Tierhaltung, im urbanen Bereich die von Hunden und Katzen, wird ein immer größeres Thema. Großstädtisch lebende Menschen legen sich Tiere zu, verschenken Tiere, fühlen sich moralisch bemüßigt, Tiere zu halten und nicht immer wissen sie, was sie tun. Carolin Opitz ist Expertin in Sachen Hunde. Sie hat von Anfang ihres Lebens an welche, ist mit Wissen vollstudiert und mittlerweile auch seit 10! Jahren ganz praktisch im Metier selbständig. Deshalb stellte Ahoi-Redakteur Shevek Walden ihr seine Fragen zu Silvesterkrach, Lebensweg, Anforderungen und noch viele mehr. Ein langes, intensives Gespräch entspann sich per Mail. Hier zu lesen:
Ahoi: Guten Tag, Carolin Opitz. Du bist die Expertin und Aktive hinter „Abenteuer Hund – Hundetraining & Gassiservice“ und mittlerweile feierst Du mit Deinem Unternehmen auch schon 10jähriges Jubiläum. Dafür natürlich erst einmal Berge von Glückwünschen. Da sind doch schon so einige Hunde auf Deinem Wege gewesen. Wie viele denn? Kannst Du das schätzen? Und wie begann alles vor zehn Jahren?
Carolin Opitz: Hallo und vielen Dank für die Glückwünsche!
Ja, zehn Jahre ist eine lange Zeit. Damals, als ich im Januar 2015 anfing, hätte ich nie gedacht, dass alles so schnell erfolgreich wird.
2010 habe ich damals meinen alten Rottweiler-Pitbull-Mix Asgard aus dem Tierheim übernommen, welcher Probleme im Aggressionsbereich mit fremden Menschen hatte. Diverse Trainer aber weniger Hilfe später begann ich, mich dann selbst dazu weiterzubilden, Seminare zu suchen etc. Wir hatten dann ein wirklich schönes gemeinsames Leben, Asgard und ich, er ist über 15 Jahre alt geworden.
2013 habe ich dann angefangen, nebenberuflich als Hundetrainer zu arbeiten und mich nebenbei weiterzubilden.
Seit August 2014 benötigt man in Deutschland einen Sachkunde-Nachweis vom Veterinäramt, um als Trainer tätig sein zu dürfen. Daher kann diesen Beruf auch nicht einfach jeder ausüben. 2015 habe ich in meinem alten Job gearbeitet, aber meine befristete Stelle wurde nicht verlängert. Da ich damals schon lange mit dem Gedanken spielte, mich selbstständig zu machen, habe ich die Gunst der Stunde genutzt und einfach alles auf eine Karte gesetzt, mir eine Homepage zusammengebastelt und es einfach versucht. Ich habe ja damals schon seit 2013 nebenberuflich ein wenig als Hundetrainer gearbeitet und fand den Gassiservice sehr reizvoll, da es neben dem sehr schwankenden und meist auch nicht genau kalkulierbarem Einkommen als Trainer zumindest ein Mindestmaß an kontinuierlichem Einkommen bot. Die Idee, meinen ganzen Tag mit den Hunden zu verbringen, fand ich damals super.
Ahoi: Und dann ging es ganz schnell mit dem Gassiservice?
Carolin Opitz: Ja! Die erste Anfrage für den Gassiservice ließ nicht lange auf sich warten. Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen. Frau P. brauchte ein paar Tage in der Woche ein Betreuung für ihre braune Labrador-Hündin und einen Mischling aus dem Tierschutz. Nele und Benny waren damals meine ersten beiden Hunde, die ich in der Betreuung hatte. Nicht lange danach kam der Elo Hetty von meiner Kundin aus der Hundeschule und Schäferhund Mix Chico. Damit hatte der Gassiservice Fahrt aufgenommen, es folgten wirklich ziemlich schnell noch einige Hunde, so dass ich von Montag bis Freitag jeden Tag unterwegs war. Schon im Frühjahr 2015 war mein damaliges privates Auto zu klein und mein geliebter Transporter, der mich auch heute noch begleitet, wurde zur ersten großen Anschaffung. Und damit war aus einer Idee tatsächlich mein Geschäftsmodell entstanden. Verrückt, oder?!
Nebenbei lief natürlich die Hundeschule weiter und auch da ging es immer mehr vorwärts. Da ich mich nun voll und Ganz auf die Arbeit mit den Hunden konzentrieren konnte, fand vormittags der Gassiservice und nachmittags Einzeltraining und Kurse statt.
