Demenz ist ein Thema, welches immer mehr einen Weg in die Öffentlichkeit findet. Schließlich wird unser Miteinanderleben länger, die Menschen älter und die Betroffenenschar größer. Sich hier zu engagieren, Informationen weiterzugeben und Menschen, die das Thema erleben, zu stärken, beschäftigt Simone Vierkant seit Jahren. Ahoi-Redakteur Volly Tanner erlebte und erlebt in seinem nähesten Umfeld Demenz. Deshalb fragte er Simone Vierkant und sie antwortete:
Ahoi: Guten Tag, Frau Vierkant. Am Mittwoch, dem 18. September 2024, gab es eine Veranstaltung im Leipziger Seniorenbüro Südwest unter dem Titel „Demenz – Was kann ich tun, um mein Risiko zu senken?“. Was kann ich denn tun? Beginnen wir mit der Ernährung. Gibt es hier Möglichkeiten, die mein Risiko minimieren?
Simone Vierkant: Im Juli 2024 wurde eine neue Studie der Lancet-Kommission veröffentlicht, die 14 beeinflussbare Risikofaktoren für Demenz benennt; und ja, die Ernährung kann einer davon sein. So erhöht, nach der aktuellen Studienlage, beispielsweise ein hoher LDL-Cholesterinwert das Risiko um bis zu 7 Prozent. Hier kann ich mit einer gesunden Ernährung aktiv dagegen vorgehen, indem ich vor allem gesättigte Fettsäuren, wie sie beispielsweise in Wurstwaren oder fettreichen Milchprodukten stecken, weglassen und mich an ballaststoffreichen Lebensmitteln, Obst und Gemüse und pflanzlichen Fetten satt esse. Eine gesunde Ernährung hilft auch bei der Vorbeugung von drei weiteren Risikofaktoren, wie Diabetes, Adipositas und Bluthochdruck.
Ahoi: Und welche Möglichkeiten habe ich noch? Können Sie uns hier einige Tipps geben?
Simone Vierkant: Die Studie hat errechnet, dass ich mein Risiko, an Demenz zu erkranken, zu maximal 45 Prozent beeinflussen kann. Das heißt, es bleiben immer noch 55 Prozent, die ich nicht in der Hand habe. Das ist mir deshalb so wichtig zu betonen, weil ich verhindern möchte, dass jemandem die „Schuld“ an seiner Erkrankung gegeben wird. Prävention ist dennoch sinnvoll, auch wenn sie nicht zu 100 Prozent vor einer Diagnose schützt.
Generell haben Forschungen festgestellt, dass ein gesunder Lebensstil dazu beitragen kann, das Gehirn gesund zu erhalten. Und die meisten Menschen wissen, was das heißt: nicht rauchen, wenig Alkohol, gesunde Ernährung und viel Bewegung an der frischen Luft. Zur Demenz-Prävention kommt noch dazu, dass es vorteilhaft ist, ein Leben lang geistig aktiv zu bleiben und möglichst viel in Gesellschaft zu unternehmen. Hier ist es am besten, jeder tut das, was ihm oder ihr am meisten Spaß macht: neue Tänze lernen, einen Sprachkurs besuchen, Bücher lesen und darüber diskutieren, Gesellschaftsspiele spielen usw. Damit dies gut gelingen kann und damit ausreichend stimulierende Reize das Gehirn erreichen, ist es zudem sehr wichtig, eine Sehhilfe und ein Hörgerät zu tragen, sollten diese Sinne eingeschränkt sein. Und das nicht erst im hohen Alter: Schon ab der Lebensmitte hilft das regelmäßige Tragen eines Hörgeräts das Risiko zu senken.
Ahoi: Wenn ich mich weiter informieren möchte – wo kann ich mich denn beispielsweise belesen?
