Genau 19 Jahre ist es her, dass Tokio Hotel ihren weltweiten Megahit „Durch den Monsun" veröffentlicht hat. Über eine Dekade, in der die Magdeburger Band sechs Studioalben veröffentlicht, mehr als zehn Millionen Platten verkauft und in 68 Ländern mehr als 70 Platin- und 120 Gold-Awards und 110 nationale und internationale Awards verliehen bekommen hat. 2022 erschien das aktuelle Album „2001", am 21. März 2025 kommen Tokio Hotel im Rahmen ihrer Europatournee nach Leipzig (Haus Auensee). Unsere Redaktion hat mit Bill und Tom Kaulitz gesprochen.
Reinhardt Franke: 2020 gab es eine Neuauflage von „Durch den Monsun". Da stecken natürlich viele Erinnerungen drin. Zuletzt erschien das neue Album „2001". Warum gab es diese neue Monsun-Version?
Bill Kaulitz: Mit Abstand kann man seine Vergangenheit wieder umarmen. Heute kann man über die Lächerlichkeiten und Verrücktheiten von damals lachen. Man versteht das Leben ja immer nur rückwärts. Viele haben uns immer gefragt, wie das mit „Monsun" ist, ob wir da noch Bock drauf haben den Song zu hören. Wir haben das immer als Glück empfunden, dass es ein Wort gibt, bei dem man sofort an eine Band denkt.
Tom Kaulitz: Dieser Song ist natürlich larger than life. So ein Hit kann Segen und Fluch sein für eine Band. Für uns war „Monsun" nie eine Last. Wir haben ihn auch immer gerne live gespielt und als er Geburtstag hatte und 16 Jahre alt wurde, dachten wir ‚Wie würden wir diesen Song heute spielen?'
Reinhardt Franke: Die Ursprungs-Version steht nun auf dem Index?
Tom Kaulitz: Auf gar keinen Fall. Wir hatten nach 20 Jahren einfach Bock auf eine neue Version, was aber nicht heißt, dass wir die alte nicht mehr mögen. Wir haben diese Version auch pünktlich zum Jubiläum rausgebracht, dass war eigentlich eine Spielerei und auch mehr ein Geschenk an uns und an die Fans. Und der Kickoff für das neue Album. „Monsun" ist eine von sechs, sieben Singles, die wir in den vergangenen zwei Jahren veröffentlicht haben. Wir dachten uns ‚Fuck, wir müssen ein richtiges Album machen, das mehr bietet als nur Singles! Die neue Platte ist auch über einen langen Zeitraum entstanden. Es ist das Beste aus vier Jahren Songwriting. Damit hat sich ein Kreis geschlossen. Wir haben darauf zurückgeschaut, wo wir eigentlich herkommen und was seitdem passiert ist.
Reinhardt Franke: Wenn Sie zurückblicken: Was bleibt hängen von dieser Zeitreise bis heute?
Tom Kaulitz: Es gab karrieretechnisch einige natürlich auch Fehlentscheidungen, aber das gehört dazu. Wir wurden damals vom Erfolg überrollt. Wir waren am Anfang auch echt überfordert. Als „Monsun" rauskam, waren wir gerade mal 15 Jahre alt. Damals durften wir unseren 16. Geburtstag dann nicht mehr alleine feiern, sondern als Deal mit einer Tageszeitung. Alles war ein großes Politikum. Es herrschte ein wahnsinniger Druck.
Bill Kaulitz: Wenn man zurück schaut, sind wir auch dankbar, dass wir uns immer noch haben und zusammen sind! Natürlich spielen wir „Monsun" immer noch, er ist live weiterhin ein magischer Moment und bleibt für immer besonders! Überall auf der Welt. Eigentlich würden wir alles wieder so machen, denn all die Highs and Lows gehören dazu und machen eine Karriere aus. Das geht nicht ohne Schmerz.