Wie viele Kunden ich in den zehn Jahren genau betreut habe, weiß ich natürlich nicht aber wir befinden uns definitiv im guten vierstelligen Bereich.
Ahoi: Immer mehr Menschen legen sich Hunde zu, dabei wird der Druck durch das Arbeitsleben sowie Freizeitaktivitäten bis hin zum Beschnuppern der ganzen Welt, gerade in den Städten, immer höher. Da kommt es logischerweise zu Diskrepanzen, in der Regel auf dem Rücken der Tiere. Wie kannst Du helfen?
Carolin Opitz: Das Problem ist meiner Meinung nach weniger die Masse der Hunde, mehr jedoch die konkrete Auswahl des eigenen Hundes und die Sicht auf den Hund.
Denn Hunde sind immer noch Hunde, sprich sehr soziale Lebewesen, welche sowohl soziale, wie auch kognitive Ansprüche an den Halter stellen. Hunde sind sehr anpassungsfähig und durchaus auch belastbar. Sie passen sich ihrer Umgebung sehr gut an, fügen sich in der Regel ein und sind sehr kooperativ, wenn sie das passende Gegenüber als Sozialpartner haben. Sprich: Wenn der Mensch dem Hund klar und fair kommunizieren kann, was er genau vom Hund erwartet, ist dieser in der Lage, sich dem gut anzupassen.
Aber genau da beginnt meist das Problem, da immer mehr Menschen sich damit schwer tun, Hunden zu kommunizieren, was genau erwünscht ist im Zusammenleben und was nicht.
Hunde sind auf Menschen angewiesen und daher stets bemüht, mit dem Menschen zu kooperieren, doch Hunde gehorchen keinen menschlichen Moralgesetzen, denn ihr Verhalten wird nicht von Werten bestimmt. Wenn man Hunden also nicht beibringt, wie sie sich „richtig“ und an unsere Umwelt und unseren Alltag angepasst verhalten sollen, dann verhalten sie sich eben wie Hunde! Dann lassen sie eben keinen Besuch mehr in die Wohnung, knabbern beim Briefträger am Hosenbein, jagen Katzen oder Rehe und beißen die eigenen Besitzer, weil der ihm ein Leckerli wieder wegnehmen will.
Da unterschiedliche Rassen aber verschiedene, teils über Jahrhunderte und Jahrtausende selektierte Grundmerkmale mitbringen, ist es wichtig, dass man einen Hund beziehungsweise eine Rasse/Mischling findet, der zu einem selbst und dem eigenen Leben und dessen Erwartungen passt. Viele Hundeschulen bieten dazu eine meist kostenlose Beratung vor Anschaffung eines Hundes an.
Ahoi: Und wird diese Beratung angenommen?
Carolin Opitz: Leider wird diese so gut wie nie genutzt. Ich selbst habe in den über zehn Jahren bisher nur drei Termine dazu gehabt. Häufig werden Hunde nach der Optik ausgesucht, weil er so süß ist, weil google sagt, dass er ein toller Familienhund ist oder weil es was Extravagantes sein soll, was sonst keiner hat.
Die Ansprüche an unseren Sozialpartner Hund werden immer größer. Er soll Freund sein, alltäglicher Begleiter in einer immer schnelllebigeren Welt. Er soll Kindersatz sein oder Therapeut und uns fröhlich durchs Leben begleiten. Doch das Leben stresst nicht nur uns, sondern auch unsere Haustiere! Und Stress aushalten, das will gelernt sein!
Ahoi: Hundetraining ist in Städten elementar, schließlich prasselt auf die Tiere eine Reizüberflutung ohne Gleichen ein. Wie können Hunde trainiert werden, auf dass sie dem Krach, der Enge, den Gerüchen und all den anderen Sinneseindrücken nicht erliegen?
Carolin Opitz: Die Zauberworte bei mir im Training heißen immer wieder: SILBER!
S - Stress aushalten
I - Impulskontrolle
L - Langeweile
B - Beziehung
E - Erziehung
R - Ruhe
Diese sechs Aspekte sind elementar. Wenn ein Hund eine gute Beziehung zu seinem Halter hat, diesen ernst nimmt und gelernt hat, dass er sich auf ihn verlassen kann, dann ist Erziehung nur eine Frage der Übung.