Simone Vierkant: Eine Demenz ist an sich keine Krankheit, sondern fasst viele Krankheitsanzeichen oder Symptome zusammen. Allen gemein ist, dass es zunehmend zur Störung bestimmter Hirnregionen kommt, die auf eine Beeinträchtigung der Nervenzellen zurückzuführen ist. Es gibt über 50 Krankheiten, die zu einer Demenz führen können. Die bekannteste und auch am weitesten verbreitetste ist die Alzheimer-Krankheit. Sie macht sich oft als erstes dadurch bemerkbar, dass Menschen Dinge vergessen oder die Orientierung verlieren. Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft hat auf ihrer Seite umfangreiches Informationsmaterial und zahlreiche Broschüren veröffentlicht. Hier können sich Interessierte gut informieren.
Auch wir, die Landesinitiative Demenz Sachsen (LID), haben auf unserer Website viele Informationen zum Thema gesammelt. Dazu kommt noch der regionale Bezug: Wir listen Veranstaltungen und Weiterbildungen in einer Übersicht und vermerken alle uns bekannten Anlaufstellen, sortiert nach Landkreisen und kreisfreien Städten auf. Hier finden Interessierte schnell heraus, wer ihnen in ihrer Region beratend oder unterstützend zur Seite stehen kann. Auch telefonisch sind wir zu erreichen, wenn jemand weitere Infos bekommen und beraten werden möchte: 0351 810 851 22
Ahoi: Sie sind Fachreferentin der Landesinitiative Demenz Sachsen. Was ist das denn für eine Initiative? Seit wann gibt es sie? Was machen die Mitglieder? Welche Angebote werden von Ihnen unterbreitet?
Simone Vierkant: Die Landesinitiative Demenz Sachsen e.V. Alzheimer Gesellschaft, wie sie im Ganzen heißt, engagiert sich seit 2015 im Freistaat für Menschen mit Demenz und deren Zugehörige. Wir sind der Dach- bzw. Landesverband für Vereine, Initiativen, Selbsthilfegruppen, Institutionen und Personen, die sich im Bereich Demenz engagieren und gleichzeitig Fachstelle für das Thema Demenz in Sachsen. Wir finanzieren uns durch Mitgliedsbeiträge und Spenden und werden in unserer Arbeit durch das Staatsministerium für Soziales und Gesellschaftlichen Zusammenhalt sowie durch die Krankenkassen gefördert.
Zu unseren Hauptaufgaben zählen die Unterstützung von Demenz-Betroffenen und deren Zugehörigen, die Förderung entsprechender Versorgungsstrukturen und die Öffentlichkeitsarbeit mit Aufklärung und Sensibilisierung aller Bevölkerungs- und Berufsgruppen, von Jung bis Alt, vom Kassierer im Supermarkt bis zur Polizistin im Streifenwagen. Unser Ziel ist eine Gesellschaft, in der Menschen mit Demenz gut integriert sind und möglichst lange ein selbstbestimmtes Leben leben können. Das fängt damit an, dass das direkte Umfeld gut aufgeklärt wird und anschließend die Veränderungen, die ein Mensch mit Demenz zeigt, gut einordnen kann und nicht persönlich nimmt. Und geht weiter über alle Berufsgruppen, mit denen diese Menschen in Kontakt kommen können: natürlich in der Pflege und im Sozial- und Gesundheitsbereich aber auch auf Ämtern, im Einzelhandel, im Krankenhaus, im Öffentlichen Nahverkehr, in Kultureinrichtungen usw.
Wichtig ist uns dabei auch die Haltung den Erkrankten gegenüber: Auch wenn uns, vor allem mit Fortschreiten der Krankheit, die eine oder andere Verhaltensweise kindlich oder verspielt vorkommt, so haben wir es hier mit erwachsenen Menschen zu tun, die unseren Respekt verdienen. Und deren Würde bis zuletzt zu schützen und zu achten ist. Wir wollen dafür sensibilisieren, aufklären, Informationen und Kompetenzen vermitteln. Und Menschen, die damit zu tun haben, zusammenbringen - Akteure in der Versorgung vernetzen. Und zudem die Bedarfe, die wir wahrnehmen, auch auf die politische Ebene vermitteln und hier an der Gestaltung von Versorgungsstrukturen mitwirken.
Ahoi: Von wie vielen betroffenen Menschen reden wir eigentlich?
