einwohnerschaft nicht in den Griff. Was müsste dringend angefasst werden und wie?
Alexander Müller: Leipzig ist eine wachsende Stadt mit hohem Nachfragedruck in bestimmten Segmenten. Gleichzeitig ist die Stadt sozial sehr unterschiedlich. Es reicht deshalb nicht, nur über Durchschnittsmieten zu sprechen. Entscheidend ist: Wer findet welche Wohnung, zu welchem Preis, in welchem Quartier?
Dringend angefasst werden muss aus meiner Sicht die Kombination aus Neubau, Bestand und sozialer Infrastruktur. Leipzig braucht mehr geförderte und preisgedämpfte Wohnungen, aber auch schnellere Verfahren, aktivere Bodenpolitik und verlässliche Rahmenbedingungen für kommunale und sozial orientierte Wohnungsunternehmen. Grundstücke müssen stärker nach Konzeptqualität vergeben werden. Wer dauerhaft bezahlbare Wohnungen schafft, sollte Vorteile haben. Zugleich muss der Bestand besser genutzt werden. Wohnungstausch, Nachverdichtung mit Augenmaß, Umbau, Sanierung und Quartiersentwicklung können viel bewirken. Für Alleinerziehende ist wichtig, dass familiengerechte kompakte Wohnungen entstehen: nicht zwingend riesig, aber mit genug Zimmern und in Lagen, in denen Alltag organisierbar bleibt.
Was nicht funktioniert, ist reine Symbolpolitik. Mietpreisbremsen allein schaffen keine neue Wohnung. Appelle allein helfen niemandem nach einer Trennung. Wir brauchen praktische Instrumente: Förderung, Grundstücke, schnellere Genehmigungen, soziale Beratung, klare Zuständigkeiten und starke sozial orientierte Wohnungsunternehmen.
Ahoi: Danke, Herr Müller, dass Sie sich Zeit für uns genommen haben. Und Danke, dass Ihnen die Problemlagen Alleinerziehender nicht egal sind.
Alexander Müller: Ich danke Ihnen. Das Thema ist mir wichtig, weil Wohnen immer auch eine soziale Frage ist. Alleinerziehende leisten jeden Tag enorm viel. Wenn sie auf dem Wohnungsmarkt zusätzlich benachteiligt werden, betrifft das nicht nur die Eltern, sondern auch die Kinder. Gute Wohnungspolitik ist deshalb immer auch Familienpolitik, Sozialpolitik und Bildungspolitik. Wir als Wohnungswirtschaft können dazu beitragen – am besten dann, wenn Politik, Kommunen, soziale Träger und Wohnungsunternehmen gemeinsam handeln.