Wenn Hunde gelernt haben, sich gut zu regulieren, also den Impuls, Reizen nachzugehen, gut kontrollieren können und gleichzeitig gelernt haben, auch Stress auszuhalten und Langweile oder Ruhe zu ertragen, dann kann der Alltag dem Hund auch nichts mehr anhaben. Die Konfrontation mit adäquaten Reizen, je nach Trainings- und Entwicklungsstand des Hundes in angemessener Form, ist für die Entwicklung von, vor allem jungen Hunden enorm wichtig.
Aber die Kombination all dieser Aspekte; das macht die Schwierigkeit aus. Denn je nach Hund-Halter-Kombination und Rassedisposition oder Vorgeschichte des Hundes und gegebenenfalls Herkunft ist es manchmal ein langer Weg bis zum erwünschten Ziel, auf dem man einiges an Beharrlichkeit und Durchhaltevermögen braucht.
Hier beginnt dann meine Aufgabe: die Halter und ihre Hunde auf diesem Wege zu begleiten, anzuleiten und zur Seite zu stehen. Der Halter soll dazu befähigt werden, eine eigene Handlungskompetenz zu entwickeln.
Ahoi: Gerade war wieder Silvester, inklusive ausufernder Knallerei und Blitzgeballer. Das wird, ich bin 54 Jahre alt und kann das aus der Rückschau verbürgen, immer mehr und gewalttätiger. Du als Anwältin des Tierwohls, als Expertin des Hundewissens, hast doch da bestimmt auch eine Meinung. Kannst Du uns bitte daran teilhaben lassen?
Carolin Opitz: Das ist ohne Zweifel ein schwieriges Thema. Für einige Hunde ist die Knallerei an Silvester tatsächlich ein Thema, aber für gar nicht so viele, wie man eigentlich denkt. In meinem Kundenkreis haben die meisten Hunde gar kein Problem mit dem Jahreswechsel und der damit verbundenen Knallerei. Auch privat hatten und haben meine Hunde nie Probleme an Silvester. Wenn Welpen und Junghunde von Anfang an richtig begleitet werden und lernen, dass daran nichts schlimm ist, bleibt das meist ein ganzes Leben unproblematisch.
Auch zu unterscheiden gilt, ob ein Hund das ganze Jahr über Probleme mit lautem Knallen oder lauten Geräuschen hat, oder ob es tatsächlich nur an Silvester ist. Meist ist das Thema mit lauten (Knall) Geräuschen, wenn vorhanden, nicht nur auf Silvester begrenzt. Ich persönlich bin der Meinung, dass - wie immer - das Maß entscheidet. Ich gönne es allen, die gerne Silvesterfeuerwerk machen oder anschauen. In welchem Ausmaß das Ganze dann natürlich passiert, steht auf einem anderen Blatt.
Und ich vertraue auch hier wieder auf die gute Anpassungsfähigkeit unserer Hunde und die Kompetenz, Stress (kurzfristig) auszuhalten. Die Meinungen dazu gehen sehr stark auseinander. Wer sich für hier wen einschränken muss oder sollte, wird hierzu jedes Jahr immer wieder heiß diskutiert.
Ahoi: Du bist studierte Sozialpädagogin, was Dir bestimmt gerade auch im Hinblick der Kommunikation mit den Frauchens und Herrchens der Tiere zugute kommt. Wo können Tierhalterinnen und -halter sich denn sensibilisieren, um den Tieren ein zugewandteres Leben und Sein zu ermöglichen?
Carolin Opitz: Beratungsarbeit stellt den Großteil meiner Arbeit dar. Vor jedem Einzeltraining mit Neukunden steht ein ausführliches Erstgespräch, in welchem alle Details zum Zusammenleben mit dem Hund erörtert werden. Hundetraining ist meist sehr emotional besetzt. Da ist es natürlich hilfreich zu wissen, wie man gewissen Gesprächsführungstechniken anwendet und empathisch auf sein Gegenüber eingehen kann.
Auch hilfreich ist, dass ich damals mit einem eigenen Hund ähnliche Erfahrungen gemacht habe. Ich kann mich also gut in die Kunden hineinfühlen, ich weiß, welcher Leidensdruck teilweise hinter den Problemen und den damit verbundenen täglichen Einschränkungen steckt. Ich empfehle jedem, welcher Themen mit seinem Hund hat, die das eigene Leben oder das des Hundes einschränken, sich so zeitig wie möglich einen kompetenten Trainer an seine Seite zu holen. Je länger Hunde problematisches Verhalten zeigen, um so schwieriger ist es am Ende für die Hunde, dieses Verhalten wieder abzulegen.
