Straßenkunst macht Städte bunt! Gerade in Phasen miesepetriger Grummelei ist es ein feines Ansinnen, Lächler in Gesichter zu zaubern. Michael Liermann organisiert deshalb mit Freunden ein Festival in Leipzig. Ahoi-Redakteur Volly Tanner ging mit ihm ins E-Mail-Interview:
Ahoi: Guten Tag, Michael Liermann. Vom 26. bis zum 29. September 2024 findet in Leipzig das Straßentheaterfestival „Vaudeville Reloaded" statt. Und Du bist mittendrin. Was machst Du dort denn?
Michael Liermann: Hallo! Schön, dass ich zum Interview eingeladen wurde. Ich bin tatsächlich gleich mehrfach mittendrin beim Festival. Zunächst einmal bin ich einer der zwei Organisatoren. Mit meinem Showpartner Michael Braun stellen wir das Festival auf die Beine. Wir sind seit 30 Jahren als Comedy-Jonglage- und Walkact-Duo „Opus Furore" auf den Bühnen und Straßen der Welt unterwegs. Wir haben uns für die Tourismusförderung bei der Stadt Leipzig mit unserem Konzept beworben und wurden tatsächlich ausgewählt. Wir planen, organisieren und führen das Festival durch. Und das ist noch nicht alles: An den Veranstaltungstagen treten wir tagsüber in der Innenstadt mit unseren Walkacts auf Stelzen und Hocheinrädern in Aktion und am Abend sind wir auch Teil der gemeinsamen Varietéshow aller teilnehmenden Kunstschaffenden.
Ahoi: Und was bedeutet „Vaudeville Reloaded"?
Michael Liermann: Vaudeville kommt in unserem Fall aus dem Englischen und steht für Varieté/Kleinkunstshows. Ursprünglich stammt der Begriff aus dem Französischen (Bedeutung: Boulevardstück), wurde im Lauf der Zeit aber in die englische Sprache eingeführt. Reloaded ist auch Englisch und heißt wortwörtlich „neu geladen", wird aber gerne synonym für wieder aufgenommen sowie neu gestartet verwendet. Entstanden ist der Titel, als wir in den Wirren der Coronapandemie schon einmal ein Straßentheaterfestival initiiert haben. Nach dem Abklingen der Coronamaßnahmen durften wir endlich wieder unserer Berufung nachgehen und so verhalfen wir unserer Profession zu einem Neustart. Die Kulturszene läuft mittlerweile wieder auf vollen Touren. Dennoch ist es uns immer wieder ein Anliegen, besonders dem Straßentheater und der Straßenkunst zu wiederkehrender Aufmerksamkeit zu verhelfen. In den letzten Jahren häufen sich die Auflagen für spontanes Straßentheater und es wird immer schwieriger Städte und Auftrittsspots zu finden, an denen ungeplante Shows möglich sind. Unser Festival soll dazu beitragen, diese Form der Darstellenden Künste ins Bewusstsein der Menschen zu bringen und sie als Live-Erlebnis positiv zu besetzen, um so die Bedingungen für uns und unsere Mitaktiven zu verbessern. Daher haben wir uns entschlossen, den Titel aufs Neue in Leipzig zu verwenden.
Ahoi: Tagsüber geschieht dann so manches mitten in der Stadt – kannst Du uns erzählen, was konkret zu erleben ist und wann?
Michael Liermann: Täglich werden zwischen 11 Uhr und 18 Uhr unterschiedliche Straßenshows und Walkacts auf dem Burgplatz und in der Fußgängerzone im Bereich der Petersstraße zu erleben sein. Wir haben zwei Gruppen mit internationalen Straßenkünstler*innen zusammengestellt: eine Gruppe am Donnerstag und Freitag (26./27.09.) und eine zweite Gruppe am Samstag und Sonntag (28./29.09.). Für Abwechslung ist also gesorgt und man kann jeden Tag ganz neue Darbietungen entdecken. Da das Straßentheater auch immer von spontanen Improvisationen im Moment lebt, sind selbst die einzelnen Shows nie dieselben und es macht Freude zu sehen, wie sich die jeweilige Aufführung von Mal zu Mal neu erfindet ... Mit dabei sind ganz unterschiedliche Disziplinen: Luftakrobatik am frei hängenden Ring, Seiltanz, Hocheinrad, Jonglage, Akrobatik, Comedy, Improvisation, Stelzen-Walkacts, Hula-Hoop und vieles mehr! Da ist für alle Geschmäcker und Interessen gesorgt!!!
Ahoi: Und dann auch in den Abendstunden in der Eisengießerei im Westwerk im Westen der Stadt. Was kann man denn da und wann ganz genau erleben?
Michael Liermann: In der Eisengießerei findet am Abend eine gemeinsame Varietéshow aller anwesenden Aktiven statt. Alle präsentieren ihr jeweils ganz spezielles Highlight aus dem Showprogramm - eine Mixtura Unica nur für Leipzig, Lachen, Staunen und Überraschungen garantiert! Die Show wird mit Pause 90 Minuten dauern, der Einlass ist gratis und für das leibliche Wohl sorgt die Eisengießerei höchstpersönlich! Einlass ist um 19:30 Uhr und Start der Show um 20 Uhr.