Reinhardt Franke: Sie haben sicher das Archiv geplündert für diesen Rückblick, oder?
Bill Kaulitz: Total. Das war sehr lustig. Ich habe in meiner ersten Biografie über die ersten 30 Jahre meines Lebens geschrieben. Auch da taucht man ein und es fiel mir fast leichter ganz weit zurück zu blicken an die krassen Anfänge von Tokio Hotel als an das, was jetzt näher bei uns ist. Über den Schmerz und die Wunden von einst ist schon gut etwas drüber gewachsen. Dann kann man das anders anschauen und annehmen. Aber teilweise schaue ich mir Bilder von damals an und denke, das fühlt sich an wie ein anderes Leben.
Tom Kaulitz: Du hast mit 33 mit deinem 15-jährigen Ich auch wenig zu tun. Teilweise tut es auch etwas weh, ich gucke mir auch mal Bilder an und weiß da ging es mir gar nicht gut. Da habe ich mich total gequält und wollte alles hinschmeißen.
Reinhardt Franke: Aber was ist besonders an der Sache?
Bill Kaulitz: Wir sind seit 20 Jahren eine Band und das feiern wir mit dem neuen Album auch ein bisschen. Und das Gefühl, das wir miteinander haben, ist immer noch das Gleiche. Wie wir heute noch zusammen in dieser Bubble sind, da hat sich nichts verändert. Das ist einfach schön.
Reinhardt Franke: Dabei wohnen Sie beide in Los Angeles, Gustav und Georg in Deutschland.
Tom Kaulitz: Gustav wohnt in Magdeburg, hat sich da ein Haus gebaut und hat Family. Georg wohnt in Berlin. Wir sehen uns ziemlich oft per Zoom und wir telefonieren fast jeden Tag. Es ist bei uns wie in einer Familie. Wir sind zusammen aufgewachsen, haben alles gemeinsam durchgemacht. Ich produziere 90 Prozent der Sachen, wir haben in L.A. unser Home-Studio und machen da alles fertig. Georg und Gustav kommen immer für die Tour-Vorbereitung dazu. Sie sind im Songwriting-Prozess auch immer mal dabei, vor allem beim neuen Album. Da gab es jetzt schon wieder das Gefühl back to the roots. Bill und ich sind beruflich oft in Deutschland, Berlin ist die zweite Heimat für die Band geworden. Wir machen die Tour-Vorbereitung dort, haben die ganze Backline da. Im nächsten Jahr spielen wir im Rahmen der Tour natürlich auch wieder in Berlin.
Bill Kaulitz: Das ist total easy mit dem Kontakt unter uns Vieren. Es fühlt sich gar nicht so an, als wenn wir auf verschiedenen Kontinenten wohnen.
Reinhardt Franke: L.A. war damals eine Flucht vor durchgeknallten, weiblichen Fans. War das der richtige Schritt oder wollen Sie auch mal wieder zurück nach Deutschland?
Bill Kaulitz: Das war genau der richtige Schritt und ich gehe sogar noch weiter, denn wir hätten das viel früher machen sollen. Ich schaue heute zurück und denke mir ‚Warum haben wir uns so lange gequält mit so einem Leben, was gar kein Leben war neben der Karriere?' Wir hätten schon mit 18, also zwei Jahre früher abhauen sollen. Auch heute es so, dass wir einen guten Abstand zu allem bekommen. Wir haben da unseren Rückzugsort und können dort privat sein. Wir haben in L.A. ein richtiges Leben entdeckt und sind dort erwachsen geworden. Jetzt sind wir schon 13 Jahre dort und haben uns auch erst richtig kennengelernt außerhalb der Karriere.
Reinhardt Franke: Sie sind in der 8. Klasse raus aus der Schule.