Ahoi: Du hast Dich am CANIS-Zentrum für Kynologie mit einem Studium drei Jahre lang ausbilden lassen. Was es alles gibt. Kannst Du uns bitte etwas zum CANIS-Zentrum, zur Kynologie und zu Deiner Ausbildung erzählen? Was hast Du denn da drei Jahre lang konkret erfahren? Dass der Beruf der Hundetrainerin so tiefgründig ist und so viele Aspekte beinhaltet, ist ja den wenigsten Menschen geläufig …
Carolin Opitz: Ja, das ist richtig. Von 2015 bis 2018 habe ich mein Studium bei Canis absolviert und viele fachliche und praktische Erfahrungen sammeln dürfen. Neben den theoretischen Grundlagen, wie zum Beispiel Kynologie, Lernverhalten, Genetik und Anatomie/Physiologie, ging es auch um Rassenkunde und Existenzgründung. Theoretische Grundlagen bilden das Fundament für mein Wissen. Dieses Wissen ist notwendig, um fachlich kompetent beraten zu können.
Ahoi: Kannst du hier bitte etwas konkreter werden?
Carolin Opitz: Themen wie der Übungsaufbau, Körpersprache des Hundes, Beziehungsarbeit zwischen Hund und Halter, Arbeit mit ängstlichen, jagenden oder aggressiven Hunden, sind sehr praxisnah bearbeitet wurden. Neben einigen Praktika, welche ich damals absolvieren musste, waren alle Seminare sehr praktisch aufgebaut. Wir haben mit unseren eigenen Hunden, den Hunden von Kollegen und Hunden aus kooperierenden Tierheimen und Organisationen gearbeitet.
Aber auch die Gesprächsführung und die Beratungsarbeit am Kunden war ein großer Bestandteil des Studiums.
Alles in allem waren es drei sehr intensive, schöne und lehrreiche Jahre, die mir meinen Weg geebnet haben und mich zu dem Hundetrainer gemacht haben, der ich heute bin.
Es gibt inzwischen, nachdem Michael Grewe mit CANIS den Anfang gemacht hat, diverse private Ausbildungsinstitute für Hundetrainer auf dem Markt. Aber auch heute würde ich mich immer wieder für CANIS entscheiden.
Hundetraining ist vornehmlich die Arbeit am Menschen, ohne dabei in die menschliche Therapie abzurutschen. Genau das wurde mir in der Ausbildung vermittelt und gilt für mich auch noch heute. Menschen anzuleiten und sie auf ihrem Weg zu begleiten, gemeinsam mit ihrem Hund ein entspanntes gemeinsames Leben zu führen, das ist das Ziel.
Ahoi: Dein Gassiservice ist sehr gefragt. Wie suchst Du die Tiere, die dann zu Deiner Gassigruppe dazugehören dürfen, aus?
Carolin Opitz: Grundsätzlich ist das Ganze kein Hexenwerk. Mitkommen darf, sofern Plätze frei sind, jeder Hund, der mit Hunden und mir grundsätzlich verträglich ist. Dabei spielen Alter, Größe und Geschlecht der Hunde keine Rolle. Ich habe vom Bolonka bis zur Dogge schon alles dabei gehabt. Auch acht Wochen alte Welpen waren schon dabei und auch sehr alte Hunde, bis kurz vor ihrem Tod, sind mitgelaufen. Ich passe meine Runden an die Hunde an und so kommen alle auf ihre Kosten.
Hunde sollten grundsätzlich Spaß an einem Spaziergang haben und bestenfalls andere Hunde gut finden. Wenn es passt, dann hat man mit mir und der Gruppe jede Menge Spaß. Auch unkastrierte Rüden und läufige Hündinnen dürfen bei mir mitlaufen. Einige Hunde laufen bei mir mit Maulkorb, das ist auch kein Problem. Zum Beispiel, um den Kontakt unter unkastrierten Rüden abzusichern, die sich nicht so sehr mögen oder einfach weil es im Vorfeld schon einmal Vorfälle mit anderen Hunden oder Menschen gab. Da gibt uns das Hilfsmittel Maulkorb die Möglichkeit, auch Hunde, die nicht immer zu 100 Prozent kompatibel sind, in die Gruppe zu integrieren und die Freiheit zu bieten, einfach Hund sein zu dürfen ohne gleichzeitig eine Gefahr für andere Tiere und Menschen darzustellen.
Ahoi: Danke, liebe Carolin, dass Du Dir die Zeit für uns genommen hast und dass Du zum Wohle der Tiere so engagiert arbeitest. Weiterhin viel Erfolg.