Simone Vierkant: In Deutschland sind aktuell zirka 1,84 Millionen Menschen von einer Demenz betroffen. In Sachsen sind es ungefähr 104.000 Personen. Mit Steigen der Lebenserwartung in der Bevölkerung werden auch diese Zahlen stetig nach oben gehen. Denn das Alter ist und bleibt der größte „Risikofaktor“.
Ahoi: Und deren Angehörige? Die brauchen ja auch Anlaufpunkte und Unterstützung. Was kann man für die Angehörigen tun?
Simone Vierkant: Wir haben bei unserer Arbeit immer auch die An- und Zugehörigen im Blick. Denn mit Fortschreiten der Krankheit steigt auch deren Betroffenheit. Wir plädieren dafür, sich frühzeitig über Unterstützungsangebote zu informieren und Hilfe von außen auch anzunehmen. In Leipzig hat das Sozialamt beispielsweise eine eigene Demenzfachberatungsstelle eingerichtet, in der Interessierte umfassend informiert werden. Die Ansprechpartnerin Sabine Schmidt ist wie folgt zu erreichen: https://www.leipzig.de/jugend-familie-und-soziales/seniorinnen-und-senioren/demenzfachberatung
Daneben gibt es in Leipzig noch weitere Vereine und Initiativen, die beraten und begleiten, etwa den Verein „Selbstbestimmt Leben“, welcher neben der Beratung auch Selbsthilfegruppen anbietet.
Unsere Erfahrung ist, dass Angehörige gut durch schwierige Zeiten kommen, wenn sie umfassend informiert sind, sich Unterstützung und Hilfe von außen holen und bei aller Belastung weiterhin auch an die eigenen Bedürfnisse denken: Sich in all dem Trubel kleine Inseln der Ruhe und der Selbstfürsorge schaffen, ist ganz wichtig, um sich wieder kraftvoll anderen zuwenden zu können. Sorge für andere braucht Selbstfürsorge, sonst drohen Überforderung bis hin zum Burnout.
Ahoi: Bei der Veranstaltung wurde der derzeitige Stand der Forschung zur Demenz-Prävention vorgestellt, das bedeutet ja auch, dass geforscht wird. Genug? Wer engagiert sich hier in der Forschung und wo kann man die Ergebnisse einsehen?
Simone Vierkant: Es wird umfangreich zum Thema Demenz – bzw. zu den einzelnen Krankheitsbildern – geforscht, schon seit vielen Jahrzehnten. Vor allem die Pharmaindustrie hat ein großes Interesse daran, ein Mittel zu entwickeln, was den Verlauf stoppen und vielleicht sogar umkehren kann. Was es schon einige Zeit gibt, sind Medikamente, die den Abbau bei Demenzerkrankungen verzögern können. Sie können Vorhandenes erhalten, aber Verluste nicht wieder rückgängig machen.
Auch an einer Impfung gegen Alzheimer wird geforscht. Aber bisher gibt es in Deutschland kein geeignetes Mittel, welches zugelassen wurde. Hier braucht es nach gegenwärtigem Stand noch weitere Forschung und Entwicklung, leider, auch wenn sich in der letzten Zeit einige neuere hoffnungsvolle Entwicklungen abzeichnen.
Auch an Universitäten ist das Thema Demenz Inhalt vieler Forschungsarbeiten. Um wieder den Blick auf sächsische Bildungsstätten zu richten: So wird beispielsweise in Dresden am Universitäts-Demenz-Centrum sowie an der dortigen Uniklinik, an der TU Chemnitz, am Uniklinikum Leipzig oder an der Westsächsischen Hochschule Zwickau geforscht.
Ahoi: Gerade die Coronakrise hat mit ihrer Vereinzelung und Abschottungsmaßnahmen Demenz Vorschub geleistet. Hier braucht es Handreichungen für politische Entscheiderinnen und Entscheider, bei der nächsten Krise nicht wieder die Menschen vereinsamen zu lassen. Gibt es hier Aufarbeitung? Wie sehen Sie die Problematik?