Tom Kaulitz: Ganz genau. Wir haben als Teenager angefangen, sind in der 8. Klasse raus aus der Schule und sind danach durch die Welt getourt. Wir wussten gar nicht, wie das Leben funktioniert oder wer wir wirklich sind. Wir haben damals eine sehr lange Pause gemacht und erstmal alles nachgeholt. Wir wussten zu dieser Zeit auch nicht, wann wir mal wieder eine Platte veröffentlichen. Diese Balance von heute hätten wir viel früher haben können. Ich würde es immer wieder genauso machen. Für uns fühlt es sich gut an, wir waren noch nie glücklicher mit unserer Karriere als heute. Wir fühlen uns so wohl wie nie zuvor.
Reinhardt Franke: Wann haben Sie damals eigentlich realisiert, dass das Ding durch die Decke geht?
Bill Kaulitz: Es gab ein Erlebnis, als wir merkten, dass ab jetzt alles anders sein wird. „Monsun" war noch nicht draußen, wir haben aber schon eine Promo-Tour gemacht. Wir waren auf einem Dorf-Fest gebucht. Da gab es auch schon eine höhere Gage für unsere Verhältnisse, ich glaube 2000 Euro. Das ganze Fest war aber völlig überlaufen und geriet plötzlich außer Kontrolle. Es war beängstigend. Wir saßen backstage und das ganze Zelt wackelte. Die Leute wollten rein und auch unser Van wurde demoliert. Da haben wir uns angeschaut und wussten, dass unser Leben ab jetzt nie wieder so sein wird wie es mal war.
Tom Kaulitz: Ich wurde mit einem Ei beworfen und als mein Cap dadurch runterflog, war mir klar ‚Ab jetzt wird alles anders' und auch nicht nur positiv.
Reinhardt Franke: Gab es bei Ihnen beiden mal Zoff, Tränen und anschließend eine Riesen-Versöhnung?
Tom Kaulitz: Ich wünschte ich könnte von einer krassen Phase berichten, nach der wir uns wieder zusammen gerauft haben. Aber es gab wirklich nie Streit. Als Kinder haben wir uns natürlich mal gestritten oder hatten auch mal andere Freunde und sind durch eine schwere Teenie-Phase gegangen, wo der eine cooler sein wollte als der andere. Doch wir sind nie auseinander gebrochen. Ab 18 wurde unser Verhältnis immer enger. Wir haben so eine krasse Verbindung, die wir auch schwer beschreiben können. Viele können sich das gar nicht vorstellen. Bill und ich haben bis vor einigen Jahren noch zusammen gewohnt. Wir haben alles miteinander gemacht. Wir haben auch dieselben Freunde und haben eigentlich gar kein separates Leben geführt. Und das tun wir auch bis heute nicht.
Bill Kaulitz: Es gibt auch keinen Tag, an dem wir nicht miteinander sprechen. Zwölf Stunden ist so das Längste. Dann kommt sofort der Anruf beim anderen. Wir haben eigentlich eine Standleitung zueinander. (lacht) Wenn wir uns mal wegen beruflichen Dingen streiten, sprechen wir zwei Stunden später schon wieder miteinander. Dann fragt der eine den anderen ‚Was wollen wir zu essen bestellen?' Wir wohnen auch nur 20 Auto-Minuten voneinander entfernt.
Reinhardt Franke: Sie haben bereits Ihre Autobiografie veröffentlicht. Da müssen Sie schon früh Ihre Autoren-Liebe gespürt haben, oder?
Bill Kaulitz: Total. Ich liebe es zu schreiben. Mit sieben Jahren, als Tom und ich mit der Musik angefangen haben, habe ich schon unsere Songtexte geschrieben - erst die deutschen, dann irgendwann die englischen. Ich lese nicht so gerne, aber ich liebe die Schreiberei sehr. Ich wollte das immer selber machen, wollte nie einen Ghostwriter haben. Während der Pandemie kam die Anfrage für meine Autobiografie und dann dachte ich mir ‚Dann mache ich das jetzt'.