Ahoi: Straßentheater ist ein kaum zu definierender Begriff. Es gibt Schreihälse mit kaputten Instrumenten, Beeindruckendes und Kreatives – und alles ist irgendwie Kunst, oder nicht? Welche Begrenzungen habt ihr als Festival gesetzt? Gibt es überhaupt einen wirklichen Rahmen in der Straßenkunst, besser gesagt beim Straßentheater?
Michael Liermann: Das ist eine sehr interessante Frage und gar nicht so leicht zu beantworten. Tatsächlich haben wir Opus Furore während unseres Studiums der Kulturwissenschaften und Ästhetischen Praxis in Hildesheim gegründet. Und genau mit der Frage, wie denn Straßenkunst/Straßentheater aussieht und welche Formen es davon gibt, hat sich unsere Diplomarbeit (ja, das Studium ist schon eine Weile her, da gab es noch ein Diplom!) beschäftigt. Generell sollte sich Kunst ja möglichst frei von Begrenzungen machen und ihrer Kreativität vollen Lauf lassen. So auch im Schaffensprozess des Straßentheaters. Ist die Grundlage einer Darbietung gelegt, bringt man sie in den öffentlichen Raum und testet aus, was von allen schönen Ideen im Zusammenspiel mit den Passanten und der Situation auf der Straße funktioniert und machbar ist. Wo wir bei den Begrenzungen sind: da man bei Straßenkunst - nicht wie im Theater - keinen leeren und frei gestaltbaren Raum zur Verfügung hat und man als Akteurin oder Akteur mitten aus dem „Publikum" heraus in immer neuen Situationen und örtlichen Gegebenheiten agiert, muss man spontan reagieren lernen und nicht jede Idee lässt sich hierbei verwirklichen. Interessant und spannend muss die Show sein, dabei aber auch nicht zu komplex oder mit einer komplizierten Geschichte verbunden. Die Ablenkungen draußen sind vielfältig und Passanten sollen jederzeit in die Show einsteigen können, ansonsten sind sie verlorene Zuschauende und gehen weiter, weil sie nicht mitkommen. Daher setzen wir bei unseren ausgewählten Shows auf die Verbindung von spektakulärer Artistik, Comedy, Improvisationstalent und speziellen Charakteren. Alle unsere Acts sind international renommierte Straßenkünstler*innen und begeistern unterschiedlichstes Publikum auf der ganzen Welt.
Ahoi: Du gehörst zu Opus Furore. Was ist das denn und was macht ihr eigentlich? Und für wen?
Michael Liermann: Opus Furore sind Michael Braun und Michael Liermann alias Mike & Mike. Wir machen selbst Straßenshows, Varietédarbietungen und Walkacts. Seit 25 Jahren treten wir als Opus Furore in Aktion. Gestartet haben wir tatsächlich als Straßenkünstler und sind ohne festes Engagement auf Straßen, Innenstädten oder anderen Plätzen aufgetreten, ganz ohne Gage, nur für das Hutgeld. Mittlerweile werden wir meist gegen Gage gebucht und sind breitgefächert aufgestellt. Um ein paar Beispiele zu nennen: Straßentheaterfestivals, Varietés, Mittelaltermärkte, Firmenevents sind gängige Spielorte für uns.
Ahoi: Straßentheater finanziert sich höchstwahrscheinlich über den herumgehenden Hut. Aber ein Festival? Wie finanziert Ihr Euch?
Michael Liermann: Ganz richtig bemerkt. Das Hutgeld gehört zum Straßentheater dazu. Allerdings birgt es einige Risiken, wenn man nur „auf Hut" spielt. Das Wetter, städtische Auflagen, etc. machen einem das Leben schwer. Daher haben wir uns für die Förderung des Tourismus Leipzig beworben, um so Straßentheater für alle (sowohl für die Künstler*innen als auch die Zuschauenden) möglich zu machen und die Risiken zu minimieren. Wir freuen uns sehr, dass uns die Stadt Leipzig das Vertrauen schenkt, ein tolles Straßentheaterfestival auf die Beine zu stellen und die kulturelle Vielfalt für die Stadt und den Tourismus zu bereichern.
Ahoi: Und Karten für die Abendshows? Wo gibt es die?
Michael Liermann: Für die Abendshow braucht man keine Karten und keine Voranmeldung. Einfach rechtzeitig zur Show um 20:00 Uhr da sein und sich mitreißen lassen! Die Eisengießerei sorgt dabei allseits fürs leibliche Wohl!
Ahoi: Danke, Michael, dass Du Dir Zeit für uns genommen hast.
Michael Liermann: Sehr gern geschehen! Und vielen Dank an Dich, lieber Volly, dass wir dieses Interview mit Dir machen durften!