Simone Vierkant: Die Covid-19-Pandemie war für die gesamte Gesellschaft eine große Herausforderung. Besonders bei der vulnerablen Gruppe der älteren Menschen musste immer wieder das Risiko „Vereinsamung“ gegen das Risiko „Ansteckung“ aufgewogen werden. Problematisch war – und ist – dass diese Gruppe noch nicht so technikaffin wie die jüngeren Generationen ist und daher Formate wie Online-Familientreffen oder Gruppentreffen im virtuellen Raum keine wirkliche Alternative boten. Die Gruppe der sogenannten „Silver Surfer“ aber stetig zu erweitern, indem auch ältere Menschen behutsam an die „neue Technik“ herangeführt werden, könnte im Falle einer erneuten Pandemie mit Lockdown helfen, in Kontakt zu bleiben. Und sein Gehirn damit zu stimulieren, sich mit Neuem zu beschäftigen, ist dabei gleich noch eine gute Präventivmaßnahme.
Es wurden an verschiedenen Stellen, beispielsweise über die Deutsche Alzheimer Gesellschaft oder die Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO) viele Informationen und Erfahrungen zu Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Menschen mit Demenz gesammelt. Dabei verfolgt man auch das Ziel, diese Erkenntnisse für künftige Situationen zu nutzen. Die Pandemie war für alle eine neue Situation und es ist wichtig, die Erfahrungen daraus aufzuarbeiten, um für die Zukunft besser damit umgehen zu können.
Inwieweit Maßnahmen, die während der Pandemie ergriffen werden mussten, auch Auswirkungen auf die Anzahl der Neuerkrankungen haben werden, wird man in den nächsten Jahren und Jahrzehnten vielleicht erheben können.
Ahoi: Wenn sich Menschen engagieren möchten und dies auch, egal in welchem Segment, tun, hilft dies auch schon in der Prävention. Also möchten wir hier eine Lanze brechen für ehrenamtliches Engagement. Gerade auch bei Ihnen. Wie können sich Menschen im Bereich Demenz engagieren?
Simone Vierkant: Ehrenamtliches Engagement ist ein ganz wichtiger Bestandteil in unserem Miteinander und in der Gesellschaft. Die Möglichkeiten sind groß und vielfältig! Wenn ich mich engagieren möchte, kann ich dies z.B. als Nachbarschaftshelfer und –helferin tun. Hier unterstütze ich, nachdem ich darin geschult wurde, pflegebedürftige Menschen zu Hause, indem ich ihnen dabei helfe, ihren Tag zu gestalten, einfache Tätigkeiten im Haushalt übernehme, die Zu-Pflegenden betreue und damit vor allem die Angehörigen entlaste, die so Zeit für eigene Aktivitäten haben. Aber auch im Bekanntenkreis oder in der Nachbarschaft einfach mit anzufassen, auch mit kleinen Sachen, ein Gespräch mit der allein lebenden älteren Dame nebenan oder etwas beim Einkauf mitzubringen, was sich nicht mehr über zwei Treppen hochtragen lässt, kann schon ganz viel wert sein. Sich einfach umzuschauen und wahrnehmen, wer neben mir lebt und vielleicht einsam ist oder etwas Unterstützung brauchen könnte, das macht soziales Miteinander aus.
Eine andere Möglichkeit ist, sich in einem örtlichen Verein oder einer Initiative einzubringen: z.B. in einem Hospizverein, in Leipzig bei Selbstbestimmt Leben oder einem regionalen Alzheimer Verein. Wer sich ehrenamtlich in Sachsen engagieren möchte, kann auf der „Engagementbörse“ über www.ehrenamt.sachsen.de ganz viele Möglichkeiten finden.
Auch wir als Landesinitiative Demenz freuen uns immer über neue Mitglieder, die sich aktiv mit ihren Ideen einbringen. Sollte das die eigene Zeit nicht hergeben, lohnt eine Mitgliedschaft bei der LID trotzdem, weil man damit unser Engagement stärkt und uns mit seinem Beitrag – oder seiner Spende – dabei hilft, unsere Ziele zu erreichen: Eine Gesellschaft, in der Menschen mit Demenz fester Bestandteil sind und die auf ihre Bedürfnisse eingehen kann und eingehen will.
Ahoi: Danke, Frau Vierkant, für Ihre Zeit und Ihre Bereitschaft, zu helfen.


